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Der Herzschlag des Eisenbahners


Stadtteil: Charlottenburg-Wilmersdorf
Bereich: Westkreuzdreieck
Stadtplanaufruf: Berlin, Rönnestraße
Datum: 8. September 2018
Bericht Nr.:631

Wenn man einen Zugang zu dem Eisenbahngelände östlich des Bahnhofs Westkreuz findet, steht man in einem Urwald, der von Eisenbahner-Kleingärten umgeben ist. Ein Gewirr von Schienen auf verschiedenen Ebenen raubt einem die Orientierung. Auf den Flächen neben den Schienen sind Lauben in unterschiedlichen Höhenlagen aufgereiht. Und das alles in Sichtweite des Funkturms, der Messe und des ICCs.

Wer oft mit der Bahn fährt, kennt an vielen Orten die Lauben und Datschen, die sich nahe der Gleise oder sogar zwischen Gleisen zu Kleingartenkolonien formen. Zäune oder andere Abgrenzungen zur Bahnanlage fehlen meist völlig. Sie sind auch nicht notwendig, weil die Pächter ganz überwiegend Eisenbahner sind, die mit Bahnanlagen vertraut sind. Dafür sind die Zugänge vom umgebenden öffentlichen Straßenland meist verschlossen, um Laien von den Bahnanlagen fernzuhalten.

Diese Nähe zu den Eisenbahnen muss man mögen. Wer sich hier niederlässt, hat eine Affinität zur Welt der Züge. Die Zugtakte sind der Herzschlag des Eisenbahners, seine Haustiere sind die Züge, und wenn er die Züge zu sehr liebt, wird er zum "Pufferküsser".

Die erste Eisenbahn fuhr in Deutschland 1835 zwischen Nürnberg und Fürth. In Berlin wurde die Strecke der Stammbahn zwischen Berlin und Potsdam ab 1838 befahren. Viele andere Strecken folgten, die zunächst von privaten Bahngesellschaften gebaut und betrieben wurden. Später erfolgte ihr Zusammenschluss zu Staatsbahnen, 1920 wurde dann die alles umfassende Deutsche Reichsbahn gegründet.

"Eisenbahn-Kleinwirte"
Beim Erwerb von Grundstücken durch die Bahngesellschaften blieben Flächen rechts und links der Gleise brach liegen. Gering entlohnte, notleidende Eisenbahner bauten hier auf eigene Faust Obst, Gemüse und Kartoffeln an und hielten Hühner, Kaninchen und Ziegen zur Selbstversorgung. Die Bahngesellschaften entdeckten dies als betriebliche Sozialleistung und förderten die "Eisenbahn-Kleinwirte", nahmen aber auch Pacht für die Parzellen. Gleichzeitig mit der Gründung der Reichsbahn wurde der "Hauptverband Deutscher Reichsbahn-Kleinwirte" ins Leben gerufen, der nach dem Zweiten Weltkrieg zur "Eisenbahn-Landwirtschaft" wurde, hierarchisch gegliedert in Bezirksvereine und Unterbezirke.

Die Bahn und das Soziale
Doch mit dem Sozialen war es irgendwann zu Ende. Wenn Flächen für den Straßenbau und die Infrastruktur gebraucht wurden, bediente man sich bei den Kleingärtnern. Andererseits wurden durch Stilllegung von Strecken, Werkstätten und Lokschuppen Flächen frei, die die Bahn gewinnbringend veräußern konnte. Und dass die Bahn - obwohl sie sich im Bundesbesitz befindet - immer mehr die Sozialverpflichtung des Eigentums vergisst und sich rein der Gewinnmaximierung verschreibt, kann man immer wieder beobachten. Denkmalgeschützte Rundlokschuppen lässt sie verkommen, Kleingartenflächen versucht sie zu lukrativem Bauland umzuwidmen.

Wo soll auch ein solches Bewusstsein herkommen, wenn der für Infrastruktur verantwortliche Bahnmanager persönlich jeden Anstand vermissen lässt: Ohne die vorgeschriebene Schamfrist einzuhalten, ist er von heute auf morgen vom Chef des Bundeskanzleramtes zur Leitungsebene der Bahn gewechselt. Wegen ungeklärter Vermögenszuwächse in Millionenhöhe ist mehrfach gegen ihn ermittelt worden. Einen gradlinigen, aufrechten Abgeordnetenkollegen kanzelte er ab: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“. Als Geheimdienstkoordinator entdeckte er keinen Fehler in der massenhaften Ausspähung der Bürger. Vielleicht liest er ja irgendwann bei Friedrich Schiller über die Vorbildfunktion eines Managers: "Wer der Vorderste ist, führt die Herde", denn der Mensch ist "ein nachahmendes Geschöpf". Ob er dann zu einer nachahmenswerten Haltung kommt?

Das Westkreuzdreieck
Vom Bahnhof Charlottenburg weitet sich der Gleiskörper Richtung Westen immer weiter auf, bis er vor dem Bahnhof Westkreuz ein Dreieck bildet mit der Ringbahn als Barriere. Die Stadtbahn unterquert den Bahnhof, hier fahren die S-Bahnen nach Spandau und Wannsee und oben auf der Ringbahn links und rechts im Kreis herum. Zusätzlich verbindet eine Kurve die Stadtbahn mit dem Ringbahnhof Halensee. Die Fernbahngleise Richtung Hamburg und Magdeburg führen am Bahnhof Westkreuz vorbei.


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Das "Spaghettimonster"
Zum "Spaghettimonster" wird diese Infrastruktur durch westlich angrenzende Stadtstraßen und Stadtautobahnen am Autobahndreieck Funkturm. Zwischen Lietzensee und Kurfürstendamm liegt das Monster als unüberwindliches Hindernis.

Dabei verband früher eine eiszeitlichen Rinne den Lietzensee und den Halensee und bildete eine Seenkette, die über Grunewaldsee, Krumme Lanke, Schlachtensee und Nikolassee bis zum Wannsee reicht. Das Westkreuzdreieck liegt also auf einem trockengelegten See, bei einer Bebauung könnten "unerwartet" Gründungsprobleme auftauchen wie bei der Schlangenbader Straße, dem Nassen Dreieckoder der Staatsoper.


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Der "Westkreuzpark"
Zwischen den Schienen und neben den Schienen werden in mehreren Kleingartenkolonien rund 300 Parzellen bewirtschaftet. Das Bezirksamt bereitet einen Flächennutzungsplan vor, der eine Bebauung ausschließt. Die Kleingärten sollen als "Landschaftsraum zwischen den Gleistrassen erlebbar" gemacht werden. Der Bahnhof Westkreuz erhält einen Ausgang zum Westkreuzdreieck. Die beiden Straßen, die das Eisenbahngelände umschließen - Rönnestraße und Heidelberger Straße - sollen verbunden werden als Zugänge zu einer öffentlich zugänglichen Grünanlag, dem geplanten "Westkreuzpark". Dadurch werden die Wohnumfelder vernetzt und an einen "übergeordnete Grünzug" angeschlossen.

Die Linse
Im Stadtgrundriss wird eine "Linse" zwischen Halenseekurve und Fernbahn sichtbar, die bis zur Eisenbahnbrücke an der Holtzendorffstraße reicht. Wie ein Urwald liegt dieser Bereich in einer Talmulde im Dämmerschlaf. Als Besucher stolpert man über Müllberge. Da die Zugänge zum Gelände meist verschlossen waren und die Linse von außerhalb nicht einmal mit Schubkarren einfach zu erreichen ist, können wohl nicht "die Bürger" aus der Umgebung, sondern nur die Bewohner der Kleingärten den Müll hier abgeladen haben, ein Trauerspiel.

Bei dieser Brache handelt es sich um Bahnflächen, die schon seit Jahren nicht mehr für den Betrieb gebraucht werden. Ein Luftbild von 1928 zeigt, dass hier ein Rundlokschuppen gestanden hat, von ihm sind heute nur noch die Fundamente übrig. Außerdem stehen auf der Linse noch Ruinen alter Bahngebäude. Früher gab es hier auch einen Wasserturm.


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Die Bahn möchte die gesamte Kleingartenanlage gern als Bauland einträglich verkaufen, ein Investor steht schon bereit. Er will die Kleingärten - zunächst - erhalten und auf der Brache 900 Wohnungen bauen, darunter 220 Sozialwohnungen. Die Häuser sollen 20, 16 und 8 Stockwerke hoch sein. Die Fernbahn rast direkt am Baugelände vorbei, die Halenseekurve umschließt es auf der anderen Seite.

Es gibt andere Ideen: Die Brache nicht zu bebauen, sondern über Steganlagen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Manch einer träumt von sogar einer Stadtwildnis, einem Naturschutzgebiet, das sich frei entwickelt, ohne vom Menschen durchstreift zu werden. Statt dessen könnte man die "bahnbrechende Natur" in einer Ausstellung zeigen wie beim Eisenbahn-Südgelände.

Am Denkmaltag 2018 war das Westkreuzdreieck über die Rönnestraße gegenüber dem Lietzensee zugänglich. Durch diesen Eingang kommt man auch zum Vereinshaus auf dem Gelände. Ein weiterer Zugang befindet sich hinter dem Aldi-Parkplatz an der Ecke Lützenstraße und Ringbahnstraße in Halensee, doch die Tür ist oft verschlossen.

Ein Gelände, das sich eher für eine Kleingartenkolonie der Eisenbahner geeignet hätte, ist der Friedhof Grunewald, Der Friedhofsbesucher schreckt auf, wenn hinter den Gräbern plötzlich der ICE vorbeirauscht. Zwischen der Fernbahn, Ringbahn und einem Abzweig zum Bahnhof Grunewald an der Bornstedter Straße liegt der Friedhof in ähnlich exponierter Lage wie das Westkreuzdreieck, nur dass die "Bewohner" keine Eisenbahner sind, sondern ehemals in der Villenkolonie Grunewald ansässig waren.

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Die fehlende Biografie