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Automobile auf der Etage


Stadtteil: Kreuzberg
Bereich: Zwischen Görlitzer Park und Landwehrkanal
Stadtplanaufruf: Berlin, Reichenberger Straße
Datum: 26. April 2021
Bericht Nr.:733

Vom Kottbusser Tor bis zum Knick des Landwehrkanals sind wir heute in der Reichenberger Straße unterwegs. Immer wieder begeistern uns die Gewerbehöfe hinter den Wohnbauten, die typische Kreuzberger Mischung von Wohnen und Arbeiten. Es ist das dichte Nebeneinander von Wohnen und Gewerbe innerhalb eines Wohnblocks, heute meist mehr mit Dienstleistungen und Start-Ups als Gewerbe. Die Wohnbebauung aus der Gründerzeit hat "zahlreichen Anzeichen für bauliche Aufwertungen", schreibt das Bezirksamt. Der Sender rbb benennt die Situation klarer als "Paradebeispiel für Umwandlung und Entmietung", als einen Stadtplan, auf dem Immobilienakteure Monopoly spielen.

Es sind dieselben Häuser, die vor vierzig Jahren besetzt wurden, um sie instand zu setzen und ihren Abriss zu verhindern. Heute werden sie von Renditejägern gekauft, oft um sie bald zu höheren Preisen weiter zu verkaufen. Es geht dabei nicht um das Wohnen, es geht um einen Markt, in dem der in Berlin verfassungsrechtlich zugesicherte Wohnraum als Ware gehandelt wird. Nicht die Werterhaltung und Pflege der Häuser sind das Ziel, sondern spekulative Gewinne aus Preissteigerungen, die man schon abgreifen kann, wenn man einfach nur nichts tut - nichts investiert, nichts repariert, nur abwartet.

Inzwischen investieren auch große Finanz- und Fondsvermögen in Wohnungsbestände, die eine höhere Rendite versprechen als Geldanlagen zu Nullzinsen oder Strafzinsen. Und es gibt Aktiengesellschaften mit großen Immobilienbeständen, aus denen Gewinne erwirtschaftet werden müssen, um Dividenden für die Aktionäre zu generieren. Wenn diese Akteure langfristig orientiert sind, pflegen sie ihren Bestand, ansonsten lassen sie ihre Mieter hängen, tun nur das Allernotwendigste oder verdrängen sie durch Aufteilung in Eigentumswohnungen und Luxusmodernisierungen. Wen wundert es, dass der Ärger und die Wut der so behandelten Mieter in Initiativen gemündet sind, die die Sozialbindung des Eigentums durch Enteignung einfordern.

Daneben ist auch hier der gängige Aufwertungsprozess zu beobachten, der zur Gentrifizierung mit zahlungskräftigen Bewohnern führt. Bei unserem Rundgang über die Reichenberger Straße beobachten wir, dass junge Familien mit Kinderwagen und den Kleinen auf Laufrädern sich das Quartier erobern, eine Anmutung von Prenzelberg.

Bei der Aufwertung des Kiezes hat es aber auch eine absurde Entwicklung gegeben: An der Ecke Liegnitzer Straße ist ein Neubau entstanden, der mit Reichtum protzt: Dort kann man per Fahrstuhl sein Auto mit auf die eigene Etage nehmen und direkt vor der Wohnung parken. Auch waschen kann man sein Gefährt dort oben dank Benzinabscheider, aber wer wäscht sein Auto schon selbst, wenn er mehr als 1 Mio für die Wohnung bezahlen kann?

Erdmannshof
Einen Lastenfahrstuhl für Fahrzeuge gab es schon 1910 im Erdmannshof am Paul-Lincke-Ufer, er diente den Hinterhoffabriken. Lastwagen samt Ladung konnten damit in die Fabriketagen befördert werden. Erdmann hatte für seine "Werkstätten für Handwerkskunst" einen Baukomplex erstellen lassen, bei dem nicht ohne Grund ein Ingenieur dem Architekten zur Seite stand: Der Bau mit neun Vollgeschossen (Kellergeschoss und zwei ausgebaute Dachetagen) war mit ausgeklügelter Technik erschlossen. Verkehrsstraßen mit Gleisen und Drehscheiben führten bis zum Kanalufer, Waren und Güter wurden mit Loren von der Straße in die Innenhöfe transportiert. Es gab Stallungen und Autogaragen, "eine interne Sanitätswache mit voll ausgestattetem Operationszimmer, eine Badeanstalt und eine dreihundert Personen fassende Kantine". Die Stromversorgung erfolgte über ein eigenes Kraftwerk. Der von der Gewobag in der Reichenberger Straße 33 eingerichtete Quartierstrom über ein Blockheizkraftwerk hatte schon vor 110 Jahren ein Vorbild im Erdmannshof.

Die Innenhöfe sind im unteren Bereich verklinkert mit kunstvoll gemauerten Rund- und Segmentbögen, darüber große Sprossenfenster in der Fassade aus weißen Glasurfliesen. Die äußere Erscheinung der fünf Höfe umfassenden Anlage zur Straße entspricht dem außergewöhnlichen Inneren. Im Sockelbereich behauene Natursteine (Bossenwerk), ein vorspringender Mittelteil (Mittelrisalit) mit Rundbogenöffnungen und zwei runde Seitenerker gliedern die 50 Meter breite Fassade. "Die gutbürgerlichen Vier- und Fünf-Zimmer-Wohnungen waren mit Fahrstühlen, Müllschlucker, Dampfwaschanstalt und Vakuumreinigung recht luxuriös ausgestattet".

Holdheimshof
Auch der zwei Grundstücke weiter erbaute Holdheimshof beeindruckt mit herrschaftlicher Architektur. Ein Mosaik im Giebelfeld über dem Mittelrisalit zeigt das von zwei Wölfen getragene Wappen mit den Initialen WH des Firmengründers Wilhelm Holdheim. Hergestellt hat das Mosaik der bedeutendste deutsche Hersteller von Glasmosaiken, das Berliner Unternehmen Puhl & Wagner.


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In den 80 Jahren seines Bestehens hat der Mosaikhersteller Puhl & Wagner eine große Zahl von Kunstwerken vom Historismus bis zur Moderne in der Stadt geschaffen (nur drei Beispiele: Berliner Dom, KaDeWe, Stadtbad Neukölln).

Wilhelm Holdheim hatte den Gewerbehof für seine eigene Metallwarenfabrik erbauen lassen und für Stockwerksfabriken als Mieter. Im Vorderhaus des Holdheimshofs wurden Fünf-Zimmer-Wohnungen mit guter Ausstattung eingerichtet. Die beiden Fabrikhöfe sind weiß gefliest. Die Skelettbauweise der Hofgebäude erlaubt große Fensterflächen, mit denen die Fabriketagen gut belichtet werden. Die Metallwarenfabrik produzierte Federstähle, Korsettfurnituren, Kragenstützen, Kurzwaren und Konfektionsknöpfe. Am Wohnsitz des Ehepaars Holdheim in der Karolinenstraße in Schlachtensee erinnert ein Stolperstein daran, dass beide 1943 deportiert und zwei Jahre später ermordet wurden.

Reichenberger Straße
Im Bebauungsplan von James Hobrecht wurde die Reichenberger Straße als Hauptstraße des Quartiers zwischen Skalitzer Straße und Landwehrkanal festgelegt. Namensgeber der Straße ist eine böhmische Stadt, erinnert wird damit an den siegreichen Vormarsch preußischer Truppen 1757 im Siebenjährigen Krieg, einem der Schlesischen Kriege unter Friedrich dem Großen. Vor der Kanalisierung des Schafsgrabens durch den Landwehrkanal beherrschten Windmühlen und sumpfige Wiesen das Gebiet. Danach siedelten sich Holzhandlungen, Fuhrunternehmen und eine Kalkbrennerei an. In der Gründerzeit entstanden Wohnbauten mit Gewerbehöfen mit kleinen Handwerksbetrieben und mittlere Fabriken oft der Elektro- und Feinmechanikherstellung.

In den Wohnblöcken links und rechts der Reichenberger Straße gab es große Wohnungen in den Vorderhäusern und beengten Stuben für die Unterschicht in den Hofgebäuden. Die Häuser hatten nicht die Großzügigkeit gutbürgerlichen Wohnens, aber auch nicht die brutale Enge und Härte anderer Mietskasernen. Am Paul-Lincke-Ufer gibt es Vorgärten vor den Häusern, in der Reichenberger Straße wurden sie zugunsten breiterer Bürgersteige und Grünstreifen eingespart. Die Straße wurde zu einem lokalen Boulevard mit Läden, dort fuhr die Pferdebahn, später die Straßenbahn, das Bahndepot befand sich in der Manteuffelstraße.

Die Bauausstellung IBA 1984/87 knüpfte an diese Historie an mit dem "Künstlerwettbewerb Mosaikfelder Reichenberger Straße". Schienenstränge mit Hufeisen wurden in den Bürgersteig eingelassen und Flächen mit Werkzeugen. Mosaike wie "Brot, Käse, Butter, Milch" erinnert an Bäcker, Metzger und Milchläden, die einst für den Lebensunterhalt der Bewohner in der Straße sorgten. Vor der Klavierfabrik von Carl Bechstein gibt es ein Mosaik mit der Tastatur eines Klaviers.


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Vereinigte Lausitzer Glaswerke
In der Lausitzer Straße verhilft ein schmiedeeisernes Fenstergitter mit dem Monogramm VLG zu einem weiteren Blick in die Industriegeschichte. Das heute nicht sehr ansehnliche Wohngebäude Lausitzer Straße 10 mit geflecktem Bossenwerk im Sockelbereich und braunem Kratzputz an der übrigen Fassade verbirgt einen Gewerbekomplex mit drei Hinterhöfen. Die weißen Fassadenfliesen sind je nach Hof mit unterschiedlich farbigen Glasurklinkern fantasievoll gestaltet, große Fenster mit Unterteilungen belichten die Produktionsräume. Die "Vereinigten Lausitzer Glaswerke" (VLG) aus Weißwasser übernahmen den bestehenden Baukomplex, als sie 1917 die Produktion von Glaskolben für Glühbirnen nach Berlin verlegten. War es Zufall, dass die Lausitzer Glaswerke in die Lausitzer Straße zogen, oder haben sie bewusst damit gespielt, dass die Straße nach ihnen benannt sein könnte?

Zwei bekannte Namen verbinden sich mit den Lausitzer Glaswerken. Ihr Hausarchitekt Erich Neufert war für den Entwurf und die Bauleitung von Fabrikanlagen, Bürohäusern und Wohnsiedlungen in Weißwasser und an anderen Standorten der VLG verantwortlich. Durch diese Tätigkeit entwickelte er die "Bauentwurfslehre", das "Handbuch für den Baufachmann, Bauherren, Lehrenden und Lernenden", bis heute ist es die Bibel der Bauingenieure. Neufert kam in allen Systemen zurecht, am Bauhaus war er Mitarbeiter von Walter Gropius, im Dritten Reich arbeitete er für Albert Speer, in der Bundesrepublik ehrte man ihn mit dem Großen Verdienstkreuz.

Für die Designkompetenz der VLG steht Wilhelm Wagenfeld seit 1935 als künstlerischer Leiter ihre Produkte. Seine Wagenfeld-Leuchte ist bis heute ein Klassiker, er entwarf sie während seines Studiums am Bauhaus in der Metallwerkstatt von László Moholy-Nagy.

Wandbilder
Wir sind in Kreuzberg, da dürfen Murals (Wandbilder) und Graffiti nicht fehlen. In der Manteuffelstraße hat der Spraypainter SmugOne aus Glasgow im Rahmen des Berliner Muralfests 2019 ein haushohes Portrait in fotorealistischer Art gestaltet. Das Muralfest wurde von der "Deutschen Wohnen" gestartet, sie "engagiert sich intensiv für die Entwicklung der Urban-Art-Szene", wohl um dem Feind-Image bei der Enteignen-Bewegung entgegen zu wirken.


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Ein rundes Wandbild mit Wimmelbild-Ästhetik in der Reichenberger Straße am Zugang zu den Bechstein-Höfen stammt von dem Kollektiv Klub7, das laut Selbstdarstellung "grafisch arbeitet, bildlich, abstrakt und figurativ gleichzeitig an der Schnittstelle von bildender und angewandter Kunst". Auftraggeber war Adidas.

Steuerhaus der Königlichen Wasserbauinspektion
Aus Reinickendorf hatten wir bereits über die Steuererhebung am Straßenrand berichtet, dort steht an der Residenzstraße ein Gebäude, an dem Steuern eingefordert wurden. In Kreuzberg hinter der Ratiborstraße knickt der Landwehrkanal Richtung Spree ab, dort steht ein weiteres Steuerhaus, an dem die Mehl- und Schlachtsteuer erhoben wurde. Der Bau wurde mit Hermsdorfer Ziegeln errichtet. Es ist ein Naturgesetz, dass Steuern nicht wirklich abgeschafft werden, und so bekam das Gebäude eine neue Funktion, als die Mehl- und Schlachtsteuer nicht mehr erhoben wurde. Ab 1875 wurden dort die Gebühren kassiert, die die Schiffe für die Benutzung des Landwehrkanals entrichten mussten.

Schwimmbad Ratiborstraße
Die Kurve, die der Landwehrkanal beschreibt, ist leicht abgeschrägt, um den Schiffen das Wenden zu erleichtern. Die Stadt richtete dort an einer Einbuchtung 1847 eine kleine Badeanstalt ein, das Studentenbad oder "Stute". Es war von der Fahrrinne durch Balken abgegrenzt, die an Ketten aufgehängt waren. Trotzdem führte natürlich der Schiffverkehr dazu, dass man beim Baden von Wellen geschaukelt wurde. Aus sittlichen Gründen durften bis 1916 nur männliche Besucher das Bad benutzen. In den 1950er Jahren wurde es wegen der "schlechten bakteriologischen Verhältnisse des Wassers" geschlossen, daran waren wohl auch Abwässer schuld, die in den Kanal eingeleitet wurden.

Kreuzberger Nächte
In der Eckkneipe „Alt Berlin“ Reichenberger Ecke Liegnitzer entstand die "inoffizielle Hymne West-Berlins", das Lied "Kreuzberger Nächte sind lang". Es war in jeder Hinsicht eine Parodie, sollte Stimmungslieder auf die Schippe nehmen und kam aus einem Lokal, das statt langer Nächte um Mitternacht die Schotten dicht machte. Der Wirt hatte im Gastraum seine Sammlung alter Standuhren aufgestellt, jede Nacht um 24 Uhr bimmelten und läuteten sie die Schließung der Schultheiß-Tränke ein. Wer gesungen hat "Früh morgens wach' ich auf 16 Uhr 10", kann den Morgen nicht im Alt Berlin zugebracht haben. Sei's drum, der Erfolg der Kreuzberghymne war sensationell.

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Hier hatten wir den Kiez schon einmal gekreuzt:
Bechstein-Höfe in der Ohlauer Straße
Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Dämmerung über der Stalinallee