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Drei Eiszeiten - eine Stadt


Stadtteil: Tempelhof-Schöneberg
Bereich: Bessemerstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Alboinplatz
Datum: 6. Februar 2017
Bericht Nr: 577

Zwischen Priesterweg und Alboinplatz flanieren wir in einem Gebiet mit drei kleinen Seen. Weitere sechs Wasserlöcher - meist als Pfuhle bezeichnet - gibt es im Umkreis von weniger als einem Kilometer. Über das ganze Stadtgebiet verteilen sich 246 öffentlich zugängliche Teiche und Pfuhle. Diese Wasseransammlungen fallen uns kaum noch auf, sie gehören zum Stadtbild. Sie sind - ebenso wie das Urstromtal - Überbleibsel von Eiszeiten, die den Berliner Raum mehrfach heimgesucht haben. Der Science-Fiction-Film "The Day After Tomorrow" zeigt ein Szenario, wie eine solche Klimakatastrophe ablaufen könnte.

Dreimal schoben sich während der Eiszeiten Gletscher von Skandinavien kommend nach Norddeutschland herunter. Eine der Gletscherwanderungen reichte bis Sachsen (Dresden), die letzte Eiszeit erstreckte sich südlich Berlins bis kurz vor den Fläming (Luckenwalde) und den Spreewald. Die Gletscher rutschten auf einem Film aus Wasser und bearbeiteten die Steinbrocken, die sie unterwegs aufnahmen, wie eine Diamantschleiferei. So kamen große Findlinge bei uns an, deren Ecken rundgeschliffen waren. Aus dem größten Findling wurde die Granitschale mit knapp sieben Metern Durchmesser herausgearbeitet, die am Lustgarten steht.

Kalbende Gletscher
Wenn von einem Gletscher größere Eisblöcke abbrechen, ist das ein gigantisches Schauspiel - der Gletscher "kalbt". Diese abgesonderten Eisblöcke bohrten sich in den Boden und tauten am Ende der Eiszeit nach und nach auf. Aus den kreisrunden Vertiefungen ohne Abfluss wurden "Toteislöcher", die sich mit Grund- und Niederschlagswasser füllten. Andere Seen waren durch eiszeitlich geformte Rinnen miteinander verbunden. Solche Schmelzwasserrinnen verbinden beispielsweise die Grunewaldseen oder das Tegeler Fließ.

Viele Teiche und Pfuhle wurden oder werden in unterschiedlichen Zusammenhängen genutzt, etwa als Dorfteich oder Schwimmbad. Aus dem Krause'schem Pfuhl in Rummelsburg wurde Eis gewonnen, auf dem Eberpfuhl in Kaulsdorf konnten Ausflügler Boot fahren. Auf dem Springpfuhl sind Kinder mit einem selbstgebauten Floß in See gestochen. Der "Rote Dudel", ein Lichtenrader Pfuhl, bekam durch das Einweichen von Flachs seine Farbe. Siedlungen entstanden um Teich oder Pfuhle als Landschaftselement herum (Hufeisensiedlung, Dreipfuhlsiedlung, Gründerviertel Weißensee). Parkanlagen und Friedhöfe konnten die vorgegebenen geologischen Formationen nutzen. Viele Wasserlöcher wurden trocken gelegt, um sie zu bebauen. Am Schmöckpfuhl in Pankow weist der Name "feuchter Winkel" auf den schwierigen Baugrund hin, bei späterer Bebauung sollte man sich daran erinnern. In Berlin sind schon manche Bauten baden gegangen, weil Hinweise auf die historische Bodenbeschaffenheit nicht beachtet wurden.

In mancher Sage wurden die unergründlichen Pfuhle zum Tor in die Unterwelt. So wird vom Müggelsee folgende Moritat berichtet: Der Slawenfürst Jacza von Köpenick baute eine Burg in den Müggelbergen und mauerte seine Frau Wanda in einem Burgverlies ein. Er folgte damit einer Einflüsterung seiner Berater (Priester), die ihm dafür den Sieg über den Markgrafen von Brandenburg verheißen hatten. Man sei gewarnt vor unheilstiftenden Beratern (auch angesichts der ersten Wochen von Trumps Präsidentschaft in den USA), denn in den Müggelbergen ging das schief. Am nächsten Tag waren die Burg und einer der Müggelberge verschwunden, an seiner Stelle lag dunkel und tief der Teufelssee. Einmal im Jahr steigt Wanda empor, um nach Jacza, ihrem Gatten, auszuschauen - ergebnislos. Vielleicht ist es die Geschichte einer unglücklichen Ehe und Jacza war froh, dass Wanda verschwunden war. Vielleicht war es aber auch eine unerfüllte Love-Story.

Alboinplatz
Die Siedlung "Blanke Helle", die halbrund am Alboinplatz beginnt, nimmt Bezug auf eine andere Sage über ein Tor zur Unterwelt. Am Rande von "Hels Pfuhl" (heute "Blanke Helle") verweist die gemauerte Statue eines Stiers darauf, dass die Herrscherin der Unterwelt ihn nach oben zum Pflügen auf die Felder des Heiligtums schickte. Auch diese Geschichte ging tragisch aus, mehr steht in meinem Beitrag Der schwarze Stier aus der Unterwelt . Dem gemauerten Stier hat der Berliner Volksmund den Beinamen „Der Größte Ochse von Berlin“ gegeben.


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Friedhof Eythstraße
Der Friedhof Eythstraße ist ein Schöneberger Gemeindefriedhof ohne Erbbegräbnisse, er wurde 1908 eingerichtet. Ein kleiner Rundtempel, ein polygonales Grabdenkmal mit rundem Turmaufsatz, Girlandenschmuck und Widderköpfen, versteckt sich hinter Büschen am Hauptweg. Im jüdischen Ritus steht der Widder für „Erweckung“. Abraham musste seinen Sohn Isaak nicht wie zunächst verlangt opfern, Gott sandte einen Widder an Stelle des Kindes und belohnt damit die Gottesfurcht Abrahams.

Die Senke des Krummen Pfuhls ist als Landschaftselement in den Friedhof integriert. Allerdings wird die Wasserfläche nicht vollständig von einem Weg umgeben. Wenn man sie fast umrundet hat, muss man umkehren. Auffällig ist die Befestigung des abfallenden Uferbereichs mit ausgedienten Eisenbahnschwellen. Wegen des angrenzenden Eisenbahngeländes (Südpark) kann man annehmen, dass es sich um praktisches Recycling handelt.


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Lindenhofsiedlung
Die Lindenhofsiedlung begleitet die Arnulfstraße auf beiden Seiten. Der größere Teil gruppiert sich um den Lindenhofweiher, der bei unserem heutigen Rundgang eine Eisfläche ist. Die als Gartenstadt für genossenschaftliches Wohnen nach Ende des Ersten Weltkriegs angelegte Siedlung ist gerade vor drei Monaten für ihre "biologische Vielfalt" von der Bundesumweltministerin ausgezeichnet worden. Die für Gartenstädte typischen Hausgärten für die Versorgung der Bewohner und die gemeinschaftlichen Grünflächen wurden um Obstbäume ergänzt, Baumpatenschaften eingerichtet, eine Bienenzucht angelegt, der Energiebedarf drastisch gesenkt, Nisthilfen für Mauersegler geschaffen.

Tempelhofer Schweiz
Der Krumme Pfuhl auf dem Friedhof, der Hels Pfuhl am Alboinplatz und der Lindenhofweiher liegen in einer eiszeitlichen Rinne und sind jeweils nur knapp 200 Meter voneinander entfernt. Die Vertiefungen der Pfuhle wechseln sich mit dem Gelände ab, wahrscheinlich hat sich deshalb die Bezeichnung Tempelhofer Schweiz eingebürgert.

Opelwerk Berlin
Entlang der Bessemerstraße bis zur Eresburgstraße und Alboinstraße entwickelte sich ab 1910 Schönebergs ältestes und größtes Industrieareal. Schon von Weitem sieht man die "Vier Ritter", die Entlüftungsrohre mit drehbaren Hauben auf dem Dach der Schultheiss-Mälzerei.

Die Fabrikbauten von Schlüterbrot/Bärenbrot hat der Industriearchitekt Bruno Buch geschaffen und auch die Gebäude der Opel-Werke, die heute in unseren Blick kommen. Eine Halle mit mächtigem Turmgebäude, hier wurden seit 1919 Kraftfahrzeuge repariert. Davor die großflächige Glasfront des Verkaufspavillons, der erst 1960 gebaut wurde. Im gläsernen Pförtnerhäuschen steht heute ein Pappkamerad stramm, freundlich schauend, aber unbeweglich.


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Opel hat hier keine Neuwagen produziert, das Stammwerk lag in Rüsselsheim. Mit Nähmaschinen hatte es begonnen, dann produzierte man Fahrräder, bis schließlich Motorwagen - auch ein Motorpflug - hergestellt wurden. Das Stromlinienfahrzeug "Opel-Ei" war von der Straßenlage und Federung ideal, man konnte sogar mit Zylinder einsteigen. Das empfahl sich nicht für den „Doktorwagen“, ein zweisitziges Cabriolet, mit dem oft Ärzte auf Hausbesuche fuhren. In der Bessemerstraße bietet heute das "Kaufhaus des Autos" (Kadea) seine Dienste an.

Reichspostzentralamt
In dem burgartigen Backsteingebäude zwischen Ringbahnstraße und Stadtautobahn wurden bis 1920 vom Eisenbahnbataillon des Militärs Korn, Sackmehl, Zwieback, Salz, Fleisch- und Gemüsekonserven gelagert und umgeschichtet. Nach der Entmilitarisierung durch den Versailler Vertrag übernahm die Reichspost das Speichergebäude und ergänzte die Bebauung um das Reichspostzentralamt. Architekt des expressionistischen Postgebäudes war Karl Pfuhl. Ein Zufall, hier taucht der Begriff der uns heute begleitenden eiszeitlichen Wasserlöcher - Pfuhle - als Name auf. Die in diesem Bauwerk eingerichteten Labors und Versuchsabteilungen für Telekommunikationstechnik waren die Geburtsstätte des Fernsehens, das auf der Funkausstellung 1936 erstmals vorgestellt wurde.

Trotz strebenden Bemühens finden wir keinen passenden Ort in der Nähe für unser Flaniermahl. So müssen wir noch mal unsere Füße einsetzen, um in der Osteria Uno in der Kreuzbergstraße italienische Gastfreundschaft und gutes Essen zu genießen.

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Weitere Stadtspaziergänge im Umkreis:
> Industrieviertel an der Eresburg- und Alboinstraße:
>> Industrieviertel und
>> Dreidimensionale Geschichten aus Kymaerica
> Naturpark Südgelände: Naturschutzgebiet mit Bahnanschluss
> Attilaplatz, Marienhöhe: In der Kiesgrube verbuddelt
> Südende: Schneller als Ruhm schwinden die Börsenkurse
> Bahnhof Südkreuz: Stairs turning on demand

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Eine Windrose aus Gräbern