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Brauereibesichtigung


Stadtteil: Friedrichshain
Bereich: Friedenstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Pufendorfstraße
Datum: 5. Januar 2009

Um 16 Uhr an diesem klirrend kalten Tag im verschneiten Berlin sind die Anzeichen der beginnenden Dämmerung nicht zu übersehen. Auch das Autofahren im stop and go auf den vereisten Pisten ist keine Freude. Einmal rutscht mein Auto fast unvermindert auf ein haltenden Fahrzeug zu, so dass bei mir im Geiste schon die Entschuldigung abläuft, die ich nach dem Aufprall aufsagen will, gottlob brauchte ich das dann doch nicht.

So gebe ich mein Ziel Alt Köpenick bereits in Friedrichshain auf und lasse mich von der Auferstehungskirche locken, die ich gerade in der Friedenstraße passiert habe. Mein Auto lasse ich vor dem Umspannwerk Ost an der Palisadenstraße stehen und gehe an der Friedhofsmauer entlang auf die Kirche zu.

Die Auferstehungskirche, die im zweiten Weltkrieg stark beschädigt und anschließend nur vereinfacht wieder aufgebaut wurde, ist heute ein Tagungszentrum. Nach der Wende wurde der Bau mit modernen Materialien wie Glas und Stahl "ergänzt", dadurch konnten die ursprünglichen Proportionen der Kirche wieder hergestellt werden. Auf mich wirkt dieses Mischmasch nicht überzeugend, es fehlt eine Harmonie, eine innere Verbindung. Die alten und neuen Teile sind ohne Bezug und ohne Abgrenzung ineinander verschachtelt. so als wäre der richtige Baustoff ausgegangen und man müsste den nächsten Stein aus einem anderen Material darauf setzen.

Zu dem Tagungszentrum gehören an der Friedenstraße noch zwei weitere "besondere Orte" (Originalton des Betreibers): die St. Bartholomäuskirche und die Alte Mälzerei. Die Mälzerei war Teil des Böhmischen Brauhauses, das hier 1868 nach böhmischen Vorbild von dem Juristen Armand Knoblauch gegründet wurde (1). Die Produktion konnte in sieben Jahren von 20.000 auf 200.000 Hektoliter erhöht werden, womit das Unternehmen einer der Spitzenproduzenten im Raum Berlin war. Es setzte bei der Produktion und beim Vertrieb auf moderne Technologien, 1898 wurde vom Böhmischen Brauhaus das erste Biertransportauto Berlins eingesetzt. Inzwischen Aktiengesellschaft geworden, fusionierte das Unternehmen nach dem Ersten Weltkrieg mit der Löwenbrauerei zur Löwenbrauerei-Böhmisches Brauhaus. Die Produktion konnte bis 1938 auf 420.000 Hektoliter gesteigert werden. In der DDR-Zeit wurde das Unternehmen enteignet. Die in West-Berlin weiter bestehende Löwenbrauerei-Böhmisches Brauhaus wurde 1978 von der Schultheiß-Brauerei übernommen und stillgelegt. So hat jedes System auf seine Weise zum Ende dieser Brauerei beigetragen.

Nach den Zerstörungen im 2.Weltkrieg wurde hier am Stammplatz der Brauerei kein Bier mehr gebraut. Statt dessen richtete sich das größte Weinlager der DDR in den riesigen Brauereikellern ein. Das Sudhaus wurde Sportanlage. Das "Großhandelskontor Schuhe" nutzte die Mälzerei als Lager. Die Bauten an der Pufendorfstraße verfielen und werden heute von der Liegenschaftsgesellschaft in einem ungewissen Dämmerzustand gehalten.

Neben einer Brauerei, die keine mehr ist, gibt es in dieser Gegend einen Straßennamen mit Hinweis auf einen Ortsteil, der ebenfalls verschollen ist: die Friedrichsberger Straße. Der Bahnhof Frankfurter Allee an der Ringbahn hieß früher Friedrichsberg nach der ihn umgebenden Kolonie (2), und fast hätte Friedrichshain nicht den Namen Friedrichshain, sondern Friedrichsberg bekommen. Heute aber ist Friedrichsberg aus dem Bewusstsein verschwunden.

Die Friedenstraße verweist auf den Friedensschluss in Versailles 1871, der der deutschen Reichsgründung vorausging. Damit begann die Gründerzeit, die auch Friedrichshain boomen ließ. Die Proklamation des Deutschen Reiches in Versailles aus der Siegerpose am Ende des Deutsch-Französischen Krieges war eine Demütigung für Frankreich, die die Feindschaft zwischen beiden Ländern weiter anheizte. 1919 bekam Deutschland die Quittung hierfür im "Versailler Diktat", dem Friedensvertrag nach dem 1.Weltkrieg. Die Demütigung, die Deutschland hier erlitten hatte, beförderte wiederum Hitler in seinem Nationalismus. Glücklicherweise wurde nach dem 2.Weltkrieg die "Erbfeindschaft" überwunden, an die Stelle von Demütigungen trat ein Miteinander der beiden Völker.

Der Kälte ist es geschuldet, dass ich nach einem Rundgang um den Block Pufendorfstraße - Matthiasstraße - Landsberger Allee - Friedenstraße wieder in das beheizbare Auto flüchte.

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(1) Mehr über Brauereien am Friedrichshain: Brauereien am Friedrichshain
(2) Mehr über die Kolonie Friedrichsberg: Friedrichsberg

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Hierzu gibt es einen Forumsbeitrag
Friedrichshain: Brauereibesichtigung (5.1.2009)

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