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Schießen Sie nicht auf den Kaiser


Stadtteil: Friedenau
Bereich: Rheinstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Walther-Schreiber-Platz
Datum: 24. November 2014
Bericht Nr: 487

"Man schießt mit ein paar Körnern Schrot / Nicht einen deutschen Kaiser tot!"
dichtete Theodor Fontane nach dem zweiten Attentat auf den deutschen Kaiser innerhalb Monatsfrist 1878. Und tatsächlich hat Kaiser Wilhelm I. beide Attentate überlebt. Beim zweiten Mal war es seine Pickelhaube, die einen Teil der Schrotkugeln aufhielt und ihm das Leben rettete. Der zweite Attentäter war geistig verwirrt, aber der erste bot als Mitglied der Sozialdemokraten eine ideale Angriffsfläche, gegen die zunehmenden Proteste der Arbeiterschaft wegen unzumutbarer Arbeits- und Lebensbedingungen vorzugehen. Tatsächlich war das Massenelend mit Hilfskassen, Armenpflege und Armenfürsorge nicht in den Griff zu bekommen, Gewerkschaften und die "Sozialistische Arbeiterpartei" bildeten sich. Das Attentat eines Sozialdemokraten gab Reichskanzler Bismarck die Rechtfertigung, gegen diesen "inneren Feind" mit dem "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" (Sozialistengesetz) vorzugehen.

Die Arbeiterpartei wehrt sich: "Nicht wegen der Attentate werden wir Socialisten jetzt verfolgt; unsere Gegner wissen wohl, daß wir daran so unschuldig sind wie ein neugeborenes Kind. Die Attentate sind nur ein nichtsnutziger Vorwand, der wahre Grund Socialistenhetze ruht darin, daß wir Socialisten das arme Volk befreien wollen von dem Druck der Geldprotzen, der Regierung und der Pfaffen". Letztlich unterdrücken konnte Bismarck die Sozialisten nicht, weil sie in den Reichstag gewählt wurden. So änderte er seine Taktik und führte Krankenversicherung, Invaliditäts- und Altersversicherung ein, um den Protesten der Arbeiterschaft zu begegnen, was ihm selbst nun den Vorwurf des "Staatssozialismus" einbrachte (1).

Den Sozialisten wurde ein weiterer Anschlag fünf Jahre später zugeschrieben, der sehr viel subtiler war. Er richtete sich gegen die Kaisereiche, ein Symbol, das sich mit dem Kaiser verband. Am Tag seiner Goldenen Hochzeit war sie gepflanzt worden, obwohl er seiner Augusta nicht besonders zugetan war. Der Anschlag auf den Baum sei ein Prostest gegen die Sozialistengesetze gewesen, kann man in allen verfügbaren Quellen lesen, und damit schreiben sie wörtlich von Wikipedia ab. Über die Täter und die Einzelheiten der Tat wird aber nichts berichtet. Da es wohl 1883 keinen aktuellen Anlass für einen politischen Protest gab, könnte es sich auch einfach um einen Bubenstreich gehandelt haben. Übereinstimmend wird jedenfalls gesagt, dass die Eiche den Anschlag nicht überlebte und neu gepflanzt werden musste. Ist dieser neue Baum noch "die Kaisereiche", kann man ein Denkmal einfach austauschen? Der Kaiser war nicht dabei, der Baum ist nicht identisch, aber das Symbol lebt weiter. Übrigens wird die Örtlichkeit nur im Sprachgebrauch und als BVG-Haltestelle "Kaisereiche" genannt, eine offizielle Benennung hat es nie gegeben.

Die Rheinstraße, auf der wir heute flanieren, gibt uns mehrere Anknüpfungspunkte an historische Ereignisse. Die Straße liegt im Ortsteil Friedenau, der seinen Namen aus dem Friedensschluss 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg herleitet (2). Auch die Saarstraße, Lauterstraße, Illstraße, Albestraße, Niedstraße, Moselstraße und die Rheinstraße erhielten ihre Namen als Zeichen des Triumphes über Frankreich, das die Gebiete nach dem Friedensschluss an Deutschland abtreten musste (3).

Ein Uhrmacher eröffnete an der Rheinstraße einen Laden, als Friedenau gerade drei Jahre alt war. Sein Nachfolger wurde in der jungen Kolonie zusätzlich ehrenamtlicher Steuereinnehmer und Standesbeamter. Wie praktisch, jetzt konnte man seine Trauringe gleich beim Standesbeamten kaufen. Dass auch die Trauung "über den Ladentisch" erfolgte, wird allerdings bestritten. Hierfür sei man in die Gute Stube gegangen und hätte eine Plüschdecke über den Wohnzimmertisch gelegt. Aus dem Geschäft wurde im Zeitenlauf der Juwelier Lorenz, der immer noch in der Rheinstraße ansässig ist. Die Aufmachung im Kudamm-Cartier-Chic will aber so gar nicht in das bieder-bürgerliche Viertel passen.

Wer eine Turmuhr brauchte, konnte 2001 in der Hedwigstraße - einer Querstraße der Rheinstraße - beim Uhrmacher Bernd Vogt ein handgefertigtes Uhrwerk kaufen. Der Uhrmacher, ein Werkzeugmacher und ein Orthopäde haben mehr als zwei Jahre lang ihre Freizeit acht baugleiche Turmuhren nach altem Muster hergestellt, jedes Einzelteil von Hand gemacht. Nur das Zusammenstecken aller Teile ging schneller, das dauerte nur eine halbe Stunde pro Exemplar. Inzwischen werden alle acht Turmuhren wohl verkauft sein.

Die Goerzallee in Lichterfelde ehrt den Fabrikanten Carl Paul Goerz, dessen Unternehmen "Optische Anstalt C.P.Goerz" seit 1897 seinen Stammsitz zwischen Rheinstraße und Holsteinische Straße hatte. Hier wurden Kameras, Objektive, Entfernungsmesser, Ferngläser, Fernrohre, Scheinwerfer, Projektoren und andere feinmechanische und optische Geräte entwickelt und industriell produziert. Die Produkte und Erfindungen von Goerz waren weltweit der Maßstab für die Entwicklung der optischen Industrie. Produziert wurde schließlich auch in New York, London, Paris, St.Petersburg, Riga, Wien. Im Ersten Weltkrieg gehörte Goerz zu den wichtigen Rüstungsproduzenten, seine Grabenperiskope, U-Boot-Periskope, Rundblick- und Zielfernrohre, Kanonen-Zielvorrichtungen brachten dem Unternehmen einen gewaltigen Aufschwung. Aus zu Anfang 300 Mitarbeitern in der Rheinstraße waren gegen Ende des Ersten Weltkriegs mehr als 10.000 Beschäftigte im Unternehmen geworden. Mit der Entmilitarisierung nach Kriegsende durch den Versailler Friedensvertrag brach der wesentliche Umsatz weg. Das Unternehmen geriet in eine Krise, die nur durch Fusion mit anderen Unternehmen zur Zeiss Ikon AG aufgefangen werden konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg demontierte die sowjetische Besatzungsmacht die Fabrikanlagen, die Goerzhöfe wurden zu einem Gewerbepark. Von A wie Agenturen bis Z wie Zen-Meditation sind hier Studios, Künstler und Werkstätten angesiedelt.

Die ersten Produktionsgebäude wurden in roter Backsteingotik mit Segmentbogenfenstern und Schmuckgiebeln errichtet. Später folgte ein Bau mit spielerischem Fassadenschmuck. Auf einem Fries beschäftigen sich Putten mit den optischen Geräten, fotografieren oder schauen durch ein Fernrohr. Ein weiterer sachlicherer Bau an der Rheinstraße mit einem mächtigen Tonnendach wurde von einem Observatorium unter einer Kuppel gekrönt. Diese Kuppel ist beim Bau der Wilhelm-Foerster-Sternwarte dorthin versetzt worden. Drei Büsten an der Fassade verehren die Wegbereiter Gauss (Mathematik), Fraunhofer (Optik) und Daguerre (Fotografie). Im Innern der Goerzhöfe wurde über einem Fabrikgebäude ein 31 Meter hohes Stahlskelett mit Kran und großer eiserner Plattform errichtet, auf der optische Geräte, Entfernungsmesser und militärische Sichtgeräte getestet werden konnten. Diese Plattform prägt noch heute das Stadtbild an der Rheinstraße.

Im Januar 2006 wollten wir schon einmal in der Rheinstraße flanieren. Da die Finger damals an der Kamera festgefroren sind, mussten wir diesen Vorsatz aufgeben (4). Wir hatten uns gewundert, dass eine Straße zwei verschiedene Straßennamen haben kann, ohne von einer Querstraße unterbrochen zu sein. Bei durchgehendem Bürgersteig vor dem Rathaus Friedenau verweist ein Mast mit zwei Straßenschildern in einer Richtung auf die Rheinstraße und entgegengesetzt auf die Hauptstraße. Heute kann ich das Foto hierfür nachliefern, aber keine Erklärung, denn beide Straßenabschnitte hießen früher Potsdamer Chaussee und liegen in demselben Ortsteil Friedenau.

Bis in die 1970er Jahre hinein gab es zwei Kinos in der Rheinstraße nahe der Nicolai'schen Buchhandlung: das Kronen-Filmtheater (Nr.65) und die Rheinschloß-Lichtspiele (Nr.60). Bis 1932 hatte auch noch das Biophon gegenüber der Kaisereiche in Nr.14 gespielt. Nur ein Kino ist baulich bis heute erkennbar. Vom Kronen-Filmtheater ist an der Rückseite Dickhardstraße der angebaute Kinosaal zu sehen, heute nutzt eine Trattoria das Kino. Wir hatten leider keine Möglichkeit, unser Flaniermahl dort im ehemaligen Vorführsaal einzunehmen, montags ist Ruhetag. So mussten wir zu einem anderen Italiener ausweichen, der beim Bezahlen keine gedruckte Rechnung vorlegte, sondern von Hand auf einem Block den Preis ausrechnete. Keine Registrierkasse? Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.

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(1) Mehr über die Sozialistengesetze: Bismarcks Sozialisten- u. Sozialgesetze
(2) Mehr über Friedenau: Sei gegrüßt, Friedenau!
(3) Beispiele für andere Straßenbenennungen nach dem Sieg über Frankreich:
a) Steglitz: Mit der Klampfe durch das Land
b) Prenzlauer Berg: Wer war Rudolf Mücke? und Unauffällig schrill
c) Im Zweiten Weltkrieg wurden weitere Straßen nach während des Krieges eroberten französischen Städten benannt, z.B. Balbronner Straße, Kilstetter Straße, Lützelsteiner Weg
(4) Früherer Besuch in der Rheinstraße: Das Rheinland liegt westlich von hier

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Ein Engel vor der Pforte
Hinauf auf den Böhmerberg