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Pankower Genius


Stadtteil: Pankow
Bereich: Alt-Pankow
Stadtplanaufruf: Berlin, Killisch-von-Horn-Weg
Datum: 22. April 2014
Bericht Nr: 459

Wie wird man adlig, wenn man bürgerlich geboren ist? Im wilhelminischen Kaiserreich war das ein Aufstieg in die Oberschicht, und der war mühsam. Mit copy and paste zum Doktortitel kommen - so wie das vor Kurzem bei uns noch mancher schaffte - ist im Vergleich dazu eine Wochenendbeschäftigung. Standesgemäße Lebensführung, untadeliger Ruf, konservative Gesinnung, abgeschlossener Militärdienst, Wohlhabenheit, Sponsorentum wurde in Preußen vorausgesetzt, dann würde der König darüber befinden, ob der von einem Adligen adoptierte bürgerliche Bittsteller den Adelstitel führen durfte. Als Hermann Killisch - der Verleger der Berliner Börsenzeitung - 32 Jahre alt war, wurde seine Erhebung in den Adelsstand beantragt. Sein ganzes weiteres Leben lang rang er mit den preußischen Behörden um den Adelstitel, und als er mit 65 Jahren starb, hatte er ihn immer noch nicht bekommen. Erst 24 Jahre nach seinem Tod erhielt sein Sohn von Preußen das Adelsdiplom.

Das alles hielt Hermann Killisch nicht davon ab, seinen Namen mit dem Adelstitel zu schmücken, seitdem ihn der Leutnant a. D. und spätere Rittmeister Friedrich von Horn adoptiert hatte. Er nannte sich je nach Lebenslage "von Killisch", "von Killisch-Horn" oder "Killisch von Horn", und niemand belangte ihn wegen der strafbaren Adelsanmaßung. Ein bisschen fühlte er sich wohl im Recht, weil er nach 27 Jahren des Wartens und Ringens vorübergehend ins Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha umgezogen und dort von Herzog Ernst II. geadelt worden war. Aber, Pech gehabt, der preußische König verweigerte seine Zustimmung zur Annahme des „ausländischen“ Adelsdiploms. Dabei waren Killischs Verbindungen gut, die Empfehlung zur Herausgabe der Berliner Börsenzeitung hatte er von Bismarck erhalten.

In Berlin fand die erste Börsensitzung 1739 statt, aber erst mit der Industrialisierung wurden ab 1820 internationale Staatsanleihen und ab 1840 Eisenbahnaktien, Bankaktien, Bergwerksaktien gehandelt. Das waren Themen für die Oberschicht, die sich ab 1855 in der Berliner Börsenzeitung von Hermann Killisch informieren konnte. Doch auch sich selbst nutzte er mit seinem Börsenwissen, heute wären seine eigenen Börsengeschäfte als Insiderhandel strafbar, damals war es nur moralisch nicht einwandfrei. Und es bestand der Verdacht, dass er in seiner Börsenzeitung manchmal nach Bedarf Kurse schön oder schlecht geredet haben könnte, um daraus selbst einen Vorteil ziehen zu können.

Seine Urenkelin beschreibt in einem Buch über den Pankower Bürgerpark, dass er regelmäßig morgens dort eine Dreiviertelstunde joggte. Zwar ist das Joggen erst hundert Jahre später erfunden worden, aber vielleicht ist er hocherfreut in dem Park spazieren gegangen, den er selbst anlegen ließ. Der Druckerei-Unternehmer, der seine Börsenbriefe druckte, hatte hier seine Betriebsgebäude durch ein Panke-Hochwasser verloren. Killisch erwarb das Gelände und ließ es mit einem Herrenhaus mit Orangerie und einem Tempel bebauen und einen Landschaftsgarten anlegen. Als nach dem Tod Killischs und seiner Frau der Park parzelliert und bebaut werden sollte, kaufte ihn die Stadt Pankow mit einem tatkräftigen Entschluss und wandelte ihn in den Bürgerpark um. Von der alten Bebauung ist wenig erhalten geblieben, aber das Eingangstor an der Wilhelm-Kuhr-Straße vermittelt einen kleinen Eindruck davon, wie hochherrschaftlich es hier zugegangen sein mag. Direkt rechts neben dem Tor steht hinter dem Zaun in dem aufgelassenen Friedhofspark sein Mausoleum, das durch Vandalismus sichtbar gelitten hat. "Killisch von Horn" steht über dem Portal, niemand bestreitet es mehr, gönnen wir es ihm für seine Ewigkeit.

Von dem alten Angerdorf, das Pankow einmal war, steht kein Bauernhof mehr. Der ehemalige Dorfanger, der auf beiden Seiten vom Verkehr auf der Breiten Straße umflossen wird, geht an Markttagen im Gewimmel unter. Der Dorfteich wurde zugeschüttet, der Kirchhof verlegt, die Dorfkirche durch Friedrich August Stüler auf städtische Maße erweitert. Die Chaussee von Berlin zum königlichen Schloss Schönhausen führt durch Pankow, sie wurde 1824 gepflastert. Dreißig Jahre später gab es eine regelmäßige Pferdebahnlinie nach Berlin und den ersten Bahnhof Pankows an der Nordbahn. Die Pferdebahn und ihre Nachfolgerin, die "Elektrische" (1895) fuhren bis zum Dorfanger, an dem immer mehr Berliner ihre Villen bauten. Aus dem Ziel der Berliner, mit harmlosen Vergnügungen wie Kegelschieben, Kaffeekochen, Maikäfer schütteln im dörflichen Ambiente (1), wurde schnell eine städtische Gemeinde. Pankow wuchs rasant und leistete sich kurz nach 1900 ein imposantes Rathaus, das einer Stadt Ehre gemacht hätte, aber Pankow war bis zur Bildung Groß-Berlins 1920 ein Dorf ohne Stadtrecht geblieben.

Industriebetriebe siedelten sich an wie die Zigarettenfabrik Garbaty und die Schultheiss-Mälzerei, deren hinterlassene Gebäude seit unserem letzten Besuch vor 5 Jahren zu einem Wohnkomplex umgebaut wurden (2). Auf unserem heutigen Spaziergang zwischen den beiden S-Bahnhöfen Pankow und Wollankstraße sehen wir historische Bauten wie das niedrige Haus der Alten Bäckerei, von der aus noch 1960 mit dem Pferdewagen Brot und Brötchen ausgeliefert wurden. Das Gesundheitsamt in der Grunowstraßer und das Haus der AOK in der Florapromenade sind Klinkerbauten mit ausdrucksvollem Fassadenschmuck. Hier hatten die Erbauer Freude daran, die gestalterischen Möglichkeiten von Formsteinen und Klinkerverbänden vorzuführen.

Auf dem Pankower Friedhof Nr.3 - angrenzend an den Bürgerpark - gibt es einen Block mit grauen Grabsteinen, die in ihrer Gleichförmigkeit an Soldatengräber erinnern. Aber wofür haben diese Soldaten gekämpft, in welchem Kampf haben sie ihr Leben gelassen? Die sichtbare Standardisierung der Gräber lässt auf eine Gemeinsamkeit schließen, hinter der die Individualität der Toten völlig zurücktritt. So wie bei Soldaten und Kriegstoten, deren seriell aneinander gereihte Gräber uns die mörderische Gewalt eines Krieges spontan empfinden lassen, auch wenn der einzelne Tote für uns gesichtslos bleibt. Was wir auf dem Pankower Friedhof sehen, ist ein "OdF-Gräberfeld", hier sind Opfer des Faschismus (abgekürzt OdF) beerdigt oder solche Toten, die von der DDR hierzu erklärt wurden (3). Wer von den hier Bestatteten tatsächlich Widerstandskämpfer war, ist auch Verantwortlichen nicht immer klar gewesen. Ob als KZ-Häftling oder Zwangsarbeiter ums Leben gekommen, auf der Flucht gefangen genommen, als Widerstandskämpfer entdeckt oder als einfacher Bürger aus dem Alltag gerissen, jeder konnte antifaschistischer Widerstandskämpfer sein. Regelrechte Standardisierungswellen bei Gedenktafeln beschreibt die Bundeszentrale für politische Bildung in einer Dokumentation. Das politische Ziel war, die DDR als den Staat der Antifaschisten hinzustellen und die BRD als den Nachfolger des Nazireichs, ("Wir haben das in der DDR erreicht. wofür die Opfer des Faschismus gekämpft haben"). So ist es nur konsequent, dass es nicht auf den Einzelne ankam und er sich in einem standardisierten Grab mit den anderen zu einer Masse verband. In der Nachwendezeit hat man die einseitige Würdigung der kommunistischen Widerstandskämpfer an Denkmalen und Erinnerungstafeln vielfach durch die umfassende Formulierung "Den Opfern von Kriegen und Gewaltherrschaft" ersetzt.

In einem blickgeschützten Block auf dem Friedhof liegen Fritz Cremer, Ernst Busch und andere berühmte Kulturschaffende der DDR. Von dem Grab des Bildhauers Fritz Cremer wird eigentlich in Abbildungen immer nur der Bronzekopf gezeigt, der von einer Säule auf das Grabfeld herabzuschauen scheint. Die befremdlich anmutende vollständige Inszenierung, die tatsächlich auf dem Grab zu sehen ist, habe ich bisher weder auf einer Abbildung noch in einer Beschreibung wieder gefunden. Auf dem Grabfeld liegt wie eine Grabplatte das Abbild einer nackten Frauenfigur, auf die der Blick des Kopfes oben von der Säule gerichtet ist. Es wird der weibliche Genius sein, auf den der Künstlers schaut, aber warum blickt er seine Muse von oben herab an? Es wirkt nicht wie ein vertrautes Zwiegespräch, eher wie eine Wacht. Merkwürdig.

Parallel zum Friedhofszaun verlief die Berliner Mauer, der Postenweg ist noch sichtbar. "Pinke-Panke" heißt der Kinderbauernhof im ehemaligen Todesstreifen jenseits der Straße. Mitten in der Großstadt können Kinder hier - von Pädagogen betreut - an das ländliche Leben herangeführt werden. Mit der städtischen Pinkepinke ist das wie bei vielen Projekten eine Zitterpartie, aber sonst gibt es manchmal ungewohnte Unterstützung. So haben Polizeibeamte 2002 ein neues Schweinegehege gebaut.

Für unser Flaniermahl nehmen wir einen weiten Rückweg zu Fuß zur Wollankstraße in Kauf, um im Kiez zu bleiben, und wir werden nicht enttäuscht. Nebenan stößt eine große Familie mit Rotwein auf die Taufe des jüngsten Nachwuchses an, aber auch wir bekommen die notwendige Aufmerksamkeit.

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(1) Von weniger harmlose Vergnügungen als in Pankow berichtet die Legende über Schönholz, wo Raufbolde wie Bolle hinfuhren: Messerstecher in der Heide
(2) Zigarettenfabrik Garbaty und Alte Mälzerei Pankow: Bier und Zigaretten
(3) Auch auf dem Friedhof von Adlershof wurde eine Gedenkstätte errichtet, die in das DDR-Gedenkschema passt: Süßer Grund in Adlershof



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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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