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Abgebrannte Windmühlen und eine Zündholzfabrik


Stadtteil: Prenzlauer Berg
Bereich: Zwischen den Bahnhöfen Eberswalder Straße und Prenzlauer Allee
Stadtplanaufruf: Berlin, Pappelallee
Datum: 2. November 2020
Bericht Nr.:716

Eine Notiz in der Denkmaldatenbank weckt unseren Entdeckergeist. Im Zusammenhang mit dem S-Bahnhof Prenzlauer Allee wird ohne nähere Hinweise ein "Mühlenstumpfrest" genannt. Wikipedia führt in seinen verdienstvollen Kulturdenkmallisten meist die einzelnen Bestandteile eines Ensembles auf und belegt sie mit Hinweisen und Fotos, doch hier findet sich hinter dem Mühlenstumpfrest nur ein Fragezeichen, das Feld für ein Foto bleibt leer. Ob wir Flaneure mehr entdecken?

Die Ringbahn fährt hier in einem Einschnitt unterhalb des Straßenniveaus. Im Bahnhofsbereich steht nördlich der Gleise in einem Abschnitt eine gemauerte Wand, während sonst die Böschung ohne bauliche Einfassung bleibt. Während ich ahnungslos weiter nach dem Teil eines Mühlengebäudes Ausschau halte, ist meine Frau - die heute zusammen mit mir flaniert - sicher, dass wir vor dem Mühlenstumpf stehen. Bestärkt wird diese Vermutung durch das nördlich angrenzende Grundstück Kanzowstraße 15, auf dem wir aus Quellenhinweisen die Mühle vermuten. Und - meine Flaneurin hat Recht.

Nördlich des Prenzlauer Tores wurden 1748 die ersten Windmühlen auf dem Windmühlenberg zwischen Saarbrücker und Metzer Straße angelegt, dieses Gelände nutzte danach die Bötzow-Brauerei. Als sich die Bebauung im Prenzlauer Berg ausdehnte, verschwanden die Mühlen nach und nach vom Windmühlenberg und wanderten weiter nördlich. Der Müller Johann Gottlieb Kleinau verlegte 1844 seine Windmühle vom Windmühlenberg zur Prenzlauer Allee nördlich der späteren Ringbahnstrecke, dorthin, wo heute noch die Umfassungsmauer steht. Bereits seit 1841 war auf der anderen Seite der Prenzlauer Allee die Adlermühle in Betrieb und eine weitere Bockwindmühle, die vom Windmühlenberg hierher versetzt wurde. Mehrmals sind Mühlen abgebrannt, wenn die Metallteile sich überhitzten. Als aber Kleinaus Mühle abbrannte, die er gerade vom Windmühlenberg entfernen wollte, vermutete man einen "warmen Abriss", doch nachweisen ließ sich das nicht.

Die Kleinaus sind eine alte Mühlenmeister- und Mühlenbauer-Familie. Der Urahn Jacob Kleinau der Ältere hatte 1568 seine erste Mühle in Betrieb genommen. Auch der Vater des Architekten Robert Kleinau, dessen Bauten wir in Zehlendorf gesehen haben, war Mühlenbaumeister. Nach Robert Kleinau ist eine Straße in Zehlendorf benannt.

Das neue Mühlengrundstück lag an der Prenzlauer Allee 164 (alte Zählung), wie der Stadtplan von 1910 ausweist, lief im spitzen Winkel auf das Bahngelände zu und endete dort im Böschungsbereich mit einer Umfassungsmauer. Die Kanzowstraße, zu der die Grundstücksfläche heute gehört, wurde erst später angelegt und 1911 benannt. Als die Ringbahn 1892 gebaut wurde, stand die Mühle mit der Umfassungsmauer schon Jahrzehnte an dieser Stelle, das Bahngelände wurde knirsch an die Mühlenmauer herangeführt.


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Nacheinander standen dort fünf verschiedene Mühlen. Die erste war wegen der Erdaufschüttung hinter der Umfassungsmauer eine "Keller"-Holländermühle. Sie brannte acht Jahre später ab wegen der "zu schnellen Bewegung des Werkes bei dem statthabenden Winde". Sie war schlicht heißgelaufen, da konnten auch vier Spritzen der Feuerwehr nichts mehr ausrichten. Die zweite Mühle stand neun Jahre, bis sie abbrannte, "angeblich hat der Blitz in die Mühle eingeschlagen". Die dritte Mühle war bereits nach zwei Jahren ein Opfer der Flammen geworden während eines heftigen Sturmes, die Brandursache konnte nicht ermittelt werden.

Jetzt hatte Kleinau den Typ der Mühle geändert, eine Turmwindmühle folgte, die - wen wundert es - nach fünf Jahren aus unbekannter Ursache gänzlich niederbrannte. Aus der letzten Mühle an diesem Standort schlugen nach vier Jahren die Flammen, "wohl weil das Lager der Welle durch Reibung sehr heiß geworden ist". Der ursprüngliche Besitzer Kleinau hatte sich zwei Jahre vorher zurückgezogen. Seine Nachfolgerin baute die nur teilweise zerstörte Mühle 1883 zu Wohnungen um. Das wirkt modern, aber die Leute wohnten armselig in kleinen Kammern.

Nachdem der letzte Bewohner buchstäblich verhungert war, übernahm eine Fabrik für bengalische Zündhölzer den "Hungerturm". Wie sollte es anders sein - Sie wissen es schon - 1904 brannte der Hungerturm aus. Als das Grundstück der neu angelegten Kanzowstraße zugeordnet wurde, verschwanden die restlichen Baulichkeiten aus der Mühlenzeit, nur der gemauerte Unterbau neben den Bahngleisen blieb erhalten.

Pappelallee
Würde Ihnen der Name einer Straße einfallen, der dreimal den Buchstaben "e" enthält, dreimal "l" und dreimal "p"? Das "a" kommt nur zweimal vor, aber dann sind wir komplett bei der Pappelallee. Eine Pappel gab es wohl nicht in der Straße, der Volksmund soll den Namen geprägt haben, aber das ist schon fast 200 Jahre her.

Sechs Richtungsfahrbahnen kommen unter der Hochbahn Eberswalder Straße zusammen, mehrere Straßenbahnen kreuzen. Die Pappelallee beginnt hier, auch sie ist eine verkehrsreiche Straße mit Tramverkehr, doch in ihren Innenhöfen herrscht oft eine kaum glaubliche Ruhe. Sowie man das Vorderhaus passiert hat, beginnt das Hinterhof-Flair. Man kommt in mehrere hintereinanderliegende Innenhöfe mit alten Remisen, Werkstatthäusern oder Fabriketagen, die von Dienstleistungsbetrieben nachgenutzt werden oder zu Wohnungen umgebaut wurden.

Mehrmals haben wir bei früheren Spaziergängen die Pappelallee berührt: Auf der westlichen Seite der Pappelallee beginnen die Bauten der Genossenschaft "Bremer Höhe", die sich bis ins Gleimviertel erstrecken. Auf der Pappelallee gegenüber liegt der Friedhofspark Pappelallee. Die ehemalige Feierhalle des Friedhofs wird heute vom Ballhaus Ost bespielt.

Hutfabrik
Das Doppelgrundstück Pappelallee 3-4 hatte Kurt Berndt, den wir als Bauherrn vieler Industriehöfe wie der Hackeschen Höfe kennen, 1886 für eine Hutfabrik bebaut. Im Hof entstanden ein Fabrikhaus, ein Kesselhaus mit Schornstein und ein Pferdestall. Die Kaufleute Aloses Silber und Ephraim Brandt gründeten die Hutfabrik Silber & Brandt und erwarben 1896 das Doppelgrundstück mit der Fabrik, die dann mehr als 30 Jahre lang existierte. Bis auf den Pferdestall haben die Bauten die Zeiten überdauert, auch der Schornstein, der die übrigen Bauten leicht überragt.

Heute bietet sich ein vielfältiges Bild von alten Backsteinbauten und neuen Putzbauten. Erstaunlich, was bei der Nachnutzung im Doppelgrundstück alles untergebracht worden sein soll: 41 Loftwohnungen in ehemaligen Werkstatthäusern, 6 Dachgeschoßausbauten, 4 Gewerbeeinheiten, ein Atelier in einer Remise und weitere 24 Eigentumswohnungen.

Wäschereibetriebe
Mindestens zwei Wäschereibetriebe gab es in der Pappelallee. "Wilhelm Müller's Wäschehof" steht verblichen an der Front des Vorderhauses Nr.33. Das 1888 erbaute Haus ist ein typisches Objekt von Bauhandwerkern, die sich damals in Baugewerkschulen Fähigkeiten wie Architekten aneignen konnten und dann Mietshäuser - oft mit spekulativer Absicht - für eigene Rechnung gebaut haben ("Schlag recht viel Miete raus"). Beim Haus Pappelallee 33 ist ein Zimmermannsmeister der Bauherr, ein weiterer Zimmermannsmeister und ein Maurermeister sind die Ausführenden. Der Wäschereibetrieb arbeitete im Hof, wie der Name "Wäschehof" schon sagt.

Sehr viel größer ist die Wäschereifabrik auf dem Doppelgrundstück Pappelallee 78-79: Das Vorderhaus hat neun Fensterachsen und einen mächtigen Segmentgiebel mit einer Rundung, die drei Fensterachsen überspannt. Ein Innenhof mit Fabriketagen über sechs Geschosse schließt sich an. Weiß glasierte Fliesen sind die typischen Fassadenelemente von Gewerbehöfen. Der zweite Innenhof grenzt rückwärtig an Bauten in der Schönhauser Allee an.


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Der plastische Schmuck an der Fassade des Vorderhauses zeigt mehrere Frauenköpfe und Putten, die sich als Zweiergruppen mit schmutziger und sauberer Wäsche beschäftigen. Der Architekt dieses Gebäudekomplexes Georg Jacobowitz hat Bauten wie das Haus Lessing in Moabit errichtet. Zusammen mit Hans Scharoun realisierte er zwei Junggesellenhäuser.

St. Josefsheim
An der Pappelallee 60-61 wartet das St. Josefsheim auf eine ungewisse Zukunft. Noch ist nicht klar, ob die Caritas als Eigentümerin des Gebäudes sich der mildtätigen Haltung der Heimgründerin verpflichtet fühlt oder dem "großen baulichen Entwicklungspotenzial" des Grundstücks erliegt. Das Josefsheim wurde 1891 von Maria Tauscher gegründet, einer Frau mit erstaunlicher Biografie: Aufgewachsen als Tochter eines protestantischen Pfarrers und Superintendenten, konvertierte sie mit 33 Jahren zum katholischen Glauben, überwarf sich mit ihrem Elternhaus, arbeitete als Putzhilfe im Kloster und gründete schließlich ein "Heim für Heimatlose", das in der Pappelallee 61 hilfsbedürftige und arme Kinder aufnahm - das St.Josefsheim.

Heimatlos war sie selbst lange Zeit gewesen, bis sie mit der Gründung der Ordensgemeinschaft "Karmelitinnen vom Göttlichen Herzen Jesu" und der Einrichtung von St.Josefsheimen in vielen Ländern Europas und in Nordamerika ihre innere Heimat gefunden hatte. Siebzig Jahre nach ihrem Tod wurde sie seliggesprochen.

Das St. Josefsheim wurde im Laufe seines Bestehens als Damenstift und als Not- und Flüchtlingsunterkunft im Zweiten Weltkrieg genutzt, zuletzt ein Seniorenheim der Caritas-Altenpflege. Bis dann vor einem Jahr die 66 Bewohner ausquartiert wurden, das Heim schloss "aus Brandschutzgründen". Weder das bezirkliche Bauamt noch die Feuerwehr wussten von Brandschutzproblemen. Aber ein Jahr vorher hatte die Caritas eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, um das "große baulichen Entwicklungspotenzial" des Grundstücks zu erforschen, das bis zur Greifenhagener Straße durchgeht. Vermutlich sollen Wohnungen gebaut werden, ein Beirat hat auch den Abriss und Neubau des Haupthauses erwogen, sieht aber auch, dass der "Denkmalschutz in Pankow sehr streng ist".

Mittags ist unser Rundgang beendet, doch nicht einmal in einem Café können wir für ein kleines Flaniermahl Platz nehmen. Die verschärften Beschränkungen in Corona-Zeiten lassen nur zu, etwas zu kaufen, und zu Hause einen Kaffee oder Tee aufzubrühen. Unsere Freude über die heutigen Entdeckungen kann das nicht trüben.


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Unsere Route:
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Mystik, Erhabenheit, ungeheuerliche Klangentfalung