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Bei Gewitter darf nicht geklettert werden


Stadtteil: Schöneberg
Bereich: Bülowbogen
Stadtplanaufruf: Berlin, Kirchbachstraße
Datum: 18. November 2020
Bericht Nr.:718

In West-Berlin wurden durch die Baupolitik jahrzehntelang Wunden in die Altbausubstanz geschlagen, bevor nach Bürgerprotesten und Hausbesetzungen ein Umdenken erfolgte und durch die "Behutsame Stadterneuerung“ der Bauausstellung IBA 1987 auch ein Umlenken.

In der Halb-Stadt sind unterschiedliche Beispiele aus der Zeit verachteter Altsubstanz zu finden: Im Brunnenviertel entstand nach dem Kahlschlag aller Altbauten eine bis heute nackte, gesichtslose Trabantenstadt. Besser entwickelte sich die Heinrich-Zille-Siedlung in Moabit auf ehemaligem Kasernengelände. Sie ist um Wohnhöfe gruppiert und maximal vier Etagen hoch. Durch ihre Geschlossenheit und abwechslungsreiche Gestaltung ist sie zu einem ansprechenden Nachkriegs-Quartier geworden. Unser heutiger Stadtrundgang führt zu einem anderen Viertel, in dem einzelne Altbauten in der Sanierungszeit durch Neubauten ersetzt wurden.

Bülowbogen-Kiez
Der Kiez zwischen Bülowstraße und Goebenstraße - Quartier Bülowbogen - gehörte in den 1970er Jahren zu den "erneuerungsbedürftigen Gebieten", in denen der Senat viele Wohnungen als abbruchreif eingeschätzt hatte. Einzelne Wohnhäuser wurden abgerissen, aber es kam nicht zu einem vernichtenden Kahlschlag. Heute stehen die verbliebenen Altbauten mit den Neubauten aus jener Sanierungszeit in friedlicher Koexistenz. Sanierungsträger war das gewerkschaftseigene Bauunternehmen Neue Heimat, das später für 1 DM an den Bäckermeister Schiesser verkauft werden sollte. Der Wohnungsbestand ging schließlich an die Gewobag über, die nicht nur Wohnungen vermietet, sondern auch das lebenswerte Umfeld im Blick hat. Das merkt man hier im Kiez, im Laufe der Jahrzehnte ist Altes und Neues zusammengewachsen, hat mit dieser Mischung seinen ganz eigenen Charakter bekommen. Auch das Quartiersmanagement hat dafür gesorgt, dass die ehemalige Schmuddelecke Bülowbogen zu einem ansehnlichen Kiez geworden ist.

Der Berliner Bankverein - eine Bank von Berliner Börsenmaklern - hatte als Terraingesellschaft die Bebauung des Bülowbogen-Quartiers in den Gründerjahren vorangetrieben. Die meisten Wohnungen wurden ab Mitte der 1870er Jahre von privaten Bauherren errichtet. Ab 1902 wurde es lärmig, die Hochbahn bewegte sich über der Bülowstraße zwischen den Häusern hindurch und umfuhr mit dem "Pastorenknick" die Luther-Kirche am Dennewitzplatz.

Der Theaterkritiker Alfred Kerr erboste sich: "Das Eisengestell einer Überbahn, grau gestrichen, steigt in plumper Scheußlichkeit empor zwischen den Häusern, zwischen den Bäumchen. Barbarischer, ekliger, gottverlassener, blöder, bedauernswerter, mickriger, schändlicher, gerupfter, auf den Schwanz getretener sieht nichts in der Welt aus". Der Niedergang des Bülowbogens war eingeleitet, wer wollte hier noch wohnen? Im Gebiet der früheren Bürgerwohnungen entstanden Amüsierbetriebe, Absteigen und Kneipen.

Walterchen der Seelentröster
Dazu gehörte "Walterchen der Seelentröster", ein Etablissement, das am Bülowbogen in den Räumen des einstigen bürgerlichen Veranstaltungsorts "Königshof" entstanden war. In den Goldenen Zwanziger Jahren wurde der Königshof aus Zeiten der Monarchie zum "Nationalhof" und damit zum Teil des lasterhaften Berlins wie große Bereiche der Motzstraße. Damenklubs und Lesbengruppen trafen sich im Nationalhof, veranstalteten Bälle "Nur für Damen". Es war ein Treffpunkt queerer Menschen. Walterchen - oft mit einem Papagei auf der Schulter - übernahm das Etablissement 1943 und machte es zu einer Institution. Nach dem Krieg war weiterhin das queere Publikum beispielsweise zu einem Tuntenball zu Gast.

Aber auch nicht mehr ganz junge Frauen auf der Suche nach einem Partner gingen dort tanzen. Für eine wird es nur ein kurzes Glück. Ein Briefträger mit krimineller Karriere hinterlässt sie tot in ihrem Kleiderschrank. In solch einem Möbelstück wurde auch eine weitere Frau tot gefunden, die sich in ihn verliebt hatte. Eine andere Frau blieb als Leiche im Keller zurück. Ein Aufruf in "Aktenzeichen: XY...ungelöst" setzt seinem Treiben schließlich ein Ende. Und auch "Walterchens Ballhaus" selbst war 1975 am Ende, das Gebäude auf dem Hof wurde während der Sanierung des Gebiets abgerissen. Nur das Vorderhaus steht noch und weist mit seiner skurrilen Fassade - eine Säule stützt einen Erker - auf vergangene Zeiten hin.

Milchhof Mendler
Durch den Abriss der "minderwertigen" Hinterhofbebauung im Sanierungsgebiet musste 1978 auch die Melkerei Mendler aus der Steinmetzstraße weichen. Sie fand allerdings in Rudow einen neuen landwirtschaftlichen Standort.

Fast 50 Jahre lang hatte der Abmelkbetrieb in Schöneberg Milch direkt vom Hof verkauft. Im Hinterhof waren 30 Kühe untergebracht und im Souterrain bis zu 60 Schweine, die mit Küchenabfällen aus Berliner Krankenhäusern gemästet wurden. Im Bürgersteig vor dem Haus erinnert das Mosaik einer Kuh an jene Zeit.


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Erst als die Verfütterung von Küchenabfällen nicht mehr zulässig war, hat der Betrieb in Rudow 1996 die Schweinehaltung eingestellt. Stattdessen wurde ein Reitbetrieb aufgebaut mit 50 Pferdeboxen, einer Reithalle und einem Reitplatz. Große Weiden gehören zum Gelände, inzwischen wird auch Mais angebaut.

Erstaunlich, welche Aktivität auf einem Schöneberger Hinterhof möglich war. Trotzdem hat es für den Betrieb sein Gutes gehabt, aufs Land nach Rudow zu ziehen. "Berlins bekanntester Stadtbäuerin" Dora Mendler, die den Betrieb bis in die 1980er Jahre geleitet hatte, wurde sogar mit einer Straßenbenennung geehrt. Die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin (Dr.) Franziska Giffey enthüllte 2017 die neuen Straßenschilder.

Wohnanlage und Parkpalette
Für Nachkriegsmoderne ist es oft nicht einfach, einen Denkmalstatus zu erlangen, zu kurz ist der zeitliche Abstand, um aus historischer Sicht die Bauwerke zu beurteilen. Eine Wohnanlage mit Parkpalette an der Kirchbachstraße hat es geschafft, ist doch der Bau mit seiner üppigen Fülle von Formen und Betonelementen schon ein architektonisches Highlight. Und erst die Verwandlung in ein Street-Art-Kunstwerk des Briten Phlegm (engl. "Schleim"), der ein surreal anmutendes Meisterwerk geschaffen hat, gefördert von Urban Nation, der Street-Art-Tochter der Gewobag.

Die Bullaugen des Gebäudes verbindet er zu obskuren Maschinen. Über aufgefächerte Fassadenplatten stolpert ein Mensch auf technischem Abfall der sich immer weiter verengenden Zukunft entgegen. Das Eckhaus samt Bemalung zieht sich bis zur Alvenslebenstraße herum und ist gleich am Anfang unseres Stadtrundgangs ein echter Höhepunkt - whow!

Gegenüber an der Alvenslebenstraße hat der Sanierungsträger den Spielplatz Kirchbachstraße anlegen lassen mit einem Kletterturm, der zurzeit renoviert wird. Das Gebot "Bei Gewitter darf nicht geklettert werden" ist daher gegenwärtig keine weitere Einschränkung, der Kletterturm ist von einem Zaun umgeben.

Mix und Genest
Gegenüber der Luther-Kirche erstreckt sich ein Industriegelände über vier Hinterhöfe bis an den Bahnkörper der Anhalter und Dresdner Bahn. Die Mix & Genest AG, eine "Telephon-, Telegraphen- und Blitzableiter-Fabrik" hatte dort 1894 einen Baukomplex für eintausend Beschäftigte errichten lassen. Stahlskelettbauten mit gelben und roten Klinkerfassaden, mit Rasterfassaden, deren Fenster von Segmentbögen überspannt werden, es ist ein stattlicher Bau. Zu diesem Zeitpunkt war Mix & Genest bereits ein gestandenes Unternehmen der deutschen Elektroindustrie mit internationaler Bedeutung. Der Kaufmann Wilhelm Mix war bereits nach acht Jahren aus dem Unternehmen ausgeschieden, der Ingenieur Werner Genest führte es allein weiter als innovativen Schrittmacher auf dem Gebiet der Schwachstromtechnik.

Es begann mit Haustelegraphiegeräten wie Klingeln, Druckknöpfen, Läutewerken, Tableaus, Haustelefonen und Feuermeldern, setzte sich fort mit Blitzableitern und seit der Einführung des öffentlichen Fernsprechverkehrs schließlich auch Telefonen. Dann wurde die Produktpalette um Rohrpostanlagen erweitert. Als in der Bülowstraße aus räumlichen Gründen kein Wachstum mehr möglich war, zog Mix & Genest schon nach 13 Jahren an seine neuen Produktionsstandort in der Geneststraße am Südkreuz um.

Versteckte Badeanstalt
Vom Industriegelände Mix & Genest sind es nur wenige Schritte zum Nelly-Sachs-Park nördlich des Bülowbogens. Bis zum Zweiten Weltkrieg standen Wohnhäuser auf der westlichen Seite der Dennewitzstraße. In der Nachkriegszeit wurde dort eine Parkanlage um einen vorhandenen Teich angelegt, gewidmet der jüdischen Schriftstellerin und Lyrikerin Nelly Sachs ("Abgewandt / warte ich auf dich / weit fort von den Lebenden weilst du / oder nahe").

Die Wasserfläche liegt dem 1903 an der östlichen Seite der Dennewitzstraße eröffneten Volksbad gegenüber, das bis 1938 in Betrieb war. 1944 wurde es durch Bomben zerstört. Der schmale Altbau, der an der Dennewitzstraße stehen geblieben ist, weist durch seine Fassadengestaltung auf seine frühere Funktion hin.

Der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann hat dort - wie es für seinen Vorgänger Blankenstein typisch war - ein Wappen mit dem Berliner Bären angebracht. Allerdings ergänzt um eine Nixe, die das Wappen unten zusammenhält. Es handelte sich um das Eingangsgebäude zum Volksbad, das Bad selbst lag hinter dem Gebäude und reichte bis zur Hochbahn, die die Badeanstalt in Höhe des Obergeschosses am Rande durchquerte.


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Die andere vom Gleisdreieck kommende Hochbahnlinie durchquert noch heute weiter nördlich an der Dennewitzstraße ein Wohnhaus.

Carisch-Kaffee
Die Marke Carisch-Kaffee wird Älteren noch geläufig sein. Die von Carl Richard Schmidt gegründete Filialkette wurde von dem Wohn-, Geschäfts- und Lagerhaus Potsdamer Straße 144 aus geleitet, das der Architekt Rudolf Zahn 1908 erbaut hatte. Die Fassade in rotem Sandstein ist in einen breiten Mittelteil mit gerundetem Erker und zwei schmaleren Seitenbereichen gegliedert. Vor der obersten Etage, abgesetzt durch ein Gesims, thronen vier Löwen.

Mehrere Fayencen im Durchgang sind mit dem Firmenlogo geschmückt, einer Kaffeekanne aus den Buchstaben C, R und S, den Initialen des Inhabers. Schmidt hatte offensichtlich ein Faible dafür, seinen Namen für das Produktdesign einzusetzen. Für den Firmennamen wurden Vor- und Zunamen des Inhabers zusammengeschoben, schon war Carisch erfunden aus Ca(rl) Ri(chard) Sch(midt).


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In der Nachkriegszeit wurde die Ladenkette mit 45 Filialen an Tengelmanns "Kaisers Kaffee"-Kette verkauft, die die Marke Carisch nicht weiterführte. Aber auch "Kaisers" gibt es heute nicht mehr, die Filialkette ist auf Edeka und Rewe aufgeteilt worden, nachdem Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel mit seiner Ministerentscheidung gescheitert war, Kaisers im Ganzen an Edeka zu übertragen.

Der Architekt Rudolf Zahn wohnte selbst in dem Carisch-Haus in der Potsdamer Straße. Ein ähnliches Miet- und Geschäftshaus baute er in der Potsdamer Straße 116 im "Stil niederländischer Stadtpalais" und mit "fein gearbeitete Reliefs mit tanzenden Figuren". In diesem Haus wohnte Marlene Dietrich als Kind im Jahr 1907, wie eine Gedenktafel bezeugt.

Wir sind damit auf unserem Stadtrundgang an der Kurfürstenstraße angelangt und haben damit die Bezirksgrenze von Schöneberg zu Tiergarten überschritten, die an der südlichen Hauswand verläuft. Von hier können Sie den Spaziergang fortsetzen ins Villenviertel nördlich des Nollendorfplatzes.
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Unsere Route:
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Zwei Bäcker haben reichlich Mehl eingeatmet