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Expressive und funktionale Formen


Stadtteil: Steglitz-Zehlendorf
Bereich: Dahlem, Lichterfelde
Stadtplanaufruf: Berlin, Ehrenbergstraße
Datum: 31. Mai 2021
Bericht Nr.:737

Die Grenze zweier Bezirke an der Bebauung abzulesen, gelingt in Berlin nur in seltenen Fällen. Seit 2001 hat Berlin 12 Bezirke, teilweise mit Bindestrich-Namen. Als Groß-Berlin im Jahre 1920 gebildet wurde, waren es 20 Bezirke. Bis zur Wende war die Zahl auf 23 angestiegen. Bei den Dörfern und Siedlungen in den Außenbezirken ist manchmal noch die Abgrenzung im Stadtplan sichtbar, in der Innenstadt wie im Zooviertel hat sie ihre historische Begründung, die sich aber heute nicht mehr vermittelt. Bei der Teilung der Stadt durch die Mauer haben solche Grenzen zu grotesken Situationen geführt, wie beispielsweise den Trampelpfaden durch die Vorgärten im Kunger-Kiez oder dem Fußgängerpfad am Engelbecken.

Bei unserem Spaziergang südlich der Freien Universität ragt an der Altensteinstraße eine Spitze von Lichterfelde an Dahlem heran, ohne sich von der für Dahlem typischen Villenbebauung zu unterscheiden. Auch von der Zuständigkeit der Verwaltung gibt es keine Grenze mehr, seit Dahlem (Zehlendorf) und Lichterfelde (Steglitz) sich in dem gemeinsamen Bindestrich-Bezirk Steglitz-Zehlendorf zusammengefunden haben.

Mietvillen
Eine "Mietvilla" ist ein Bautypus, der von seiner äußeren Gestalt einer Villenkolonie angepasst ist, im Innern aber Mietwohnungen bietet, die meist schlichter ausgestattet sind. Oder es handelt sich um eine Villa, aus deren Wohnbereich eine weitere Wohnung mit eigenem Eingang abgetrennt worden ist. Meist weil die ursprüngliche Größe der Wohnung unwirtschaftlich geworden war oder ohne Dienstboten nicht mehr bewirtschaftet werden konnte.

Eine Mietvilla in der Ehrenbergstraße mit ihrer "bewegten Dachlandschaft" und den Rundbogenfenstern enthielt auf jeder Etage eine herrschaftliche Wohnung mit einer 40 Quadratmeter großen Wohndiele. Bauherr war der Inhaber einer gutgehenden Installationsfirma.

Ein Firmenschild aus früheren Zeiten am Zaunpfeiler verweist auf den deutsch-amerikanischen Verleger, der in der Nachkriegszeit Eigentümer des Hauses war. Ein Mann mit einem bewegten Leben: Der Berliner studierte im Nachkriegs-Deutschland Staatswissenschaften und Architektur (mit Abschluss?), wurde als Bauunternehmer reich in Amerika, gründete nach dem Mauerbau in Berlin einen Verlag mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen. In der Pacelliallee am Wilden Eber errichtete er in den 1970er Jahren sein einziges Bauprojekt, einen Rundbau, den er scherzhaft das "Produkt einer Fiebernacht" nannte. Mit einem zweckentfremdeten Atrium: Nicht zentraler Aufenthaltsraum, sondern offene Verkehrsfläche, über die die Bewohner ihre daran angrenzenden Wohnungen erreichen.

Eine weitere Mietvilla in der Habelschwerdter Allee hat der Architekt Robert Kleinau erbaut, dessen Villen mit verspielten Türmchen und Erkern wir von mehreren Zehlendorfer Rundgängen kennen. Hier hat er eine Schaufassade entworfen, die Solidität zeigen soll, wobei er "traditionelle und moderne zeitgenössische Einflüsse zu einem bizarren Konglomerat verband". Im Innern enthält das Haus je Etage zwei Mietwohnungen mit je viereinhalb Zimmern.

Architekt Wassili Luckhardt
Zwei ungewöhnliche Einfamilienhäuser begegnen uns auf dem Weg durch Dahlem/Lichterfelde, sie sind in den 1950er Jahren von berühmten Architekten gebaut worden. Der Zenit des Villenviertels war überschritten, sowohl die Demokratisierung der Gesellschaft als auch die Zeit des Wiederaufbaus prägten die Architektur der Nachkriegsjahre.

Hinter einem Drahtglaszaun an der Fabeckstraße kann man das Haus des Architekten Wassili Luckhardt erahnen, einen breit gelagerten Bungalow mit Flachdach und haushoch durchlaufenden Fensterflächen. Hinter einer Natursteinwand aus grob behauenen Steinen bietet eine Terrasse einen "landschaftlich weiträumigen Ausblick". Der transparente Bau ist ein doppeltes Künstlerhaus, auf der Rückseite hatte die Malerin Hedja Luckhardt-Freese - die Ehefrau des Architekten - eine Atelierwohnung.


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Architekten Fehling & Gogel
Unkonventionell ist auch das Einfamilienhaus, das die Architekten Hermann Fehling und Daniel Gogel zusammen mit Peter Pfankuch an der Kaiserswerther Straße für den Inhaber der Titania-Palast-Kinos erbaut haben. Es ist das erste von ihnen realisierte Einfamilienhaus und zugleich einer der ersten eingeschossigen Bungalows amerikanischer Prägung in Berlin. Auf dem verbliebenen Keller des ausgebombten Vorgängerbaus erhebt sich erhöht der Baukörper mit einer breiten Fensterfront. Der seitliche Anbau mit großen Natursteinquadern bildet einen starken Kontrast zum Wohnbereich, beide geben dem Haus seine "charakteristische Expressivität und Plastizität".

Die Architekten Fehling & Gogel haben in der Nachkriegszeit wissenschaftliche Einrichtungen wie das Hygiene-Institut am Hindenburgdamm (gegenüber dem Mäusebunker) erbaut. Auch die beiden in Schöneberg benachbarten Kirchen in der Dominicusstraße (St. Norbert) und Hauptstraße (Paul-Gerhardt-Kirche) mit plastischen Betonelementen sind Schöpfungen dieser Architekten, die "aufgrund ihres vielgestaltigen und expressiven Formenrepertoires einen Sonderfall der Architektur der Nachkriegsmoderne darstellen". Mit Attributen wie "funktional und expressiv" und "gebaute Landschaften" wurden ihre Werke gewürdigt.

Villa Deckert
Auf der Rückseite der Fabeckstraße steht eine Villa an der Liebensteinstraße, die die Fachdisziplin ihres akademischen Bauherrn nach außen spiegelt: Weltkugel und Sternenhimmel auf Ornamentfeldern der Fassade verweisen auf den Geografie-Professor Emil Deckert. In seiner Dissertation beschrieb er die "moderne Kulturentwickelung, in der die Länder und Völker der Erde einen ungeheuren Organismus bilden, dessen einzelne Glieder zu wechselseitiger Unterstützung und Ergänzung aufs engste ineinander greifen". Das erforschend, hielt er sich mehr als zehn Jahre in Nordamerika auf, wurde so zum besten Kenner dieses Erdteils unter den deutschen Geografen, veröffentlichte eine "prächtige Länderkunde" über Nordamerika.

Architekt Heinrich Straumer
Wie bei unseren früheren Dahlemer Erkundungen zeigen auch hier die Villen ein "Who is who" der Architekten jener Epoche. Beispielhaft wollen wir zwei Bauten von Heinrich Straumer betrachten, die an unserer heutigen Route liegen. Er hat - wie Hermann Muthesius - eine Vielzahl von Villen im Landhausstil erbaut, mehrere Wohnanlagen, Geschäftshäuser, aber auch öffentliche Bauten wie den Funkturm am Ausstellungsgelände und den U-Bahnhof Thielplatz - und diese Auflistung kann nicht vollständig sein. Das von der Alliierten Kommandantur genutzte Gebäude der Feuerversicherungen an der Kaiserswerther Straße liegt heute wieder an unserem Weg, wir hatten es bereits bei einem früheren Stadtspaziergang betrachtet und bewundert.

Der Insektenkunde war der Bau des Entomologischen Nationalmuseums an der Ehrenbergstraße Ecke Goßlerstraße gewidmet, den Straumer 1909 in der Nähe von anderen universitären Forschungseinrichtungen errichtete. Ein sachlicher Backsteinbau in "natürlicher Einfachheit" ohne Säulen und Pilaster, aber mit von Hand gestrichenen Ziegeln. Das große Volumen wird durch den abgeknickten Baukörper mit einem halbrunden Turm im stumpfen Winkel aufgelöst.


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Einen sachlichen Landhausbau schuf Heinrich Straumer auch in der Habelschwerdter Allee mit einer Backsteinfassade, die an "niederdeutsche und holländische Bauten" erinnert und dem heimischen Backsteinbau neue Impulse gab. Das Haus mit den drei spitzen Giebeln wurde sogar auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1914 präsentiert, Architektur verband sich hier mit Kunsthandwerk. Zur Straßenseite versteckt der Bau sich hinter hohen Bäumen, das Leben der Bewohner spielte sich auf der Rückseite des Hauses mit Terrasse und Garten ab. Durch große Fenster und den direkten Zugang wird die unmittelbare Beziehung zum Garten hergestellt, ein typisches Merkmal des damaligen Landhausbaus.

Mietwohnanlage Dahlem II
Als andere Bauherren noch Mietwohnhäuser mit einfachen Grundrissen und historisierender Fassade bauten, war der Beamtenwohnungsverein der Zeit voraus mit seinen Reformansätzen beim städtischen Mietshaus. Erich Köhn, Mitbegründer, Vorstandsmitglied und Architekt der Genossenschaft, hat in Dahlem auf einem weitläufigen Grundstück an der Rudeloffstraße eine Anzahl von Mehrfamilienwohnhäusern in offener Bauweise errichtet.

Mit ihrem landhausmäßigen Aussehen sind sie dem Dahlemer Umfeld angepasst. Zu den großzügigen Wohnungen bis zu 125 qm Wohnfläche gehören Bäder, Loggien, Kellerräume und Waschküchen. Jede Wohnung hat einen eigenen Mietergarten. Zeitgleich hat Köhn in Friedrichshain für die Genossenschaft den Helenenhof gebaut, bei dem die Wohnblocks in Blockrandbebauung um parkähnliche Innenhöfe gruppiert sind.


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Unter seinem Nachfolger Paul Mebes hat der Beamtenwohnungsverein eine Vielzahl weiterer Wohnanlagen erbaut, die zum Maßstab für modernes Bauen wurden.

Paulinum

Zwischen Altensteinallee und Ehrenbergstraße liegt der dreieckige Otto-Hahn-Platz. Dort nimmt der imposante Bau des Paulinums die gesamte Straßenfront des Reichensteiner Wegs ein. Die evangelische Innere Mission ließ hier 1907 eine "höhere Erziehungsanstalt für Jungen" errichten, die den Zöglingen nach Möglichkeit das christliche Elternhaus ersetzen und sie sittlich fördern sollte. Es war also kein Internat, sondern eine Anstalt, in der unversorgte Kinder (Sozialwaisen) "gerettet“ werden sollten, damit sie zu gläubigen Christen und damit zugleich zu treuen Untertanen des Staates wurden. Die Familienherkunft dieser Kinder: Sie waren Halbwaisen, Vollwaisen, Kinder von verschollenen Eltern, unehelich Geborene, Stiefkinder, Scheidungs- und Trennungskinder. In der heutigen Zeit verbindet sich mit Institutionen der Kindererziehung immer auch die Befürchtung von Übergriffen. Für eine trostlose Kindheit reichten aber schon Erziehungspraktiken wie Zucht und menschliche Härte, um zu Arbeit, Ordnung, Reinlichkeit, Keuschheit, Gehorsam, Bescheidenheit, Einfachheit, Bedürfnislosigkeit, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit zu erziehen.

Die Erziehungsanstalt wurde 1923 geschlossen, danach übernahm die evangelische "Innere Mission" mit ihrem Central-Ausschuß das Gebäude. 1973 zog die Evangelischen Fachhochschule Berlin dort ein, das Anwesen wurde zu einem Bildungsort für Soziale Berufe. Inzwischen stehen die Gebäude seit einer kleinen Ewigkeit leer. Rund zehn Jahre laufen die Planungen für "Oxford Living": In dem denkmalgeschützten Gebäude und in neu zu errichtenden Stadtvillen sollen 41 Luxuswohnungen entstehen, auch Tiefgaragen sind geplant. Es ist eine per Gesetz fehlgeleitete Entwicklung, wie sie schon seit Jahrzehnten zu beobachten ist: Wer in luxusmodernisierte ehemalige Baudenkmale einzieht, “fördert“ den Denkmalschutz und kann dadurch seine Steuerlast senken. Gemeinnützigkeit wird dabei nicht differenziert, auch die Eigennützigkeit gilt steuerlich als großherzige Geste gegenüber der Allgemeinheit.

Mit dem Flaniermahl am Ende eines Rundgangs tun wir uns noch schwer, wir sind wohl etwas aus der Übung gekommen. Wenigstens ersetzt uns der Vorgarten eines Italieners am U-Bahnhof Dahlem-Dorf das erhoffte Café, in dem wir vor dem Heimweg unsere Beine ausruhen können.
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Unsere Route:
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Lokomotiven-Fabrik in der Villenkolonie