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Pferdegerippe am Kurfürstendamm


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Kurfürstendamm
Stadtplanaufruf: Berlin, Fasanenstraße
Datum: 11. September 2016
Bericht Nr: 559

Die spannende Frage, wie es im Innern interessanter Gebäude aussieht, können wir beim Flanieren meist nicht beantworten. Der Denkmaltag 2016 bietet wieder die Gelegenheit, hinter die Kulissen zu schauen.

Das Theater am Kurfürstendamm und die Komödie
An der Fassade des Atelierhauses Fasanenstraße 13 sind vier Pferdeschädel angebracht, die man 1890 beim Ausschachten der Baugrube gefunden hatte, zusammen mit zahlreichen Pferdegerippen. "Wie dieselben hierher gekommen, ist nicht bekannt", schrieb ein akademischer Zeitgenosse. Man muss nur ein paar Schritte zum Kurfürstendamm gehen, um des Rätsels Lösung näher zu kommen. Das Theater am Kurfürstendamm steht auf einem Grundstück, das früher der "Tattersall am Kurfürstendamm-AG" gehörte. Als man über den Kudamm noch zu Pferde in den Grunewald ritt, betrieb sie hier eine Reitbahn und handelte mit Pferden. Und sie war nicht der einzige Anlieger, der sich hier mit Pferden beschäftigte. In der Grolmanstraße beispielsweise wurde 1886 die Reitschule und Reithalle "Tattersall des Westens“ errichtet. Die von Franz Diener betriebene Künstlerkneipe „Diener-Tattersall“ leitet sich hiervon ab. Im Kudamm-Umkreis vergrabene Pferdegerippe sind sicherlich nicht der Normalfall, aber erklärlich.

Auf die Reitbahn folgte hier am Kudamm von 1905 bis 1914 ein Ausstellungsgebäude der Künstlervereinigung "Berliner Secession", das baute dann Oskar Kaufmann zum Kurfürstendamm-Theater um. Für den ovalen, fast runden Theaterraum nahm er die Form der Reithalle als Vorbild. Die Logen sind in die Wände eingeschnitten, es gibt keinen Rang. Selbst hinter der Bühne wölbt sich ein "Rundhorizont", der das Rund des Theaters vollendet und als Bühnenbild genutzt werden kann.


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Nebenan errichtete Oskar Kaufmann später die "Komödie" mit ähnlicher Bauidee, ein rangloses Logentheater auf fast rundem Grundriss. Hier gibt es auf jeder Seite der Bühne eine Proszeniumsloge, von der aus man nicht auf die Bühne sehen kann, aber von den Zuschauern gesehen wird. Die Muppet-Show mit ihren beiden alten Quälgeistern muss das hier abgeschaut haben.

Oskar Kaufmann hat als Architekt viele Theaterbauten geschaffen, beispielsweise das Renaissance-Theater, das Hebbel-Theater, die Volksbühne, die Kroll-Oper. Auch Villen hat er in der Landschaft inszeniert, wie wir in der Villenkolonie Grunewald sehen konnten. Die Kudamm-Bühnen gehörten zeitweise zum Theaterimperium von Max Reinhardt, später übernahm die Familie Wölffer (Woelffer) die Theater und begründete hier mit Boulevard-Stücken eine Theaterdynastie. Heute sind beide Bühnen vom Abriss bedroht, weil sie nicht mehr in der Denkmalliste eingetragen sind. Der Theaterdirektor Martin Woelffer sagt, der Senat habe sich vor Jahren von einem Investor für 4 Mio. Euro den Denkmalschutz abkaufen lassen. Laut B.Z. wird die fehlende Denkmaleintragung unter anderem damit begründet, dass die Bühnen "im Stadtraum als Theater nicht zu erkennen" seien. Die Architektin Kressmann-Zschach hat in den 1970er Jahren durch den Bau des "Kudamm-Karrees" die Theaterhäuser ins Blockinnere gerückt und dadurch von der Straße gelöst. Sie sind aber als einzelne Gebäude erhalten geblieben.

Etwas absurd mutet die Vorstellung an, dass ein Gebäude nur Denkmal sein könne, wenn es von der Straße aus erkennbar ist. Die Absurdität hat jetzt eine neue Stufe erreicht, weil nach Kündigung und Räumungsklage der angebliche Vermieter sich als hüllenlose Briefkastenadresse herausgestellt hat. Woelffer wäre bereit, nur mit einem Theater - der Komödie - weiter zu machen, weil es relativ leicht in einen Neubau eingefügt werden kann, doch einen Adressaten für seinen Vorschlag gibt es nicht.

Das Atelierhaus Fasanenstraße 13
Ein Haus huckepack auf einem anderen Haus - das ist ein Hingucker, gerade erst haben wir das bei einem Stellwerk in Moabit gesehen. Bei dem Atelierhaus in der Fasanenstraße direkt neben dem S-Bahn-Viadukt ist es nur ein Detail der extravaganten Gestaltung mit Balkonen, Galerien, Erkern, Türmchen, Brüstungen und Rundbögen.

Der Architekt Bernhard Sehring hat hier ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das von vornherein für Künstler und ihre Ateliers geplant war. Die Selbstdarstellung des Architekten und Bauherrn Sehring fängt bereits an der Eingangspforte an. Ein Berliner Bär mit Sehring-Monogramm auf dem Wappen empfängt den Besucher. Im Innenhof ist Sehring auf einem Epitaph als mittelalterlicher Drachentöter in Ritterrüstung zu sehen.


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Burgenromantik beherrscht den Blick, doch wenn man näher hinschaut ist es eine Stilmischung, in der sich von der Antike übers Mittelalter, über Renaissance und Barock bis zur Moderne alles miteinander verbindet. Der Hof des Atelierhauses war früher mit den Gärten der Nachbargrundstücke in der Kantstraße und Uhlandstraße verbunden. Sehring hatte in der Umgebung weitere ähnlich historisierende Gebäude errichtet, von denen die meisten in den 1960er Jahren abgerissen wurden, um maximale Wohnfläche auf den Grundstücken zu schaffen.

"Künstlerhaus St.Lukas" - dieser Name des Atelierhauses ehrt den Verfasser des Lukas-Evangeliums und der Apostelgeschichte. Die in Zünften organisierten Maler ("Lukas-Gilden") hatten sich seit dem Mittelalter diesen Apostel als Patron erwählt. Daran knüpften die "Lukasbrüder" an, die im 19. Jahrhundert erst in Wien und später in Rom als romantisch-religiöse Maler in einer Künstlerkolonie zusammen arbeiteten. Sehring hat Italien mehrfach besucht und von dort Kunstwerke mitgebracht, die als Gemälde und Standbilder sowohl das Treppenhaus als auch die Innenräume schmückten und teilweise noch schmücken. Selbst der Theaterkritiker Alfred Kerr, dem sonst das Satirische näher lag, schwärmte über den traumhaften Eindruck der Ausstattung: "In Berlin gibt es kein Haus, in welchem bei Gesellschaften künstlerische Illusionen so stark mitwirken wie hier, da der Baumeister zudem ein Mann von einem eigenthümlichen, leisen, heimlichen und gemütlich-komischen Humor ist".

Im Atelierhaus gab es eine Künstlerkneipe, die nicht von der Straße, sondern vom Innenhof her erschlossen war. Sie öffnete nicht erst abends, denn es gab ein gemeinsames Frühstück der im Haus arbeitenden Künstler, wenn ein Glöckchen hierzu gerufen hatte. Über die Pferdeschädel als Fassadendekoration hatte ich bereits oben im Zusammenhang mit den Kudamm-Theatern berichtet.

Auf dem Dach sieht man einen Klapperstorch mit besonderer Funktion: er dient als Blitzableiter. Unter dem Dach gab es eine Waschküche mit Trockenboden, und das eingangs erwähnte Huckepack genommene Häuschen diente als Aussichtzimmer. Mehrere Stufen führten auf das Flachdach, von dem aus man den Rundblick genießen oder auch malen konnte.

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Bitte folgen Sie mir zu einem weiteres Ziel am diesjährigen Denkmaltag 2016:
> Irrenanstalt IV von Ludwig Hoffmann, Berlin-Buch: Weniger Irre als geplant
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Hinweis: Am Denkmaltag konnte das ehemalige Stasi-Objekt in der Freienwalder Straße, die Villa Heike, nach Rückbau innen besichtigt werden. Meine Bilder finden Sie hier in der letzten Bildergalerie:
Meister der Angst in seinem Gefängnis inhaftiert

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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Kudamm-Theater

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... und hier sind weitere Bilder ...
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Atelierhaus Fasanenstraße


Kein Urwald mitten im Berliner Westen
Farbe erfüllt den Raum