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Die Kirche im Dorf lassen


Stadtteil: Zehlendorf
Bereich: Schönow
Stadtplanaufruf: Berlin, Alt-Schönow
Datum: 21. Mai 2012

Man solle „die Kirche im Dorf lassen“, sagt eine Redensart. Gemeint waren damit nicht die Kirchenbauten, sondern die katholischen Gläubigen (Kirche als Gemeinde), die bei einer Prozession gern die Grenzen eines Dorfes überschritten und sich damit mehr Raum nahmen, als ihnen zustand. Die Bläck Fööss übersetzten die Redensart ins Kölsche, daraus wurde der Karnevalsschlager:"Mer losse d’r Dom en Kölle".

Im Mittelalter gingen Kirchenbau und Besiedlung Hand in Hand. Die Kirche als Gebäude war gewissermaßen der natürliche Mittelpunkt eines Dorfes. Von der Taufe bis zur Beerdigung wurde das Leben durch den Glauben und die Kirche geprägt, da war es nur natürlich, dass auch der Kirchenbau im Zentrum stand. Umso erstaunlicher, dass in dem bereits 1299 existierende Dorf Schönow nie eine Kirche vorhanden war. Mehr als 500 Jahre lang kamen die Schönower auch ohne einen Dorfkrug aus, er wurde erst um 1830 eingerichtet. Eine Schmiede kam weitere dreißig Jahre später hinzu, eine Mühle hat es nie gegeben. Eine Schule bestand nur 20 Jahre lang. Welch ein merkwürdiger Ort!

Wo es eine Dorfkirche gab, war diese Mittelpunkt des gesamten Dorflebens. An dem zentralen Dorfplatz lagen Kirche, Friedhof und gemeinschaftliche Einrichtungen wie Brunnen, Backhaus oder Schmiede. Der Kirchplatz war zugleich Marktplatz, Festplatz, Versammlungsort, Gerichtsort. Den Dorfkrug werden die Bauern nicht vermisst haben, denn sie waren Selbstversorger und Freizeit oder Muße gehörten nicht zu ihren Standeskennzeichen, sondern waren Grundherren, Gutsbesitzern, Adligen vorbehalten. Der bäuerliche Arbeitstag begann bei Sonnenaufgang und endete bei Sonnenuntergang, nur in den Wintermonaten gab es weniger zu tun. Als Ausgleich für das harte Arbeitsleben nutzten die Bauern aber umso ausgiebiger die wenigen festlichen Gelegenheiten im Jahr, um richtig zu feiern: Kirchenfeste, Erntefeste, Hochzeiten und Taufen. Man feierte Nikolaus, Silvester, Anfang und Ende der Fastenzeit, das Aufrichten des Maibaums, Prozessionen, Sonnenwenden.

Natürlich kamen die Schönower nicht ohne Kirche aus, sie gehörten zur Gemeinde Teltow, von der Schönow durch die Bäke getrennt war. Der Friedhof Schönow lag ursprünglich an der Dorfaue Alt-Schönow und wurde trotz fehlenden Kirchenbaus "Kirchhof" genannt. 1831 wurde er an den Teltower Damm verlegt, ist aber auch dort schon wieder seit 1968 aufgelassen und wartet auf seine Umgestaltung als „Grünanlage mit Friedhofscharakter“, bisher ist er einfach nur überwuchert. Eine Schule baute sich die Gemeinde 1894 in der Kleinmachnower Straße, nutzte sie aber nur 20 Jahre, danach gingen die Kinder auf die Zehlendorfer Schule.

Schönow hatte einen Gutshof, dessen Reste 1850 mit einer Papierfabrik bebaut wurden. Gutsherren waren bis dahin nacheinander u.a. der Markgraf, der Bischof, die Familien von Beeren zu Groß- und Kleinbeeren, von der Liepe, von Wilmersdorf. Zu den acht Bauernhöfen gehörte der Schweizerhof, auf dem Dr.Heinrich Laehr 1853 eine "Privatheilanstalt für psychisch Kranke weiblichen Geschlechts" errichtete. Zwischen Schönow und Teltow floss die Bäke als eiszeitliche Schmelzwasserrinne im sumpfigen Bäketal, das von Lichterfelde bis Kleinmachnow reichte. Sie wurde ab 1901 in den Bau des Teltowkanals mit einbezogen, der von Köpenick bis nach Babelsberg führt.

Kaiser Wilhelm II. weihte den Teltowkanal 1906 ein, die königliche Yacht Alexandria durchschnitt ein von Ufer zu Ufer gespanntes weiß-rotes Seidenband. Das ist das von wichtigen Persönlichkeiten geliebte Ritual, mit dem die Überwindung von Schwierigkeiten und die neu gewonnene Freiheit sichtbar gemacht werden. Von der Idee bis zur Verwirklichung des Kanals war es tatsächlich ein schwieriger Weg. Die Bäke konnte die steigende Menge von Regenwasser und Abwässer aus Steglitz und Tempelhof nicht mehr aufnehmen, sie versumpfte zunehmend. Weiterhin wurde für Transporte auf dem Wasser eine südliche Umfahrung der überlasteten Innenstadt gebraucht, der Kanal verkürzt die Route zwischen Elbe und Oder um 16 km. Für den Kanalbau mussten Höhenunterschiede nivelliert werden, er liegt sehr tief zwischen den Uferböschungen. Der Schönower und der Teltower See, die oberhalb des Kanalniveaus lagen, wurden ausgetrocknet und zugeschüttet. Den Griebnitzsee und den Machnower See musste man ausbaggern und vertiefen. Um erheblichen Sog und Wellenschlag durch die Schiffsantriebe zu vermeiden und so Kanalbett und Ufer zu schonen, ließ man die Schiffe durch "Treidelknechte" vom Ufer aus ziehen. Das waren nicht mehr Pferde und Ochsen wie früher, sondern elektrische Loks, schließlich war Berlin die Hauptstadt der Elektrizität ("Elektropolis").

Zur Unterhaltung der Wasserstraße, des Treidelbetriebs und zur Wartung der Lokomotiven richtete die Teltowkanal-Bauverwaltung in Schönow einen Bauhafen und Bauhof ein, aus dem später die Teltow-Werft hervorging. Außerdem wurde auf dem Bauhof eine „Elektrische Centrale“ errichtet, der Vorläufer des Kraftwerks Schönow. Das Gelände ist heute nicht öffentlich zugänglich, teilweise gibt es einen Blick auf die noch vorhandenen Gebäude (Elektrizitätswerk, Lokomotivschuppen, Werkstatt, Ölhaus, Windenhaus, Umformerstation und mehrere Verwaltungsgebäude). Außerdem sind dort Reste einer Steinbrücke über den Teltowkanal vorhanden.

Unser heutiger Rundgang eignet sich eher für eine Fahrradtour als für einen Spaziergang, irgendwann werden die Füße müde. Vom Teltower Damm bis zum Teltower Hafen kann man direkt am Teltowkanal entlang gehen. Von drüben grüßt die Teltower Kirche, auf Schönower Seite erstrecken sich dort Wiesen, wo einmal der trocken gelegte See war. Alt-Schönow - die alte Dorfaue - hat nur noch wenig Dörfliches. Die Schönower Kirche in der Andréezeile wurde erst 1960 von Frei Otto gebaut, in dörflicher Zeit gab es wie gesagt kein Gotteshaus in Schönow. Der Lupsteiner Weg und die anderen Wege mit Steinnamen gehören "zum bescheideneren Teil des sonst so noblen Stadtteils Zehlendorf" (Morgenpost). Sie werden von wenig ausdrucksvollen Siedlungsbauten eingerahmt,

Die 1940 von den Telefunkenwerke errichtete Wohnsiedlung am Breitensteinweg ist gerade aufgefrischt und um Dachausbauten ergänzt worden. In der Straße Heimat wird es wieder interessanter. Gebaut hat die Siedlung ein sächsischer Architekt, es ist sein einziges Berliner Werk (hat er sich hierher verirrt?). "Heimat" ist ein anspruchsvolles Wort, wieso kann man hier besser als anderswo zu Hause sein? Diesen Anspruch erhebt die Siedlung nicht, sie übernahm lediglich den Namen der Baugesellschaft "Heimat".

Zwei Bildungseinrichtungen (Kirchliche Hochschule, John-F.-Kennedy-Schule) und drei Parks (Heinrich-Laehr-Park, Schweizerhofpark, Schönower Park) könnte man auf dem Rückweg nach Zehlendorf-Mitte noch besuchen, aber inzwischen sind die Füße sehr müde. So nehmen wir den Bus, um weiter nördlich am Teltower Damm bei einem Italiener einzukehren.

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Bilder von "Treidelknechten": Mit dem Boot zum Einkaufen fahren
Berlin als Hauptstadt der Elektrizität: Das fünfte Element
mehr über den Teltowkanal: Teltowkanal

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Unsere Route:
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Kiefern und Heidegestrüpp
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