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Kiefern und Heidegestrüpp


Stadtteil: Zehlendorf
Bereich: Schlachtensee
Stadtplanaufruf: Berlin, Am Heidehof
Datum: 23. April 2012

Ein Reisender schrieb 1775 über die heutige Potsdamer Chaussee in Zehlendorf, die Aussicht auf das leere Brachfeld auf beiden Seiten des sandigen Weges sei nicht angenehm gewesen. Das änderte sich einige Jahre später, Carl Gotthard Langhans befestigte die Straße zu einer "Steinbahn", es war die erste gepflasterte Straße in der Mark Brandenburg. Kiefer und Heidegestrüpp wuchsen aber weiterhin auf sandigem Boden, bis die Siedlungen Düppel, Schlachtensee, Nikolassee entstanden.

Bis zum Ersten Weltkrieg wurden Villen und Landhäuser für Gutsituierte gebaut, die außerhalb der Innenstadt eine grüne Oase auf ihrem Anwesen haben wollten. In der Weimarer Republik baute man Reihen- und Mehrfamilienhäuser, um auch nicht so Vermögenden das Wohnen im Grünen zu ermöglichen. Der Bereich nördlich der Potsdamer Chaussee um die Spanische Allee herum wurde in dieser Zeit entwickelt, hier liegen die Siedlung "Heidehof", die Reichsbanksiedlungen Schlachtensee I und II und das Wonnegauviertel. Dieses Viertel ist ein künstliches Gebilde, das man von der Lage her auch Nikolassee-Ost oder Schlachtensee-Süd hätte nennen können. Bei der Suche nach einer Gemeinsamkeit blieben nur die nach rheinhessischen Städten benannten Straßen, sie ergaben dann den gemeinsamen Begriff "Wonnegau".

Unser Spaziergang von der Lindenthaler Allee über Dubrowplatz und Spanische Allee bis zum Studentendorf Schlachtensee zeigt mit den unterschiedlichen Quartieren sehr anschaulich die architektonische Entwicklung von den Villen über die Reihenhäuser bis zur Nachkriegsmoderne. Auch die Kiefern aus der ursprünglichen Kiefer- und Heidegestrüpp-Landschaft tauchen mehrfach auf. Gleich das erste Haus auf unserem Weg an der Ecke Matterhorn- und Dubrowstraße ist eine Villa mit 21 Zimmern. Das Haus, das mehrfach Drehort für Fernsehaufnahmen war, konnte im Oktober 2003 schwer verkauft werden, wie die Berliner Zeitung berichtete. Jetzt bewegt sich dort eine Landesflagge im Wind, es scheint, dass eine Botschaft hier ihr Domizil gefunden hat. Bis zum Dubrowplatz und darüber hinaus wird die Dubrowstraße von großzügigen Villen geprägt, in denen neben der Eigentümerfamilie meist auch Platz für Dienstboten war.

An der Ecke Breisgauer Straße ändert sich der Charakter, hier steht die Siedlung Schlachtensee II, die von einem Mitarbeiter im Baubüro der Reichsbank entworfen wurde. Auf der anderen Seite der Spanischen Allee um den Guntersblumer Weg folgt die Siedlung Schlachtensee I von Paul Mebes. Hier hat Mebes eine holzsparende Dachkonstruktion verwendet, das Bohlenbinderdach. Statt langer Hölzer werden dabei kurze Brettbohlen versetzt übereinander angeordnet. Von der Giebelseite hat dieses Dach den Zuschnitt eines Spitzbogens.

Mit einer Vielzahl von Siedlungsbauten, aber auch Verwaltungsgebäuden und Schulen ist Mebes von 1906 bis 1935 im Stadtgebiet vertreten, ohne in der Fachwelt eine vergleichbare Anerkennung wie Mendelsohn, Taut oder Gropius gefunden zu haben. Viele Projekte verwirklichte er zusammen mit seinem Schwager Paul Emmerich in einem gemeinsamen Architekturbüro, so auch die auf unserem weiteren Weg liegende Siedlung Am Heidehof, deren Name auf die frühere Heidelandschaft in diesem Teil Zehlendorfs verweist.

Die Heidehof-Siedlung zwischen Potsdamer Chaussee und Niklasstraße ist von der Chaussee zurückgesetzt. Im Zentrum der Siedlung gruppieren sich Einfamilien-Reihenhäuser um einen viereckigen Platz mit altem Baumbestand. Die äußeren Straßenfronten mit Mehrfamilienhäusern geben der Siedlung eine Geschlossenheit. Als Baustoff wurde Backstein verwendet, mit dem geschickt Verzierungen und Hervorhebungen gestaltet wurden. Spitzbögen bei Loggien und Hausdurchgängen und schlichte aber wirkungsvolle Kassetten-Haustüren prägen das Bild. Es entstand ein „ländliches Idyll einer Gruppe von Backsteinrohbauten mitten im Kiefernwald“. Die Wohnungen sind großzügig geschnitten mit bis zu viereinhalb Zimmern bei den Reihenhäusern und fünf Zimmern bei den Einfamilienhäusern. Leisten konnten sich das nur die gutverdienenden Klienten des Bauherrn, der „Wohnstättengesellschaft mbH für Beamte und Angestellte der öffentlichen Verwaltung“.

Die Siedlung ist als Denkmal geschützt, das verpflichtet, "das bauzeitliche Erscheinungsbild hinsichtlich Form, Material und Farbigkeit zu erhalten bzw. bei notwendiger Reparatur entsprechend dem historischen Bestand wiederherzustellen". In einem Handbuch der Denkmalbehörde werden im Einzelnen aufgeführt, wie Fassaden, Backsteinflächen, Fugen, Regenrohre, Gesimse, Eingangspodeste, Außentreppen, Balkone und Loggien, Hauslauben, Lichtschächte, Geländer, Gitter, Fenster, Fensterläden, Tür- und Fensterbeschläge, Haustüren, Dachdeckung, Dachgauben, Schornsteine, Bepflanzung, Vorgärten, Einfriedungen, Außenbeleuchtung, Hausnummern, Klingeln, Briefkästen und die Innenräume auszusehen haben. Eine Regelungswut? Der betroffene Wohnungsnutzer mag das so empfinden, dem Flaneur aber geht das Herz auf, wenn er eine Wohnsiedlung betritt, die fast vollständig in ihrem ursprünglichen Bestand und Aussehen erhalten werden konnte.

An der 1896 angelegten Kurstraße befindet sich nicht nur das namensgebende Krankenhaus Hubertus, sondern auch das ehemalige Sanatorium Fichtenhof, dessen Bau zur Potsdamer über Eck gestellt ist. Ein Arzt dieser Klinik hat 1921 in einer psychiatrischen Zeitschrift einen Beitrag "Autismus und Buddhismus. Eine Parallele" veröffentlicht. Das nach innen gekehrte Lächeln des Buddha, das er bei "Schizophrenen, vor allem den sog. 'verblödeten Fällen' " wieder zu erkennen glaubte, führte ihn zu der Erkenntnis, dass diese Kranken ganz leer sind, dass in ihnen Nichts vorhanden ist, so wie Buddha es mit seiner Versenkung anstrebt, das Erlöschen, Verwehen im Nirwana.

Auf den beiden Seiten der Wasgenstraße stehen sich eine Kirche und eine Schule direkt gegenüber. Die Katholische Gemeinde "Zu den Hl. Zwölf Aposteln" baute 1953 ein Gotteshaus, das von den Proportionen her an eine Märkische Dorfkirche erinnern soll, sich mit weißer Putzfassade aber deutlich davon abhebt. Die Johannes-Tews-Grundschule und das Werner-von-Siemens-Gymnasium teilen sich einen Standort. 1926 wurden die Gebäude vom Hochbauamt Zehlendorf errichtet. Wie in Lichterfelde "Fräulein Kramer" die Schulentwicklung bestimmt hat, so war es hier in Schlachtensee "Fräulein Lehwess". Jede gründete eine Privatschule, aus der später eine Höhere Mädchenschule hervorging, die schließlich zu einer staatliche Schule wurde.

Hier sind wir im Wonnegau-Viertel, dem um 1900 letzten unbebauten Waldstück der Zehlendorfer Heide, das im Volksmund „Mittelbusch“ genannt wurde. Es wurde im Dritten Reich bebaut, viele Häuser sind durch die "Deutsche Baugesinnung" geprägt, eine "geistige Haltung" zur "Ausschaltung fremder seelischer Inhalte" und zur "Besinnung auf die völkische Eigenart" (--> 1). Im „Heimatschutzstil“ durfte man nur Satteldächer bauen, Flachdächer und die Reformbauweise der Weimarer Republik waren unerwünscht. Heute ist die Siedlung mit verschiedenen Bauformen durchmischt, ein einheitlicher Charakter fehlt.

Die Idee zum Studentendorf Schlachtensee entstand sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, 1959 war der erste Bauabschnitt fertig. Die Freie Universität war im amerikanischen Sektor gegründet worden, die Amerikaner finanzierten auch Unterkünfte für die Studenten und verbanden damit gleichzeitig ein politisches Ziel: Wie erzieht man den ehemaligen Kriegsgegner zur Demokratie? Das amerikanische Außenministerium richtete ein Tutorenprogramm ein, das den Studenten politische Bildung beibringen sollte. Aber die Begeisterung der Studenten für die Arbeitsgruppen war äußerst mäßig, sie hielten mehr von Tanzveranstaltungen und Dorfpartys, wie Eleanor Dulles als Mitgründerin des Campus 1961 erschüttert feststellen musste. Statt einer Elite (wie hatte sie sich die vorgestellt?) waren ganz normale Studenten mit Lust und Frust wie in den USA herangewachsen. Dass diese Normalität das Besondere war nach den Jahren der Nazidiktatur, ist damals nicht aufgefallen.1972 wurde das Tutorenprogramm eingestellt.

Das Studentendorf ist als Stadtlandschaft in offener Bauweise auf der ehemaligen landwirtschaftlichen Fläche des Bauern Hönow errichtet worden. Um den Dorfplatz mit dem Rathaus gruppieren sich auf dem terrassenförmigen Gelände frei komponierten Häusergruppen, ein Sandwall umgibt den Campus. Die kleinen Wohneinheiten und die größeren Gemeinschaftsräume in den Häusern werden durch Oberlichtflure miteinander verbunden. Nach außen werden die Wohnbereiche durch weiß verputzte Wandflächen, die Gemeinschaftsbereiche durch anthrazitfarbene Flächen gespiegelt. Zwölf "Herrenhäuser" und sechs "Damenhäuser" gab es - die Geschlechtertrennung hatte aber nur solange Bestand, bis die Studenten sie (natürlich 1968) mit einer legendären Schlüsseltauschaktion auf dem Dorfplatz boykottierten.

Nach einer Phase des Niedergangs - unter anderem wegen erheblicher Baumängel und fehlender Wärmedämmung - konnte der drohende Abriss abgewendet werden. Das Studentendorf ist jetzt Nationales Kulturdenkmal und wird von einer Genossenschaft bewirtschaftet, die behutsame repariert und modernisiert. Dabei werden durch Zusammenlegung von 10-qm-Appartements größere Einheiten geschaffen, Gemeinschaftsräume umgewidmet und Gästewohnungen für Akademiker eingerichtet. Zwei Parkplatzflächen wurden verkauft, um die Arbeiten zu finanzieren, ein Aldi-Markt und ein Wohnhaus sind hier entstanden.

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(1) Zur "Deutschen Baugesinnung" im Dritten Reich: Auf nach Paris
Angrenzende Siedlung Nikolassee: Nikolassee
Angrenzende Siedlung Schlachtensee: Schlachtensee
Studentendörfer: Studentendorf


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind die Bilder zum Studentendorf ...
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Studentendorf Schlachtensee

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Unsere Route
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Naturapostel in griechischen Hüllen
Die Kirche im Dorf lassen