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Rasende Züge und unerfüllte Liebe


Stadtteil: Tempelhof
Bereich: Marienfelde
Stadtplanaufruf: Berlin, Kiepertplatz
Datum: 28. Juni 2010

In vielerlei Variationen wird die Marienfelder Sage von der Heilandsweide erzählt, aber der Spazierstock, der - in den Boden gerammt - austrieb und einen Weidenbaum hervorbrachte, ist immer der Höhepunkt der Story. Die Weide war 200 Jahre alt, als sie 1956 gefällt wurde, also war das schon etwas her, als der wunderliche junge Mann, der mit seinen langen Haaren wie Jesus ("Heiland") aussah, den Stock in die Erde stieß. Natürlich ging es um eine junge Bäuerin, um unerfüllt Liebe, und der unterlegene und fortgeschickte Verehrer hinterließ ein Fruchtbarkeitssymbol, das ihr immer zeigte, wie auch sie unter seiner Liebe hätte knospen können.

Das Dorf Marienfelde an der Straße Alt Marienfelde ist eines der am ursprünglichsten erhaltenen Berliner Dörfer. Aus dem Bauerndorf wurde im 19.Jahrhundert ein Gutshof, ein Rittergut ohne Herrschaftsrechte. Die "Herrschaftsrechte" wirken heute antiquiert, sie waren im mittelalterlichen deutsch-römischen Reich bedeutsam. Die Ritter waren Vasallen des Lehnsherren, der ihnen das Rittergut übertragen hatte. Die Ritter mussten Kriegsdienste leisten, als Gegenleistung erhielten sie Vorrechte wie Steuerbefreiungen, Braurechte, Jagd- und Fischereirechte, Wahlrecht, Ausübung der Gerichtsbarkeit. Diese Privilegien wurden im 18. und 19.Jahrhundert nach und nach aufgehoben, als letzten Schritt führte Preußen 1861 eine Grundsteuer ein, die unabhängig von den persönlichen Verhältnissen auf allen Grundstücken lastete, also auch die ritterlichen Großgrundbesitzer zur Kasse bat.

Mitte des 19.Jahrhunderts war Adolf Kiepert Eigentümer des Guts Marienfelde geworden, er machte hieraus ein modernes landwirtschaftliches Mustergut. Ein Platz und eine Straße sind im Ort nach ihm benannt, das Familiengrab befindet sich neben der Dorfkirche. Sein Bruder Heinrich und dessen Sohn Richard waren erfolgreiche Geografen und Kartografen. Man kann vermuten, dass die Buchhändler- Dynastie Kiepert von den Marienfelder Kieperts abstammt.

Aus dem Rittergut Marienfelde wurde später ein kommunales Stadtgut, das bis in die 1970er Jahre existierte. Der 1875 eröffnete Bahnhof an der Bahntrasse Berlin-Dresden gab die lukrative Möglichkeit, eine Villenkolonie zu errichten, und so widmete der Baumschulenbesitzer Alexander Hranitzky die Flächen, die er von Kiepert gekauft hatte, 1888 für die neue Aufgabe um, "Neu- Marienfelde" entstand. Die Bruno-Möhring-Straße erinnert daran, dass der Architekt hier gewohnt und mehrere Bauten hier errichtet hat.

Der Bahnhof Marienfelde war gleichzeitig Teil der Militär–Eisenbahn Marienfelde–Zossen–Jüterbog, auf der zwischen 1901 und 1904 Schnellfahrtversuche mit elektrischen Lokomotiven durchgeführt wurden. Sie erhielten Drehstrom über drei Oberleitungen und erreichten Geschwindigkeiten bis 210 Kilometerstunden. Erst 28 Jahre später wurde dieser Rekord durch einen propellerangetriebenen Schienenzeppelin überboten, 2007 lag der Weltrekord bei 575 Kilometerstunden.

In einem Gebäudekomplex an der Marienfelder Allee war das Notaufnahmelager Marienfelde untergebracht, das Durchgangslager, das sämtliche Flüchtlinge und Aussiedler aus der DDR durchlaufen mussten. Heute erinnert ein Koffer-Denkmal an die Zeit zwischen 1953 und 1990, als die Bewohner des einen deutschen Staates im anderen deutschen Staat Asyl suchten.

An der Dorfaue steht die älteste Berliner und Märkische Kirche von 1220, und hier ist auch die Familiengrabstelle der Kieperts erhalten. Das Dorf liegt in einem tiefen Schlummer, bis wir ermattet im Vorgarten einer Gaststätte an der Straße Alt-Marienfelde Platz genommen haben. Mit einem lärmenden motorbetriebenen Rasenmäher geht unvermutet der direkte Nachbar dem zu langen Gras an den Halm, und als endlich Ruhe ist, öffnet er das Hoftor und setzt seine Arbeit ungerührt in seinem Vorgarten weiter fort, bis zum zweiten Mal Ruhe einkehrt. Aber er hat Stil, lässt sich durch meine Frage, ob er nicht noch etwas zum Mähen finden könnte, nicht provozieren, bleibt freundlich. Solche Gelassenheit findet man in Berlin wahrscheinlich nur an so einem Ort, an dem die Hektik der Stadt vorbeigeht.
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Unser erster Besuch in Marienfelde: Alt Marienfelde


In der Kiesgrube verbuddelt
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