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Sie loofen ja ooch nich barfuß


Stadtteil: Friedenau
Bereich: Handjerystraße, Stubenrauchstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Renee-Sintenis-Platz
Datum: 15. Februar 2010

In der Handjerystraße führt ein Mann seinen Hund spazieren - der Hund trägt Schuhe! Auf meine Rückfrage nach der Pfotenbekleidung entgegnet der Hundehalter etwas bissig: "Sie loofen ja och nich barfuß", aber dann lässt er sich doch auf Nachfrage mitsamt Hund ablichten. Ich fühle mich an New York erinnert, an die Hundevernarrtheit dort kommt Berlin (noch) nicht heran. Aber vielleicht kommt das noch, die Wellen schwappen ja immer erst mit einiger Verzögerung über den Atlantik zu uns. Einen Anfang für etwas mehr Hundeverliebtheit hat man im Münchner U-Bahnhof Odeonsplatz gemacht, wo eine Hunde-Porträt-Vernissage stattfand, auch Frau Furtwängler, Tatort-Kommissarin und Burda-Ehefrau, ließ ihren Liebling dafür ablichten.

Cecile von Fürstenberg hat auf "hallohund.de" treffend beschrieben, dass der Hund in Manhattan zugleich Statussymbol, Schmuckstück, Hobby und Familienmitglied ist. 500.000 Pets gibt es dort, also ein Vielfaches der Hundezahl pro Einwohner in Berlin. Und da die New Yorker weder für ihre Kinder (die von Nannys betreut werden) noch für ihre Hunde tagsüber Zeit haben, gibt es die "Dogwalker", die meist mehrere Hunde zusammen ausführen. Es gibt Kindergärten und öffentliche Spielplätze für die Hunde. Um den Geburtstag dieser Lieblinge kümmert sich der Partyservice und der Limousinenservice bringt sie hin und wieder zurück. Die vielen Petshops haben ein umfangreiches Angebot für die Bekleidung, Ernährung und Erbauung der Hunde zu bieten, und Hundefriseure gibt es natürlich in wesentlich größerer Zahl als bei uns. Die skurrilsten Bilder, an die ich mich erinnere, waren Hundekinderwagen, in denen die Vierbeiner spazieren gefahren wurden und ein Hund, dessen Hinterpfoten auf Rädern befestigt waren, um ihm das Laufen abzunehmen.

In Berlin gibt es rund 100.000 bei der Hundesteuer registrierte Vierbeiner, für die im Jahr knapp 9 Mio. Euro Steuern gezahlt werden. Die Anzahl der gemeldeten Hunde geht kontinuierlich zurück, ob es tatsächlich immer weniger Hunde gibt oder der Rückgang der Steuervermeidung dient, ist nicht bekannt. Selbstanzeigen reuiger Hundesteuerhinterzieher zur Vermeidung strafrechtlicher Konsequenzen sind bisher ebenfalls nicht berichtet worden. Ab 2010 besteht für alle Hunde Versicherungspflicht und Mikrochippflicht, die Erfassung aller Tier wird dadurch aber nicht automatisch vollständiger, wenn man das nicht kontrolliert. Rund 800 Hundebisse werden jährlich registriert, dabei sind Dackel nach Feststellungen der Bildzeitung bissiger als Pitbulls. Der Berliner Tierschutzverein schätzt, dass zusätzlich zu den Hunden 350.000 Katzen, 300.000 Kaninchen, Hamster, Meerschweinchen, zahme Ratten und Mäuse, 150.000 Vögel und 10.000 Affen, Schlangen, Echsen und Spinnen als Haustiere gehalten werden.

Unser Rundgang, auf dem wir den beschuhten Vierbeiner treffen, ist unsere zweite Friedenau-Wanderung. Diesmal im südlichen Bereich auf dem von Carstenn entworfenen Straßenraster ("Carstenn-Figur") über die Schmargendorfer, Handjery- und Stubenrauchstraße bis zur Steglitzer Schloßstraße.

Die Skulptur eines grasenden Fohlens aus Bronze auf dem Renee-Sintenis-Platz erinnert an die Künstlerin, deren Bärenskulptur aus den 1930er Jahren weltberühmt ist: die kleine Skulptur in Silber und in Gold wird jährlich - jetzt gerade zum 60.Mal - zu den Filmfestspielen in Berlin verliehen, der große Bronzeguss begrüßt Ankommende an der Avus in Berlin und steht als Wegweiser auch in anderen Städten (z.B. Düsseldorf, München). Sintenis war hugenottischer Abstammung (Familie Saint - Denis). Sie verkörperte in den 1920er Jahren den modernen, emanzipierten Frauentypus der Garconne-Mode (kurzen Haare „Bubikopf“, schlichte, männliche Kleidung, eher knabenhaft als feminin). Im Rahmen der Berliner Sezession stellte sie 1915 erste Werke aus, vor allem Tierplastiken. Sie wurde von dem Kunsthändler Paul Flechtheim gefördert und war mit Rilke und Ringelnatz bekannt oder befreundet. In der Nazizeit wurde sie aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen, ihre Kunst gilt als "entartet". Nach dem zweiten Weltkrieg nahm man sie in die neu gegründete Akademie der Künste in (West-)Berlin auf und sie erhielt einen Ruf als Professorin an der Hochschule der Künste. Als zweite Frau nach Käthe Kollwitz erhielt sie 1952 den Orden pour le mérite für Wissenschaft und Kunst, außerdem bekam sie den Kunstpreis der Stadt Berlin und das Bundesverdienstkreuz. 1965 ist sie mit 77 Jahren gestorben.

Der Georg-Hermann-Garten, ein klitzekleiner Park, ist von der Bundesallee und der Stubenrauchstraße aus zu erreichen. Georg Hermann hat "Jettchen Gebert" geschrieben, eine Familien-Saga über einen bürgerlichen jüdischen Clan um 1830 und zugleich eine epische Erzählung über die Stadt Berlin und ihre Vororte. Herz-Schmerz: Jettchen fühlt sich zu einem träumerischen Literaten hingezogen, heiratet aber pflichtschuldigst den von ihren Pflegeeltern auserwählten robusten und lebenstüchtigen Herrn. 1906 erschienen, wurde das Buch zu einem sensationellen Erfolg, so dass der Autor sich zur Fortsetzung in dem Buch "Henriette Jacoby" (das ist das verehelichte Jettchen) veranlasst sah.

Die erhaltenen alten Häuser in der Handjery- und Stubenrauchstraße sind zeittypisch mit Zitate früherer Epochen geschmückt (Historismus), Erker, Türmen, Säulenelementen, Frauenfiguren als Säulenelemente (Koren oder Karyatiden). An einem Haus finden sich Freimaurersymbole.

Mit dem "Friedenauer Alpenglühen" (wie mein Mitflaneur den malerischen Sonnenuntergang nennt) verabschiedet sich der Tag, lässt aber noch einen Blick über das riesige Bauloch hinter den Resten des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses zu. Vom Kaufhaus ist nur noch die Fassade übrig geblieben, wer nur auf der Schloßstraße flaniert, kennt das erschreckende Ausmaß dieser Baugrube nicht. Hier soll eine neue Einkaufsstadt entstehen, die Auswirkung auf die an der Schloßstraße bestehenden Einkaufscenter lässt sich noch nicht absehen.

Bei einem Thailänder am Anfang der Bundesallee gehen wir zum Abschluss essen, wir bekommen etwas Essbares auf den Teller.

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Hierzu gibt es einen Forumsbeitrag
Schöneberg/Friedenau, 15.2.2010


Atelier im Turm
Sei gegrüßt, Friedenau!