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Der Mönch mit der Sprühdose


Stadtteil: Tempelhof
Bereich: Marienfelde
Stadtplanaufruf: Berlin, Emilienstraße
Datum: 24. August 2020
Bericht Nr.:708

Ein "Nasses Dreieck" haben wir schon zweimal in Berlin gefunden. In Charlottenburg wurden einsturzgefährdete Häuser im Dreieck von Zillestraße, Fritschestraße und Hebbelstraße abgerissen, die auf einem zugeschütteten Karpfenteich errichtet worden waren. Und in Pankow kann man nasse Füße bekommen in einer innerstädtische Brache zwischen Eisenbahngleisen nördlich des Bahnhofs Bornholmer Straße, auch sie wird "Nasses Dreieck" genannt.

Die Marienfelder haben ein ganz eigenes "Nasses Dreieck". Dort, wo sich Alt Marienfelde, Marienfelder Allee und Malteserstraße begegnen, standen drei Wirtshäuser, die die Kehlen der Dürstenden befeuchten konnten. Prost! Eine nette Geschichte, die ihm Rahmen des Gründungsjubiläums von Marienfelde durch eine Infotafel publik gemacht wird. Vor 800 Jahren gründeten die Tempelritter das Dorf Marienfelde - ein Jubiläum, das zum Feiern anregt. Leise aber eindrucksvoll wolle man feiern, ohne Musik, ohne Gesang, ohne Sport, Corona ist‘s geschuldet.

Dazu hat man ein Künstlerduo eingeladen, das sich mit fantasievoller Street-Art und mit Installationen einen Namen gemacht hat - David Mannstein und Maria Vill. Beispielsweise haben sie in Bayreuth "die Energie der Sonne in poetische Texte umgewandelt": Eine neun Meter hohe Metallskulptur - einem Spitzwegerich nachgestaltet - wurde in Bayreuth in der freien Natur aufgestellt. Eine Photovoltaikanlage auf dem Blatt spendet die Energie, um die Laufschrift auf dem Stängel zu betreiben, die aus eingereichten Textvorschlägen gespeist wird. In Marienfelde haben sie Wandbilder an historischen und herausgehobenen Orten geschaffen, riesige Fotos, die bis zu haushoch in Klebetechnik appliziert sind.

St. Alfons Kirche
Ein Mönch ist mit einer Spraydose an der katholischen Kirche Emilien- Ecke Beyrodtstraße zugange. Das ist natürlich nur ein Wandbild der Jubiläumsfeier "Marienfelde goes Street Art". Wenn Gott beim Jüngsten Gericht feststellt, dass die Welt Zerstörung verdient, wird er sie dann vernichten? Oder wird sich seine "Barmherzigkeit erheben über das Gericht", wird sie größer sein als der Zorn? Mit der Sprühdose schreibt der Mönch diesen Appell für die Barmherzigkeit an die Kirche St. Alfons, deren Kirchenpatron sich mit dem gnädigen Zugang der Menschen zur Frohen Botschaft auseinandergesetzt hatte.

Eine Möhring-Villa
Der Architekt Bruno Möhring hat 1904 in Marienfelde für sich selbst eine Villa gebaut, "seine Straße" ist nach ihm benannt. Um die Ecke in der Emilienstraße ließ sich der Direktor der Mercedes-Werke an der Daimlerstraße von Möhring ein herrschaftliches Wohnhaus mit zwei kurzen Seitenflügeln erbauen. Es ist bewusst schmucklos gehalten mit Wandflächen aus Klinkern und weiß gestrichenen Sprossenfenstern. Doch in dem repräsentativen Ehrenhof vor dem Hauseingang ist jetzt der Kitsch zu Hause: Ein zweistufiger Brunnen aus weißen Frauenleibern und Putten nimmt einen Teil des Vorgartens ein. Aus der repräsentativen Villa ist ein "Kontorhaus" geworden, in dem "Bürosuiten" und Räume "für anspruchsvolle Tagungen und Empfänge" vermietet werden, "bei denen auch der Garten mit einbezogen werden kann". Vielleicht hat man deshalb den Außenbereich aufgehübscht, um die Tagungsteilnehmer zu entzücken

Notaufnahmelager Marienfelde
Auf der Fassade des Notaufnahmelagers eine Flüchtlingsfamilie abzubilden, ist naheliegend. Das Bild stammt aus einer Zeit, als DEUTSCHE Flüchtlinge waren, nach Merkels "Wir schaffen das"-Ansage haben viele das vergessen. Für 1,35 Millionen DDR-Flüchtlinge war seit 1953 das Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde die erste Station, als sie in den Westen kamen.

Heute wohnen wieder Flüchtlinge in dem umzäunten Gelände. An der Stegerwaldstraße hängen im Innenbereich am Zaun mehrere traurige Blumentöpfe in alten Konservendosen, dazu ein Schild: "Kita Garten". Das erinnert an Zilles Zeichnung: "Mutta, jieb doch die zwee Blumentöppe raus, Lieschen sitzt so jerne ins Jrüne!"


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Gutshaus Marienfelde
Südlichster Punkt der Street-Art Installation ist das Gutshaus am Nahmitzer Damm, es zeigt den Gutsbesitzer Adolf Kiepert und seine Ehefrau Emilie. Damit verbindet sich ein weiterer Gedenktag, Adolf Kiepert ist 1820 geboren, er wäre in diesem Jahr 200 Jahre alt.

Welches Risiko ist das Institut für Risikobewertung?
Der Gutshof Marienfelde gehört seit 1977 der Bundesrepublik. Das "Institut für Risikobewertung" der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft hat hier einen von drei Standorten in Berlin und einen sehr repräsentativen dazu. Idyllisch sitzt die nachgeordnete Behörde in klassizistischen Bauten auf dem landwirtschaftlichen Mustergut, das Adolf Kiepert einst aufgebaut hat. Kiepert war auch einer der Gründungsväter der "Grünen Woche".

Zuständig ist das Institut für die "Sicherheit von Lebensmitteln, Futtermitteln, Chemikalien und Produkten". Fünfzehn (!) Kommissionen des Instituts beraten die Ministerin als "unabhängige Sachverständigengremien". Eine ihrer "sachverständigen" Aussagen betraf die umstrittene und bestrittene Unbedenklichkeit von Glyphosat. Das Institut sei fachlich unabhängig, beteuert es, dabei sitzen in den Kommissionen Lobbyisten der Lebensmittelindustrie und Mitarbeiter von Pestizidherstellern. Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft macht nicht nur hier eine unglückliche Figur.

Wenn‘s bei der Feuerwehr brennt
Der Umgang der Feuerwehr mit dem Feuer wird gern auch ironisch aufs Korn genommen. Als bei einem Einsatz der Neuköllner Feuerwehr die Töpfe auf dem Herd weiter kochten, musste eine Nachbarwache das Feuer löschen. In der Schieritzstraße im Prenzlauer Berg brennt sogar der Dachstuhl, allerdings nur auf einem Wandbild an der Feuerwache. Die Leiter reicht gerade so hoch, dass der Feuerwehrmann mit der Spritze den brennenden Dachstuhl erreicht.

Der Turm der Feuerwache Alt Marienfelde ist ebenfalls mit einer Street-Art Installation geschmückt worden, die man beim flüchtigen Hinsehen für Feuerbekämpfung halten könnte, sind doch ganz oben die gelb-roten Farben zu sehen, die zu einem Feuer gehören. Tatsächlich ist es aber ein riesiger Goldfisch, der von Kindern in Räuberleiter erreicht wird. Sie arbeiten als Team zusammen und können so ein Ziel erreichen, dem man allein nicht näherkommen würde.


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Kloster Vom Guten Hirten
In der Malteserstraße wird die fürsorgliche Rolle des Klosters Vom Guten Hirten durch zwei Wandbilder beschworen: "Das Kloster nahm viele Mädchen und junge Frauen auf, die Opfer von Armut, Kriminalität, Prostitution oder Obdachlosigkeit waren. Durch Fürsorge, Schule und Ausbildung wurden sie auf einen Neuanfang im Leben vorbereitet". Leider wird dabei das Leiden der Betroffenen im Kloster völlig ausgeblendet.

Sittlich gefährdete Mädchen wurden vor dem vermeintlich schädlichen Einfluss der Großstadt wie Gefangene gehalten. Nonnen führten das Kloster "Vom Guten Hirten", in dem 400 Mädchen in der Bäckerei, Wäscherei, den Gärten und auf den Feldern arbeiten mussten. Durch bauliche Maßnahmen wurde der Kontakt der Mädchen untereinander unterbunden. Im Kloster waren die Höfe zwischen den Wohntrakten mit Mauern umschlossen, Öffnungen waren vergittert. Das Kloster war nach dem Vorbild des "Zellengefängnisses" erbaut worden, bei dem die Zellentrakte sternförmig um einen Beobachtungsturm gruppiert waren. Von dem zentralen Turm aus konnte der Wärter alle Zellen einsehen. Der Platz des zentralen Wärters wurde im Kloster vom Hochaltar eingenommen, von dem aus der Priester in alle Wohntrakte blicken konnte, denn nur Männer durften die Gottesdienste abhalten. Isolierung und Kontaktverbote als Fürsorge? Etwas mehr Wahrheit hätte dem Jubiläum gut angestanden.

Der Riss in der Wand
In der unseligen Zeit des Dritten Reichs wurden Juden nicht nur körperlich verfolgt und vernichtet, sondern auch "unsichtbar" gemacht. Indem man ihre Namen tilgte und nicht mehr verwendete, verschwanden sie aus dem Bewusstsein der Nachwelt. Ein Beispiel für viele ist der Kunstmäzen James Simon, dem die Museumsinsel Schätze wie die Nofretete verdankt. Er starb bereits 1932, wurde aber erst in der Gegenwart wieder entdeckt, nachdem die Nazis ihn totgeschwiegen hatten.

Die Street-Art-Künstler haben in ihrer Sprache hierfür ein eindringliches Bild geschaffen. An der Dr.-Jacobsohn-Promenade gegenüber dem Kloster tut sich an einer Hauswand ein senkrechter Riss auf, in welchem ein weiß gekittelter Mann schon mit einem Bein und einer Körperhälfte verschwunden ist. Es ist eine Würdigung des Arztes Dr. Moritz Jacobsohn, der als praktischer Arzt und Geburtshelfer bei der armen Bevölkerung sehr beliebt war. Er emigrierte wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA.


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Postbeamte schauen auf die Post
Wer am Gebäude Kaiserallee 33 den Knopf auf dem ramponierten Klingeltableau drückt, dem wird nicht aufgetan. Hier "wohnt" der DSL-Hauptverteiler ASB 721 der Deutschen Telekom, der die Netzanschlüsse der umliegenden Teilnehmer über eine Schnittstelle aus Kupfer-Doppelader versorgt. Doch wer sind die überwiegend uniformierten Männer, die als Wandbild von dem Haus herüber schauen? Es sind Postbeamte, die 1905 für ein Gruppenfoto posierten gegenüber ihrem Arbeitsplatz, dem Kaiserlichen Postamt Kaiserallee 32.

Das Postamt bestand dort bis mindestens 1961. Zwischen 1961 und 1974 wurde für das Postamt 48 an der Ecke Kaiserallee und Marienfelder Allee ein Neubau errichtet, der heute nicht mehr in Betrieb ist. Das Gebäude mit dem Wandbild und dem DSL-Verteiler ist Teil dieses Nachkriegs-Postamtes.

Stadtteilbibliothek Marienfelder Allee
Die Seitenwand der Stadtteilbibliothek ist mit dem Foto eines Mädchens geschmückt, das aus liegender Position verträumt auf den Vorgarten schaut. Mein Mitflaneur hatte die richtige Eingebung, dass es zu diesem Bild eine Entsprechung irgendwo am Gebäude geben müsse. Wir haben zu früh aufgegeben, deshalb ist uns die fliegende Eule auf der Rückseite des Gebäudes verborgen geblieben. Die Eule als Symbol für Intellekt, Erleuchtung und Weisheit schmückt zu Recht den Büchertempel.


"Marienfelde goes Street Art" - die Bezirksbürgermeisterin hat die Losung wörtlich genommen und vor einer Woche das Projekt mit einem Kiezspaziergang eröffnet. Wie immer bei Street-Art handelt es sich um eine zeitlich begrenzte Installation, die der Witterung ausgesetzt ist - die Vergänglichkeit ist Teil der Idee. Die Paste-Ups - auf den Wänden aufgeklebte Fotos - werden irgendwann vergehen.

> Vor zehn Jahren haben wir das Dorf Marienfelde schon einmal besucht und uns mit der Heilandsweide, dem Rittergut, dem Notaufnahmelager und der Militäreisenbahn befasst.
Den Bericht finden Sie hier: Rasende Züge und unerfüllte Liebe

> Die Maschinen- und Autofabriken jenseits der Bahn, die Adlermühle und die Tauernsiedlung haben wir vor zwei Jahren angesehen.
Den Bericht finden Sie hier: Vom Dampfauto zum Dieselmotor

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Das Goldene Horn liegt in Mariendorf
Zwei Bäcker haben reichlich Mehl eingeatmet