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Straße der Literaten


Stadtteil: Charlottenburg-Wilmersdorf
Bereich: Fasanenstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Hertzallee
Datum: 21. August 2017
Bericht Nr.: 597

Im Norden der Fasanenstraße wird gerade der alte Stadtgrundriss wieder hergestellt. Die Hertzallee, die vom BVG-Busbahnhof am Zoo (Hardenbergplatz) kommt, wird als Fußgängerweg über das Universitätsgelände hinweg bis zum Ernst-Reuter-Platz verlängert.

Hertzallee/"Kurfürstenallee"
Über dieser "Kurfürstenallee" ritt König Friedrich I. schon in seiner Zeit als Kurfürst vom Berliner Stadtschloss in Mitte zum Schloss Charlottenburg. Sein Enkel Friedrich der Große ließ an der Kurfürstenallee einen Fasanengarten mit Gehege anlegen, um sich standesüblich mit exotischen Vögeln zu schmücken. Hundert Jahre später bedrängte der Neubau des Zoologischen Gartens die Ostseite der Fasanerie. Peter Joseph Lenné verlegte die Fasanerie nach Potsdam-Sanssouci in den Park Charlottenhof. Auf dem Restgelände nördlich der Hertzallee schuf er ein Hippodrom, von dem aber Jahrzehnte später nach dem Bau der Stadtbahn nur ein Sportplatz übrig blieb. Heute steht dort die Volkswagen-Bibliothek.

Pferdesport
Der Pferdesport hat in Charlottenburg eine lange Geschichte. Allein in Westend gab es - teilweise zeitversetzt - vier Pferderennbahnen. Die Kurfürstendamm-Theater wurden auf einer ehemaligen Reitbahn erbaut, die Form einer Reithalle wird in dem einen Theatergrundriss wieder aufgenommen. Das Amerikahaus und die Verwaltungsgerichte an der Hardenbergstraße stehen auf einem Grundstück, auf dem früher eine Reithalle mit Tribünen stand. An der Fassade des Künstlerhauses Fasanenstraße 13 sind vier Pferdeschädel angebracht, die man beim Ausschachten der Baugrube gefunden hatte, zusammen mit zahlreichen Pferdegerippen. Ebenso wie die Hertzallee war auch der Kurfürstendamm ein Reitweg der Kurfürsten.

Fasanenstraße
Zurück zur Fasanenstraße. Sie wird durch drei unterschiedliche Abschnitte geprägt. Von der Hardenbergstraße bis zum Landwehrkanal begleitet sie den Universitätscampus von Technischer Universität und Hochschule der Künste. Der südlichste Abschnitt zwischen Fasanenplatz und Hohenzollerndamm ist ein Mietwohngebiet ohne besondere Eigenschaften. Im Mittelteil ist die Fasanenstraße eine Straße der Literaten, hier haben prominente Schriftsteller gelebt und gearbeitet. Das Literaturhaus setzt noch ein Sahnehäubchen drauf, aber zuerst waren die Poeten, Dichter und Lyriker hier.

Statt 'über' Literatur zu schreiben, will ich ihr bei dem folgenden Rundgang andeutungsweise selbst Raum einräumen, soweit dies hier möglich ist. Dafür muss die Architektur heute zurückstehen, obwohl es so viel zu berichten gäbe über das Kempinski, das Savoy-Hotel, das Delphi, das Jüdische Gemeindehaus, das Gürteltier der IHK, das Kant-Dreieck, das IBA-Wohnhaus am Fasanenplatz, die Hochschulbauten, die Gründerzeitbauten. Manche Bauwerke tauchen aber in den Bildergalerien am Ende dieser Seite auf.


Arno Holz
Arno Holz, vorher "Dachstubenpoet" im Wedding, zog 1893 in die Fasanenstraße 65, die damals noch Gravelottestraße hieß. (Dieser Straßenname, benannt nach einer französischen Stadt, erinnert an den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Es war keine Verbeugung vor dem Nachbarn, sondern eine Siegerpose gegenüber dem besiegten Erbfeind.)

Der naturalistische Schriftsteller Arno Holz hat mit "Phantasus" romantische Lyrik verfasst, benannt nach der mythologischen Gestalt, die die Träume erzeugt.

___In einem Garten / unter dunklen Bäumen / erwarten wir die Frühlingsnacht.
___Noch glänzt kein Stern.
___Aus einem Fenster, / schwellend, / die Töne einer Geige. . . .
___Der Goldregen blinkt, / der Flieder duftet,
___in unsern Herzen geht der Mond auf!


Gerhart Hauptmann
Im Jahr 1894 zog Gerhart Hauptmann als Untermieter in die Fasanenstraße 39. Der Ausbau des Kurfürstendamms zum Boulevard hatte erst acht Jahre vorher begonnen. "Ganz weit draußen wohnt er, in einer Einsamkeit, wie sie nur die Großstadt bietet", schrieb sein Freund Max Dessoir, "ich war eine volle Stunde gefahren, um zu Gerhart Hauptmann zu kommen".

Hier entstand "Florian Geyer", eine ins Monumentale gesteigerte Tragödie über einen Helden der Bauernkriege. Der erhoffte Erfolg blieb bei der Aufführung 1896 aus. August Strindberg, um seine Meinung gebeten, konnte sich mit dem Stück "nicht befreunden, kämpfte sich aber durch". Zu stark studiert, "ein Kunstwerk sollte etwas unvollkommener sein", schrieb er zurück.

Im Jahr 1912 bekam Hauptmann den Nobelpreis. In der Weimarer Republik wurde er Akademie-Präsident in der Dichtkunst-Sektion. Man drängte ihn, Reichspräsident zu werden, die Nationalsozialisten schätzten seine Stücke, der DDR-Kulturminister erklärte ihn gar zum Wegbereiter des Sozialismus. Geben wir ihm Raum mit einer Episode aus der Autobiografie "Das Abenteuer meiner Jugend": Auf einer Wiese hatte er - sich ganz vergessend - Blumen gepflückt.

"Und nun auf einmal überkam mich diese allgemeine, ich möchte fast sagen
kosmische Traurigkeit. Ich hatte alle diese Blüten, die da tot und welk
übereinander lagen, tot gemacht. Wieso aber konnte ich das getan haben?
War ich mir doch bewußt, daß ich aus Liebe zu ihnen gehandelt hatte und nicht
in der Absicht, ihr Leben zu zerstören oder auch nur ihnen wehe zu tun.
Ich wollte mir eben doch nur ihre Schönheit aneignen".

Essad Bey
Die nächsten prominenten Literaten zogen in den Goldenen Zwanziger Jahren in die Fasanenstraße. Durch eine goldfarbene Gedenktafel am Haus Fasanenstraße 72 wird der Erfolgsschriftsteller Essad Bey gewürdigt. Er war schon durch seine smarte Erscheinung und orientalische Herkunft auffallend. Geboren als Jude Lev Nussimbaum in Aserbeidschan, wurde er in Berlin durch seinen Übertritt zum Islam der Muslim Essad Bey. Er studierte Türkisch, Arabisch und Islamische Geschichte und schrieb in der "Literarische Welt".


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Er war bekannt mit Else Lasker-Schüler, Vladimir Nabokov und Boris Pasternak. Sein Buch über den Propheten Mohammed gilt heute noch als Standardwerk. In seinem Erstlingsroman "Öl und Blut im Orient" erzählte er seine abenteuerliche Biografie. Ein Literaturkritiker vergleicht ihn mit Karl May, nur dass Essad Beys Geschichten wahr sind. Lesen wir im Abschnitt "Das Blutbad" aus seiner Biografie:

"Und dann begann der Straßenkampf.
Ich saß gerade auf dem Balkon unseres Hauses, als
die ersten Schüsse fielen. Auf der Straße waren noch
einige Passanten, darunter verschleierte Frauen. Ich sah
eine von ihnen fallen, als mich der Vater vom Balkon rief.
Wir waren allein im Haus geblieben. Die Dienerschaft,
soweit sie aus Männern bestand, kämpfte für uns auf der
Straße. Sogar unser Eunuche, der friedlichste Mensch
der Welt, nahm einen krummen Säbel und verschwand
kampfgierig und freudestrahlend im Getümmel".

Robert Musil
Heinrich Sehring, der Architekt des Künstlerhauses St. Lukas in der Fasanenstraße 13 und des Delphi-Palasts, hat das Haus Kurfürstendamm 217 Ecke Fasanenstraße gestaltet. Ein Haus huckepack auf einem anderen Haus, diese Idee hat er von seinem Künstlerhaus zum Kudamm mitgebracht. Hier am Kudamm schrieb Robert Musil in der Pension Stern von 1931 bis 1933 den Roman "Der Mann ohne Eigenschaften". Die Pension hatte er gewählt, um dem "deutschen Geistesleben" während der Niederschrift seines Romans näher zu sein.


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Im Erdgeschoss dieses Hauses hatte Rudolf Nelson bis 1928 seine Kleinkunstbühne betrieben. Kurt Tucholsky hatte Texte für Nelsons Operetten und Revuen geschrieben, Marlene Dietrich, Hans Albers, Claire Waldoff hatten seine Lieder gesungen. Hier wurde “Sex-Appeal” zum Modewort, als die “Schwarzen Venus” Josefine Baker im Bananenröckchen auf der Bühne stand, Charleston tanzte und die Berliner verrückt machte.

Folgen wir Robert Musil im "Mann ohne Eigenschaften" bei der Beobachtung "Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen", die sich auf Wien bezieht:

"Autos schossen aus schmalen, tiefen Straßen in die Seichtigkeit heller Plätze.
Fußgängerdunkelheit bildete wolkige Schnüre. Wo kräftigere Striche der
Geschwindigkeit quer durch ihre lockere Eile fuhren, verdickten sie sich,
rieselten nachher rascher und hatten nach wenigen Schwingungen wieder
ihren gleichmäßigen Puls. Hunderte Töne waren zu einem drahtigen Geräusch
ineinander verwunden, aus dem einzelne Spitzen vorstanden, längs dessen
schneidige Kanten liefen und sich wieder einebneten, von dem klare Töne
absplitterten und verflogen".

Heinrich Mann
Heinrich Mann - der großen Bruder von Thomas Mann - lebte von 1932 bis 1933 in der Fasanenstraße 61. Nach der Trennung von seiner ersten Frau "besuchte er mit Eifer die nahe liegenden Nachtlokale", wo er als 60jähriger die 29jährige Animierdame Nelly Kröger kennen lernte und ihr verfiel. Vorsicht, Kitsch - aber es ist das wahre Leben, es war eine amour fou. Sie hatte Männerbekanntschaften, auch noch einen Liebhaber zu seiner Zeit. Seine Brüder sahen auf die unehelich geborene Nelly herab, für Thomas Mann war sie „die schreckliche Trulle“ und „eine arge Hur“.


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Im Exil hat Heinrich Mann sie geheiratet, an der Familie ist sie dann zerbrochen und nahm sich das Leben. Auf sein Drängen hin hatte sie einmal ihr Leben aufgeschrieben. Heinrich Mann soll das Manuskript gelesen und sehr gerühmt haben, um es anschließend in ihrer Gegenwart ins Kaminfeuer zu werfen. In seinem Entwicklungsroman "Ein ernstes Leben" hat er nach ihrem Tod ihr Leben aus seiner Sicht beschrieben.

Zwei Jahrzehnte, bevor er Nelly Kröger kennen lernte, hat Heinrich Mann in dem Roman "Professor Unrat" mit der Liebesgeschichte so etwas wie eine selbsterfüllende Prophezeiung geschrieben. Der Romanheld, ein zutiefst konservativer Lehrer, verliebt sich im "Blauen Engel" in die leichtlebige Barfußtänzerin Rosa Fröhlich. Der Lehrer fällt aus seiner Rolle in der bürgerlichen Gesellschaft, heiratet die Tänzerin, duldet schließlich in seiner verruchten Villa das amoralische Treiben seines Blauen Engels. Blauer Engel? Das Buch wurde mit Marlene Dietrich verfilmt.

In Manns Erzählung "Suturp" taucht das Thema wieder auf:

"Nein! Nicht älter werden. Er ist erschrocken, er hat die nahe Grenze
der Jugend erblickt. Er springt auf, atmet, sieht den Wald blühen - und
vergißt. Eine Verzauberung befällt ihn. Ihm schwinden aus den Augen
das zu erwerbende Vermögen und alle bürgerlichen Ehren. Die Seele
schwillt ihm, wie einst dem Schüler. Er hält auf einmal wieder die Welt
für offen und alles für erlaubt. Vor ihm her schwebt eine luftige Schönheit:
das Unvorhergesehene."



Es ist unverzeihlich, nach diesem literarischen Spaziergang sind wir nicht ins Literaturhaus-Café eingekehrt. Wir werden das nachholen, wenn wir den Spaziergang später einmal wiederholen, um ihn der Architektur zu widmen.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Vom Winde verweht
Wanzenbahnhof in der bürgerlichen Idylle