Bezirke
  ALLE ZIELE     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Vom Winde verweht


Stadtteil: Charlottenburg-Wilmersdorf
Bereich: Sybelstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Sybelstraße
Datum: 10. Juli 2017
Bericht Nr.: 592

In Charlottenburg-Wilmersdorf sind zwei ganz unterschiedliche Architektur-Ikonen aus der Automobil-Zeit Ende der 1920er Jahre erhalten geblieben: der Kant-Garagen-Palast in der Kantstraße und die Holtzendorff-Garage in der Heilbronner Straße. Wenn eine neue Bauaufgabe entsteht - wie der Garagenbau im Zuge der Motorisierung - gibt es verschiedene architektonische Lösungen, bis sich ein neuer Bautypus herauskristallisiert hat. Die Kant-Garagen sind eine Hochgarage über mehrere Stockwerke mit einer ebenerdigen Tankstelle, dieser Bautyp setzte sich in der Innenstadt durch. In der Chausseestraße in Mitte gab es eine Hochgarage im Hinterhof, die später zu Wohnungen umgebaut wurde. Und in der Menckenstraße in Steglitz erinnert nur noch eine leere Seitenwand als Kulisse an Deutschlands erste Hochgarage.

Holtzendorff-Garage
Die Holtzendorff-Garage zeigt ein elegantes Tankstellengebäude zur Straßenkreuzung, während 45 Garagen in Reihe im Hintergrund die Bahntrasse flankieren. Entworfen wurde sie von den Architekten Walter und Johannes Krüger, zu deren umfangreichem Werk Bauten im Stil klassischer Architektur, im Heimatschutz-Stil, in der Neuen Sachlichkeit und der Nachkriegsmoderne gehören, unter anderem die Spanische Botschaft in Tiergarten und die Landeszentralbank.


mit KLICK vergrößern

Beide Garagenbauten in Charlottenburg-Wilmersdorf waren zwischenzeitlich dem Verfall preisgegeben und vom Abriss bedroht, werden jetzt aber mit neuer Nutzung herausgeputzt. Für die Kant-Garagen hat sich leider keine autonahe Nutzung gefunden, obwohl diese Idee dem ursprünglichen Zweck am nächsten gewesen wäre. Die Garagen sollen jetzt zu einem "Geschäfts-Kultur-Wohnhybrid" umgewandelt werden. Hoffentlich wird das Ergebnis nicht so geschmacklos wie dieses Wortungetüm. In dem Baudenkmal sollen Gastronomie, eine Kunsthalle, Galerien, Startup-Büros eröffnen und der Architekt will für sich ein Penthouse aufs Dach setzen. Bei der Holtzendorff-Garage ist gerade der Tankstellenkomplex restauriert worden, hier soll ein Café eröffnen und in dem geplanten angrenzenden Wohnhausneubau ein Bio-Supermarkt.

Kracauerplatz
Von seiner Wohnung in der Sybelstraße konnte Siegfried Kracauer direkt auf die Holtzendorff-Garage schauen. "Abends ist das ganze Stadtbild illuminiert", schrieb er. "Die Lichter sind über den Raum verteilt, und vorne, zum Greifen nah, leuchtet ein blendendes Orange, mit dessen Hilfe eine Großgarage ihren eigenen Ruhm weithin verbreitet". Und er sieht die unregelmäßige Platzanlage, von der "kaum jemand auch nur den Namen kennt". Dieses "Plätzchen" trägt seit sieben Jahren seinen Namen, wie würde er wohl heute darüber schreiben? Mit Urban Gardening ist der Platz für die Anwohner attraktiver geworden.

Die Sybelstraße ist heute unser Flanierziel, bis zum Platz an ihrem anderen Ende begleiten wir ihren Verlauf. Der dortige Platz ist dem Zeitgenossen Kracauers, dem Schriftsteller Walter Benjamin gewidmet, der in seiner "Kindheit um 1900" ebenfalls die Stadt Berlin beobachtet und beschreibt.

Zwei Schulen
Zwei Schulkomplexe sind an der Sybelstraße entstanden. Noch im Kaiserreich wurde 1909 die Gemeinde-Doppelschule auf dem Grundstück 20-21 mit 75 Meter Straßenfront eingeweiht. Eine stattliches Gebäude, hinter dem man kaum eine Schule vermuten würde. Mit einem Uhrenturm, Granitsockel, einer Fassade aus rotem Backstein, Muschelkalk-Gliederungen und Reliefschmuck. Im vorderen Bauteil waren die Klassenräume für die Knaben untergebracht, im hofseitigen schlichteren Flügel die Klassenräume für die Mädchen.



Die Gemeinde-Doppelschule war eine der fortschrittlichsten Schulen ihrer Zeit, mit naturwissenschaftlichen Unterrichtsräumen, einem Zeichensaal und einer Turnhalle.

Kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs bezog die Fürstin-Bismarck-Schule auf dem Grundstück 2-4 mit 92 Meter Straßenfront ihr für 1.280 Mädchen berechnetes Schulgebäude. Der Granitsockel und der graue Fassadenputz werden zwar durch Reliefschmuck belebt, sind aber "für eine Mädchenschule unnötig ernst".

Fußgängertunnel
Ein Kiezspaziergang der Bezirksbürgermeisterin machte vor 10 Jahren an "einem der hässlichsten Bauwerke des Bezirks" Station, der Fußgängerunterführung, mit der die Sybelstraße unter der Lewishamstraße hindurchführt. "Die Lewishamstraße wurde damals autobahnartig ausgebaut", sagte sie. "Dieser Tunnel ist ein typisches Beispiel für die verfehlte Städtebaupolitik der 70er Jahre nach dem Leitbild der autogerechten Stadt". Inzwischen wurde der Tunnel durch Gitter geschlossen, jetzt ist man dabei, ihn zu verfüllen.

Die Kurbel
Den Film "Vom Winde verweht" spielte das Kino "Die Kurbel" 1954 bis 1956 am Meyerinckplatz 28 lang Monate hintereinander, jeden Tag nur dieser Film. Mehrere Platzanweiserinnen gaben erschöpft und mit den Nerven fertig ihren Job auf, weil sie das amerikanische Vier-Stunden-Epos beim Zuweisen der Plätze nicht mehr hören konnten. Die Straßenbahnschaffner riefen an der Giesebrechtstraße aus: "Hier geht's zu 'Vom Winde verweht'". Die Kubel war das erste Tonfilmkino Berlins. Im Oktober 2011 lief als letzte Vorstellung wieder dieser Klassiker, seitdem ist auch das Kino selbst vom Winde verweht. Ein Bioladen hat sich in dessen Räumen ausgebreitet, und so sehr Bioläden als Indikatoren einer positiven Sozialentwicklung in einem Kiez willkommen sind: Hier waren die Anwohner fassungslos, konnten aber nichts ausrichten. Rettungsversuche durch eine Bürgerinitiative, der sich Dieter Kosslick, Peter Raue, Wim Wenders und Rosa von Praunheim anschlossen, waren erfolglos.

Gebäude-Ensemble Clausewitz-/Giesebrechtstraße
Vom Meyerinckplatz streben die Clausewitzstraße und die Giesebrechtstraße im stumpfen Winkel zum Kurfürstendamm. Entlang beider Straßen entstand um 1900 ein Bauensemble mit Wohnhäusern für das gehobene Bürgertum. Selbst die Eingangsbereiche mancher Häuser, die Vestibüle, sind so außergewöhnlich, dass sie in der Clausewitzstraße eigene Eintragungen in der Denkmaldatenbank erhalten haben.


mit KLICK vergrößern

Hier wohnen und wohnten Wohlhabende und Prominente, beispielweise die Schauspielerin Grethe Weiser, der Maler und Bildhauer Wolf Vostell, der Komponist Eduard Künneke, der Historiker Joseph Wulf. Und der Schauspieler Hubert von Meyerinck, nach dem der Platz am Scheitelpunkt beider Straßen benannt ist. Aber auch Büros und Praxen findet man in diesen Häusern. Doch Stiftungen wie die Rainer Werner Fassbinder Foundation, Ärzte, Anwälte und Galerien sind nicht die einzigen, die die großen Wohnungen für sich entdeckt haben.

Bordell-Ensemble Clausewitz-/Giesebrechtstraße
Zwei Bordelle haben zu unterschiedlichen Zeiten Schlagzeilen gemacht. In der Giesebrechtstraße 11 flankieren Lüster das Eingangsportal. Im "Salon Kitty" in diesem Haus gab es lüsternes Treiben. "Flirten, verführen und verpfeifen" war der Auftrag der Salondamen, die als Spitzen-Spioninnen von den Nazis ausgesucht und ausgebildet worden waren. Die Edelprostituierten im "Salon Kitty" forschten Politiker, Diplomaten und Militärs aus. Intelligent, mehrsprachig, nationalsozialistisch gesinnt und mannstoll mussten die Damen sein, dafür durchsuchte das Reichssicherheitshauptamt die Karteien der Sittenpolizei und wurde fündig. Im Nebenhaus wohnte Walter Schellenberg, der Geheimdienstchef, er leitete die Aktion. Die Ergebnisse des Abhörens und Ausforschens wurden nachrichtendienstlich ausgewertet, so wie es jeder Geheimdienst macht. Dazu gehörte, Betroffenen zu erpressen, damit sie selbst Zulieferer wurden.

In der West-Berliner Nachkriegszeit soll die "Pension Clausewitz" in der Clausewitzstraße 4 das teuerste Bordell West-Berlins gewesen sein. Nacheinander wurden zwei ihrer Inhaber wegen Kuppelei belangt, aber das Etablissement bestand weiter. Bei einer Durchsuchung wurden im privaten Telefonverzeichnis des letzten Betreibers drei Telefonnummern der Stasi entdeckt, das ließ auf landesverräterische Beziehungen schließen. Die Bild-Zeitung hängte sich dran und versuchte, diese Nachricht zu einem Stasi-Abhörfall hochzupuschen. Sie vermutete "in den Betten westliche Geheimnisträger, in den Nischen Ulbrichts Mikrophone, auf den Barhockern Mata Haris" (Spiegel), doch statt einer Abhöranlage wurde nur ein Anrufbeantworter gefunden. Ein Fake war auch die Nachricht, Pfarrer Heinrich Albertz und Ritterkreuzträger und Vizekanzler Erich Mende hätten zu den Bordellbesuchern gehört. Trotzdem war die Telefonnummern-Eintragung für das Gericht ein Beweis für Landesverrat, nach der Verurteilung war das Freudenhaus am Ende. Später zog für kurze Zeit die Umzugs-Königin Hilgedard Knef ("Ich brauch Tapetenwechsel, sprach die Birke") in die 300-Quadratmeter-Wohnung mit 10 Zimmern ein.

Stasi-Spionage hatte es in dem Bordell nicht gegeben, aber für einen Sensationsfilm war der Gedanke gut geeignet. Unter dem Titel "Haus der Erotik" wurde ein Sittenstück über ein dort "Pension Schölermann" genanntes Etablissement gedreht, jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen war "nicht beabsichtigt" und wurde auch nicht erreicht. Es entstand eine "banale Komödie mit plattem Dialog und Sexszenen zwischen einigen satirischen und burlesken Elementen“ (Filmlexikon).

Berlin-Marketing
"I love New York". Diese Stadtmarketing-Kampagne hat ins Schwarze getroffen, hat unzählige Nachahmer gefunden (mit und ohne Lizenz) und ist ein Selbstläufer, seit sie 1977 gestartet wurde. Der Designer, der das Herz mit den Buchstaben NY verbunden hat, glaubte nicht an einen Erfolg - er wollte kein Geld dafür haben. Inzwischen hat die Stadt Millionen damit verdient.

Im Wettbewerb der Städte soll das Branding die Stadt zur Marke machen, attraktiv für Außenstehende und attraktiv für die Bewohner. Ein Wettkampf um Talente, Investoren und Touristen, braucht Berlin das? Ist Berlin nicht schon eine Marke? An wen richten sich die Berlin-Kampagnen? Kennedys "Ich bin ein Berliner" war so eine nicht geplante unterschwellige Imagekampagne für Berlin, genau wie Wowereits Rechtfertigung "Wir sind arm aber sexy". Beide Sprüche haben mehr bewirkt als die 2008 gestartete Kampagne "Be Berlin - sei Berlin", die vor allem den Berliner gut zuredete, aber weder nach innen noch nach außen zündete. Vier Jahre vorher warb der Senat mit "Mir geht’s Berlin!" und zeigte eine züchtig angezogene Frau, die auf einem Hotelbett schwebte, nicht lag. Mit Berliner Bären in der einen und einem Brandenburger Tor in der anderen "denkt sie an Berlin", Kritiker sahen in der Darstellung eine Kreuzigungsszene oder einen ominösen Ritualmord. Die Kampagne war dann auch schnell zu Ende.

Jetzt lächelt uns eine Frau im halb geöffneten Morgenmantel von der Litfaßsäule entgegen, so als wären wir der Kontrolleur, der sie gerade fragt: Haben Sie einen gültigen Fahrschein? Das Plakat ist Teil der privaten Kampgane "Das B-kenntnis" einer Marketingagentur und richtet sich GEGEN diejenigen, die "die Seele Berlins kaputt machen". Sind damit die Fahrscheinkontrolleure gemeint? In einem Video auf Youtube (lT38A68g8pc) steht der alerte Sprecher der Kampagne vor einem "Lokal für betreutes Trinken", das er für "typisch Berlin" hält. Berlin werde "gerade bedroht", erzählt er uns, "von den vielen Investoren, von den vielen Neuberlinern". Hat er sich vor der Aufzeichnung schon im Lokal betreuen lassen? In einem anderen Beitrag richtet ein Teilnehmer seine "tiefe Liebe zu Berlin" drohend gegen die Schwaben und bekennt: "Mit 'Servus' gibts keinen Service". Auch für einen "Heimkehrservice" der Schwaben nach Biberach wird geworben.

"Die S-Bahn macht sich gemeinsam mit der Kampagne DAS B auf den Weg, Berlin zu retten. Berlin ist geil, entspannt und tolerant." Entspannt - das stimmt, sonst würden wir längst einen S-Bahn-Boykott wegen der unhaltbaren Zugausfälle und Verspätungen haben. Berlin retten? - Es tut den Berlinern gut, ihre Seele zu streicheln, aber die Stadt braucht niemanden, der sie 'rettet'. Auch wenn in einem anderen Video über die Toleranz der Berliner gesprochen wird, richtet sich diese Kampagne gegen alles "Fremde", es ist eine Anstiftung zum Unfrieden. Ein solcher Feldzug kann der Seele Berlins wirklich schaden.



Ein Grieche in der Leibnizstraße betreut zum Abschluss Hunger und Durst der Flaneure. Wie im Mai, als wir am Tempelhofer Damm beim Griechen draußen saßen, stört uns der Autoverkehr. Aber wenigstens sind wir vor den Regenschauern geschützt, die der Himmel immer wieder ausschüttete.

--------------------------------------------------------------
... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
--------------------------------------------------------------

--------------------------------------------------------------
... und hier sind weitere Bilder ...
--------------------------------------------------------------

--------------------------------------------------------------
Unsere Route:
--------------------------------------------------------------

zum Vergrößern ANKLICKEN



Die 4 Pferderennbahnen von Charlottenburg