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Beschauliches Friedrichsfelde


Stadtteil: Lichtenberg
Bereich: Friedrichsfelde
Stadtplanaufruf: Berlin, Einbecker Straße
Datum: 11. November 2013
Bericht Nr: 441

Die Fahrt nach Friedrichsfelde erfordere einen Entschluss zu reisen, meinte Theodor Fontane. Man müsse sich mutig durch die Steinmasse des alten und neuen Berlins hindurch schlagen, um dann schließlich in einem fuchsroten Omnibus die Fahrt zu Ende zu führen. Am Entschluss hat es uns nicht gemangelt, denn unsere Reise war einfacher. Unter den Bauten von Mitte sind wir im Tunnel drunter weg gefahren, um dann am U-Bahnhof Friedrichsfelde aus dem gelben Zug auszusteigen und wieder ans Licht zu kommen.

Die Hälfte aller Lichtenberger wohnt in industriell gefertigten Häusern, die Altbauten der anderen Hälfte empfangen uns gleich vor dem U-Bahnhof und an der Einbecker Straße. Die Einbecker Straße ist die älteste Straße Lichtenbergs. Sie hieß bis 1951 Prinzenallee, bereits seit 1719 fuhren oder ritten die Markgrafen hier entlang zu ihrem Schloss Friedrichsfelde, das heute Teil des Tierparks ist. Ein Bauwerksensemble mit zwei Bauernhäusern von 1880 in der Einbecker Straße 74-78 ist als Denkmal eingetragen, in Google Street-View kann man es ansehen. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus, beide Gebäude sind zur Hälfte abgebrochen, dahinter dehnen sich bereits Einkaufsmärkte aus. Mit knalligem Rot macht gegenüber ein Seniorenheim auf sich aufmerksam. Was man nicht sieht: Das Bundesforschungsministerium hat dem Heim Sonnenkollektoren aufs Dach gestellt. Mit der eingesparten Energie könnten die Bewohner am Tag 958 Stunden fernsehen oder 13.424 Tassen Kaffee kochen oder 24.931 Scheiben Brot toasten, diese Investition hat sich offensichtlich gelohnt.

Südlich der Einbecker Straße sind in den 1920er Jahren die Siedlungen Sonnenhof, Erlenhof, Ulmenhof und Pappelhof errichtet worden, die wir bereits bei einem früheren Spaziergang angesehen haben (1). Entlang der Lincolnstraße steht ein weiterer Wohnblock, den Mebes und Emmerich (2) entworfen haben. Die Hausfassaden sind aufgelockert, mit vorspringenden Achsen von Loggien und Balkons und dem Wechsel von Putz und Backstein. Das heute noch erhaltene Kopfsteinpflaster der Straße führt ganz von selbst zur Verkehrsberuhigung, mit den Vorgärten und Straßenbäumen fügt sich ein Bild zusammen von einem beschaulichen Friedrichsfelde.

Beschaulich ist auch der in einen Park umgestaltete Alte Friedhof Friedrichsfelde an der Rummelsburger Straße (nicht zu verwechseln mit dem Zentralfriedhof). Das übrig gebliebene Gräberfeld ist eingezäunt und abgeschlossen. Von weitem kann man das Grab des Gemeindevorstehers Schlicht erkennen. Ein trauernder Jüngling, mit vom Moos begrüntem Rücken, ist als Wandplatte in das Monument des Erbbegräbnisses eingefügt. Unser Rundgang setzt sich beschaulich fort. Von der Rummelsburger Straße zum Tierpark kann man durch den Kraatz-Tränke-Graben gehen, das "grüne Rückgrat der Siedlung Friedrichsfelde". Hier wurden Fließgewässer angelegt und mit Röhricht, Uferstauden, Sträuchern und Bäumen bepflanzt, das Bezirksamt hat eine "wohnungsnahe Spiellandschaft mit vielfacher Nutzung" geschaffen.

An der Sewanstraße ist es mit der Friedrichsfelder Beschaulichkeit zu Ende, wir sind hier mittendrin zwischen den Hochhäusern und DDR-Plattenbauten, die modernisiert und farbig neu kodiert wurden. Eine besondere Siedlung mit industriell gefertigten Häusern erwartet uns an der Splanemannstraße. Sie hieß bis zur Umbenennung 1951 „Kriegerheimstraße“, das weist auf ihren Bauanlass hin. Wie in Lübars (3) sind hier in den 1920er Jahren in Mehrfamilien-Reihenhäusern Wohnungen für Kriegsteilnehmer, Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene geschaffen worden. In der Splanemannsiedlung hat der Berliner Stadtbaurat Martin Wagner (4), ein Anhänger des Reformwohnungsbaus, die erste Plattenbausiedlung in Lichtenberg geschaffen, lange bevor die DDR die serielle Fertigung als Rationalisierungmöglichkeit (wieder)entdeckte.

Gebäude aus Betonplatten zu errichten, die durch Kräne aufgestellt werden, diese Idee kam aus Holland und wurde in Berlin von der "Occident"-Baugesellschaft als Lizenznehmer verwirklicht. Die Betonplatten bestanden aus mehreren Schichten. Bretter als innerste Schicht, darauf Kiesbeton, Schlacke, Schlackenbeton, Eisenbewehrung und eine letzte dünne Betonschicht mussten 9 Tage aushärten, dann konnte ein Brückenkran auf Schienen die Wände an ihren Eisenschlaufen anheben und versetzen. Durch die Schlaufen wurden Eisenstäbe zur Verankerung der Wände geschoben, Fenster und Türen waren bereits zu Beginn in die Platten eingesetzt worden. Von der Wärmedämmung, von der Statik und von der Bauzeit her waren die Plattenbauten dem Ziegelmauerwerk überlegen. Die Herkunft des Bauverfahrens aus den Niederlanden kann der Grund dafür sein, dass sie mit ihren gleichförmigen Giebeln Hollandhäusern ähneln.

Plattenbauten haben viele Gesichter. Nebenan in Marzahn gibt es die "Pension 11. Himmel" für alle, die einmal in der Platte wohnen wollen. Es hat dort Zimmer im englischen Landhausstil, Zwanziger-Jahre-Zimmer, "Bett-im-Kornfeld"-Zimmer. Statt Internet und TV im Zimmer schaut man abends auf die Stadtlandschaft, in den benachbarten Plattenbauten sieht man den blauen Schein der Fernseher und das schwach glimmende Licht von Zigaretten. Dieser Ausblick ist der Einblick in eine andere Welt.

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(1) Siedlungen Sonnenhof, Erlenhof, Ulmenhof und Pappelhof: Die Stasi baut eine Kirche
(2) Mebes und Emmerich: Mebes, Paul
(3) Kriegerheimstättenstätten von Bruno Ahrends: Irdisches Treiben
(4) Martin Wagner: Wagner, Martin



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Rittergut Lichtenberg
Butterersatz für die Soldaten