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Auf der Anhöhe


Stadtbezirk: Neukölln, Tempelhof
Bereich: Schillerkiez, Flughafen
Stadtplanaufruf: Berlin, Schillerpromenade
Datum: 10. Mai 2010

Aus dem Berliner Urstromtal nach Süden auf den Teltowhang hinauf, da muss man keine Gipfel erklimmen. Zwischen den Hochebenen des Barnim im Norden und des Teltow im Süden führte der alte Handelsweg durch die Senke, in der Cölln und Berlin lagen und ein Überwinden der Spree per Furt oder Brücke möglich machten. Noch heute sind Straßennamen wie "Am Tempelhofer Berg" oder "Rollberge" der Hinweis darauf, dass diese Gebiete etwas höher liegen - für einen "Berg" würden uns schon die Bewohner der Mittelgebirge auslachen. Zwischen Hermannstraße und dem heutigen Flughafengelände entwickelten um 1900 zwei Terraingesellschaften den Kiez um die Schillerpromenade.

Links und rechts der Hermannstraße waren die Äcker parzelliert worden, im östlichen Teil entstand die Arbeitersiedlung Rollberge. Als Gegenpol dazu ist ein "Wohnquartier für Besserverdienende" mit repräsentativen Bauten, der 50 Meter breiten Straße (Schillerpromenade), einem kreisrunden Platz (Herrfurthplatz) und einer Mittelpromenade geschaffen worden. Auch Bruno Taut hat an der Oder- und Leinestraße gebaut.

Die gutbürgerlichen Zeiten waren irgendwann zu Ende, ein Quartiersmanagement und eine "Task Force" versuchte einem Abgleiten des Kiezes entgegen zu wirken. "I'm Muslim, don't panik" steht auf dem T-Shirt eines Breakdancers, der im Film "Neukölln Unlimited" mit seinen Geschwistern gezeigt wird, wie sie trotz drohender Abschiebung leben, eine "Milieustudie, Stadtteil-Hommage und Success-Story" (kino.de). Die Bevölkerungsstruktur wird sich im Schillerkiez dramatisch ändern, berichtet die taz in einer Serie, wenn der Flughafen Tempelhof nach seiner Schließung mit neuer Nutzung die Attraktivität der umliegenden Kieze erhöht. Dann könnte das "Wohnquartier für Besserverdienende" wieder Wirklichkeit werden.

Wir sind vom U-Bahnhof Boddinstraße in den Kiez gelaufen. Auf dem Weg haben wir den Hermannshof besucht, einen Gewerbebau auf dem zweiten Hof des Grundstücks Hermannstr.48. Das unscheinbare Vorderhaus und der erste Hof wirken nicht so, als wäre hier etwas Interessantes zu entdecken, wir haben auch zwei Anläufe gebraucht, um das Gesuchte zu finden. Vom ersten Hof schaut man nach links auf einen Bau auf dem Nachbargrundstück, der wie ein Bunker aussieht, sich aber als Ziegelbau unter einem grauen Putz herausstellt und deshalb für diesen Zweck nicht die nötige Stabilität geboten haben dürfte. Erst der nächste Hof zeigt dann den Fabrikbau mit dem ungewöhnlich gestalteten Jugendstil-Portal. Der Mittelteil mit dem Eingangsbereich ist etwas aus der Fassade hervor gezogen, die drei Türen und darüber ein Band von drei Fenstern werden gemeinsam umrandet, als Bekrönung ruhen zwei Kugeln auf dem Gesims.

Natürlich haben wir in der Oderstraße den neu geschaffenen Eingang zum ehemaligen Flughafen genutzt. Gestern und vorgestern war hier Volksfest zur ersten Öffnung des Geländes. Heute verlieren sich die Besucher auf dem eingezäunten Gebiet, wir können einen Eindruck von der Weitläufigkeit der Fläche bekommen. Wenn Berlin wieder den Investoren die Planung der Städtebaumaßnahmen überlässt, weil es sie selbst nicht bezahlen kann, dann besteht die Gefahr von Einseitigkeit, wenn nicht gar Investorenhörigkeit, die bei diesem riesigen Entwicklungsgebiet viele Chancen verbauen würde. Die Internationalen Gartenbauausstellung 2017 soll den "Kühlschrank Berlins" mit seiner Bedeutung für das Stadtklima Berlins entwickeln helfen, das "einzigartiges Erlebnis von Weite und Freiheit" wird von der Stadtentwicklungsverwaltung gepriesen, aber wird es auch erhalten bleiben?

Unser weiterer Weg zum Südstern wird zu einem unerwarteten Eintauchen in die preußische und deutsche Kriegs- und Militärgeschichte. An der Lilienthalstraße passieren wir den Neuen Standortfriedhof, die St. Johannes-Basilika und das Gefallenendenkmal Deutscher Luftschiffer.

Ein Blick vom Friedhofseingang zur Trauerkapelle genügt, um den Baustil des Dritten Reiches zu erkennen. Von dem Architekten heißt es, er habe sich diesem Baustil „nicht widersetzt“. Diese Aussage versteht man, wenn man weiß, dass Wilhelm Büning die Kapelle entworfen hat, einer der drei Architekten der im Bauhaus-Stil gebauten Siedlung "Weiße Stadt" in Berlin-Reinickendorf, die heute zum Weltkulturerbe gehört. Büning war nicht nur Architekturschaffender, sondern auch Professor an der "Hochschule für Bildende Künste". Der ehemalige Militär-Standortfriedhof hat heute eine Bedeutung als Gedenkort am Ehrenmal mit dem Silberkranz für die Toten der beiden Weltkriege. Hier hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge am Vorabend des Volkstrauertages Gedenkfeiern abgehalten, wobei die Beschreibung der Feier 2003 auf seiner Homepage mich etwas befremdet: „Die Gedenkstätte auf dem Friedhof an der Berliner Lilienthalstraße liegt in nächtlicher Dunkelheit. Pünktlich um 16.30 Uhr treten das Wachbataillon der Bundeswehr sowie das Stabsmusikkorps an. Fackelträger beleuchten das Areal rund um die Krypta mit dem legendären Eichenlaubkranz von Ludwig Gies.“ Begeistert beschriebene nächtliche Fackelzüge erwecken ungute Assoziationen.

Das Gefallenendenkmal Deutscher Luftschiffer von 1914 erinnert an den Einsatz des Zeppelins und anderer Luftschiffe im 1.Weltkrieg zur Luftaufklärung und zum Abwurf von Bomben. Nur 16 von 67 Luftschiffen der kaiserlichen Flotte überstanden den Krieg, ein Luftschiff ging bereits vor Beginn des Krieges 1913 auf dem Flugplatz Johannisthal in Flammen auf. Die Toten dieses Luftschiffes „L-2“ sind auf dem Garnisonfriedhof am Columbiadamm beerdigt, der direkt an den Flughafen Tempelhof angrenzt (Gedenkstein-Inschriften: „Für Kaiser und Reich!“, „Sei getreu bis in den Tod“). Der Garnisonfriedhof wurde in räumlicher Nähe zu den Kasernenbauten auf dem Tempelhofer Feld angelegt. 1866 war ein Streifen abgetrennt worden zur Anlage eines Türkischen Friedhofs für das Botschaftspersonal des Sultans Abdul Aziz und für alle türkischen Muslime, daraus ist heute der Islamische Friedhof geworden.

Geschaffen wurde das Jugendstil-Luftschiffer-Denkmal von Victor Heinrich Seifert, „einem der meist beschäftigten Bildhauer, die deutsche Städte und Orte mit Kriegerdenkmälern bereicherten“ (Wikipedia), auch Bismarck- und Kaiser-Wilhelm-Statuen hat er geschaffen und eine „Abstimmungssäule“ in Marienburg, die daran erinnert, dass die Bewohner westpreußischer und ostpreußischer Kreise 1920 mit überwältigender Mehrheit für den Verbleib im Deutschen Reich gestimmt hatten, nur 191 von 17.805 wollten sich Polen anschließen. Für Berlin werden übrigens aktuell 220 Gefallenendenkmäler gezählt, überwiegend auf Friedhöfen.

Die Johannes-Basilika, vor der das Luftschiffer-Denkmal steht, ist seit 2005 die Bischofskirche des katholischen Militärbischofs für die deutsche Bundeswehr am Sitz der Bundesregierung. Damit steht sie in einer alten Tradition, wurde sie doch 1894 als katholische Garnisonkirche unweit des Tempelhofer Feldes gebaut und am 8. Mai 1897 in Gegenwart von Kaiserin Auguste Viktoria und Kaiser Wilhelm II. eingeweiht. Man hatte eine Kaiserloge eingebaut, die heute für den Religionsunterricht genutzt wird. Hier begegnet uns also die „Kirchen-Juste“ wieder, die das Berliner Kirchenbauprogramm jener Zeit aktiv gefördert hat. Die Kirche berichtet noch heute stolz über die Einweihung: „Mit den Klängen des Präsentiermarsches zogen die verschiedenen Truppenteile ein - die Ehrenkompanie des ‘Kaiser-Franz-Regiments‘ mit Fahnen und Standarten, das dritte Garde-Regiment, die Kürassiere, die beiden Dragoner-Regimente, die Pioniere, die Eisenbahn-Regimenter mit den Luftschifferabteilungen und dem Gardetrain“, nachzulesen auf der Homepage der Kirchengemeinde. Man beschwört dort, die Kirche sei ein „Gotteshaus des Friedens“, hier wäre nie der Krieg gepredigt worden. Die Kirchenglocken wurden im 1.Weltkrieg nicht eingeschmolzen, im 2.Weltkrieg „vergaß“ man zwei Glocken abzugeben, die restlichen wurden Kriegsmaterial.

Unseren Rundgang beenden wir am Südstern, wo wir - gestärkt durch lombardisches Essen - wieder in die U-Bahn steigen.
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Zur Militärgeschichte des Tempelhofer Feldes steht mehr in dem Berichten:
Bei der Ballonfahrt ohnmächtig geworden und
Sein größter Sieg war nicht die Liebe

Kaiserin Auguste Viktoria, die „Kirchen-Juste“:
Die schöne Weyde an der Spree und
Kirchenbauverein, "Kirchenjuste"




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