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Lokomotiven-Fabrik in der Villenkolonie


Stadtteil: Zehlendorf
Bereich: Schlachtensee
Stadtplanaufruf: Berlin, Matterhornstraße
Datum: 7. April 2021
Bericht Nr.:731

Der Slatdorpweg führt als Fußweg vom Mexikoplatz an der S-Bahntrasse entlang zum Bahnhof Schlachtensee. Benannt ist er nach dem Dorf Slatdorp, das von Slawen gegründet wurde und um 1300 "wüst fiel", also keine Einwohner mehr hatte. Als die Bahn 1874 an ihrer Strecke nach Wannsee dort einen Haltepunkt im Wald anlegte, war dies der Beginn einer Neubesiedlung, die schließlich zur Villenkolonie Schlachtensee führte. Doch zunächst konkurrierte eine Lokomotiven-Fabrik mit der Villenbebauung. 1876 wurde die Maschinenfabrik Orenstein & Koppel in Schlachtensee gegründet, am Bahnhof Schlachtensee war ein Güterbahnhof eingerichtet worden. Direkt angrenzend an der Breisgauer Straße produzierte ab 1890 die Orenstein‘sche "Märkische-Lokomotiv-Fabrik" Loren und Feldbahnbedarf und verkaufte Lokomotiven.

In zwei Etappen kaufte die Terraingesellschaft "Heimstätten Aktien Gesellschaft (HAG)" die Ländereien zwischen Spanischer Allee und dem Bahngelände: 1894 das östlich der Breisgauer Straße gelegene Schlachtensee-Ost und 1898 Schlachtensee-West. Damit war der Startschuss für die Villenkolonie Schlachtensee war gefallen, die "Märkische-Lokomotiv-Fabrik" verlegte ihre Produktion nach Babelsberg. Das Fabrikgelände wurde zum Marktplatz, dem Zentrum von Schlachtensee. Der Güterbahnhof diente dem Befördern einzelner Sendungen im Stückgutverkehr, er wurde um 1970 geschlossen und 2009 an einen Investor verkauft. Auf dem ehemaligen Güterbahnhof und Fabrikgelände an der Breisgauer Straße sind Einkaufsmärkte entstanden, ein "Nahversorgungszentrum".

Matterhornstraße
Die Breisgauer Straße ist der "Boulevard" von Schlachtensee, die Matterhornstraße mit ihren zwei Kilometern die Hauptstraße des Villenviertels. Auf ihr sind wir heute vom Mexikoplatz zur Spanischen Allee unterwegs. Anfänglich war Schlachtensee ein Ausflugsziel der Berliner an der Grunewald-Seenkette, die sich in einer eiszeitlichen Rinne vom Halensee bis zum Wannsee erstreckt. Dann wurde es eine Vorortsiedlung des wohlhabenden Bürgertums, die von der Heimstätten AG angelegt und mit Musterhäusern bebaut wurde. Vorherrschende Architektur waren Fassaden mit Fachwerk und hölzernen Zierwerk, verkauft wurden oft schlüsselfertige Bauten.

Es waren verschiedene Architekten für die Heimstätten AG und die Bauherren tätig, zwei möchte ich hier besonders erwähnen: Robert Kleinau, dessen Villen mit Fachwerk und Türmen uns in der Matterhornstraße mehrfach begegnen. Von ihm heißt es, dass er die "Stilrepertoires der Zehlendorfer Landhausarchitekturen" beherrschte.


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In ganz Zehlendorf sind insgesamt vierzehn Wohnhäuser verzeichnet, die er als freier Architekt entworfen hat. Auch sein eigenes Haus steht in Zehlendorf, im Bezirk ist eine Straße nach ihm benannt.

Und Emilie Winkelmann, die 1908 in Berlin das erste weibliche Architekturbüro gründete, ohne ein Diplom zu haben. Architektur war (noch) Männersache, als Frau durfte sie kurz nach 1900 diesen Diplomstudiengang nicht studieren. So verkürzte sie ihren Vornamen um einen Buchstaben auf "Emil" und besuchte in Hannover die Vorlesungen. Am Eiderstedter Weg steht ein Holz(verkleidetes?)-Haus mit Spitzdach und seitlichem Giebel, das sie für einen Bankier erbaute.

Der Villencharakter ist durch Abrisse und Bausünden nachhaltig gestört worden. 2016 hat deshalb der Bezirk einen Bebauungsplan für Schlachtensee-West und Nikolassee aufgestellt, um "die Fehlentwicklungen aufzuhalten, die die Siedlungsstruktur beeinträchtigen". Das typische Ortsbild soll geschützt werden, weil "ohne Rücksicht auf die erhaltenswerten Strukturen des Gebiets in den letzten Jahrzehnten Abrisse, bauliche Veränderungen und Nutzungsänderungen vorgenommen wurden". Das beruht nicht nur auf einer "Unkenntnis der Zusammenhänge", wie der Bebauungsplan zurückhaltend formuliert, sondern auch auf schlichtem Profitstreben und fehlendem Verantwortungsbewusstsein.

Selbst die Evangelische Hilfswerksiedlung hat mit ihrem voluminösen spiegelnden Neubau an der Ecke Kirchblick jedes Stilempfinden vermissen lassen. Kaum zu überbieten ist die Ignoranz eines Investors, der eine Ecke weiter eine Gruppe von 5 unterschiedslosen Bauten mit 72 Wohnungen in ein Grundstück hereinklotzt und sich für sein "Neubauensemble Schlachtenseecarré" auf "herrschaftliche Palaisanlagen" beruft.

Bewohner
Mehrere bekannte Schauspieler/innen wohnten in Schlachtensee. Theo Lingen in der Matterhornstraße 2. Der begnadete Filmkomiker mit der näselnden Stimme war in zweihundert Filmen zu sehen. Er konnte auch ernste Rollen spielen, wie in Fritz Langs "M - eine Stadt sucht einen Mörder" und "Das Testament des Dr. Mabuse". - Nach Günter Pfitzmann, dem Kabarettisten ("Die Stachelschweine") und Berliner Volksschauspieler ("Praxis Bülowbogen") ist ein Platz an der Matterhornstraße benannt. Edith Hancke, für ihre Auftritte bei den „Insulanern“ und im Boulevardtheater bekannt und geliebt, wohnte in der Breisgauer Straße.

Pfarrer Heinrich Albertz übernahm mit 55 Jahren das Pfarramt in der Johanneskirche in Schlachtensee, danach engagierte er sich weiter in der Friedensbewegung. Der Platz an der Kirche ist nach Albertz benannt. Er hatte als Senkrechtstarter in der SPD begonnen, war nach Willy Brandt Regierender Bürgermeister von Berlin geworden. Nachdem er zunächst den Polizeieinsatz gerechtfertigt hatte, der beim Schahbesuch zum Tod des Studenten Benno Ohnesorg führte, trat er zurück und bedauerte seinen Fehler. Bei dem Gefangenenaustausch nach der Lorenz-Entführung stellte er sich als Geisel zur Verfügung.

Waldsängerpfad
In der NS-Zeit wohnte Admiral Wilhelm Canaris - Chef des Militärgeheimdienstes - am Waldsängerpfad, Reinhard Heydrich - Chef des Reichssicherheitshauptamts und Organisator des Holocaust - um die Ecke am Reifträgerweg. Heydrich verkehrte wie ein Familienmitglied im Hause Canaris und musizierte gemeinsam mit Canaris' Ehefrau Erika. Admiral Canaris war eine schillernde Persönlichkeit, zugleich Wegbereiter und Gegner Hitlers. Er war nationalsozialistischer Täter, unterstützte gleichzeitig Juden und Widerstandskämpfer und wurde nach dem Attentat auf Hitler 1944 gehängt. Heydrich starb 1942 bei einem Attentat in Prag.

Am Waldsängerpfad hatte Peter Behrens 1929 einen avantgardistischen Bau errichtet, einen weiße Baukubus, konsequent in der Formensprache des Neuen Bauens. In dem ansteigenden Gelände gelangte man von der Straße ebenerdig in eine Einliegerwohnung, während die obere Wohnung zum Garten führt. Die Innenausstattung entwarf der Bauhaus-Designer Marcel Breuer.


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Seit 1934 wohnte in diesem Haus die Familie des jüdischen Schauspielers, Regisseurs und Intendanten Fritz Wisten, die - selbst bedrängt - verfolgten Juden Zuflucht bot. Canaris hielt seine Hand über Wisten, verhinderte dessen Deportation in ein Konzentrationslager.

Krottnaurer Straße

In der Krottnaurerstraße 8 baute die Heimstätten AG 1899 eine Villa, die zum ersten Wohnsitz ihres Gründungsmitglieds und Direktors Hugo von Krottnaurer wurde, bevor er in die Villenkolonie Nikolassee umzog, die er mit gegründet hatte. Die Krottnaurerstraße wurde 1905 noch zu seinen Lebzeiten nach ihm benannt.

Die Villa war als Musterhaus der Terraingesellschaft erbaut worden, sie war ausgestattet mit "neun Zimmern, Diener- und Mädchenstube, Küche, Badezimmer, zwei Wasserklosetts, Stallgebäude mit Hühnervolière und Hundezwinger". Ein 24 Meter Turm erhebt sich über dem Pyramiddach, der Bau spielt mit Giebeln, Erker, Loggien, Fachwerk, Säulen und Überdachungen. Heute residiert dort der Botschafter von Kroatien.


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Alexander Hammesfahr hat 1902 in der Krottnaurer Straße 2 eine aufwendige Villa mit Turm und repräsentativer Freitreppe errichten lassen, zu der im Zeitalter der aufkommenden Motorisierung 1925 ein Chauffeurhaus hinzukam. Hammesfahr war Major a.D. und zwei Jahre lang Vorsitzender des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter. Seine Affinität zu den Brieftauben rührte vielleicht daher, dass sie für militärische Zwecke eingesetzt wurden, ein Denkmal für die "Heeres-Brieftauben" in Spandau erinnert an ihre Bedeutung für die Nachrichtenübermittlung im Kriege. Hammesfahr wird in der Denkmaldatenbank als Fabrikbesitzer bezeichnet, daher rührt offenbar sein Reichtum, mit dem er sich ein solches Bauprojekt leisten konnte.

Die Villa wurde 1974 abgerissen, um das Grundstück mit mehreren Neubauten maximal auszunutzen. Von dem Bauensemble ist nur das Chauffeur- und Garagenhaus erhalten geblieben, aber selbst dieses ist von außergewöhnlicher Gestalt. Über zwei Garageneinfahrten befindet sich ein Wohngeschoss. Zwischen Sprossenfenstern ist der Schornstein über Eck gestellt in die Fassade eingefügt, ein Walmdach bekrönt das Gebäude. In diesem Bauwerk mischen sich ländlichen Fachwerkstil und expressionistische Ausdrucksformen.

Kontrollkassenfabrikant Wilhelm Martin
Wohlhabend war auch der Kontrollkassenfabrikant Wilhelm Martin, der 1911 in der Matterhornstraße 94 seine Villa "Martins Klause" erbauen ließ. "Mehr Umsatz und Gewinn. Schutz gegen Nachlässigkeit" versprachen die patentierten Martin-Kassen, deren Geldschubladen mit einer seitlichen Kurbel geöffnet wurden und die offensichtlich über eine automatische Münzsortierung verfügten. Über einen kreisrunden Einwurf wurden die Münzen in die richtigen Fächer sortiert. Die Kassen hatten einen hölzernen Korpus, der komplett mit verziertem Metall beschlagen oder mit gold- oder silberfarbenen Applikationen geschmückt war.


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Die Fabrik befand sich 1908 in der Ritterstraße im Ritterhof, einem Gewerbehof mit mehrfarbigen Glasurklinkern und natürlich einem Ritter als Bauplastik an der Straßenfassade. In der Friedrichstraße ist ab 1912 eine Repräsentanz oder ein Büro der Kontrollkassenfabrik nachgewiesen. 1922 war aus dem Unternehmen eine GmbH geworden, sie produzierte in der Stralauer Straße.

"Villa Babelsberg"
Ein außergewöhnlicher Bau versteckt sich am westlichen Ende der Matterhornstraße hinter großen Bäumen. Doch wenn der Rundturm durchscheint über dem Söller und den Zinnen oder man in Google Earth aus der Vogelperspektive draufschaut, glaubt man sich zum Schloss Babelsberg versetzt, das von Karl Friedrich Schinkel begonnen und von Ludwig Persius vollendet wurde.


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Dieses "Castle" im gotischen Stil in der Matterhornstraße wurde für Ernst Leo gebaut. Offiziell heißt dieser "englische Landsitz im Kleinformat" Villa Leo, aber der Volksmund taufte ihn "Villa Babelsberg".
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