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Interview: Die Muße der Flaneure


Welche Muße finden Flaneure bei ihren Stadtspaziergängen?

Karen Schmalfeld ist im UniRadio der FU Berlin dieser Frage nachgegangen. Von Franz Hessel, dem "Vater der Flaneure", spannt sich der Bogen zu den Erfahrungen im heutigen Berlin.

Das folgende Interview wurde auf ALEX (Offener Kanal Berlin) am 6.12.2013 gesendet. Den Radiobeitrag als Audio-Datei können Sie unten anklicken und auf Ihrem Media-Player abspielen.

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FRANZ HESSEL (Zitat): „Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Caféterrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben.„

TEXT: Ein kühler Herbsttag auf der Tauentzienstraße/Ecke Passauer. Über allem erhebt sich das KaDeWe, das größte Kaufhaus Europas, Anziehungspunkt für ein internationales Publikum. Menschen drängen aneinander vorbei, mit ihnen unterschiedlichste Farben, Gerüche und Klänge. Hier geben die Geschäftigen den Rhythmus vor. Wer sich diesem nicht anpasst, wird einfach weg gedrängt.
Seit gut 100 Jahren steht das KaDeWe an dieser Stelle. Schon damals war es eine der beliebtesten Kaufhausadressen in Berlin. Allerdings waren es keine Autos und Passanten mit Smartphones die das Bild prägten, sondern Pferdefuhrwerke und Menschen mit Spazierstöcken.
1929 schreibt der Schriftsteller Franz Hessel in „Spazieren in Berlin„ der Tauentzienstraße eine Kulturmission zu: Der Boulevard soll die Berliner das Flanieren lehren. Für Hessel ist das Flanieren eine Art Lektüre der Straße, bei der man nichts allzu bestimmtes vorhaben sollte.Wer flaniert der hat Zeit.

KLAUS GAFFRON: „ Das hat Hessel ja auch sehr schön beschrieben. Also, er hat ja erst mal gesagt: ich gehe durch die Gegend und habe kein Ziel und schau mich um und die Leute wundern sich, was macht er denn da. Dann hat er aber auch geschrieben: jetzt fängt die Heimatkunde an, das heißt ich fange an mich mit der Vergangenheit und der Zukunft der Stadt zu beschäftigen. Damit geht’s ja über das reine umher laufen hinaus.„

TEXT: Klaus Gaffron ist ein Berliner Flaneur der Gegenwart. Zusammen mit Peter Neuhold erforscht er im Geiste Hessels flanierend Berlin. Dazu verabreden sich die Rentner seit 1990 regelmäßig. Klappernde Pferdefuhrwerke gibt es heute zwar nicht mehr, dafür aber dauerklingelnde Handys und rasende Fahrradkuriere und mittendrin Klaus Gaffron und Peter Neuhold. Die Beobachtungen, die sie bei ihren Spaziergängen machen, kann man auf ihrer Internetseite „flaniereninberlin„ nachlesen.
Wie bei Hessel finden sich in den Texten des 70-Jährigen Klaus Gaffron zahlreiche historische Bezüge. Unter dem Admiralspalast zum Beispiel befand sich eine Solequelle, auf der 1873 ein Schwimmbad erbaut wurde. Und die Zunfthalle in Moabit, hinter dem Rathaus, steht schon seit 1891. Kontakten mit den Anwohnern vor Ort während des Flanierens stehen die Rentner offen gegenüber.

PETER NEUHOLD: „Es kommt aber schon auch immer wieder vor, dass wir angesprochen werden, oder wenn wir Jemanden mal nach irgendwas Fragen, dann kann es gut sein das da dann ein spannendes Gespräch daraus entsteht. Wie gerade jetzt da in Dahlem mit dieser Anwohnerin, die denn ganz viel wusste über die Häuser, die wohnte ja auch direkt da. Die wusste dann welche Architekten das waren und die hat dann gesagt die Schule, die ist innen sehr schön, gehen sie da mal rein. So was kann dann auch sein, dass man Leute trifft die sich gut auskennen und die dann auch zurückfragen, was machen sie denn da und die das ganz spannend finden.„

TEXT: Spannend finden Peter Neuhold und Klaus Gaffron vor allem die Fragen, die bei den Spaziergängen ganz automatisch aufkommen. Woher weht eigentlich der Wind in Berlin und was hat das mit der Stadtentwicklung zu tun? Riecht Berlin überall gleich, oder riecht es in Reinickendorf anders als in Neukölln?

KLAUS GAFFRON: „Wir sind in Reinickendorf in der Flottenstraße rumgelaufen und da ist ein intensiver etwas süßlicher Geruch in der Gegend, so dass wir uns gefragt haben, was ist das hier. Ich kenne das aus Steglitz von einer Kakao-Fabrik von früher, da hat die ganze Gegend nach Kakao gerochen. Aber das in der Flottenstraße war kein Kakao das war, als wir das dann schließlich nach na viertel Stunde oder halben Stunde erforscht hatten, von der ALBA eine Recyclingstation. Das war ein Müllplatz und da hat die ganze Gegend danach gerochen.„

TEXT: Zwei flanierende Rentner, die einen Müllplatz erschnuppern. Wie reagieren die Mitmenschen auf den Berliner Straßen darauf? Die Einen suchen Kontakt zu den Flaneuren, während Andere ihnen misstrauische Blicke zuwerfen. So beschrieb auch Hessel die Reaktionen der Passanten damals. Aber die Mehrzahl der Berliner schenkt Peter Neuhold und Klaus Gaffron keine sonderliche Beachtung.

KLAUS GAFFRON: „Es gibt so viele Verrückte in Berlin, dass wir gar nicht mehr auffallen.„

TEXT: Auch wenn Berlin noch so viele Verrückte beherbergt anderen Flaneuren sind die Beiden während ihrer Spaziergänge noch nicht begegnet. Das liegt wohl daran, dass der urbane Müßiggang Zeit verlangt. Aber in Berlin, einer niemals schlafen wollenden Stadt, ist Zeit knapp. Klaus Gaffron und Peter Neuhold finden allerdings regelmäßig die Muße zum Spazierengehen, so wie einst der Vater der Flaneure, Franz Hessel.
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HIER IST DIE AUDIO-DATEI ZUM NACHHÖREN:


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| flanieren-interview-alex-berlin.wma [5.892 KB]
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