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Verknüpfte Welt


Stadtbezirk: Lichtenberg
Bereich: Herzbergstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Vulkanstraße
Datum: 25. November 2010

Auf einer Reise durch Vietnam sieht man große Werbeplakate von Nokia oder Ford statt der vielleicht erwarteten Bilder der großen Führer aus dem Politbüro, auch Losungen wie "Vorwärts zum Parteitag der Kommunistischen Partei" wird man dort nicht finden. Über joint-vertures ist das Land unter der kommunistischen Herrschaft erstaunlich kapitalistisch geworden. In den Läden und auf den Märkten gibt es unendlich viele "Ich-AGs" mit Familienunterstützung. Erstaunlich ist die natürliche Gabe fürs Marketing, man bietet dem Vorübergehenden seine Waren aktiv an und zieht sich auch wieder zurück, ohne aufdringlich zu werden. Es gibt viele junge Menschen, ein Großteil der Bevölkerung hat den Vietnam-Krieg nicht selbst erlebt. Und es gibt viele Menschen, der Straßenverkehr überwiegend mit Zweirädern ist beängstigend, aber Intuition ist wichtiger als Verkehrsregeln. Man kommt durch den endlosen Pulk der Zweiräder sicher auf die andere Straßenseite, wenn man festen Schrittes darauf zugeht, dann teilt sich wie von unsichtbarer Hand gelenkt der Verkehrsstrom. Vietnam zeigt stolz seine Geschichte, Kaiserstadt, Kaisergräber, Tempel, Pagoden und die Orte seiner Sagen wie den Fluss der Wohlgerüche oder den See des versunkenen Schwertes.

Nach dem Abzug der Amerikaner aus Südvietnam und einem Bürgerkrieg hat in den 1970er Jahren das kommunistische Nordvietnam den kapitalistischen Süden übernommen und die Bevölkerung dort "umerzogen". Viele flüchteten als "boat-people" und wurden mit etwas Glück vom Schiff Cap Anamur aufgenommen und fanden in westlichen Ländern (USA, aber auch Westdeutschland) Zuflucht. Andere Vietnamesen kamen als Vertragsarbeiter in die DDR. Sie wurden dort in engen Wohnquartieren ohne Kontakt zur deutschen Bevölkerung untergebracht. Die Frauen durften nicht schwanger werden, eine Abtreibung bezahlte die DDR, wenn es dafür zu spät war, wurden die Frauen nach Vietnam zurück geschickt, Menschlichkeit galt nicht für diese Ausländer.

Mit der Wiedervereinigung sind DDR-Vietnamesen und der West- Vietnamesen mit ihren unterschiedlichen Biografien in demselben Land vertreten, 20.000 wohnen in Berlin, und wir wissen wenig oder gar nichts von ihnen. Das Theater Hebbel am Ufer hat mit einer ungewöhnlichen Inszenierung abseits der Theaterbühne versucht, einen Einblick in die Welt der Vietnamesen zu geben. In den vietnamesischen Markthallen in der Herzbergstraße hatte man in Fünfergruppen die Möglichkeit, mit Vietnamesen zu sprechen, die im 10-Minuten-Takt ihre Biografie vorstellten. Darunter waren Vertragsarbeiter, die über die DDR-Zeit erzählten, aber auch ein von Abschiebung bedrohter Vietnamese, der Schlepper für seine Einreise bezahlt und als Zigarettenverkäufer gearbeitet hat, bevor er einen Asylantrag stellte. Ein Designer, der als "boat-people" nach Deutschland kam und aufgrund seiner Jugend keine Erinnerung mehr an Vietnam hat, spielt mit den Besuchern ein von ihm entworfenes Brettspiel, bei dem man sich auf der Fluchtroute seiner Familie vorwärts würfelt, an den Zwischenstationen greifen Ereigniskärtchen in den Spielverlauf ein. Er ist "deutsch" aufgewachsen und offensichtlich hier zu Hause, vielen Älteren bleibt Deutschland als Gastland ein Stück weit fremd, eher vertraut sind ihnen ihre Landsleute. Auch die ehemalige Heimat ist ihnen fremd geworden, dort gehören sie nicht mehr hin.

Aber wie in Vietnam sind sie auch hier anpassungsfähig, ihre Aktivitäten kann man in diesen Markthallen sehen, dem Dong Xuan Center, das mehr ist als ein "Klein-Hanoi" in Lichtenberg. Es ist Berlins größter Asia-Markt. In den 26.000 Quadratmeter umfassenden Hallen verkaufen Vietnamesen in 170 Shops Textilien, Schuhe, Lebensmittel, Geschenke, hier arbeiten Schneider, Friseure und Nagelstudios, und natürlich gibt es auch Restaurants. Es ist ein "Markt der 36 Zünfte" mit Silberschmieden, Papierhändlern und Korbflechtern. „Dong Xuan“ heißt Frühlingswiese, aber manchmal wird es in Anlehnung an Kanzler Kohls Ausspruch auch mit „Blühende Landschaft“ übersetzt.

Der vietnamesische Markt und das aufgelassene Fabrikgelände, auf dem er steht, sind mein Ziel für einen etwas anderen Stadtspaziergang. 1872 gründeten "Gebr. Siemens & Co" hier ein Werk, das bald technische Kohle herstellte, die heute z.B. für Kupplungen oder Kohlebürsten in Maschinen und Haushaltsgeräten gebraucht wird. In der DDR übernahm VEB Elektrokohle Lichtenberg (EKL) die Produktion.

"Das Produktionsaufgebot ist das wichtigste Kampfmittel der Arbeiterklasse zur Stärkung der DDR und zur Durchsetzung des Friedensvertrages. Die Gewerkschafter des VEB Elektrokohle zeigen, was es heute heißt, sozialistisch zu arbeiten. So planmäßig und präzise wie Gagarins und Titows Weltraumflüge, so muß das Produktionsaufgebot von den Gewerkschaften geleitet werden. Das Produktionsaufgebot ist Klassenkampf, es erfordert ... Auseinandersetzungen, um das Klassenbewußtsein zu stärken".

Ein "Held der Arbeit" mauerte hier 1949/50 einen Ringofen bei laufendem Betrieb und entsprechender Hitze neu, Heiner Müller veranlasste das, sein Stück „Lohndrücker“ zu schreiben. Vietnamesische Gastarbeiter übersetzten es später in ihre Sprache, in Vietnam war es verboten. Die Arbeitsbedingungen waren schwierig, der Kohlenstaub "fraß sich ein Jahrhundert lang in die Lungen ganzer Familien", auch wenn ein Badehaus für die äußerliche Reinigung der Arbeiter sorgte.

Nach der Wiedervereinigung übernahm ein US-Konzern den Hauptteil der Anlagen und stellte die Produktion ein Jahr später ein, damit war wohl die Gefahr gebannt, ein potenzieller Konkurrent könnte hier entstehen. Als nichts mehr produziert wurde, haben Untersuchungen Schadstoffbelastungen festgestellt, für deren Beseitigung Bund und Berlin aufkamen.

Zum Fabrikkomplex gehörte das Kulturhaus, das am 21.12.1989 - also 6 Wochen nach der Maueröffnung - den denkwürdigen Auftritt der Westberliner Anarchoband "Einstürzenden Neubauten" erlebte. Es war ihr erstes Konzert in der DDR, es gab immer noch - wenn auch sehr viel lockerer - Grenzkontrollen, der Schießbefehl an der Mauer wurde an diesem Tag offiziell aufgehoben und auf DDR-Seite mit dem Abriss der Mauer am Brandenburger Tor begonnen. Im Publikum saß nicht nur der Dramatiker Heiner Müller, sondern auch der französische Präsident Mitterrand, der eigentlich auf Westbesuch war und der Absage eines Treffens durch Heiner Müller auf diese ungewöhnliche Weise begegnete. Es war schon eine besondere Zeit!

Mit dem inszenierten Einblick in die vietnamesische Welt ist es beim Hebbel-am-Ufer-Theater nicht getan, auch die hinterlassene Fabrikwelt wird gezeigt, ein ehemaliger (deutscher) Mitarbeiter gibt erst per MP3-Player und dann persönlich Einblicke in das Fabrikgeschehen, von der Produktion bis zur Liquidation.

An der Vulkanstraße deutet die Wohnungsbaugenossenschaft Lichtenberg mit einem Regenbogen auf der Frontseite eines Großwohnungsbaus an, dass man hier himmlisch wohnen kann. Gegründet wurde die Genossenschaft 1954 als "Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft im VEB Elektrokohle Lichtenberg", hier entstanden Wohnungen für die Fabrikarbeiter der Elektrokohle-Produktion.

Das war heute ein ganz anderer Blick auf die gerade laufende Integrationsdebatte. Die Vietnamesen sind unauffällig, fast unsichtbar, haben untereinander einen starken Zusammenhalt, öffnen sich nach außen, ohne sich zu assimilieren. Sie sind keine Parallelgesellschaft, eher eine mit uns verknüpfte fremde Welt.


Die Stasi baut eine Kirche
Kein kulturelles Herz