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Meister der Angst in seinem Gefängnis inhaftiert


Stadtteil: Lichtenberg
Bereich: Alt-Hohenschönhausen
Stadtplanaufruf: Berlin, Freienwalder Straße
Datum: 4. Januar 2016 (und Denkmaltag 10. September 2016)
Bericht Nr: 532

Dass es ein Märkisches Viertel in Hohenschönhausen gibt, dürfte bei manchem Berliner Verwunderung auslösen. Der Kiez erhielt seinen Namen von den hier vorherrschenden Straßenbenennungen (z.B. nach Freienwalde, Werneuchen, Zechlin), hat also nichts mit der gleichnamigen West-Berliner Trabantenstadt zu tun und gehört auch nicht zum "Doppelten Berlin". Unter diesem Begriff beschäftigt sich eine Initiative mit den Bauten, die in der ehemals geteilten Stadt West- und Ost-Berlin doppelt vorhanden sind, wie beispielsweise Funkturm/Fernsehturm, Zoo/Tierpark, Freie Universität/Humboldt-Uni, Deutsche Oper/Staatsoper. Es bestand sogar die Idee, diese Berliner Besonderheit zum Weltkulturerbe anzumelden. Hier im Kiez gibt es übrigens noch eine Namensdopplung, der Strausberger Platz kommt hier auch noch einmal vor, allerdings zum zweiten Mal innerhalb des ehemaligen Ost-Berlins nach dem Strausberger Platz an der Karl-Marx-Allee (Stalinallee).

Mehrere Fabriken rahmen das Wohnviertel im südlichen Alt-Hohenschönhausen ein. Von Tegel nach Friedrichsfelde verlief eine Industriebahn, die 1908 den Güterbahnhof Weißensee erreichte. In Hohenschönhausen kreuzte die Strecke nacheinander die Große-Leege-Straße, Konrad-Wolf-Straße, Degnerstraße und Suermondtstraße. Wie in Weißensee rund um die Straße "An der Industriebahn" wurde auch in Hohenschönhausen diese Infrastruktur der Motor für die Ansiedlung von Industriebetrieben. Ein weiterer Standortvorteil war die Arbeiterkolonie "Wilhelmsberg" entlang der Landsberger Allee. Dieses Mietskasernenviertel, das noch in alten Stadtplänen eingezeichnet ist, überstand den Zweiten Weltkrieg nicht.

Als erste Fabrik auf unserem Rundgang erreichen wir an der Konrad-Wolf-Straße Ecke Simon-Bolivar-Straße die Zuckerwarenfabrik, die Georg Lemke 1908 hier eingerichtet hat. Seine "Deutsch-Amerikanische Zuckerwaren-Fabrik" stellte Fondants und Pralinen her und betrieb eine eigene Kirschenplantage. In der DDR setzte der "VEB Pralina" bis 1963 diese Produktion fort, dann wurde hier Eisenbahn-Signaltechnik hergestellt. Der lang gestreckte Fabrikbau stand nach der Wende lange leer. Jetzt ist er zu 70 Wohnungen auf einer Wohnfläche von 5.500 qm umgebaut worden. In der Maklersprache ist das "Wohnen mit Fabrik-Charme" oder "Wohnen mit Wow-Effekt".

Kann man mit Zucker eine Diät machen? Bei allen verrückten Diätplänen, die es heute gibt, ist so etwas nicht zu finden. Von Moses Mendelssohn wird aber berichtet, dass er wegen seiner kränklichen Konstitution abends nur Zucker aß und daran Freude fand.

In der Küstriner Straße 7 errichtete der Fabrikant Fleischer 1928 eine Möbelfabrik. Einen ebenfalls lang gestreckten Backsteinbau, der aber sehr viel kleiner ist als die Zuckerwarenfabrik. Vor wenigen Jahren ist die ehemalige Möbelfabrik zu 16 loftartigen Wohnungen umgebaut worden. Dabei hat man die preußischen Kappendecken als typisches Merkmal eines Industriebaus erhalten. Kappendecken sind flache Gewölbe aus Ziegelsteinen, die zwischen parallelen Stahlträgern aufgespannt werden, eine hohe Belastung aushalten und feuerfest sind. Statt der Stahlträger hat man gelegentlich auch ausgemusterte Eisenbahnschienen verwendet. Als ich das zum ersten Mal bei einem Stallgebäude sah, hielt ich das noch für einen kuriosen Einzelfall. Auf jeden Fall war es ein sinnvolles Recycling.

Am nördlichen Ende der Große-Leege-Straße entstand ab 1913 ein kombiniertes Wohnhaus mit Büro- und Fabrikgebäude. Zu den Bauherren gehörte zwar ein Fabrikant, die Gebäude dürften aber als Stockwerksfabriken genutzt worden sein, da keine ausgedehnte Produktion wie bei der Zuckerwaren- oder Möbelfabrik nachgewiesen ist. Die damalige Nutzung wird der heutigen Vermietung an einzelne Betriebe entsprochen haben, nur dass damals noch keine Angelhaken oder Sushi verkauft wurden.

An der Freienwalder, Gensler- und Bahnhofstraße gehörte ein großes Areal dem Fabrikanten Richard Heike. Hier errichtete er ab 1910 eine Maschinenfabrik, ein Wohn- und Verwaltungsgebäude ("Villa Heike") und ein Fabriklager. In einem "Katalog über Maschinen u. Apparate für Fleischereien, Wurst- u. Konserven-Fabriken" von 1927 sind die Produkte aufgeführt, die er in Friedenszeiten herstellte.


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Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigte er sowjetische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter in seiner nun angepassten kriegswichtigen Produktion. Die Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) kaufte ihm ein Gebäude an der Freienwalder Straße ab und installierte hier eine Großküche. Nach Kriegsende wurde Richard Heike von sowjetischen Soldaten erschossen.

Die sowjetische Besatzungsmacht richtete in dem Gebäude an der Freienwalder Straße ein Internierungslager ein ("Speziallager Nr. 3"). Hier wurden „feindliche Elemente“ wie Spione, Diversanten, Terroristen, NSDAP-Aktivisten, Geheimdienst- und Polizeiangehörige inhaftiert, verhört, gefoltert, viele überlebten das nicht. Zu den Inhaftierten gehörte der Schauspieler Heinrich George, weil er in mehreren Propagandafilmen der Nazis mitgewirkt hatte. Die Häftlinge mussten in dem Gebäude ein Kellergefängnis errichten, das zum zentralen Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Besatzungsmacht wurde. Die Häftlinge nannten die Zellen ohne Tageslicht das "U-Boot". 1951 übernahm die DDR das "U-Boot" und nutzte es weiter als zentrales Untersuchungsgefängnis. Hier wurden auch nach Ost-Berlin entführte Regimekritiker wie der Journalist Karl Wilhelm Fricke (Deutschlandfunk) und der Rechtsanwalt Walter Linse ("Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen") verhört.

Am Denkmaltag 2016 zeigten die Architekten die geplante Nachnutzung der Villa Heike. Mit dem Denkmalschutz sei vereinbart, das Gebäude auf die ursprüngliche Bauzeit von 1910 zurückzubauen. Eine ungewöhnliche Entscheidung angesichts der prallen Geschichte seitdem, aber wer will Wohnungen und Büros nutzen, die auf einem Folterkeller aufgebaut sind? Im Erdgeschoss des Gebäudes befand sich der säulenbestandene "Showroom", in dem die Produkte der Fabrik ausgestellt waren. In der 1. Etage war die Verwaltung untergebracht. Im Obergeschoss befand sich die stilvoll - beispielsweise mit einer Kassettendecke - ausgestattete Wohnung Heike, die derzeit in einem jämmerlichen Zustand ist. Die Fotos der Begehung sind unten in der 3. Bildergalerie zu sehen.

Schon die Sowjets hatten das gesamte Fabrikgelände von Richard Heike zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Auch während der DDR-Herrschaft blieb es ein verbotener Stadtteil, der Zugang war nur über ein Tor an der Freienwalder Straße möglich. In den Stadtplänen wurde das Sperrgebiet jetzt nur noch als inhaltslose weiße Fläche dargestellt.


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In einem geheimen Archiv (geheime "politisch-operative Dokumentenablage") verwahrte die Stasi Informationen über die Vergangenheit Westdeutscher im Nationalsozialismus, um sie im passenden Augenblick zur Erpressung oder zur öffentlichen Entlarvung missliebiger Personen einzusetzen. Ebenfalls im Sperrgebiet arbeitete der Operativ-Technische Sektor der Stasi, der sich mit Basteleien ähnlich wie Mr.Q in den Bond-Filmen beschäftigte. Abhöranlagen wie den „Wanzen-Füllhalter“, Fotoapparate wie die „Gießkannen-Kamera“ oder die Kamera im Verkehrsschild, Einbruchswerkzeuge, in Schuhe integrierte Container wurden nach der Wende in der Ausstellung „Verdeckt und Getarnt“ der Gedenkstätte gezeigt. Aber so etwas konnte auch schief gehen: Beim Test einer Kofferbombe sprengte sich ein Offizier dieser Abteilung 1974 versehentlich selbst in die Luft. Er war der Entführer von Walter Linse, es gibt manchmal so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit.

Zu den sprachlichen Erfindungen des Stasi-Systems gehören durch Bindestriche formelhaft aneinander gekoppelte Begriffe wie "operativ-technisch" oder "politisch-operativ". Bei Koppelungen wie "feindlich-negativ" nehmen sie durch ihre Dopplung einen irrationalen Verfolgungscharakter an, der Hass auf die Feinde soll geschürt werden. Ein neues "Wörterbuch des Unmenschen", wie es früher der Analyse der Nazisprache gewidmet war, wäre fällig.

Im Jahr 1962 wurde für die zentrale Untersuchungshaftanstalt ein Gefängnisneubau errichtet, der heute als Gedenkstätte fungiert, während andere Bauten einfach gedankenlos nachgenutzt werden oder wie die "Villa Heike" verfallen. Wenigstens gab es im geschichtlichen Verlauf eine Genugtuung: Erich Mielke, der Stasi-Chef (ein Spielfilm nennt ihn "Meister der Angst") musste selbst 1990 in "seinem" Gefängnis einsitzen. Allerdings hatte man da schon das Gebäude auf ein menschenwürdiges Maß zurückgebaut und beispielsweise die blickdichten Glasbausteine durch Zellenfenster ersetzt.

Kommen wir zurück zu den Wohnsiedlungen in diesem Märkischen Viertel. Die Flusspferdhofsiedlung ist eine Wohnanlage mit mehreren parallelen Baukörpern entlang der Große-Leege-Straße. Ein Brunnen im Innenhof mit zwei Pferde-Plastiken gab ihr den Namen. In der Zeit der Weimarer Republik begonnen, wurde die Siedlung während des Dritten Reichs fertig gestellt. Wie sich dieser Systemwechsel in den Bauten bemerkbar macht, habe ich mit Text und Bildern in einem früheren Bericht beschrieben: Von Siedlung zu Siedlung .


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An der Große-Leege-Straße Höhe Sandinostraße hat der Architekt Walter Hämer in den 1920er Jahren ein Straßenkarree mit einem Wohnblock umbaut. Walter Hämer ist der Vater des Architekten Hardt-Walterr Hämer, der im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA 1984/87) mit der "Behutsamen Stadterneuerung" den Altbauten eine neue Zukunft gab und die frühere "Kahlschlagsanierung" beendete. Der Vater hatte einen bewegten Lebenslauf, er arbeitete als Architekt unter anderem in Berlin, Weimar, Hannover und mehrere Jahre in Moskau, wo er für Standardisierung zuständig war. Er entwarf in Deutschland Wohnhäuser und Wohnanlagen, Tankstellen, Parkhäuser, Garagen und beteiligte sich zusammen mit seinem Sohn an Wettbewerben, unter anderem für das Opernhaus in Sydney. An der von ihm geschaffenen Wohnanlage an der Tempelhofer Manteuffelstraße wird seine Arbeit mit einer Gedenktafel am Gäßnerweg gewürdigt.

Eine Grünfläche an der Zechliner Straße und den Interkulturellen Garten an der Liebenwalder Straße mit Beeten, Bäumen und Bienenvolk sparen wir heute angesichts der extrem gespürten Kälte aus unserem Rundgang aus. Auch das Fotografieren habe ich immer wieder unterbrechen müssen, damit meine Finger nicht an der Kamera anfrieren. Entsprechend gering ist heute die Zahl der Bilder. Einen Abstecher zu den Friedhöfen der St. Hedwig- und St. Pius-Gemeinde (angelegt 1906) und der St. Marcus- und St. Andreas-Gemeinde (angelegt 1890) westlich der Konrad-Wolf-Straße haben wir allerdings nicht auslassen.

Hohenschönhausen führte früher in seinem Wappen das Eiserne Kreuz und die Jahreszahl 1814. Mit Stolz knüpfte die Landgemeinde damit an die Befreiungskriege an, mit denen Napoleon aus Deutschland vertrieben wurde. Schinkel hatte den Orden für Helden der Befreiungskriege entworfen und dieses Kreuz auch auf die Spitze seines Denkmals auf dem Kreuzberg gesetzt.

Abends treffen wir uns zum Flaniermahl in einer Enoteca /Salumeria in der Westfälischen Straße in Wilmersdorf, die den Feinkostladen mit einer Restauration verbindet. Eine Kombination, die eigentlich immer - wie auch hier - einen Abend mit Genuss und Freude bietet, Genuss am Essen und Trinken und Freude an der Atmosphäre.

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... ACHTUNG, es folgen DREI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Villa Heike (Denkmaltag 2016)

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Unsere Route
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Am Luftschiffhafen
Ein zerstörtes Dorf