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Um die Ecke schießen


Stadtteil: Lankwitz, Marienfelde
Bereich: Lankwitz-Süd
Stadtplanaufruf: Berlin, Eiswaldstraße
Datum: 2. Oktober 2018
Bericht Nr.:632

Was mag das für eine Geisteshaltung sein, wenn ein Kloster bewusst nach dem Vorbild eines Gefängnisses gebaut wird? Ist es Ironie, wenn es dann auch noch nach dem "Guten Hirten" benannt wird, mit dem Jesus versinnbildlicht wird? "Der gute Hirte kennt die Schafe und ruft sie einzeln beim Namen. Die Schafe erkennen ihn an der Stimme. Bis zur Hingabe des eigenen Lebens setzt sich der gute Hirte für die Herde ein".

Die "Schafe" waren sittlich gefährdete Mädchen, die in der damals ansonsten noch unbebauten Feldmark von Marienfelde vor dem vermeintlich schädlichen Einfluss der Großstadt wie Gefangene gehalten wurden. Nonnen führten das Kloster "Vom Guten Hirten", in dem 400 Mädchen in der Bäckerei, Wäscherei, den Gärten und auf den Feldern arbeiten mussten. Die Gottesdienste wurden von einem Priester abgehalten, der sich aber nicht gleichzeitig mit einer Nonne in der Sakristei aufhalten durfte. Die liturgischen Gewänder und Geräte wurden ihm deshalb durch eine Durchreiche präsentiert. Weniger Gedanken hat sich die Kirche offensichtlich seit Jahrzehnten darüber gemacht, wie die betreuten Laien vor sexuellen Anfechtungen zu schützen wären.

Der Grundriss des 1905 errichteten Klosters wurde wie das "Zellengefängnis" gestaltet, das sternförmig um einen Beobachtungsturm gruppierte Zellentrakte enthielt. Bei diesem Gefängnistyp konnte von dem zentralen Turm aus der Wärter alle Zellen einsehen ("Panoptikum" = alles sehen). Völlige Isolation sollte die gegenseitige Beeinflussung der Häftlinge verhindern, Kriminalität war sozusagen als ansteckend erkannt worden. Deshalb herrschte auch beim "Hofgang" absolutes Schweigegebot in dem von hohen Mauern umgebenen "Spazierhof".

Im Kloster waren die Höfe zwischen den Wohntrakten mit Mauern umschlossen, vergitterte Öffnungen unterbanden den Kontakt der Mädchen untereinander. An dem zentralen Punkt der Bauten, von dem aus der Gefängniswärter die Zellen überwachen konnte, war in der Klosterkirche der Hochaltar angeordnet, von dem aus der Priester in alle Wohntrakte blicken konnte.


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Das Kloster wurde 1967 wegen Nachwuchsmangels geschlossen (Mangel an Nonnen oder an "betreuten" Mädchen?). Die Kirche wird weiter genutzt, die anderen Gebäude wurden für soziale Zwecke hergerichtet (Schule, Altenheim, Sozialstation, Schwimmhalle). Auf dem Klostergelände erbaute das katholische Petruswerk eine Großsiedlung und mehrere Reihenhäuser.

Grundschule am Königsgraben
Der Schulhof der Grundschule am Königsgraben ist direkt von der Straße einsehbar. Er ist umrahmt von dem Schulgebäude mit Wandgemälden, die als Comic gestaltet sind. Ich fotografiere die Bilder vom Bürgersteig aus. Die Schüler haben Pause, mehrere fragen, was ich da mache und sind zufrieden mit der Auskunft, dass ich mich für die Wandbilder interessiere.


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Bis mir zwei Lehrerinnen hinterher laufen und die eine mich anherrscht "Sie haben die Schüler fotografiert!". Die Fürsorge für die Schüler finde ich gut, die Differenzierung zwischen Vermutung (Sie haben!) und Realität (Ich habe nicht) sollte eine Lehrerin aber besser beherrschen. Leider ist sie nicht einmal in der Lage, die falsche Beschuldigung zu bedauern, als ich ihr meine Bilder vorführe.

Königsgraben
Die Grundschule am Königsgraben wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut. Den Königsgraben gab es hier zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr, er hat mit dem Bau des Teltowkanals nach 1900 seine Funktion verloren und ist hier versiegt. Aber vielleicht fanden die Namensgeber den "Okengraben", der neben dem Schulgrundstück verläuft, nicht repräsentativ genug für eine Schulbenennung.

Friedrich der Große hat nicht nur den Oderbruch trockengelegt, er hatte auch ein offenes Ohr für die Klage der Bauern von Giesensdorf, Lankwitz und Marienfelde. Ihre Felder wurden nach ausgedehnten Regenfällen häufig überflutet, die Ernte fiel dann buchstäblich ins Wasser. Im Jahr 1777 ließ der Alte Fritz einen Entwässerungsgraben anlegen, der mit zahlreichen Nebenarmen als Vorfluter das Wasser Richtung Bäke abführte. Der Graben kreuzte die Gallwitzallee, wo sie in die Tautenburger Straße übergeht. Westlich der Straße gibt es heute im Verlauf des ehemaligen Grabens eine Grünfläche, östlich wurde eine Kleingartenkolonie "Königsgraben" angelegt. Der Name verweist auf den Alten Fritzen und seine Hilfe für die Bauern. Der Festungsgraben in Mitte nahe dem Königsschloss trug ebenfalls den Beinamen Königsgraben, hatte aber mit diesem Wasserlauf nichts zu tun.

In Marienfelde blieb ein 2 km langes Teilstück des Grabens erhalten nahe dem "Wäldchen am Königsgraben". Allerdings ist er hier durch Baupläne zur "bedrohten Art" geworden. Die Bürgerinitiative "Rettet die Marienfelder Feldmark" will das verhindern. In Lichterfelde verweist die Grabenstraße(!) auf den früher Richtung Bäke fließenden Königsgraben. Die Bäke (Telte) ist Teil des Teltowkanals geworden. Durch dessen Bau wurde der Königsgraben überflüssig und versiegte zum Teil.

Lankwitz-Süd
Die "Auken" - das Land südlich des Okengrabens - sind das heutige Lankwitz Süd. Dort entstand nach 1900 das Thüringer Viertel, so genannt nach den Namen der 1912 angelegten Straßen. Im Volksmund hieß das Siedlungsgebiet "Kleinkleckersdorf", weil es schlecht erschlossen und unorganisch bebaut war. Bis heute hat die Siedlung keinen Charakter, daran können auch die zwei denkmalgeschützten Wohnhäuser nichts ändern.

Der Büchsenmacher Georg Knaak kaufte das Land von Marienfelder Bauern und parzellierte es. Offensichtlich war er mit seiner "Deutschen Waffenfabrik Georg Knaak" in der Friedrichstraße 240 reich geworden. In seiner Produktionsstätte wurden "Jagd-, Kriegs- und Luxuswaffen" hergestellt, beispielsweise der "Offizier-Armee-Revolver für die Deutsche Reichsarmee". Aber auch so besondere Waffen wie einen Feuerstutzen mit einem Krummschaft stellte er her, damit konnte man sozusagen "um die Ecke schießen". Der gebogenen Schaft der Gewehre ermöglichte es, das Ziel mit dem linken Auge anzuvisieren, aber mit rechts abzudrücken. Dasselbe gab es natürlich auch seitenverkehrt. 1907 verkaufte Knaak seine Waffenfabrik und widmete sich ganz den Immobiliengeschäften.

Für die Entwicklung des Thüringer Viertels mussten die Käufer der Parzellen selber sorgen. Sie organisierten sich in einem Grundbesitzer-Verein, brauchten aber viele Jahre, bis ihre Straßen offiziell benannt, ausgebaut und beleuchtet waren und die Grundstücke mit Wasser versorgt und an die Kanalisation angeschlossen wurden. Es war eben wie in Kleinkleckersdorf, mit einer kompetenten Terraingesellschaft als Entwickler wäre das wohl nicht passiert.

Fotografieren unerwünscht
An Marienfelde gab es für uns einen weiteren Kontakt mit einem furchtsamen Bürger, als wir sein Haus von der Straße aus fotografierten. Bei ihm war schon mehrmals eingebrochen worden. Im Zuge eines vermeintlichen Notfalls hatten sogar schon Feuerwehr und Polizei die Türen zu seinem Haus aufbrechen lassen. Zwar erlaubt uns die Panoramafreiheit, vom Bürgersteig aus Häuser aufzunehmen. Hier ging es aber darum, die Befürchtung zu zerstreuen, die Aufnahmen könnten einem weiteren Einbruch dienen. Mit Einfühlung und Geduld ist uns das gelungen, beruhigt trennten der Anwohner und wir uns voneinander.

Kaserne und Bunker
Die Stadtväter von Lankwitz beschlossen 1912, zwei Grundstücke für Kasernenneubauten freizugeben, Soldaten sollten Geld in die Gemeinde bringen. So entstanden am Standort der späteren Pädagogischen Hochschule an der Malteserstraße eine Kraftfahrerkaserne und an der Eiswaldstraße die Garde-Train-Kaserne, die heute von Polizei und Bürgeramt genutzt wird. In Tempelhof sind in der Ringbahnstraße weitere Bauten eines Train-Bataillons erhalten geblieben. Die Eiswaldstraße ist übrigens nach einem Train-Bataillon-Kommandanten benannt. Vorher hieß sie Bismarckstraße, das Kasernengelände hieß deshalb auch Bismarckblock.

Train-Bataillone waren für die Versorgung der Truppe mit Proviant, Munition, Gerätschaften zuständig und für Akten und Buchführung, im Feld auch für Feldpost, Krankenträger, Lazarette. Solange es berittene Einheiten gab beim Militär, betreuten die Train-Bataillone auch die Pferde-Depots. Aus den im Krieg mitgeführten "fliegenden Pferde-Depots" wurden Verluste ("abgehende Pferde") bei den berittenen Einheiten ersetzt. Für die motorisierten Einheiten gab es später eigene Kraftfahrtruppen.

Bereits 1935 wurde das Flakregiment 12 in der Eiswaldstraße stationiert. Ein Zeichen dafür, wie frühzeitig im Dritten Reich Vorbereitungen für den 1939 angezettelten Krieg begannen. Als im August 1940 der erste britische Bomber Berlin erreichte, war offensichtlich, dass Bombenangriffe auch in Zukunft nicht vermeidbar sein würden. Hitler ordnete im "Führer-Sofortprogramm" den Bau von Luftschutzbunkern an.

Gegenüber dem Kasernengelände in der Eiswaldstraße wurde ein Hochbunker vom Bautyp "M 500" für 500 Menschen errichtet auf einer Grundfläche von 37 x 20 Metern. Dabei wurden antikisierende Bauformen eingesetzt: Unter der Traufkante verläuft ein Konsolfries, ein Walmdach aus Beton täuscht einen Wohnbau vor, die Rundbögen vor den Eingängen sind mit Kunststein eingefasst. Die Außenwände verlaufen nicht lotrecht, sondern sind leicht angeböscht, um die Mächtigkeit eines Bollwerks zu suggerieren. In Tempelhof (Friedrich-Karl-Straße), Reinickendorf (Wittenauer Straße) und Karlshorst (Zwieseler Straße) sind weitere Bunker dieses Bautyps vorhanden.

Fünf Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann im Hochbunker an der Eiswaldstraße eine ungewöhnliche Nachnutzung: Die Mitropa - Schlaf- und Speisewagenbewirtschaftung - eröffnete dort am 1. Oktober 1945 ihr erstes Hotel nach Kriegsende. Dazu wurden die zwei mal drei Meter großen Kabinen - 32 pro Etage - in kleine Zimmer, Frühstückszimmer und - welch ein Luxus! - einen kleinen Musiksalon umgebaut. 200 Hotelgäste konnten so untergebracht werden. Später wurde der Bunker als Lagerraum einer Filmfirma genutzt, heute scheint er leer zu stehen.

Lutherfriedhof
An der Malteserstraße gehen der Lutherfriedhof und der Kreuz-Friedhof fließend ineinander über. Wie bei anderen Friedhöfen wird auch hier versucht, mit neuen Bestattungsformen dem Bedeutungsverlust der Begräbnisorte entgegen zu wirken. Abseits der Friedhofskapelle, aber von der Straße einsehbar, sind auf dem Lutherfriedhof im Freien mehrere Mauern mit Kolumbarien zur Bestattung von Urnen aufgerichtet worden. Weitere Urnengräber wurden mit liegenden Grabplatten um aufgeschüttete kleine Hügel angelegt. Ein längliches Urnengrabfeld mit 14 unbeschrifteten Grabplatten wartet auf Bestattungen.

Harfen-Jule
Auf diesem Friedhof gibt es keine Ehrengräber der Stadt Berlin, die klotzigen Mauersteine mit dem Berliner Bären findet man auf keinem Grab. Aber ein Berliner Original hat hier einen Gedenkstein erhalten, worauf uns der Friedhofsverwalter freundlich hinweist: die Harfen-Jule (Luise Nordmann). Sie lebte in ärmlichen Verhältnissen, wurde aber zweimal entscheidend gefördert. Der Augenarzt August von Graefe - Vater der Augenheilkunde - der Arme kostenlos behandelte, konnte dem blinden Mädchen mit einer Operation zu etwas Sehkraft auf einem Auge verhelfen. Ein russischer Offizier gab ihr kostenlos Gesangs- und Musikunterricht, als ihre wunderschöne Stimme beim Singen auf Hinterhöfen erkannt wurde.

Ihre Ehe mit einem Marionettenspieler dauerte nur wenige Jahre, dann starb ihr Mann. Ihre zwei Kinder lebten nur kurze Zeit nach der Geburt. Sie zog zu ihrer verwitweten Schwägerin in der Steinmetzstraße in Schöneberg. Immerhin wurde sie 81 Jahre alt. Beerdigt wurde sie 1911 auf dem Steglitzer Friedhof am Thuner Platz, ihr Grab dort blieb nicht erhalten. Ein Lankwitzer Steinmetzmeister, der von ihrem Leben beeindruckt war, setzte ihr 1969 auf dem Lutherfriedhof einen Gedenkstein. Eine Kuriosität, wo sie doch hier gar nicht beerdigt worden ist.

Bei jedem Wetter war sie durch Hinterhöfe und Jahrmärkte gezogen, um dort Harfe zu spielen und dazu zu singen. Mit einem Strohhut, der mit Schleifen und Blumen geschmückt war und mit der Harfe auf dem Rücken. Bewohner in den Hinterhöfen warfen ihr Geldstücke zu, die in Papier eingewickelt waren. Diese Belohnung von Hinterhofsängern war noch nach dem Zweiten Weltkrieg üblich in Berlin.

Die Harfen-Jule hat das öffentliche Musizieren mit der Harfe nicht erfunden. Wandermusikanten - auch Harfenmädchen - waren im 18. und 19. Jahrhundert eine häufige Erscheinung. In Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahren" tritt ein Harfenspieler auf, der im Wirtshaus um eine milde Gabe spielt. Er wird zum "wunderbaren Begleiter" Wilhelms.

Der Dichter Klabund setzte der Harfen-Jule ein literarisches Denkmal, benannte einen ganzen Dichtband nach ihr.

____Niemand schlägt wie ich die Saiten,
____Niemand hat wie ich Gewalt.
____Selbst die wilden Tiere schreiten
____Sanft wie Lämmer durch den Wald.


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Der Pleitegeier stiert aus jedem Fenster