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Dreidimensionale Geschichten aus Kymaerica


Stadtteil: Tempelhof-Schöneberg
Bereich: Alboinstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Bessemerstraße
Datum: 30. August 2010

Jede Frau hat ihr kleines Geheimnis, auch wenn sie sich unnahbar gibt oder graumäusig versteckt. Ihr Geheimnis zu ergründen, ist die hehre Aufgabe desjenigen, der sich für sie begeistert. Wie ich darauf komme? Für unsere Senatsbaudirektorin Lüscher ist die Stadt Berlin eine selbstbewusste Frau um die dreißig, eine wilde Schönheit, die zu einem sündhaft teuren Hut ein Secondhand-Kleid und Turnschuhe trägt. Barfuß oder Lackschuh, wir Flaneure sind wieder auf den Spuren des Geheimnisses dieser wilden Schönheit unterwegs.

Es gibt Dinge, die sind vorhanden, ohne dass man sie sehen kann, wie beispielsweise die U-Bahn, die sich bei einem Entschleunigungsprojekt seit 84 Jahren nur 320 Meter vorwärts bewegt hat. Die Fahrgäste sind in dieser Zeit nur 7 Tage älter geworden und "fahren" immer noch in dem verborgenen U- Bahntunnel. Oder ist das nicht real? (--> 1).

Parallelwelt "Kymaerica"
Realität oder Fiktion? Auf dem Gelände der ehemaligen Schultheiss-Mälzerei Schöneberg hat ein amerikanischer ExperteIst "Kymaerica" entdeckt, das ist eine Region der Parallelwelt "Kcymaerxthaere", sprich "ky-MAR-ex-theere". Wer den Namen des Parallel-Universums nicht aussprechen kann, hält sich einfach an den kürzeren Namen der Region, der klingt ganz ähnlich wie "Amerika", und das ist - wie es der Zufall will - das Herkunftsland des Experten. Ich habe mit jemandem gesprochen, der den "Kcym..."-Namen fließend aussprechen kann, er heißt Frank, mit Nachnamen Sippel, er bringt das Mälzereigelände mit schweizerischer Geduld (und schweizerischem Geld) in neue Sphären, die durchaus mit der Parallelwelt kompatibel sein können. In unserer Welt würde man sagen, er ist der Investor, aber auf mich wirkte er weniger wie ein businessman, eher wie der jüngere Bruder von Wim Wenders.

Zurück zu Kymaerica. Erst nach und nach erschließt sich die Dimension jener Welt, die neben unserer existiert wie "Second life" neben dem wirklichen Leben. In den USA in Michigan, Kalifornien, Los Angeles, in Polen, sogar in Australien am Lake Gnade(!) wurden Hinweise darauf gefunden. Und wie das so ist, selbst in Peking will jemand in einem vernebelten Foto einen Eingang zu Kcymaerxthaere entdeckt haben. Wird man bald bei dieser weltweiten Aufmerksamkeit (oder Hype?) nicht mehr auseinander halten können, wo wirklich Hinweise oder Eingänge zur Parallelwelt existieren?

Es können poetische Orte sein, wie der in Michigan: "Es war einer der friedlichsten Plätze, denn hier wurde der Klang des Wassers verwandelt in einen Baldachin, der leichter als Luft auf dem Wasser schwimmt, um das Glück, das sich hier niedergelassen hat, vor der Sonne zu schützen und eine abkühlen Brise darauf herab zu blasen."

Und nun sogar in dem 27.000 qm großen Gelände der Mälzerei in Berlin- Schöneberg! Durch paranormale Phänomene ist man in der Mälzerei der Parallelwelt auf die Spuren gekommen und hat entdeckt: Die Völker aus Kymaerica waren auf gute Taten abonniert, bis sie merkten, dass Materialismus und Macht ihre Seelen zerstörten. Dann kamen sie hierher und bauten ein Klosterviertel, das man heute noch sieht (oder ist die Mälzerei nicht wie ein Kloster vor der Umwelt abgeschirmt und setzt weithin sichtbar mit großen Türmen ein Zeichen ihres Glaubens?). Hier lebten unterschiedliche Völker. Dazu gehörten die farbenfrohen wirbellosen (rückratlosen?) Bewohner und andererseits die Angehörigen eines Volkes, die so sehr mit sich selbst beschäftigt waren, dass sich selbst das Universum in ihre Richtung bewegte, wenn sie zusammen kamen. Solche Menschen kennen wir doch heutzutage auch?

In der Parallelwelt sah es also nicht wirklich anders aus als in unserer, genauso reich und reizend und frustrierend und geheimnisvoll , und deshalb werden inzwischen überall auf der Welt "dreidimensionale" Geschichten hierüber erzählt und historische Plätze markiert und fotografiert und Bücher darüber geschrieben und Bustouren und Reisen dorthin veranstaltet und Homepages geschaltet und Newsletter verschickt. Es ist ein durchaus ernsthaftes Bemühen, wie in einem Tagtraum verschwimmt die Grenze zur Realität. Man kann Gutes und Böses auf ein virtuelles Gegenüber projizieren und es dort viel unbeschwerter ansehen, man kann Utopien im Handumdrehen verwirklichen und wenn man will auch naive Schönheit herbeizaubern.

Mix & Genest
Kehren wir in unsere Realität zurück. Der heutige Rundgang beginnt am S- Bahnhof Südkreuz. Bevor wir in der Alboinstraße auf Ikea und Bauhaus treffen, liegt an unserem Weg neben dem Sachsendamm das Fabrikgelände der früheren Telefongesellschaft Mix & Genest (manchmal auch weniger liebevoll "Mist & Gehtnicht" genannt). Fünf Höfe enthält der Gebäudekomplex, die mit den typischen weißen Fliesen der Innenstadt-Gewerbehöfe gestaltet sind. Die Firma gibt es schon lange nicht mehr, sie wurde von der AEG aufgekauft und mit Standard Elektrik Lorenz (SEL) verschmolzen, die aktuell Alcatel heißt und den Franzosen gehört. Auf dem Gelände findet sich heute der übliche Mix von Personaldienstleistern, Overnight Kurieren, Werbeagenturen usw.

Zwischen Alboinstraße und Eresburgstraße sind mehrere Industriequartiere der 1910er- und 1920er-Jahre versammelt, alles Backsteinbauten, die größtenteils expressionistisch geprägt sind. Nebeneinander stehen die Fabrikbauten von Isophon und Schlüterbrot/Bärenbrot, um die Ecke die Schultheiss-Mälzerei.

Isophon
Der lang gestreckte Klinkerbau von Isophon mit den markanten waagerecht umlaufenden Klinkerbändern wurde von Otto Schröder gestaltet, einem Architekten, über den kaum mehr als dieser Bau bekannt ist. Isophon war 1955 der innovativste Lautsprecher-Hersteller Europas, ab den 1980er Jahren gehörte das Unternehmen zu Bosch/Blaupunkt, danach wurde das Markenrecht von der Fabrikation gelöst und weiter verkauft. Auch wenn es immer noch ein "Klangjuwel mit Verwöhncharakter" ist, die Technik kommt nicht mehr aus den Isophon-Werken in Berlin, wird aber wohl in Deutschland entwickelt, montiert und in die selbst geschreinerten und lackierten Chassis' eingebaut.

Schlüterbrot-Fabrik
Die markante Backsteinfassade der Schlüterbrot-Fabrik und der gesamte Bau wurden von Bruno Buch gestaltet, der beispielsweise auch die Opelwerke in der Bessemerstraße, mehrere Sarotti-Bauten in Tempelhof und das Junggesellenwohnhaus Nestor- Ecke Paulsborner Straße entworfen hat, das wie die Brotfabrik durch vorspringende vertikale Klinkerbänder akzentuiert ist (-- > 2). Die Brotfabrik tat sich in den 1950er Jahren mit Bärenbrot zusammen. Auch die erste vollautomatische "Brötchenstraße" und später "Kuchenstraße" konnten auf Dauer den Bestand des Unternehmens nicht sichern, 1993 wurde es insolvent.

Schultheiss-Mälzerei
Die Schultheiss-Mälzerei in der Bessemerstraße fällt schon von Weitem durch die "Vier Ritter" ins Auge, jene vier Entlüftungsrohre mit drehbaren Hauben. Diese Dunstrohre mit künstlerisch geformten Windfangblechen dienten der Trocknung des im Dachgeschoss ausgebreiteten Malzes. Drei von ihnen drehen sich immer noch lautlos im Wind, das vierte Dunstrohr wird sicher bald wieder für einen Gleichklang sorgen. Der neue Eigentümer versucht ganz vorsichtig, einen Mix von stimmigen Mietern in dem Baukomplex zusammen zu bringen. "Eine Insel, eine Oase, schön, gepflegt, gastfreundlich, mit Sinn für Gemeinschaft und Kreativität“ soll das werden, hat er dem Tagesspiegel gesagt. Wir bewundern seine im Immobiliengeschäft ungewöhnliche Emotionalität und drücken ihm die Daumen.

Von den Ausflügen in Parallelwelten und Emotionen im "linearen" Leben angefüllt, aber auch erschöpft, finden wir in der Eythstraße einen Italiener, der uns mit anständigem Essen und Getränken für die Heimfahrt aufpäppelt.

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Wir waren 2006 schon einmal hier: Industrieviertel

(1) Das Entschleunigungsprojekt "Kronos" haben wir hier gesehen:
Einstein im Untergrund

(2) Näheres zu Bruno Buchs Junggesellenhaus: Wohltemperierte Architektur

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Unsere Route:
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Rasende Züge und unerfüllte Liebe
Zum Skifahren ins Gaswerk