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Dämmerung über der Stalinallee


Stadtteil: Friedrichshain
Bereich: Karl-Marx-Allee/Stalinallee
Stadtplanaufruf: Berlin, Gubener Straße
Datum: 12. September 2020 (Denkmaltag 2020)
Bericht Nr.: 711

Woran erkennt man beim Flanieren, dass man im ehemaligen Ost-Berlin ist, wenn man es nicht ohnehin schon weiß? An den Ampelmännchen kann man es nicht sehen, die haben sich - fast als einziges Merkmal - über die ganze Stadt verteilt. Aber die Straßenlaternen oder die Straßenschilder können einen Hinweis geben.

Straßenlampen
Im ehemaligen Ost-Berliner Stadtbild vorherrschend ist bis heute die RSL-Straßenlampe, eine auf einem Mast aufgesetzte Leuchte, bestehend aus einem flachen runden Metalldeckel, darunter eine gläserne Krempe. Dieses Lampenmodell ist nach der Wende modernisiert worden, die verwestlichte Version ist aber nur selten im Einsatz.


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An der Erschließungsstraße südlich der Karl-Marx-Allee ist eine Variation der RSL-Lampe zu sehen, bei der die Aufhängung nicht an dem zentralen Mast im Deckel erfolgt, sondern durch mehrere Arme, die wie ein Korb den Deckel umfangen (Spangenleuchte). Auch wenn die Lampen in Berlin stehen - die Typenbezeichnung RSL steht für "Rostocker Straßenleuchte". Auch Peitschenlampen aus DDR-Produktion sind noch in den Straßen vorhanden, verwendet wurden oft die Mandolinenform und der ihr ähnliche "Leipziger Löffel".

Die Karl-Marx-Allee wird durch zweiarmige Kandelaber mit Doppellampen ausgeleuchtet. Da fällt eine Parallele zur Nazi-Architektur auf: Albert Speer, der "Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt", hatte eine Ost-West-Achse quer durch Berlin von der Heerstraße bis zur Frankfurter Allee geplant und einen westlichen Teil davon in Tiergarten und Charlottenburg realisiert. Die Frankfurter Allee war eine östliche Fortsetzung dieser Achse, sie wurde mit der Stalinallee als Magistrale Ost-Berlins erst nach dem Krieg verwirklicht.

Speer hatte seine Straße mit in Reihe stehenden zweiarmigen Kandelabern ausgeleuchtet, die Doppellampen tragen - den "Speer-Leuchten". Der Architekt Richard Paulick, der "Leiter des Aufbaustabs Stalinallee", stattete den östlichen Teil der Ost-West-Achse - die Stalinallee - mit von ihm entworfenen zweiarmigen Kandelabern mit Doppellampen aus, die ihre Ähnlichkeit mit den Speer-Leuchten nicht verleugnen können.


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Straßenschilder
Ehemaliges Ost-Berlin kann man auch an Straßenschildern feststellen, wenn sie nicht schon auf den West-Standard umgestellt sind, der seit der Wende für ganz Berlin gilt. Die Einfassungen der Schilder unterscheiden sich, auch ihre Materialbasis.

Was am sichtbarsten ist: Wer genau hinschaut, erkennt die unterschiedlichen Schriftarten auf den Schildern. Das "ß" ist besonders markant. Als schmale, geradezu schüchterne Büroklammer erhebt sich das östliche in der Buchstabenfolge. Im Westen knüpft die "Thannhaeuser-Type" daran an, das "s-z" ein Doppelbuchstabe ist und verbindet beide als Ligatur miteinander.


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Frankfurter Straße/Allee/Chaussee, Stalinallee
Die Frankfurter Straße bzw. Allee bzw. Chaussee ist eine alte Heer- und Handelsstraße, die das Ziel Frankfurt (Oder) im Namen trägt. Über diese Straße marschierte 1945 ein Großteil der Roten Armee nach Berlin ein. In Friedrichshain gab es damals eine dichte Mietskasernenbebauung, die durch den Krieg weitgehend zerstört war, nur einzelne Bauten standen noch. Mit der Aufteilung der Stadt in Besatzungszonen und später in Stadthälften bekam die Frankfurter Allee als Verbindung des Ost-Berliner Stadtzentrums mit den dezentral liegenden östlichen Bezirken eine besondere Bedeutung. Außerdem hatte sie eine U-Bahn mit sieben Stationen, es war die einzige nur im Ostteil fahrende Linie. Die Straße wurde an Stalins 70. Geburtstag in Stalinallee umbenannt. Diesen Namen verlor sie 1961 in einer Nacht- und Nebenaktion parallel zu der von Chruschtschow betriebenen Abkehr vom Stalinismus. Aus der Stalinallee wurde die Karl-Marx-Allee.

Bei der Neuformulierung der Bereiche an der Stalinallee setzte man sich großzügig über historische Verknüpfungen hinweg. So lag der alte Strausberger Platz 50 m östlich vom neu angelegten, und das Frankfurter Tor stand 800 m weiter westlich als die beiden Hochhäuser mit Kuppeltürmen der Stalinallee. Der Komtureiplatz an der Einmündung der Gubener Straße in die Frankfurter Allee verschwand unter dem Neubaublock E der Stalinallee und mit ihm die Erinnerung an das Kaufhaus Tietz, das dort stand.

Wohnzelle Friedrichshain
Die Stadtplanung für ganz Berlin saß bis zur Trennung von Magistrat und Senat in Ost-Berlin. Dort entwickelte Hans Scharoun als Gesamt-Berliner Stadtbaurat einen radikalen "Kollektivplan", der die flächenhafte Niederlegung der (stehen gebliebenen) Mietskasernenstadt und Neubebauung in einem Rechtecksystem aus Schnellstraßen vorsah. Eine grausige Vision, die von dem Irrglauben ausging, man könne die schreckliche Vergangenheit überwinden, indem man die alte Stadt baulich auslöscht. Die Zwischenräume sollten als "Stadtlandschaft“ gestaltet werden, als Wohnzellen in aufgelockerter Bebauung in einer begrünten Landschaft.

Tatsächlich wurden von Scharouns Planung nur zwei Laubenganghäuser an der Stalinallee und eine Wohnzelle mit mehreren Häusern an der Gubener und Graudenzer Straße verwirklicht (*).

Die Laubenganghäuser waren die ersten nach dem Krieg an der Straße errichteten Bauten. Sie enthielten 130 Ein-Zimmer-Wohnungen und 137 Eineinhalb-Zimmer-Wohnungen. Bei diesem Haustyp wird in allen Etagen der Hausflur wie eine Loggia in der Hausfront geöffnet.


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Die Blöcke der Wohnzellen richten sich nicht am Blockrand aus, sondern wurden als Zeilenbauten schräg zur Straße errichtet.

Hochhaus an der Weberwiese
1951 wurde die DDR-Führung auf eine radikale Kurswende in der Architektur eingeschworen. Angelehnt an Moskauer Vorstellungen sollte jetzt "national in der Form, sozialistisch im Inhalt" gebaut werden. Das war auch eine Abgrenzung zum "International Style" westlicher Prägung, der örtliche Gegebenheiten außen vor ließ. Das Hochhaus an der Weberwiese des Architekten Hermann Henselmann wurde zum Vorbild und Maßstab für die Bauten an der Stalinallee. Auch die Gebäude am Frankfurter Tor und am Strausberger Platz wurden Hermann Henselmann und seinem Kollektiv in Auftrag gegeben, er wurde der Stararchitekt im Arbeiter- und Bauernstaat. Es ist aber keinesfalls so, dass Henselmann "die Stalinallee" erbaut hat, es waren mehrere andere Kollektive beteiligt, unter anderem mit Richard Paulick.

Das Hochhaus an der Weberwiese ist also ein programmatischer Bau, die Schöpfung der neuen sozialistischen Architektur. Es gibt dort Rückgriffe auf nationale Tradition, klassisches Erbe und auf bewährte architektonische Vorstellungen. Eine Säule besteht aus Basis, Schaft und Kapitel. Der amerikanische Architekt Louis Sullivan hatte hieraus beim Hochhausbau in Chicago die Anschauung entwickelt, dass dem beim Hochhaus die drei Bereiche Sockel, Korpus und Bekrönung entsprechen. Genauso hat Henselmann das Hochhaus an der Weberwiese entworfen. Wobei das Belvedere oder Penthouse, dass man als oberste Etage des Hochhauses zu erkennen glaubt, keine Wohnung enthält, sondern die Versorgungstechnik mit einem schmalen Umgang.

Henselmann hat Moskauer Vorbilder - den "Zuckerbäckerstil" - nicht kopiert, sich aber auch nicht an der Moderne orientiert, sondern einen sozialistischen Klassizismus eigener Prägung geschaffen. Sein monumentales 9-geschossiges Punkthochhaus ist mit klassizistischen Elementen angereichert, Henselmann lässt Schinkel mehrfach anklingen.

Das Haus ist Stein auf Stein aus Ziegeln erbaut, die meisten stammen aus den Trümmern der kriegszerstörten Mietskasernen. Die Fassaden bestehen aus Putz, Werkstein und Keramik. Die Keramik-Wandplatten hat ein Volkseigener Betrieb in Meißen hergestellt, die Baukeramik kam nicht wie manchmal kolportiert aus der Meißener Porzellan-Manufaktur. Die vier gleichartigen Wohnungen pro Etage haben je 96 qm Grundfläche. Die Wohnungen und das Gebäude erhielten eine ungewöhnlich üppige Ausstattung mit Fahrstuhl, Zentralheizung, Wechselsprechanlage, Einbauküche mit Elektroherd, Gemeinschaftsantenne.


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Nationales Aufbauprogramm
Eine geniale Idee: Menschen zu freiwilligen Aufbauschichten zu locken, wenn sie dafür eine Wohnung gewinnen können. Der Trümmerschutt musste weg, die brauchbaren Steine aus den Ruinen mussten recycelt werden, aber auch Fertigkeiten wie Schweißen, Montieren und Sprengen waren gefragt. Mit dem "Nationalen Aufbauprogramm der DDR" wurden ab 1952 "freiwillige Aufbauhelfer" zu "Halbschichten" aufgerufen. Eine Halbschicht bestand aus drei Stunden, wer 100 Halbschichten geleistet hatte, bekam ein Los, mit dem er eine Wohnung zur Miete gewinnen konnte. Im Jahr 1952 leisteten die Freiwilligen 1.350.000 Halbschichten, 3.600 Aufbauhelfer hatten über 100 Halbschichten geleistet und qualifizierten sich so für die Wohnungsverlosungen.

Das Nationale Aufbauprogramm war eine Errungenschaft, die bald von der Freiwilligkeit zur indirekten Pflicht wurde. Zur "Übererfüllung" der Fünfjahrespläne wurden die Aufbauschichten fest eingeplant, "wer sich verweigerte, schadete vor allem den anderen". Als Nationales Aufbauwerk wurde das Berliner Aufbauprogramm auf die gesamte DDR ausgeweitet. Statt Wohnungen zu verlosen, wurden "Aufbaunadeln" verliehen, in Bronze für 125 Stunden, in Silber für 300 Stunden und in Gold für 500 Stunden Arbeit. Da sich nie wirklich große Bevölkerungsteile engagierten, hat die DDR das Aufbauwerk in den 1960er Jahren eingestellt. Andere Projekte wie die "die Volkswirtschaftliche Masseninitiative (VMI)" sollten stattdessen zur freiwilligen Arbeit motivieren.

Die Inszenierung der Stalinallee
Nichts sollte die Arbeiterpaläste stören, die Stalinallee war auch auf ihre Erscheinung und Wirkung hin gebaut worden. Die Magistrale musste von den Bauten flankiert und eingerahmt werden. Zeilenbauten in Nord-Süd-Richtung wären für das Wohnen optimaler gewesen, so hätte man die Extreme mit Wohnungen zur dunkleren Nordseite und zur aufgeheizten Südseite vermieden. Über Entwürfe ist das nicht hinausgekommen, die Bauten sind an der Straße ausgerichtet.

Es konnte auch nicht sein, dass eine Kirche den sozialistischen Blick auf die (später abgerissene) Deutsche Sporthalle und auf das (später weggeräumte) Stalindenkmal störte. Der 96 Meter hohe Kirchturm der Pfarrkirche St. Pius an der Palisadenstraße musste deshalb auf 66 Meter gekürzt werden. Während der Bauphase der Sporthalle war der Turm noch zu sehen, ein Satteldach mit Dachreiter ist heute der unerwartete obere Abschluss anstelle eines ehemals spitzen Kirchturms.


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Und die zwei Laubenganghäuser aus der ersten Bauphase störten mit ihrer sachlichen Optik das Bild der übrigen Bauten in sozialistischer Architektur, die sonst in der Straße vorherrscht. Gottlob waren die Laubenganghäuser von der Baufluchtlinie zurückgesetzt, so konnte man Pappeln davor pflanzen, um den Eindruck zu verwischen. Von da an führten die Laubenganghäuser ein "Schattendasein", wortwörtlich und im übertragenen Sinne.

Für den 1. Bauabschnitt zwischen Frankfurter Tor und Strausberger Platz - den ich hier ausführlich beschrieben habe - wurde die Stalinallee auf 90 Meter verbreitert. Ab 1959 folgte der 2. Bauabschnitt zwischen Strausberger Platz und Alexanderplatz mit einer Straßenbreite von 125 Metern, die mit Tribünen als Aufmarschfläche für Massendemonstrationen genutzt wurde. Inzwischen hatten sich die Architekturvorstellungen gewandelt, die Häuser wurden im Stil der Moderne gebaut und ergänzt um das Café Moskau, das Filmtheater International und die Mokka-Milch-Eisbar.

Volksaufstand 17. Juni 1953
Bei den Aufmärschen ließen sich immer die Regierenden feiern, aber es gab auch eine ganz andere Kundgebung: Am 17. Juni 1953 wurde die Stalinallee zur Aufmarschachse von Bauarbeitern, die gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen protestierten und zum Haus der Ministerien an der Leipziger Straße unterwegs waren. Ausgangspunkt war eine Baustelle im Krankenhaus Friedrichshain, ihnen schlossen sich in der Stalinallee die dortigen Bauarbeiter an. Daraus erwuchs ein Volksaufstand, der schließlich von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde.


Der Rundgang am heutigen Denkmaltag ist zeitlich gut geplant, um mit einem stimmungsvollen Bild zu enden: Zum Ende der Führung senkt sich die Dämmerung über die ehemalige Stalinallee, die blaue Stunde verabschiedet sich, auf dem Himmel zieht rötliche Farbe auf, die Pauly-Leuchten strahlen gegen die hereinbrechende Dunkelheit.

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(*) Ein früherer Mitarbeiter Scharouns hat in West-Berlin in Mariendorf eine Wohnzelle realisiert:
Das Goldene Horn liegt in Mariendorf

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Unsere Route:
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Übersinnliches und Affenliebe