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Zwei Bäcker haben reichlich Mehl eingeatmet


Stadtteil: Tempelhof
Bereich: Ringbahn Tempelhof
Stadtplanaufruf: Berlin, Felixstraße
Datum: 31. August 2020
Bericht Nr.: 709

Seit den 1860er Jahren wird die Berliner Innenstadt von der Ringbahn umfahren, die im Stadtplan nicht als idealer Kreis, sondern als "Hundekopf" sichtbar ist. Diesen Einschnitt in den Stadtgrundriss haben sich in der Nachkriegszeit die Planer der Stadtautobahn zunutze gemacht, der Autobahnring A 100 folgt weitgehend der Bahntrasse. Auch Stadtstraßen mussten beim Bau der Ringbahn an den neuen Stadtgrundriss angepasst werden. So entstand die Ringbahnstraße, von der heute nur noch zwei Abschnitte in Halensee und Tempelhof ihren alten Namen behalten haben. Es war ein durchgehender Straßenzug vom Ringbahnhof Halensee bis zum Ringbahnhof Tempelhof, der heute die Straßennamen Seesener, Rudolstädter, Detmolder, Wexstraße trägt. Eine weitere kurze Ringbahnstraße ist am Ringbahnhof Neukölln vorhanden.

Die Tempelhofer Ringbahnstraße wird an ihrer Seite zum Bahngelände von Industriebauten beherrscht, während auf der anderen Straßenseite überwiegend Wohnbauten stehen. Wenn man in Berlin denkmalwerte Fabrikgebäude benennt, dann wird der Firmenname fast ausnahmslos mit dem Zusatz "ehemalige Fabrik" verwendet: Kaum ein Gebäude dient noch dem Zweck, zu dem es einmal mit Anspruch auf Ästhetik und Effizienz geplant worden ist. Die Firmen-Marken, die erhalten blieben und sich uns eingeprägt haben, werden im Hintergrund von einem Konzern zum nächsten Finanzinvestor verkauft, ohne dass wir es bemerken. Hier in der Ringbahnstraße lässt sich diese Entwicklung hautnah verfolgen. Lesen sie besser im Sitzen weiter, damit ihnen nicht schwindlig wird.

Bäcker können umtriebige Zeitgenossen sein
Umtriebige Zeitgenossen sind beispielsweise diese beiden Bäcker, die vielleicht in der Backstube "reichlich Mehl geatmet haben": Zu nennen ist erstens Horst Schiesser, der Inhaber der Geschi Brotfabrik, der mit einer wahnwitzigen Firmenübernahme den gewerkschaftseigenen Wohnungskonzern "Neuen Heimat" für eine Mark (1 DM) kaufte, daran aber nicht lange Freude hatte. Was ihn nicht daran hinderte, zu versuchen, der DDR-Regierung die gesamte Ost-Wirtschaft abzukaufen mit einem zinslosen Darlehen, das ihm die Bundesrepublik geben sollte.

Und zweitens ist zu nennen Heiner Kamps, der mit Brot, Fisch, Feinkost, Milch, fast auch mit Nudeln sein Geld verdiente (und manchmal verlor). Bäckermeister Kamps - der "Herr der Brötchen" - baute aus dem Nichts ein Backimperium mit Filialketten auf, ging an die Börse, kaufte Industriebäcker und Backshops hinzu. Als ihn die Schulden erdrückten, schnappte ein italienischer Nudelkönig sich den Brocken, der Pasta-Riese Barilla kaufte Kamps auf. Die Kamps-Filialkette verkaufte Barilla gleich weiter an einen Finanzinvestor, der sie fünf Jahre später wiederum an eine französische Lebensmittelgruppe verscherbelte. In den Kamps-Läden ist das Feeling à la francaise leider nicht angekommen, dort gibt es weiterhin deutsche Industriebackwaren.

Zurück zum Bäckermeister Kamps: Er kaufte sich 2005 in der Fisch-Kette Nordsee ein, hatte aber nach drei Jahren genug vom Fisch. Dann gründete er mit Müller-Milch ("Alles Müller oder was") ein Gemeinschaftsunternehmen und bastelte einen Feinkostkonzern zusammen. Dazu gehörte auch der Feinkosthersteller Pfennig. Irgendwann hatte es sich "ausgemüllert", 2016 stieg Kamps aus, nachdem er zwischenzeitlich den ganzen Müller-Konzern gelenkt hatte. In Zeiten von Corona sieht er wieder unternehmerische Chancen, aber dann resigniert der 65jährige: Geschätzte fünf Jahre Aufbauzeit, "das ist mir inzwischen wohl doch zu lang", außerdem will er sich um seine junge dritte Ehefrau und seine 6jährigen Zwillinge kümmern.

Pfennigs Feinkostfabrik
Will man die ganze Geschichte zu erzählen, kommt man an Pfennigs Feinkost, Café Möhring und dem Branntweinmonopol nicht vorbei, hatte doch Kamps den Feinkosthersteller Pfennig gekauft. In der Ringbahnstraße 10-14 gegenüber dem Kurt-Pfennig-Platz produzierte die 1907 gegründete "Pfennigs Feinkostfabrik" unter anderem Fertigsalate wie Kartoffelsalat, Pusztasalat, Dillhappen. Die Marke "Pfennig" ist eine lokale Berliner Spezialität, trotzdem gehörte der Betrieb zu den großen Feinkostherstellern Deutschlands.

Produziert wurde in einem fantasievollen Industriegebäude an der Ringbahnstraße. Die Attika unterhalb des Dachs ist mit Ornamenten aus Backstein geschmückt. In die Ornamente sind rautenförmige kleine Dachfenster in Zickzackform eingeschnitten. Eine Fabrik für Branntwein ließ das Industriegebäude 1905 errichten. In den Zwanziger Jahren übernahm - wie passend - die Reichsmonopolverwaltung für Branntwein das Gebäude und baute noch an.


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Bei dem Monopol ging es dem Staat nicht nur um die Volksgesundheit, sondern auch ums Geldverdienen: Wer Alkohol herstellte, musste ihn an die Monopolverwaltung abliefern. Der wurde dort gereinigt und an die Weiterverarbeiter verkauft, die zusätzlich zum Kaufpreis eine Branntweinsteuer zu bezahlen hatten. Das 1918 eingeführte staatliche Monopol ist 2017 "trockengelegt" worden, es widersprach dem EG-Recht. Die Steuer blieb, sie ist jetzt geregelt im Alkoholsteuergesetz (abgekürzt AlkStG, nicht AlkiStG).

Café Möhring
Auf dem Kurt-Pfennig-Platz steht eine moderne Plastik, ein Kinetisches Windspiel, das von seinem ursprünglichen Platz vor dem Café Möhring hierher versetzt worden ist. Das ist kein Zufall, denn Pfennig hatte das Café 1970 von den Erben des Konditormeisters Oscar Möhring gekauft, der es 1898 am Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße gegründet hatte. Die Pfennigs expandierten mit ihrem Zukauf, bald hatten sie vier Cafés, aber dann endete der Höhenflug. Im Jahr 2000 wurde das Stammhaus dichtgemacht, die anderen Cafés hatten da bereits geschlossen oder folgten später. Was blieb von dem Ausflug des Feinkostherstellers? Rote, grüne und gelbe Grütze in Plastikbechern, die unter dem Namen "Café Möhring“ verkauft wurde - welch ein Abstieg in die Unkultur.

Und Pfennig? Kamps hatte die Produktion nach Sarstedt bei Hildesheim verlegt, bei Pfennig verblieb der Grundbesitz in der Ringbahnstraße. So verwaltet das Unternehmen jetzt nur noch seine eigenen Immobilien. Das haben auch andere Industrieunternehmen nach Einstellung ihrer Produktion gemacht, beispielsweise die Gesellschaft Königstadt-Brauerei, die heute als Immobilienunternehmen am Kurfürstendamm sitzt.

Die Zaunkönige von Berlin
Wer früher einen Zaun brauchte, ließ ihn von "Lahr, Gawron & Co" oder von "Lerm & Ludewig" aufstellen. Die kleinen Schilder mit ihrem Firmennamen am Zaunende blieben den Vorbeigehenden jahrzehntelang im Blickfeld. Lahr, Gawron & Co hatten sich in den 1930er Jahren in Berlin zusammengetan. Beim Arnim'schen Gut Wiepersdorf im Fläming hatten sie bis Kriegsende eine weitere Produktionsstätte.

Das Unternehmen Lerm & Ludewig war sehr viel älter, es ist 1846 als "Drahtweberwerkstatt" gegründet worden und übernahm 1905 den Gewerbehof in der Ringbahnstraße, der sechs Jahre vorher von einer Werkzeugfabrik errichtet worden war. Es ist ein ausgedehntes Bauensemble, das einen geräumigen Hof umschließt und der einzige Gewerbehof, den Tempelhof besitzt. Die kräftigen Wandpfeiler aus Backstein bilden ein Fassadenraster, das den variablen Grundrissen entspricht, die für unterschiedliche Zwecke genutzt werden können. Die Treppenhäuser sind baulich hervorgehoben und mit Giebeln geschmückt. Das schmiedeeiserne Geländer des Haupttreppenhauses hat übrigens die Zaunfabrik selbst produziert und mit Weinlaub verziert.

Die erfolgreichen Drahthersteller bekamen bald einen Spitznamen, sie waren die "Zaunkönige" von Berlin. Im West-Berlin der Nachkriegszeit gab es zu wenige Aufträge, die Zaunfabrik musste in den 1980er Jahren aufgeben. Jetzt ist das Gebäudeensemble wieder ganz das, was es auch während der Zaun-Ära teilweise geblieben war - ein Gewerbehof.


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Nachkriegsbauten als Baudenkmale
Erst allmählich werden bemerkenswerte Nachkriegsbauten als Baudenkmale eingetragen, zu kurz schien der zeitliche Abstand, um eine Einschätzung von höherer Warte zuzulassen. 30 Jahre will die Denkmalbehörde vergehen lassen, bis sie sich mit dem Denkmalwert eines Baus befasst. Inzwischen sind 75 Jahre vergangen, die Zahl der Nachkriegs-Denkmale wächst, mit dem ICC-Kongresszentrum ist gerade im letzten Jahr ein markantes Gesamtkunstwerk unter Schutz gestellt worden. An der Ringbahnstraße treffen wir auf zwei Baudenkmale aus den 1950er und 1970er Jahren.

Hauptwerkstatt der Berliner Stadtreinigung
Wie moderne Industriearchitektur aussehen kann, hat der Architekt Josef Paul Kleihues in den 1970er Jahren mit dem Bau der Stadtreinigungs-Hauptwerkstatt gezeigt. Das langgestreckte Gebäude mit halbrundem Abschluss zeigt sich nach außen als serielle Abfolge von schmalen Betonelementen und Rolltoren, die in gläsernen Fassadenelementen laufen. Die Reihung setzt sich bei der inneren Struktur fort, hinter den Rolltoren werden die Fahrzeuge auf Wagenständen hergerichtet. Bei dem durchdachten und übersichtlichen Aufbau ist jedes Detail ästhetisch und funktional, in der Sprache des Architekten ist das "poetischer Rationalismus".

Die Hauptwerkstatt ist inzwischen nach Marzahn verlegt worden, der Kleihues-Bau wird aber weiterhin von der BSR genutzt. Dort befindet sich auch das "Müllmuseum" zur Geschichte der Straßenreinigung und Müllabfuhr in Berlin.

Nachkriegsmoderne: Das Eckhaus
Was für eine gelungene Ecklösung! Das markante Bürogebäude am Zusammentreffen von Ringbahnstraße und Tempelhofer Damm könnte Geschäftshausarchitektur der 1920er Jahre sein, wurde aber tatsächlich 1950 entworfen. Die Fenster an den beiden Seitenstraßen laufen mit horizontalen Bändern auf den zylindrischen Baukörper an der Ecke zu, der eine vertikale Gliederung aufweist.


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Schon öfter habe ich über die architektonische Herausforderung von Ecklösungen berichtet, hier ist eine in vollkommener Form.

Siedlung Märkische Scholle

Die Ringbahnstraße setzt sich nach Süden als Felixstraße bis zur Albrechtstraße fort. Dort hat das gemeinnützige Wohnungsunternehmen "Märkische Scholle" vom Architekten Erwin Gutkind 1930 eine variationsreiche Wohnanlage errichten lassen. Die Wohnblöcke sind als Zeilen in Nord-Süd-Richtung ausgeführt, dadurch können die Wohnungen gut belichtet und belüftet werden. Die Balkone und Treppenhäuser sind bei den einzelnen Bauten unterschiedlich angeordnet, das ergibt ein abwechslungsreiches Fassadenbild. Durch eingeschossige verglaste Ladenvorbauten sind mehrere Baukörper miteinander verbunden. Heute sind Gemeinschaftseinrichtungen der "Märkischen Scholle" in den ehemaligen Ladenzeilen untergebracht.

> An der Ecke Manteuffelstraße haben wir unseren Rundgang durch die Ringbahnstraße beendet. Westlich davon liegt das Reichspostzentralamt, zu dem sie dieser Spaziergang Richtung Alboinplatz führt: Drei Eiszeiten - eine Stadt

> Von der Siedlung Märkische Scholle in die Tempelhofer Mitte können sie diesem Spaziergang folgen: Nicht für das Leben lernen wir

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Unsere Route:
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Der Mönch mit der Sprühdose