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Meeresgötter tragen Nymphen über das Fenn


Stadtteil: Wilmersdorf, Schöneberg
Bereich: Volkspark Wilmersdorf, Rudolph-Wilde-Park
Stadtplanaufruf: Berlin, Kufsteiner Straße
Datum: 18. März 2021
Bericht Nr.:729

Wo liegt der Berg von Schöne"berg"? Diese Frage hatten wir bei unseren Spaziergängen schon zweimal gestreift (*), heute wollen wir den Bergen von Schöneberg weiter auf den Grund gehen. Schöneberg liegt am Hang des Teltower Höhenzuges, man merkt das am Anstieg der Hauptstraße Richtung Süden. Nördlich davon hat sich die Spree in ein Urstromtal eingegraben. Es ist eine eiszeitliche Rinne, die sich in Ost-West-Rechnung durch die Stadt zieht. Auch an ihrem nördlichen Rand muss man zum Prenzlauer Berg wieder einen Höhenunterschied überwinden, um zur Hochebene des Barnim zu gelangen.

Die ersten Siedler, die um 1230 im Zuge der Ostkolonisation von den Kurfürsten gerufen wurden, um das ehemals slawische Land zu besiedeln, brachten den Namen "Sconenberch" aus ihrer alten Heimat mit. Daraus entwickelte sich der Ortsname Schöneberg, er bezieht sich also nicht auf eine Erhebung im Ort selbst. Doch es gibt einen Berg, der in der Entwicklung des Ortes in den letzten hundert Jahren eine wesentliche Rolle spielte: Den Mühlenberg, eine kleine Stichstraße ist nach ihm benannt. Die angrenzende Badensche Straße hieß früher Mühlenweg, dort sollen elf Windmühlen gestanden haben.

Mühlenberg
Eine Aufnahme aus dem Jahr 1883 zeigt das Rosenkesselsche Mühlengehöft auf dem Mühlenberg. Es musste dem Bau eines neuen Rathauses weichen, 1900 kaufte die Stadt das Grundstück, um für das am Kaiser-Wilhelm-Platz zu klein gewordene Rathaus einen Nachfolgebau zu errichten. Bürgermeister Alexander Dominicus legte 1911 den Grundstein für den Rathausneubau am Rudolph-Wilde-Platz. Von der Straße Am Mühlenberg schaut man heute direkt auf die Rückseite des Rathauses.

Weiter bebaut wurde das freie Gelände am Mühlenberg zunächst nicht. Erst im Zusammenhang mit den "Germania"-Planungen im Dritten Reich kam das Gebiet in den Fokus. So wie die Bayerischen Stickstoff-Werke ihr Verwaltungsgebäude an der Fritz-Elsass-Straße neu bauen mussten, weil ihr Gebäude in Mitte Speers "Weltstadt"-Planungen im Wege stand, musste auch die Brauwirtschaft aus der Potsdamer Straße in einen Neubau an der Badenschen Straße umziehen. Dieser Standort am Mühlenberg war jetzt als Verwaltungszentrum für Dienststellen der zentralgelenkten Wirtschaft vorgesehen und als Ausweichquartier für ausquartierte Verwaltungsgebäude, die von dem größenwahnsinnigen Stadtumbau betroffen waren.

U-Bahnbau am Mühlenberg
Die wohlhabende Stadt Schöneberg baute sich ab 1908 eine eigene U-Bahnlinie, die vom Nollendorfplatz zum Innsbrucker Platz führte. Zeitgleich liefen die Planungen für den Rathausneubau und den Rudolph-Wilde-Park. Dabei war nicht nur die Durchquerung des Parks mit der Untergrundbahn, sondern auch die Überwindung des Mühlenbergs problematisch. Man entschied sich, beides oberirdisch zu lösen. Für den Mühlenberg bedeutete dies, dass man ihn von der Oberfläche her durchstochen hat. Mit Loren wurde der Sand auf Schienen zum Rudolph-Wilde-Park gebracht und dort verteilt.

Haus der Hauptvereinigung der deutschen Brauwirtschaft
Die Hauptvereinigung der deutschen Brauwirtschaft erbaute 1939 ihr Verwaltungsgebäude an der Badenschen Straße 52 Ecke Meraner Straße, durchgehend zur Straße Am Mühlenberg. Die Hauptvereinigung war als Untergliederung des nationalsozialistischen "Reichsnährstandes" zuständig für die Lenkung der Bierproduktion einschließlich des Marktes für Hopfen und Gerste. Direkt nach Kriegsende nutzte die Kommunistischen Partei Deutschlands das Haus als Parteigebäude, solange der von der sowjetischen Besatzungsmacht gelenkte Berliner Magistrat die Macht über die ganze Stadt ausübte.

Im angrenzenden Gebäudekomplex Badensche Straße 50-51 hatte die nationalsozialistische Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels ihren Sitz. Ab 1940 übernahm eine Wehrmachtsabteilung den Bau, hier wurde über das Schicksal von bis zu acht Millionen Kriegsgefangenen im Deutschen Reich bestimmt. Im Krieg ausgebombt, zog nach dem Wiederaufbau des Hauses die Hochschule für Politik ein, die später als Otto-Suhr-Institut (OSI) zur Freien Universität kam. Heute gehören dieses Gebäude und das Eckgebäude zum Campus der Hochschule für Wirtschaft und Recht, in der die früher selbstständigen Fachhochschulen für Wirtschaft und für Verwaltung und Rechtspflege aufgegangen sind.

Die Grenze von Wilmersdorf und Schöneberg
Unser heutiger Spaziergang ist durch die beiden ineinander übergehenden Volksparks Wilmersdorf und Rudolph-Wilde-Park geprägt, zwischen Bundesplatz und Rathaus Schöneberg sind wir in den Parks und Straßen bis zur Badenschen Straße unterwegs. Hier berühren sich zwei Bezirke mit einem fließenden Übergang. Der Blick in die Bebauung und die Stadtgeschichte zeigt, dass hier früher wirklich eine Grenze war zwischen benachbarten Städten, die schließlich 1920 in Groß-Berlin aufgingen. Die Kufsteiner Straße ist heute die Bezirksgrenze, sie gehört auf der westlichen Seite zu Wilmersdorf, die Häuser auf der östlichen Seite stehen in Schöneberg. Die parallel verlaufende Kuppenheimer Straße trug bis 1892 den Namen Grenzstraße.

Gedenktafeln
Trotz seiner innerstädtischen Lage ist das Viertel um den Parkgürtel von beschaulicher Ruhe, abgesehen von Bundesallee und der Badenschen Straße als frequentierte Verkehrsadern. Wie haben die Bewohner das früher erlebt und welche Prominenten haben hier gewohnt? Drei Gedenktafeln auf unserem Weg weisen hin auf einen Mathematiker, einen Fotografen und einen Schriftsteller.

Am Bundesplatz 17 lebte mehr als fünfzig Jahre lang bis 1966 der Fotograf Friedrich Seidenstücker, "der dem Alltag der Großstadt eine humorvolle Seite abzugewinnen wusste". Dem Alltagsleben gehörte sein Blick durchs Objektiv, dazu gehörten Bilder der von Kriegszerstörungen gezeichneten Stadt, aber auch Tierfotografien. - Der Essayist Walter Benjamin ist mehrfach in Berlin umgezogen. Seine letzte Wohnung vor der Emigration 1933 nahm er in der Prinzregentenstraße 66. Dort schrieb er einzelne Artikel seiner "Berliner Kindheit um 1900".


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Die Tübinger Straße 2 ist zum "Mathematischen Ort des Monats Juli 2018" erklärt worden. Dort lebte Konrad Zuse, dessen programmgesteuerte Rechenanlagen den Grundstein zum Computerzeitalter legten.

Berufsgenossenschaften
Die Verwaltungsgebäude von zwei Berufsgenossenschaften sehen wir bei unserem heutigen Rundgang. An der Bundesallee nördlich des Bundesplatzes ist es ein Palais, das sich die Großhandels- und Lagerei-Berufsgenossenschaft 1925 von den Architekten Paulus & Paulus errichten ließ. Die goldenen Verzierungen der Eingangstür am neobarocken Portal sind immer im Blick, wenn man in den Bundesplatztunnel eintaucht. Von den beiden Architekten (Vater und Sohn) stammen auch die Entwürfe für die Künstlerkolonie am Südwestkorso und die Kreuzkirche am Hohenzollerndamm. Die Berufsgenossenschaft fusionierte inzwischen mit der des Einzelhandels zur Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution. Durch ein Gesetz wurde 2008 vorgegeben, dass die Zahl der Berufsgenossenschaften als Institutionen der gesetzlichen Unfallversicherung reduziert wird.

Auch die Tiefbau- Berufsgenossenschaft, die an der Babelsberger Ecke Waghäuseler Straße ihr Verwaltungsgebäude errichten ließ, ist inzwischen mit anderen zur Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft zusammengegangen. Entworfen wurde das Eckhaus im Jahr 1898 von den Architekten Becker & Schlüter. Das Gebäude ist ein Backsteinbau mit historistischen Elementen. Mit Putten sind auf der Fassade Tätigkeiten aus dem Baubereich dargestellt. Albrecht Becker und Emil Schlüter sind auch die Architekten des Literaturhauses in der Fasanenstraße und des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Schöneberg.


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Volkspark Wilmersdorf und Rudolph-Wilde-Park
Durchquert man den Parkgürtel, der vom Volkspark Wilmersdorf und Rudolph-Wilde-Park gebildet wird, dann überschreitet man an der verlängerten Kufsteiner Straße die Grenze zwischen den beiden Bezirken. Es ist ein fließender Übergang, lediglich von der Wegeanlage her kann man erkennen, dass gerundete Figuren von beiden Seiten hier aufeinandertreffen. Die Eiszeit hat eine Rinne geschaffen, die in gleicher Richtung wie das Urstromtal verläuft, aber ein unvergleichlich sehr viel kleineres Tal ist, in dem sich Seen gebildet hatten. Der Volkspark Wilmersdorf hieß anfangs Seepark, die Wasserfläche vom "Seebad Wilmersdorf" wurde erst 1915 zugeschüttet. Geblieben sind der Fennsee westlich der Blissestraße und der Ententeich am Rathaus Schöneberg.

Schöneberg begann 1906 mit der Anlage des Rudolph-Wilde-Parks, Wilmersdorf folgte 1912 mit seinem Volkspark. Es entstand ein Parkgürtel von rund drei Kilometer Länge, ein Landschaftsgarten mit gestalteten Elementen wie dem U-Bahnhof Rathaus Schöneberg und dem Hirschbrunnen. Emil Schaudt, der Architekt des KaDeWe, entwarf den U-Bahnhof, ein oberirdisches Bauwerk in der Senke des Stadtparks. Wegen des schwierigen Baugrunds ruht das Bahnhofsgebäude auf 70 Meter tiefen Betonpfeilern.

Vom U-Bahnhof aus kann man durch Fenster auf beiden Seiten in den Park blicken, eine in Berlin einmalige Anlage mit der Anmutung einer Orangerie. Vom Park führen breite geschwungene Treppen zur Carl-Zuckmayer-Brücke hinauf, die sich direkt über dem U-Bahnhof befindet. Auf dem steinernen Brückengeländer warten Tritonen (Meeresgötter) darauf, Nymphen über das Fenn zum anderen Ufer zu tragen, aber sie haben nichts zu tun, denn der Park ist keine Wasserfläche mehr.


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Kleingärten und Wohnanlagen an der Stadtgrenze
Es fällt auf, dass sich mehrere Kleingartenanlagen an der ehemaligen Stadtgrenze von Wilmersdorf ausbreiten. Auch die ehemalige Grenzstraße (Kuppenheimer Straße) ist eine Grünanlage. Offensichtlich gab es hier genügend freie Flächen, um in den 1920er Jahren den Wilmersdorfer Volkspark mit einem Kleingartengürtel zu erweitern, der den Städtern Zugang zur Natur ermöglicht. Ursprünglich ging das Kleingartenland von der Babelsberger Straße bis zum Stadtpark herunter, davon sind mehrere Cluster vor allem an der Kufsteiner Straße übrig geblieben. An der Durlacher Straße sind südlich des Parks weitere Kleingärten vorhanden. Auch für den Wohnungsbau wurde freies Gelände an der Grenze zwischen den beiden Bezirken genutzt, die "Wohnanlage am Stadtpark" zwischen Kufsteiner Straße und Meraner Straße entstand 1931.

Bauplanungen beunruhigen
Kleingärten sind eine bedrohte Art, die Begehrlichkeit, sie als Baugrund zu nutzen, ist groß. Eigentümlich ist ihr Anblick schon zwischen innerstädtischen Wohnblöcken, aber ihre Funktion als Durchgrünung, Erholungsfläche und für die Freizeitgestaltung ist unbestritten. Groß war daher das Erschrecken, als die Kleingärtner an der Babelsberger Straße unvorbereitet von den Planungen der Senatsbildungsverwaltung überrascht wurden, die angrenzende Wangari-Maathai-Schule auf ihrem Kleingartengelände zu erweitern. Nach Intervention des Bezirksbürgermeisters aufgrund der Proteste der Kleingärtner hat die Bildungsverwaltung die Idee aufgegeben und sucht nach einer "alternativen Lösung".

Neuer Wohnraum wird in der Stadt gebraucht, Nachverdichtung vorhandener Quartiere ist eine von mehreren Möglichkeiten. Darüber besteht grundsätzlich Einigkeit, aber muss es gerade vor meiner Haustür oder in meinem Innenhof sein? Und wenn es nicht anders geht, wird hier mit Augenmaß geplant? In der " durchgrünten offenen Siedlung" der Gewobag Am Mühlenberg gibt es bisher etwa 400 Ein- bis Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen aus den 1960er und 1970er Jahren. Ein zwölfgeschossiger Wohnbau steht an der Meraner Straße. Geplant war eine Nachverdichtung durch Neubauten mit 250 Wohnungen. Dass dies zuviel des Guten war, haben nach Protesten der Anwohner auch die Planer eingesehen. Jetzt ist noch die Rede von rund 120 Wohnungen, allerdings soll dafür das vorhandene Hochhaus durch zwei weitere Zwölfgeschosser eingerahmt werden und am Wendekreis ein Achtgeschosser entstehen. Immer noch eine starke Nachverdichtung, die die Anwohner akzeptieren müssen. Die Hälfte der Neubauwohnungen sollen Sozialmietwohnungen sein. So wird die Forderung des Stadtrats erfüllt, "wir brauchen dringend bezahlbaren Wohnraum in der Stadt".

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(*) Hier haben wir den Berg von Schöneberg erwähnt:
Hinauf auf den Böhmerberg
Erziehen mit Geduld und Arbeit
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Unsere Route:
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Bei Gewitter darf nicht geklettert werden