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Rittergut Lichtenberg


Stadtteil: Lichtenberg
Bereich: Roedeliusplatz
Stadtplanaufruf: Berlin, Freiaplatz
Datum: 3. Juni 2013
Bericht Nr: 422

Das Rittergut Lichtenberg ist aus dem Stadtbild und aus dem Gedächtnis der Nachwelt verschwunden. 1960 benannte die DDR das letzte Zeugnis - die Rittergutstraße - nach Josef Orlopp um. Er war Gewerkschafter, Stadtverordneter und zeitweise stellvertretender Oberbürgermeister (Ost-)Berlins.

Das Dorf Lichtenberg bestand schon mehr als 100 Jahre, als die Stadt Berlin es 1391 kaufte und hier ein Vorwerk einrichtete, den Vorläufer des Guts. Vierhundert Jahre später wurde das Gut vom Dorf Lichtenberg getrennt und verpachtet, 1815 kaufte Staatskanzler Karl August von Hardenberg den Gutshof mit Ländereien. Vierzig Jahre später ging das Gut durch einen weiteren Verkauf an Albert Roeder, der aus Sachsen nach Berlin kam und die Parzellierung dieses Grundbesitzes einleitete. Sein Sohn Hermann Franz Leo Roeder wurde durch Erbschaft Rittergutsbesitzer, er hatte das Rittergut Lichtenberg von seinem Vater übernommen und setzte konsequent den Umstieg von der landwirtschaftlichen Nutzung zum gewinnträchtigen Verkauf als Bauland fort. Die Parzellierung und Vermarktung erfolgte durch die Roedersche "Terraingesellschaft Rittergut Lichtenberg" (1).

Unter Public-Private Partnership versteht man das kooperative Zusammenwirken von Hoheitsträgern und Privatinstitutionen zum gemeinsamen Erfolg. Sind der der Hoheitsträger und der Private allerdings identisch, dann kann die Partnerschaft leicht zur einseitigen Förderung des Privaten ausarten. Der Rittergutsbesitzer Hermann Franz Leo Roeder war von 1892 bis 1896 Gemeindevorsteher von Lichtenberg. Als Hoheitsträger ließ er die Gemeindeverfassung den Anforderungen der aufstrebenden Industriegesellschaft anpassen, als Privater parzellierte er das Rittergut. Als Gemeindevorsteher wiederum förderte er größere Industrieansiedlungen auf den parzellierten Flächen. 1893 wurde Lichtenberg an die Kanalisation angeschlossen, nach Roeders Amtszeit folgte 1903 ein Gleisanschluss zur Wriezener Bahn (Industrieumschlagbahnhof Berlin).

Auf dem Lichtenberger Gemeindefriedhof in der Gotlindestraße steht das Mausoleum Loeper. Der Lichtenberger Grundbesitzer Martin Friedrich Loeper war von 1844 bis 1861 Ortsschulze von Lichtenberg. Nach ihm ist der Platz an der Dorfkirche benannt (2). Dort steht die Skulptur eines Sämanns, über die widersprüchliche Informationen in der Denkmaldatenbank des Senats, in der von Kunsthistorikern betreuten Bildhauerei-Datenbank und schließlich in einer weiteren Internetquelle zu finden sind. Stellt die Skulptur den "ehemaligen Großbauern Julius Loeper bei der Saat" dar oder einfach nur einen namenlosen Sämann? Datiert das Kunstwerk aus der NS-Zeit oder wurde es schon 1915 geschaffen? Auf solche Widersprüche stoße ich immer wieder, wenn ich meine Berichte schreibe. Manche Lösung finde ich, indem ich meine eigene Bibliothek befrage, die im Laufe der Jahre immer umfangreicher wird. Hilfreich sind Zeitungsarchive, Lexika und Datenbanken. Manches klärt sich durch immer tiefer gehende Recherche im Internet. Für den Rest hilft nur die Hoffnung, dass Erfahrung und gesunder Menschenverstand mich zu einer zutreffenden Aussage leiten mögen.

Der Friedhof in der Gotlindestraße ist seit 1970 aufgelassen. Das Mausoleum Loeper steht noch, ist aber leer. Einer unbestätigten Internet-Quelle zufolge soll es irgendwann nach 1996 aufgebrochen worden sein, dabei wurden angeblich den Toten die Köpfe abgetrennt. Die Leichen sollen später mit den wieder aufgefundenen Köpfen an anderer Stelle beerdigt worden sein. Wenn es so war: Dumpfer Destruktionstrieb, gewollter Tabubruch, Vampirismus, sexuell gesteuerte Nekrophilie, Fantasien über Kopfjäger, Samurai, Guillotine, was mag die Täter angetrieben haben? Jedenfalls fehlte ihnen Ehrfurcht gegenüber den Toten – wenn es so war.

Grabsteine geben einen Einblick in manche Familienschicksale, wie die Trauer um die innig geliebte Tochter, die nur 11 Jahre alt wurde:
Du schlummerst sanft in süßem Frieden / Der Tod entriss Dich uns zu früh
Du warst uns lieb und wert hienieden / Ach, wir vergessen Deiner nie

Der Roedeliusplatz ehrt einen weiteren Gemeindevorsteher, der zeitlich nach Loeper und vor Roeder die Entwicklung des Ortes vorangetrieben hat. Wenn ich die drei Namen vor mir sehe, frage ich mich, ob man seinen Namen mit "oe" schreiben musste, um in Lichtenberg Gemeindevorsteher werden zu können - Loeper, Roedelius, Roeder. Wilhelm Roedelius war Bürgermeister in Spandau und Muskau, bevor er nach Lichtenberg kam. Spandau zeigte seine Wertschätzung, indem es einen Weg nach ihm benannte. Der Roedeliusplatz ist neben der Dorfaue der zweite bedeutende Platz im alten Lichtenberg, architektonisch machtvoll stehen sich hier Kirche und Gericht gegenüber. Schule, Krankenhaus, Schwimmbad, Friedhof befinden sich im näheren Umkreis, und natürlich darf heute ein Finanzamt nicht fehlen. An der Nordseite des Platzes baute die Gehag Ende der 1930er Jahre ein Wohnensemble, das durch eine Toranlage an der Plonzstraße erschlossen wird. Bilder der vier Jahreszeiten schmücken die Durchgänge von beiden Seiten.

Vom Roedeliusplatz gehen - im rechten Winkel zueinander - die Normannenstraße und die Magdalenenstraße ab, hier befand sich die Zentrale der DDR-Staatssicherheit ("Stasi-Stadt"). An der Magdalenenstraße verrosten die Gitter vor den Fenstern, die als massive Sichtblenden den Blick ins Innere abgeschirmt haben. Sie war eine typische Berliner Wohnstraße, bevor die Stasi mit dem Abriss von Häusern und dem Ausbau ihrer Zentrale begann. Die westliche Seite gehörte zum geschlossenen Stasi-Straßenkarree, das bis zur Ruschestraße reichte. Die Altbauten in der Magdalenenstraße wurden teilweise gesprengt und durch Plattenbauten ersetzt, die übrigen Häuser und das Gefängnis auf der östlichen Straßenseite hat ebenfalls Stasi übernommen. Heute ist das Gefängnis, das sich unmittelbar an das Amtsgericht Lichtenberg anschließt, eine Justizvollzugsanstalt für Frauen.

Mehrere größere Wohnanlagen wurden im Umkreis des Freiaplatzes errichtet. Hier im Wagnerviertel sind alle Straßen nach Figuren aus der Nibelungensage benannt. Nördlich des Platzes umschließt ein in den 1920er Jahren von der Stadt gebauter Wohnblock einen ausgedehnten parkartigen Innenbereich mit Spielplatz. Gegen an der Siegfriedstraße hat die "Gemeinnützige Heimstättengesellschaft der Berliner Straßenbahn" einen Wohnblock für ihre Mitarbeiter geschaffen, die zu ihrem (heutige BVG-)Betriebshof nur einen Block weit laufen mussten.

Unser heutiger Spaziergang, der von der Magdalenenstraße über Roedelius- und Freiaplatz führte, endet am Haus der "Konsumgenossenschaft Berlin und Umgegend" in der Josef-Orlopp-Straße, die zur Bauzeit noch Rittergutstraße hieß. "Einkaufen im Großen, Verkaufen im Kleinen und eine gerechte Verteilung des Überschusses" hat sich die Genossenschaft zum Ziel gesetzt. Der Grundstückskauf wurde um 1910 zum Teil mit Hausanteilsscheinen finanziert, die die Genossen erworben hatten. Das weitläufige Gelände war weiterhin mit einem Zentrallager und Produktionsgebäuden (beispielsweise Bäckerei, Kaffeerösterei) bebaut, hiervon sind eine Großbäckerei und ein Werkstattgebäude erhalten geblieben.

Das neoklassizistische Verwaltungsgebäude mit kupferverkleidetem Dachturm und überlebensgroßen Standfiguren erzählt etwas über den Stolz der Genossenschaft und ihren Erfolg bei der günstigen Warenversorgung für die Verbraucher. Die Standfiguren stellen Handel und Arbeit dar. Fortschritt und Modernität drückt eine der Skulpturen mit den Beigaben Zahnrad und Werkzeug aus. Sie und Hermes, der Schutzgott der Kaufleute rahmen zwei weitere Figuren ein. Dort ist Herkules in zweifacher Gestalt abgebildet. In der einen Skulptur steht sein Fuß auf dem Kopf einer besiegten Schlange. Er bekämpfte in der Mythologie die vielköpfige Schlange Hydra, die aufs Land kam, um die Ernte zu verwüsten. Und die zweite Herkules-Figur mit Keule und Löwenfell zeigt ihn als Vertreter des Volkes, der die bereits errungenen Freiheiten zu verteidigen weiß. Die Konsumgenossenschaft hat hier ihre soziale Bedeutung durch Rückgriff auf mythologische Vorbilder wirksam in Szene gesetzt (3).

Das ehemalige Rittergut war zu ausgedehnt für einen einzigen Spaziergang. Den nördlichen Teil mit den Industriebauten werden wir zu einem späteren Zeitpunkt besuchen (4). In die vietnamesische Welt an der Herzbergstraße hatte ich schon einmal einen Blick geworfen und darüber berichtet (5).

(Textversion vom 16. Juni 2013)

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(1) Mehr über Terraingesellschaften: Terraingesellschaften
(2) Loeperplatz an der Dorfkirche Lichtenberg: Das Alphabet von A bis W
(3) Eine Fototour im Innern der genossenschaftlichen Produktionsgebäude: Run chicken run
(4) Industrieviertel Lichtenberg: Butterersatz für die Soldaten
(5) Vietnamesisches Einkaufszentrum: Verknüpfte Welt


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Das Alphabet von A bis W
Beschauliches Friedrichsfelde