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Alte Mädchen aus besseren Ständen


Stadtteil: Zehlendorf
Bereich: Zehlendorf-Mitte
Stadtplanaufruf: Berlin, Scharfestraße
Datum: 13. März 2017
Bericht Nr: 581

Das erste Motorrad, das auch "Motorrad" genannt wurde, hat der begeisterte Radsportler Heinrich Hildebrand entwickelt. 1889 konstruierte er zusammen mit seinem Bruder Wilhelm eine Maschine mit Dampfantrieb, davon wurde nur ein Exemplar hergestellt. Bei der ältesten Motorsportveranstaltung der Welt - dem "London to Brighton Veteran Car Run" - fuhr es 1896 mit. Bei diesem Rennen gab es keine Sieger und vom Motor-Dreirad (gepolsterte Sofaecke mit Dreirad-Unterbau) bis zum Omnibus durfte alles teilnehmen, was alt war, einen Motor und Räder hatte. Gleichzeitig mit diesem Rennen feierten die britischen Motorenthusiasten einen großen Sieg: Jetzt musste nicht mehr auf der Straße ein Fußgänger mit roter Flagge einem Motorfahrzeug vorausgehen, und die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 6,4 kmh war entfallen.

Heinrich Hildebrand und das Motorrad
Die nächste Version war ein Motorrad mit Benzinmotor, das Hildebrand konstruieren ließ. 1894 wurde es unter dem Namen des von ihm beauftragten Konstrukteurs patentiert. Ein Kunde berichtete über die Maschine: "Es war etwas Übernatürliches in der Art, wie sie vorwärtssprang, und wer konnte mir sagen, ob sie nicht jeden Augenblick durchgehen könnte wie ein Pferd". Von diesem Modell wurden mehrere hundert gebaut, bis die französische Konkurrenz Hildebrand und seine Fabrik in die Knie zwang. Hildebrand starb 1928 und wurde auf dem Zehlendorfer Friedhof in der Onkel-Tom-Straße beerdigt, zu dem wir heute unter anderem flanieren.

Oskar-Helene-Heim
Auch Prof. Dr. Konrad Biesalski ist an der Onkel-Tom-Straße beerdigt, der 1930 gestorbene "Begründer der modernen Krüppelfürsorge". So lese ich es im Friedhofsführer von Willi Wohlberedt, aber natürlich nennt man Biesalski heute korrekt den Begründer der modernen Behindertenfürsorge. Als Schularzt beobachtete er die sozialen Probleme der Körperbehinderten, die ohne orthopädische Behandlung in ihrem „Krüppeltum“ verblieben. Als Orthopäde und Hochschullehrer entwickelte er die Orthopädietechnik und sorgte dafür, dass Behinderte entsprechend ihren individuellen Möglichkeiten gefördert werden. Aufgrund seines Engagements entstand 1914 das Oskar-Helene-Heim, dessen ärztlicher Leiter er wurde.

Oskar Pintsch trug mit einer halben Million Goldmark - einer unglaublich hohen Schenkung - den wesentlichen Teil der Baukosten der Heilanstalt. Zusammen mit seiner Frau Helene wurde er mit der Benennung des Krankenhauses als "Oskar-Helene"-Heim geehrt. Oskar Pintsch war Industrieller, er führte gemeinsam mit seinen Brüdern das Unternehmen seines Vaters Julius Pintsch fort. Die Produkte wie Glimmlampen in Kaffeemaschinen und Schaltern, Blaulicht auf Funkwagen, Schwebetüren der S-Bahn, Sicherung von Bahnübergängen wurden in dem vor 170 Jahren gegründeten Unternehmen entwickelt, wir nutzen sie noch heute, ohne den Namen Pintsch zu kennen. Mit dem erarbeiteten Vermögen engagierte sich Pintsch ganz selbstverständlich als Mäzen, ein nobles bürgerschaftliches Engagement.

Nach der Wende wurden die medizinischen Abteilungen des Oskar-Helene-Heims ins Behring-Krankenhaus verlegt. Im Jahr 2000 hat man die Gebäude abgerissen und anschließend das Gelände neu bebaut.

Götz George
Schimanski war als Tatort-Kommissar ein prolliger, vulgärer Bulle mit Herz, der die Sprache des Ruhrpotts sprach. Eine Rolle, mit der Götz George oft gleichgesetzt wurde. Doch der Ruhrpott-Bulle war ein Berliner Kind, war ein Charakterschauspieler wie sein Vater Heinrich George und seine Mutter Berta Drews. Götz Georges ernste Rollen wie der KZ-Arzt Josef Mengele in "Nichts als die Wahrheit" oder der Massenmörder Fritz Haarmann in "Der Totmacher" ließen das Blut gefrieren. "Im tiefsten Abgrund lief er zu Hochform auf", schrieb der Spiegel. Götz George spielte im TV-Drama "George" seinen eigenen Vater Heinrich George und konnte auch Komödie und Satire wie im Film "Schtonk!" über die angeblichen Hitler-Tagebücher.

Der Grabstein von Götz George auf dem Friedhof in der Onkel-Tom-Straße ist so beschriftet, dass neben seinem Namen noch Platz ist für den Namen seiner Ehefrau. Zwei Jahre vor dem Tod heiratete er seine langjährige Lebensgefährtin, eine Hamburger Journalistin. Damit die Familie unbeobachtet von ihm Abschied nehmen konnte, wurde der Öffentlichkeit eine Beerdigung in Hamburg vorgetäuscht, während er tatsächlich neben seinem Vater Heinrich George in Berlin beigesetzt wurde. In einem Interview hatte er einmal über eine Seebestattung wie bei seiner Mutter gesprochen, "unauffällig und anonym abtreten", doch dabei blieb es nicht. Auf dem Grabstein seines Vaters wird auf ihre Bestattung im Meer Bezug genommen mit dem Text "Im Gedenken an Berta Drews".


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Zehlendorf-Grunewald
Unser heutiges Flanierziel ist die Siedlung Zehlendorf-Grunewald, die unmittelbar an Zehlendorf-Mitte anschließt. Sie liegt im Dreieck zwischen Clayallee, Argentinischer Allee und Onkel-Tom-Straße, der Übergang zu Zehlendorf-Mitte ist fließend. Entwickelt wurde die Siedlung von einer Terraingesellschaft, der Zehlendorf-Grunewald AG.

Überwiegend wurden Landhäuser im Heimatschutzstil gebaut, also mit traditionellen, regionaltypischen Bauformen. So hat beispielsweise das Architektenduo Theodor Bastian & Fritz Kabelitz in Zehlendorf fast dreißig Landhäuser gebaut, blieb aber über die Bezirksgrenzen hinaus weitgehend unbekannt. An der Onkel-Tom-Straße wurde von anderen Architekten eine vierstöckige Wohnanlage gebaut, ein Miethausblock, der für die städtische Entwicklung in Zehlendorf-Mitte steht.


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Auch der Architekt Paul Mebes hat viel in Zehlendorf gebaut, sein Grab auf dem Friedhof Onkel-Tom-Straße zeigt nicht seinen Vornamen, sondern nur den seiner Ehefrau Hilde.

Das alte Zehlendorf war ein Bauerndorf, kein Rittergut wie beispielsweise Dahlem. Das größte Anwesen gehörte dem Lehnschulzen (Dorfvorsteher), es wurde über Jahrhunderte von Generation zu Generation an männliche Nachkommen weiter vererbt. Problematisch wurde es, als der Lehnschulze Scharfe 1841 starb und seine zwei Töchter das Gut erbten. Jetzt musste ein neuer Dorfvorsteher bestimmt werden, das Lehnsgut blieb aber bei den Erbinnen. Die unverehelichte Tochter Sidonie Scharfe wurde mit diesem Vermögen zur Wohltäterin in Zehlendorf.

Stiftungen der Sidonie Scharfe
Es waren "staunenswerte Verfügungen", mit denen sie wohltätige Zwecke förderte: Zusammen mit anderen gründete sie 1854 das "Haus Schönow", damals eine Nervenheilanstalt für hilfebedürftige Kranke, heute ein Pflegeheim. Der evangelischen Kirchengemeinde stellte sie 1905 das Grundstück zur Verfügung, auf dem die Paulus-Kirche und das Pfarrhaus erbaut wurden.


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Mit zwei Stiftungen sorgte sie für bedürftige ältere Menschen. Im Haus des 1891 gegründeten Wilhelm-Friedrich-Stift an der Fischerhüttenstraße konnten alt gewordene bedürftige Knechte und Mägde von ortsansässigen Bauern mietfrei wohnen.

Die von ihr ins Leben gerufene Sidonie-Scharfe-Stiftung errichtete in ihrem Vermächtnis zwei Häuser in der Scharfestraße und nahm dort arme Witwen und benachteiligte „alte Mädchen“ aus besseren Ständen auf, die in einer eigenen Wohnung ein selbständiges Leben im Alter führen konnten. Das Stammhaus wurde von den bereits genannten Architekten Bastian & Kabelitz ausgeführt. Das zweite Stiftswohnhaus, das Frieda-Köpcke-Haus, entwarf der Architekt Bruno Ahrends. An seinem Bau fallen die blauen Fensterläden mit geschweiften Kanten (Eselsrücken) und die Keramikfliesen am expressionistischen Eingangsportal auf.

Für sich selbst hatte Sidonie Scharfe 1892 am Teltower Damm eine Villa errichten lassen, "repräsentativ, aber in kleinerem Maßstab". Ein Maurermeister hat die Villa entworfen und gebaut, mit neobarockem Giebel und einer italienisch anmutenden Loggia als Eingangsbereich. Sidonie Scharfe hatte nie geheiratet, in ihrer Villa werden heute Ehen geschlossen, denn hier arbeitet das Standesamt.

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Gewaltherrschaft von Zickzack-Ornamenten
Rede und Gegenrede mit Geist und Anmut