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Atelier im Turm


Stadtbezirk: Schöneberg
Bereich: Ceciliengärten
Stadtplanaufruf: Berlin, Semperstraße
Datum: 11. April 2011

Zwischen den S-Bahnhöfen Innsbrucker Platz und Friedenau liegt geschützt, versteckt und verträumt eine kleine "Gartenstadt" ohne Gärten, die sich um eine kleine Parkanlage gruppiert, nur die Außenseite zur Rubensstraße liegt an einer stark befahrenen Verkehrsachse. Schon vor der Bebauung war hier ein Park, das Willmann'sche Parkgelände. Die Willmanns waren alt eingesessene Schöneberger Großbauern, innerhalb von einhundert Jahren stellten sie vier Mal den Dorfschulzen (Bürgermeister). Die Ceciliengärten, die Rubensstraße und den Grazer Damm wollen wir heute erlaufen, Ausgangspunkt ist der Bahnhof Friedenau.

Ein Haus an der Wielandstraße zeigt rückseitig zur Stadtautobahn und S-Bahn eine Werbung für die Berliner Morgenpost im Stil der zwanziger Jahre, die Schriftzüge sind sicherlich zwischendurch mal wieder aufgefrischt worden. Ein weithin sichtbarer Atelierturm an der Semperstraße signalisiert den Eingang zu den Ceciliengärten. Oben in diesem Turm hatte der Maler Hans Baluschek fünf Jahre lang (1929 - 1933) sein Atelier und eine mietfreie "Ehrenwohnung". Baluschek malte sozialkritische, naturalistische Szenen aus dem Berliner Leben (soziales Elend, Industrie, Licht und Schatten der Großstadt). Für den letzten deutschen Kaiser war das "Rinnsteinkunst", später für die Nazis "entartete Kunst", dazwischen spannt sich das Leben eines gesellschaftlich engagierten Künstlers. Ein weiteres Thema Baluscheks war die Technik, insbesondere die Eisenbahn faszinierte den Sohn eines Eisenbahningenieurs. Von seinem Atelier im Turm konnte er auf die Gasometer am Sachsendamm und auf das Südgelände der Eisenbahn blicken, Bilder mit diesen Themen hatte er schon vorher gemalt. Ein "Hans-Baluschek-Park" befindet sich heute am Rand des Schöneberger Südgeländes in Sichtweite des ehemaligen Ateliers.

Die Ceciliengärten wurden erstmals 1912 von dem zuständigen Schöneberger Stadtbauinspektor Paul Wolf geplant, ein Bebauungsplan wurde aufgestellt. Aber erst ab 1924 nach der Bildung der Berliner Großgemeinde wurde die Anlage von dem Schöneberger Stadtbaurat Heinrich Lassen neu entworfen und gebaut, die Parkanlage schuf der Berliner Stadtgartendirektor Albert Brodersen. An der Traegerstraße weist eine Tafel auf den Schöpfer der Ceciliengärten hin. Am Ende der Traegerstraße und an der Eisackstraße stehen weitere Siedlungsbauten von Lassen, die zum Teil wegen Bombenschäden 1950 in vereinfachter Form ("Wiederaufbauprogramm") ergänzt wurden.

Die Häuser in den Ceciliengärten sind mit Ornamenten geschmückt, ein Thema sind Verkehrsmittel, denn ein Teil der Bauten wurde für Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe errichtet. Und damit sie auch pünktlich zum Dienst erscheinen, standen im Innenhof ihrer Häuser Bahnhofsuhren. Die Fassaden an der östlichen Parkseite spielen mit Licht und Schatten, die trapezförmig und dreieckig aufgefalteten Erker bilden eine serielle Reihe. Die parabelförmigen Ausschnitte für die Hauseingänge erinnern mit ihren Umrandungen an das Stabwerk von Kirchenportalen, die Bögen sind aufwendig mit Figuren durchsetzt.

Auf der Parkfläche stehen zwei Frauenskulpturen von Georg Kolbe, „Der Morgen“ und „Der Abend“, und der Fuchsbrunnen von Max Esser. Während „Der Morgen“ sich taufrisch in den Himmel reckt, lässt „Der Abend“ mit seinen rückwärts angewinkelten Händen den Tag hinter sich. Beide Skulpturen sind nach Kriegsende zunächst am Wittenbergplatz, dann im Volkspark Schöneberg aufgestellt worden, bevor sie 1996 an ihren Ursprungsort zurück kehrten. Eine Kopie des „Morgens“ wurde 1929 zur Weltausstellung in Barcelona im deutschen Pavillon von Mies van der Rohe gezeigt.

In der Rubensstraße - an der Rückseite der Ceciliengärten - setzt sich die Bebauung entlang der Straßenflucht fort, von einer niedrigen Hecke umgeben. Hier wohnt man an einer Verkehrsader, der geschützte Bereich ist verlassen. Südlich der Ceciliengärten überquert die S-Bahntrasse und die Stadtautobahn die Rubensstraße, ein unwirtlicher Ort unter den Brücken muss durchschritten werden, bevor einzelne Gründerzeithäuser auf dem weiteren Verlauf bis zur Nathanel-Kirche an die Zeit erinnern, als die Schöneberger-Friedenauer Terraingesellschaft das Gelände parzelliert hat. Das Haus Rubensstraße 70 lohnt das nähere Betrachten, die Fassade ist mit Jugendstilornamenten geschmückt, über der Eingangstür blinken vergoldete Felder in der Abendsonne.

Der Platz um die Nathanael-Kirche verbindet die Rubensstraße mit dem Grazer Damm. An der Entstehung der 1903 errichteten Nathanaelkirche war Kaiserin Auguste Viktoria - die "Kirchen-Juste" - maßgeblich beteiligt (--> 1). Auf die Felder am südlichen Ende des Dorfes Schöneberg gebaut, profitierte das Gotteshaus bald von einer Vielzahl von Wohnungen, die im Umkreis errichtet wurden. 1925 waren hier drei Pfarrer für 28.000 Gemeindeglieder tätig, heute hat die Kirchengemeinde an zwei Standorten 4.800 Gläubige. Die Schuke-Orgel der Kirche wird auch zu Konzertveranstaltungen gespielt.

Die Wohnanlage am Grazer Damm mit schmucklosen "Volkswohnungen" wurde 1938-1940 während des Zweiten Weltkriegs errichtet, es war das größte zusammenhängende Wohnbauprojekt der NS-Zeit in Berlin, die beidseitige Blockrandbebauung folgt dem Grazer Damm auf einer Länge von 1,3 Kilometern.

In der Peter-Vischer-Straße kehren wir zum Schluss ins "Lucas" ein, das mein Mitflaneur immer wieder gern besucht, und genießen im Vorgarten unser Flaniermahl, bevor die abendliche Kälte uns nach Hause treibt.

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(1) Mehr über die "Kirchen-Juste" Kaiserin Auguste Victoria finden Sie hier: Die schöne Weyde an der Spree


Alle Lust will Ewigkeit
Sie loofen ja ooch nich barfuß