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Sei gegrüßt, Friedenau!


Stadtbezirk: Friedenau
Bereich: Perelsplatz, Niedstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Niedstraße
Datum: 28. Dezember 2009

"Salve" ("Sei gegrüßt") ruft uns ein Haus in der Hähnelstraße zu, ein freundliches Willkommen für die Flaneure im Friedenauer Kiez. Mittendrin in Friedenau geht es dann um ein nicht so fröhliches Thema, die Sintflut. Der Brunnen, der 1896 im Deutschen Pavillon der Pariser Weltausstellung zu sehen war, steht jetzt auf dem Perelsplatz. Eine Frau mit Kind auf dem Schoß hat den rettenden Gipfel erklommen. Ein Mann mit einer leblosen Frau im Arm versucht ebenfalls, von Wasserströmen umgeben, nach oben zu gelangen. Auf den Weltausstellungen im 19.Jahrhundert zeigten die ausstellenden Länder in der noch nicht globalisierten Welt stolz ihr Können, ihre Produkte, ihren Vorsprung gegenüber anderen Ausstellern. Diese Konkurrenz wurde auch auf dem Gebiet der Künste ausgetragen, es waren also nicht nur Gewerbeschauen, sondern auch Kunstwettbewerbe.

Ein kunstsinniger Gastwirt hier am Perelsplatz sammelt Fliesen aus der Gründerzeit, er hat schon ein internationales Sammlertreffen in seinem griechischen Lokal organisiert. Den Eingang zum Lokal rahmen zwei gusseiserne antikisierende "Hartungsche" Säulen ein, wie sie auch unter den Yorckbrücken stehen (--> 1).

Vom Bedürfnishäuschen zum Straßencafé - diese Wandlung hat ein kleiner Bau auf dem Perelsplatz vollzogen. Der Friedenauer Baumeister Hans Altmann, der auch das überdimensionierte und bald nach seiner Errichtung wegen der Eingemeindung nach Groß- Berlin überflüssige Rathaus Friedenau gebaut hat, schuf hier einen verschwiegenen Fachwerkpavillon. Das geschwungene Dach besteht holzsparend aus kurzen Brettern, die in mehreren Schichten versetzt übereinander verbunden eine große Spannweite ermöglichen (Bohlenbinderdach). Die Schule gegenüber ist mit abschreckenden Sprüchen geschmückt: "Wie die Saat, so die Ernte" wird dort beispielsweise den Schülern vom Gebäude herunter verkündet, eine Absage an die Chancengleichheit. Und der Spruch "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen" dient wohl auch nicht der Motivation der Schüler.

Auch wenn sich hier am Perelsplatz viel bildende Kunst und Architektur und Gartenkunst zeigt, ist Friedenau vor allem ein Dichterviertel, ohne dass man genau sagen kann, was die besondere Anziehungskraft ausmacht. Kästner, Tucholsky, Max Frisch, Rilke, die Dadaistin Hannah Höch, Günter Grass, Uwe Johnson wohnten hier, Herta Müller wohnt hier. Es gibt ein Literatur-Hotel und die Wolff'sche Buchhandlung, in der der Theaterkritiker Friedrich Luft Buchhändler gelernt hat und in der es Lesungen von Günter Grass und Herta Müller und vielen anderen gab, heute heißt die Buchhandlung "Zauberberg". In der Niedstraße gab es gleich drei Künstleradressen: Nr. 5 Kästner, Nr.13 Günter Grass (im früheren Haus des von Kaiser Wilhelm II. geförderten "Marinemalers" Hans Bohrdt), Nr.14 Uwe Johnson (in dem ehemaligen Atelier von Schmidt-Rottluff). Max Frisch wohnte in der Sarrazinstraße 8, Tucholsky in der Bundesallee 79, Rilke in der Rheingaustraße 8.

Von dem Kaufmann Carstenn als Villenkolonie in den 1870er Jahren entwickelt, wurde bereits 20 Jahre später wegen der hohen Wohnungsnachfrage in der Gründerzeit damit begonnen, die Villen anzureißen und durch 5-stöckige Mietwohnhäuser zu ersetzen. Aus beiden Phasen sind Bauten in Friedenau zu finden, z.B. das Grass-Haus Niedstraße 13 als niedrige Villa und das Johnson- Haus nebenan als Mietwohnhaus. Auch den Stadtgrundriss beeinflusste Carstenn nachhaltig. Den Verlauf der Bundesallee hat er festgelegt, der Friedrich-Wilhelm-Platz mit den sternförmig davon abgehenden Straßen und dem hufeisenförmig im Süden um den Bereich gelegten Straßenbogen mit Verbindung zu weiteren vier Plätzen im Außenbereich wird von Stadtplanern als "Carstenn-Figur" bezeichnet.

An der Rheinstraße steht neben dem Rathaus ein Gebäude aus der Epoche der Neuen Sachlichkeit. Hier war der Roxy-Palast zu Hause, die horizontal verlaufenden Fenster des Gebäudes symbolisieren Filmstreifen. Durch den Bombenanschlag auf die Diskothek "La Belle" ist dieses Gebäude vor Jahren traurig berühmt geworden. An der Ecke Hähnelstraße findet sich ein Laubengang mit Säulen unter dem Dach, der wohl mehr dekorative als funktionelle Bedeutung hat, nach der kürzlichen Betrachtung der Scharounschen Laubenganghäuser in der Stalinallee aber von uns besondere Aufmerksamkeit bekommt.

Der Friedrich-Wilhelm-Platz ist ein guter Ausgangspunkt für einen Spaziergang in Friedenau, hier haben auch wir begonnen, unseren heutigen Ausschnitt des Ortsteils zu erlaufen. Weitere Spaziergänge werden bei Gelegenheit folgen, um zum Beispiel Cäciliengärten, Kaisereiche, Rene-Sintenis-Platz oder Georg-Hermann-Garten zu erkunden.

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Hier ist der Spaziergang zu Rene-Sintenis-Platz und Georg-Hermann-Garten
Sie loofen ja ooch nich barfuß
(1) mehr über Hartungsche Säulen: Hartungsche Säulen


Sie loofen ja ooch nich barfuß
Erziehen mit Geduld und Arbeit