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Kirchtürme schießen rasant empor


Stadtteil: Kreuzberg
Bereich: Tempelhofer Vorstadt, Offiziersviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Hagelberger Straße
Datum: 9. Juni 2021
Bericht Nr.:738

Nicht jeder, der nach Indien fährt, entdeckt Amerika (Erich Kästner). Aber die Flaneure, die zwischen Yorckstraße und Kreuzbergstraße östlich der Bahn unterwegs sind, haben die Chance, etwas von dem "Offiziersviertel" zu sehen, wie das Quartier dort genannt wird. Es ist umgeben von Kasernen, im Norden am Mehringdamm die Dragonerkaserne und im Süden zwischen Jüterboger Straße und Columbiadamm ein weiteres Kasernenviertel am Rand des ehemaligen Exerzierplatzes Tempelhofer Feld.

Auch die Straßenbenennungen sind militärischen Ursprungs. Die Yorckstraße ist Teil des "Generalszuges", des Straßenzugs, der die Namen preußischer Militärs trägt - Tauentzien, Kleist von Nollendorf, Bülow, Yorck, Gneisenau, alles Militärführer der Befreiungskriege gegen Napoleon. Die Namen Hagelberger Straße und Möckernstraße im Offiziersviertel stehen in demselben Kontext, sie verweisen auf Orte militärischer Siege während der Befreiungskriege. Auf diese Weise war das Viertel von militärischen Straßenbenennungen und militärischen Institutionen umgeben, ohne als Wohnviertel davon geprägt zu sein.

"Entmilitarisierung des öffentlichen Raums"
Kleine Randbemerkung zur "Entmilitarisierung des öffentlichen Raums". Gegen die "Militarisierung" von Straßennamen ist der Versuch einer ideologischen Säuberung im Gange, der bereits den Kreuzberger Kulturausschuss erreicht hat. Wenn wir nur gelten lassen, was unseren heutigen Wertvorstellungen entspricht, wird eine riesige Umbenennungswelle die Stadt erfassen. Dann müssten beispielsweise auch die Straßennamen verschwinden, die rund um den Kollwitzplatz und im Steglitzer Stadtparkviertel an Schlachtenorte in Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erinnern. Früher ist selbst Verdi schon einmal einer solchen Säuberung zum Opfer gefallen. Da wird sich bestimmt noch einiges finden lassen, was die Vergangenheit vergangen macht, welch eine Geschichtsvergessenheit!

Tempelhofer Vorstadt
Zurück zu unserem Spaziergang: Die Stadt Berlin hat sich 1861 die "Tempelhofer Vorstadt" zwischen Landwehrkanal und Tempelhofer Feld einverleibt und den Hobrecht‘schen Stadtgrundriss entsprechend erweitert. Das Offiziersviertel gehörte dazu, darüber hinaus erstreckte sich das neue Gebiet bis zur Hasenheide und der Dudenstraße. Die Bebauung des Viertels begann, nachdem 1862 James Hobrechts Bebauungsplan wirksam geworden war und mit dem 1871 proklamierten Kaiserreich die Gründerzeit einsetzte. Die Bebauung des Kiezes ist fast vollständig erhalten geblieben, sie ist geprägt durch ein ungewöhnliches Nebeneinander unterschiedlicher sozialer Verhältnisse, von herrschaftlichen Wohnbauten bis zu Mietskasernen.

Riehmers Hofgarten
Mittelpunkt des Quartiers ist "Riehmers Hofgarten", eine Wohnanlage, die von der Hagelberger Straße her bebaut wurde, bis zur Yorckstraße durchgeht und durch zwei innenliegende Privatstraßen erschlossen wird. Zwei spiegelbildliche Gebäude mit kuppelförmigen Dachaufbauten öffnen an der Hagelberger Straße die Einfahrt zum Hofareal.


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Die Anlage bietet ein überwältigendes Bild, nicht nur an den Straßenfronten, auch im Hofbereich sind die Fassaden palastartig gestaltet. Stilelementen aus der Antike, Romanik, Renaissance und dem Barock und die Aufbauten mit Türmen und Säulen geben dem Wohnkomplex ein herrschaftliches Gepräge. Mit großen Wohnungen für das gehobenen Bürgertum. Die offene Bebauung mit Gebäudegruppen war ein neuer Bautypus, er wurde zum Vorbild für genossenschaftliche und private Wohnanlagen jener Zeit.

Die Bauvorschriften waren damals auf Mietskasernen zugeschnitten, für ein solches Reformvorhaben hatte die Baubehörde kein Verständnis und versagte die Baugenehmigung. Man glaubt es kaum - weil es keine Mietskaserne war, wurde es nicht genehmigt. Riehmer klagte dagegen und trug vor Gericht vor, dass "Mietskasernen der Gegend nicht zur Zierde gereichen", seine Bauten dagegen mit einem großen gärtnerisch ausgeschmückten Hof dem Charakter der Gegend entsprechen - und er bekam Recht.

Wer war dieser Wilhelm Ferdinand August Riehmer, der für Bauten mit Licht und Sonne kämpfte? Der 1830 geborene Maurermeister hatte offensichtlich eine dem Architekten ähnliche fachliche Unterrichtung in Zeichnen, Modellieren, Geometrie, Materiallehre, Baustilen, Bürgerlicher Baukunst, Baukonstruktion, Formenlehre bekommen, wie sie an Baugewerkschulen vermittelt wurde. Damit wurden begabte Handwerker in die Lage versetzt, selbstständig anspruchsvolle Wohnbauten zu errichten.

Riehmer kannte sich als Einheimischer aus, er hatte in der Lindenstraße, Wilhelmstraße und am Mehringdamm gewohnt. Im Gebiet vor dem Halleschen Tor hatte er Grundstücke gekauft, bebaut und gewinnträchtig weiterverkauft. Als Baudenkmale sind heute noch seine Bauten in der Oranienstraße, Mariannenstraße, am Heinrichplatz und am Planufer eingetragen. An der Friedrichstraße erbaute er das Apollo-Theater. Den Hofgarten bebaute er sukzessive über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren.

Katholische St. Bonifatius-Kirche
Angrenzend an Riehmers Hofgarten ließ die katholische St. Bonifatius-Gemeinde 1903 eine Wohnanlage errichten, deren Mietüberschüsse wesentlich zur Finanzierung des drei Jahre später gestarteten Kirchenbaus beitragen konnten. In ruhiger, durchgrünter Umgebung liegen die Wohnungen an einem in die Grundstückstiefe reichenden Innenhof, Luft und Licht erreichen die Bauten und Wohnungen.


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Im Material stimmen Kirche und Wohnbauten überein. Erker und Loggien, Treppengiebel und Turmaufbauten lockern die Wohngebäude auf.

Die Kirche ist in den Blockrand eingefügt, so wie das bei vielen katholischen Kirchen in Berlin der Fall ist. "Aus der niedrigen Straßenfrontbebauung schießen die Türme rasant empor, befreien sich gleichsam aus Niedrigkeit und Enge", schreibt die Kirchengemeinde auf ihrer Website. Es sind gotische Formen, und die sind einfach himmelsstürmend.

Mietwohnhäuser im Quartier
In der Umgebung von Riehmers Hofgarten sind in den 1880er Jahren viele repräsentative Mietwohnhäuser entstanden, die wie in Riehmers Fall von Maurermeistern oder Zimmermeistern geplant und ausgeführt wurden. Es war die Zeit der Handwerker, die sich Kenntnisse in Baukunst und Architektur angeeignet hatten und entweder für andere Bauherren oder für sich zum gewinnträchtigen Weiterverkauf tätig wurden. Dabei nutzten sie vielfältige Schmuckformen für ihre Häuser. In der Hagelberger Str.52 wird rotes Sichtmauerwerk kombiniert mit weißen Fenstereinfassungen und Fassadenbändern, eine oft anzutreffende Zusammenstellung. Mehrfach finden sich Nachbarhäuser, die sich spiegelsymmetrisch aufeinander beziehen. Zur Wirkung im Stadtraum haben die Baumeister stimmungsvolle Architekturbilder geschaffen, die noch heute auf uns wirken. Die unrenovierten Altbauten im Nachkriegslook in der Katzbachstraße fallen da besonders aus dem Rahmen.

Wie bei Riehmers Hofgarten gehen auch bei den anderen Straßenkarrees im Quartier die Grundstücke weit in die Tiefe. James Hobrecht hatte in seinem Bebauungsplan die notwendigen kleinen Erschließungsstraßen nicht eingezeichnet, deshalb ist oft die gesamte Innenfläche eines von Hauptstraßen umschlossenen Blocks mit Mietskasernen bebaut worden, in denen die Höfe hintereinander geschachtelt sind. Zwischen Katzbachstraße und Möckernstraße führen mehrere Wege zu innenliegenden Bauten. Was im Stadtplan wie eine Privatstraße aussieht, ist in Wirklichkeit der Zugang innerhalb eines Grundstücks. Das Künstlerhaus Ernst Gettke und die Milchkuranstalt liegen an solchen Zugangswegen.

Milchkuranstalt
In den 1880er Jahren boomte die Versorgung der Bevölkerung mit Frischmilch. Es war nicht nur Carl Bolle, der professionell an der Dahme ein eigenes Mustergut mit allgemeiner Meierei und Kindermilchmeierei betrieb und von Alt-Moabit aus mit mehr als hundert Pferdewagen frische Milch in der Stadt auslieferte. Überall in der Stadt wurde in Hinterhöfen und in Stockwerksfabriken Milch produziert. Im Kampf gegen die hohe Säuglingssterblichkeit bekam Kuhmilch nicht nur im Krankenhaus einen hohen Stellenwert, auch in speziellen Trinkhallen wurde gesunde "Kinder- und Kuhmilch" ausgeschenkt.

In der Kreuzbergstraße 28 siedelte sich die Milchkuranstalt Viktoriapark an, in deren zweistöckigem Hofgebäude 250 Kühe und 20 Pferde untergebracht waren. Das Backsteingebäude mit weißen Putzfeldern ist durch einen vorspringenden Mittelteil gegliedert und erstreckt sich weit ins Innere des Hofes. Die Fenster befinden sich auf der Ostseite des Produktionsgebäudes, durchlüftet wurden die Räume mithilfe von Lichthöfen auf der Rückseite. In einer Trinkhalle im Erdgeschoss wurde Milch für die Bevölkerung angeboten, auf dem Nachbargrundstück gab es einen Kurgarten. Erst 1921 wurde der Milchhof aufgegeben.

Lampenfabrik, Künstlerhaus Ernst Gettke
Bis an den Milchhof reicht die Hoferschließung der Möckernstraße 68 seitlich heran, das Grundstück ist 4.000 qm groß. Ein Lampenfabrikant hatte hier seine Villa an der Möckernstraße und seine Fabrik im Innenbereich des Grundstücks erbauen lassen. Eindrucksvoll ist schon der Zugang durch einen hohen Rundbogen, über dem ein Säulengang thront. Das neoklassizistische Wohnhaus mit weitem Dachüberstand ist die letzte Fabrikantenvilla, die in diesem Quartier erhalten geblieben ist.


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Das fünfgeschossige Fabrikgebäude im Hof hat eine schlichte rote Backsteinfassade. In den Etagen sind die Flächen variabel nutzbar, nur durch eine Reihe von eisernen Mittelstützen unterbrochen. Die Lampenfabrik Kindermann verlegte 1910 ihre Produktion von Berlin weg, seitdem gab es unterschiedliche Nutzungen. Metallartikel, Getränke, Konserven, Sanitärartikel und Arzneimittel wurden dort produziert oder gelagert. Auch das Schuhhaus Schmolke lagerte dort seine Waren, in den 1950er Jahren "Berlins führendes Schuh-Teilzahlungsgeschäft". Das Wirtschaftswunder war im Kommen, sogar Schuhe konnte man auf Raten kaufen.

Das Gebäude bekam eine neue Funktion als Künstlerhaus, als die Stiftung "Aenne und Heinz Ullstein Fonds" 1976 das Grundstück kaufte. Heinz Ullstein gehörte zur Verleger-Familie Ullstein, die ein Verlagsimperium in Berlin aufgebaut hatte. Nach der Enteignung durch die Nazis blieb Heinz Ullstein als Einziger seiner Familie in Deutschland und überlebte dank des mutigen Einsatzes seiner "arischen" Frau. 1943 internierten die Nazis Juden aus "Mischehen" in einem Gebäude der Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße, um sie von dort in Konzentrationslager zu deportieren. Angehörige - vorwiegend Frauen, auch Aenne Ullstein - demonstrierten tagelang vor dem Gebäude in der Rosenstraße und setzten sich unüberhörbar für die Freilassung der Inhaftierten ein. Aufgrund der Proteste wurden nach und nach alle in die Rosenstraße Verbrachten freigelassen.

Heinz Ullstein war Schauspieler wie seine Frau Aenne. Auch als Produzent und Regisseur arbeitete er, bevor er Verleger wurde (dem Druck des Familienclans nachgab?). Trotzdem blieb seine Verbindung zur Schauspielerei, er setzte sich für Schauspieler und Journalisten ein, die in Not geraten waren und gründete zusammen mit seiner Frau den "Aenne und Heinz Ullstein Fonds".

Der Fonds erwarb nach seinem Tod das Anwesen der Lampenfabrik Kindermann und wandelte das Fabrikgebäude in ein Künstlerhaus um. Es bekam den Namen des Vaters von Aenne Ullstein geb. Gettke. Ernst Gettke war Schriftsteller, Regisseur und Theaterdirektor und hatte die Bühnengenossenschaft mitbegründet.
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Hier können Sie den Spaziergang fortsetzen:
> Yorckbrücken: Unter den Brücken
> Mehringdamm: Die Unergründlichkeit der menschlichen Existenz
> Kreuzberg mit Befreiungsdenkmal: Herr Leutnant ich bin ein Mädchen
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Unsere Route:
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Automobile auf der Etage