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Plattenbau-Freilichtmuseum


Stadtteil: Lichtenberg
Bereich: Sewan-Siedlung
Stadtplanaufruf: Berlin, Dolgenseestraße
Datum: 24. Juni 2019
Bericht Nr.: 658

Kommt man montags vom U-Bahnhof Tierpark an die Oberfläche, dann erwartet einen geschäftiges Treiben auf dem Wochenmarkt am Heinrich-Dathe-Platz. Die Stände der Händler verdecken den Märkische Brunnen mit Figuren von wasserspeienden Frauen- und Tierköpfen, aber das großformatige abstrakte Wandbild auf der Seitenwand des Hochhauses Erich-Kurz-Straße ist weithin sichtbar. Der Fontanebrunnen lockt uns weiter in den Heinrich-Dathe-Platz hinein, dann wird auf der Dathepromenade das Wasserspiel des Spree- und Havelbrunnens sichtbar. "Märkische Heimat" ist das Thema dieser Brunnen, die dem Sewanviertel (Friedrichsfelde-Süd) eine eigene Identität geben sollen.

"Ob ein Vogel zieht, wohin er zieht und wann bei ihm die 'Zugunruhe' einsetzt, ist genetisch festgelegt", vermittelt uns am Laternenmast auf der Promenade ein Schild mit rückseitigem Vogelporträt. Eine Künstlerin hat hier auf 27 Schildern wissenschaftliche Aussagen aus der Verhaltensforschung der Zugvögel publiziert, eine Verneigung vor dem Tierparkdirektor Dathe, der Ornithologe war.


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Das Sewanviertel ist ein Modell
Was man nicht auf Anhieb sieht: die Sewan-Siedlung ist in mehrfacher Hinsicht ein Modellviertel. Von den Bauten her, weil hier das erste Plattenviertel der DDR entstand mit einer erstaunlichen Vielfalt unterschiedlicher industriell gefertigter Wohngebäude. Von den Bewohnern her, weil über 70 Prozent von ihnen Senioren sind. Vom sozialen Umfeld her, weil Service, Dienstleistungen, Läden, Aufzüge, Balkons, speziell auf die Bedürfnisse der älteren Bewohner ausgerichtet sind. Vom grünen Umfeld her mit Bäumen und schattigen Innenhöfen und einem Park für mehrere Generationen. Und von der Wirtschaftlichkeit her, weil es praktisch keinen Leerstand gibt.

Ein Plattenbau für jeden Zweck
Die Hälfte der industriell gefertigter Wohngebäude der DDR sind Plattenbauten der "Wohnungsbauserie 1970" (WBS 70) mit rund 645.000 Wohnungen. Und die andere Hälfte? In der Sewan-Siedlung sind fast alle verschiedenen Typen industrieller DDR-Bauten zu finden. Es war Berlins erste Plattenbausiedlung und damit ein Modellviertel. Hier kann man Plattenbautypen wie in einem Freilichtmuseum studieren. Diese "Museumsbauten" findet man hier, natürlich inzwischen modernisiert und den heutigen Wohnbedürfnissen angepasst:

Es begann 1957 mit dem Typ Q3A: "Schnell, günstig, fugenfrei". Die Wohnungen mit Ofenheizung. Die Außenwände verputzt, damit sah man keine Fugen mehr. Gebaut aus vielen kleineren Einzelelementen, in denen zermahlene Trümmer der Berliner Ruinen verwendet wurden. Später wurden größere Elemente verbaut, dadurch ging die Anzahl der Platten ging auf ein Drittel zurück.

Mehrere Serien von Plattenbauten sind ab 1959 in der Querwand-Plattenbauweise (QP) errichtet worden, bei der die tragenden Teile im Innenraum - quer zur Außenwand - lagen. Aus den Typenbezeichnungen ist hier auch immer das Baujahr zu ersehen. - Das Mittelganghaus (MGH) mit 1-Zimmerwohnungen wurde 1963 zu einem "Apartmentwunder" mit Kleinstküche und Bad und einem Aufzugsturm.

Die DDR-Architekten haben auch großzügig geplant, anders als der ironische Begriff "Arbeiterschließfächer" es vermuten lässt. Anfang der 1960er Jahre gab es die Plattenbauserie P2: "Offenes Wohnen als Experiment". Dabei wurden in offenen Grundrissen sechs Meter ohne tragende Zwischenwände überspannt.

Bei Skelettbauten ("SK Scheibe") sind die Platten nur in ein vorher errichtetes Bauskelett eingehängt worden, sie mussten also keine Last tragen wie die Wände anderer Bauten. Dafür wurden die Lasten von den Geschossdecken aufgenommen und an die Skelettstützen weitergeben. Der mit dem großformatigen Wandbild zum Tierpark hin sichtbare 13-Geschosser ist eine solche SK-Scheibe von 1980.

Und schließlich die Wohnhochhäuser (WHH) mit Fahrstuhl, die sich ab 1963 als Einzelbauten weithin sichtbar als städtebauliche Dominante aus einem Plattenbauquartier erhoben. Der Typenbezeichnung wurde jeweils die Zahl der Stockwerke hinzugefügt, beispielsweise WHH 17 bei einem Wohnturm mit 17 Etagen.


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Altersgerechtes Wohnumfeld
Auch wenn im Quartier eine Kita abgerissen, eine Schule zum Kulturzentrum umgewidmet und ein Kinderspielplatz überformt wurden, muss man natürlich nicht annehmen, dass für "die Alten" das Wohnviertel umgepflügt wurde. Die städtische Wohnungsgesellschaft Howoge, der ein wesentlicher Teil der Bauten gehört, und andere Akteure widmen sich aber zunehmend der wichtigen Zielgruppe der Senioren und deren Bedürfnissen. Näh- und Waschdienste, Minibustouren für Senioren, ein Club der 90-jährigen, Rentensprechstunden, Seniorenwohnheime und Pflegestationen im Quartier sowie Pflege des Wohnumfeldes (keine Graffiti!) sorgen für Wohlbefinden. Der Wohnturm WHH 17 in der Volkradstraße wurde für seniorengerechtes Wohnen umgebaut und bekam einen Concierge-Dienst.

Quartierspark Mellenseestraße
Wo früher eine Kita stand und ein betoniertes Planschbecken, wurde an der Mellenseestraße ein Generationenpark angelegt. Über der ehemaligen Plansche erhebt sich jetzt ein zwei Meter hoher "Feldherrnhügel" für die Kleinen, mit Sandsteinblöcken belegt und mit Gräsern und Bäumen bepflanzt. Mit einer Handpumpe können sie zum Matschen Wasser auf den Hügel pumpen, zusätzlich gibt es eine Wassersprühanlage, aus der die sanften Tropfen herunter rieseln.


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Die größeren Kinder finden auf dem angrenzenden Spielplatz ein hölzernes Schiff mit Kajüte, Steuerrad, Leitern, Netzen, Hangeltau und Rutsche. Im einem anderen Bereich des Parks gibt es Brettspieltische, Tischtennisplatten und 6 Trimmgeräte, die man meist einem "Seniorenspielplatz" zuordnet.

Wohnanlagen Dolgensee-Center
In einem Neubauprojekt entstehen gerade an der Dolgenseestraße zwei Wohnanlagen mit 678 Wohnungen. Dafür wurde ein Gewerbebau abgerissen, der Jugendclub "Betonoase" bekam einen Neubau. Das Dolgensee-Center ist eine Nachverdichtung innerhalb des Viertels zwischen den vorhandenen Plattenbauten. Die zehngeschossigen Neubauten entsprechen der umgebenden Bebauung. Die Erdgeschosse sind für Gewerbe reserviert, hier sollen ein Supermarkt, kleinteiliger Einzelhandel, Dienstleister und Arztpraxen einziehen, auch eine Kita ist vorgesehen.

Ein urbanes Quartier: Die Angebote vor Ort sind ein Kennzeichen des Sewanviertels, auch bei den Neubauten wird es sie geben. Die Wohnungen haben eine Loggia, Fußbodenheizung und Fertigparkett. Sozialmieten („geförderte Mieten“) sind für die Hälfte der Wohnungen vorgesehen. Im Keller ist Platz für 71 Autos und 591 Fahrräder. Ein Boulevard und Freiflächen als "innere Gärten" sollen das nötige Grün liefern.

Das Sewanviertel wird in seinem Zentrum von mehreren Buslinien mit guten Taktzeiten bedient und von der U5 am Tierpark erschlossen. Über den Hönower Weg führt südlich der Siedlung ein Fußweg zum Betriebsbahnhof Rummelsburg der S-Bahn. Der Weg entlang dem Bahnkörper ist eintönig, er lädt nicht zum Flanieren ein. Wie üblich wird das Bahngelände von Kleingartenanlagen der Eisenbahner flankiert. Zwischen den Kleingärten zählen wir insgesamt drei Garagenanlagen mit jeweils mehr als 20 Einzelgaragen. Ob die Bewohner des 300 Meter entfernten Neubaugebiets Dolgensee-Center hier ihre Autos unterstellen werden?



Zum Flaniermahl treffen wir uns abends an der Spree am ARD-Hauptstadtstudio. Das Restaurant "Die Eins" mit seinen Tischen draußen am Ufer des Flusses ist ein urbaner Ort. Boote auf der einen Seite, Fußgänger und Straßenfahrzeuge auf der anderen. Dabei dürfen die neuen motorisierten Roller nicht fehlen. Bei leichtem Essen können wir hier den heißen Sommertag ausklingen lassen.

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Unsere Route:
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Spree und Havel treffen sich in Friedrichsfelde