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Ziviler Ungehorsam - und die Stadt blüht


Stadtteil: Mitte
Bereich: Invalidenstraße, Bernauer Straße
Stadtplanaufruf: Berlin, Swinemünder Straße
Datum: 11. August 2014
Bericht Nr: 474

Vor mehr als 30 Jahren begann Osman Kalin, ein Migrant aus Anatolien, im politischen Niemandsland vor der Mauer Zwiebeln, Kohl und anderes Gemüse anzupflanzen und eine Gartenlaube zu zimmern (1). Niemand brauchte das Gelände am Bethaniendamm, es lag brach. Was lag näher, als den vergessenen Stadtzipfel, den er von seiner Wohnung aus sah, zum Pflanzen und Ernten zu nutzen. Für den Londoner "Guardian" war Osman Kalin Deutschlands erster Guerilla-Gärtner, nur dass es damals diesen Begriff noch nicht gab. Es war illegal, ein kleiner Aufstand, ein bisschen Untergrundkampf, aber Osman Kalin hatte Erfolg. Inzwischen ist er international bekannt, eine touristische Attraktion. Sein "Zwiebel-Mekka" wurde legalisiert, sogar einen eigenen Brunnen durfte er bohren, um seine Pflanzen zu wässern.

Die Idee, der um sich greifenden steinernen Stadt privates Grün entgegen zu setzen, kam - wie sollte es anders ein - aus New York. In den 1970er Jahren bildete sich um eine Künstlerin eine Gruppe von "Green Guerillas", die Abrissgrundstücke, Brachen, vermüllte Baugelände und Parkplätze voller Autowracks begrünte. Sie warfen "Seed Grenades" (Samenbomben) auf diese Flächen, und wenn die Blüten zu sprießen begannen, dann lohnte sich die Bepflanzung des Geländes. Die Samenbomben bestanden aus Christbaumkugeln, in die durch einen kleinen Trichter Dünger, Torfgranulat und ein paar Pflanzensamen gefüllt und mit Zellstoff verschlossen wurde. Ein japanischer Bauer hatte nach dem Zweiten Weltkrieg das "Natural Farming" entwickelt, die Erde kultiviert sich auf natürliche Weise selbst, wenn man sie nur lässt, nicht düngt, pflügt oder "Unkraut" beseitigt ("Nichts-tun-Landwirtschaft") (2). Nur die richtigen Pflanzen müssen durch Beobachtung herausgefunden werden. Mitten in Manhattan verwandelten die Green Guerillas schließlich eine riesige Brache in den ersten Gemeinschaftsgarten New Yorks, und bereits 1975 gab es die erste New Yorker Konferenz zur Gemeinschaftsbegrünung von Freiflächen zusammen mit Biologen des NY Botanical Gardens.

Der nächste Schub für das "Urban Gardening" kam dann in England. Vor 10 Jahren pflanzte Richard Reynolds - der "Robin Hood der Blumenbeete" - vor seinem Wohnhaus im Londoner Süden Tulpen, Stiefmütterchen und Lilien, weil er das verkümmerte Blumenbeet nicht mehr ertragen konnte. Fast wäre er deshalb verhaftet worden, doch heute ist sein Gardening legal, er wird dafür sogar von der Gemeinde bezahlt. Die repressive Reaktion auf seine harmlose Verschönerungsaktion hat ihn politisiert. Er veröffentlichte ein "Botanisches Manifest" mit Begriffen aus der Guerillasprache wie Botanische Brigaden, Pflanzen als Waffenarsenal, Anschlagsziele.

Richard Reynolds ist der Guru der "Wilderer in vergessenen Gärten", die ungefragt öffentliche Flächen kultivieren, nackte Baumscheiben und verwilderte Baubrachen bepflanzen, Blumen säen und Kohlköpfe ernten. Adidas hat in einem Werbevideo für seine Produktlinie "grüne Schuhe" das Guerilla Gardening als Aufhänger verwendet, der Weg des einst illegalen Gärtnerns zum Mainstream ist dann wohl nicht mehr weit. Auch bei uns ist das spontane Gärtnern auf öffentlichen Flächen zu einer Bewegung geworden, der sich immer mehr Menschen anschließen. Jeder kann Guerilla-Gärtner werden, und wer ganz hilflos ist, findet im Internet eine Anleitung: "So geht’s: Suche dir ein verwaistes Plätzchen, Plane deine Pflanzaktion, Überlege dir was du sonst noch benötigst". Es soll inzwischen auch Kaugummi-Automaten geben, aus denen man Saatgut-Kapseln ziehen kann.

Unsere größte Berliner Brache, das Tempelhofer Feld, wird längst als Experimentierfeld für Stadtteilgärten und grüne Klassenzimmer genutzt. Das "Allmende-Kontor" (3) hat selbst einen Gemeinschaftsgarten auf dem Tempelhofer Feld initiiert, wo inzwischen 900 Freizeitgärtner/innen tätig sind. Gleichzeitig vernetzt Allmende viele Initiativen zu urbanen Gemeinschaftsgärten und hilft, die Stadt zu beackern, denn: "Urbane Gemeinschaftsgärten sind ein fruchtbares und funktionierendes Gegenargument zur zunehmenden Privatisierung des öffentlichen Raumes. Sie schaffen und bewahren Werte für die Stadt, die monetär schwer zu messen sind".

Dass auch die Schrebergärten einmal als Guerilla Gardens angefangen haben, wird man kaum glauben, schließlich ist heute alles rings um die Kleingärten durch Gesetz geregelt und durch Gerichtsurteile zementiert. Man ist Zwangsmitglied in Kleingärtnervereinen, zahlt Pacht, ist verpflichtet, den eigenen Kleingarten zu bewirtschaften. Der Arzt und Pädagoge Dr. Daniel Gottlob Schreber war schon tot, als sein Schwiegersohn Dr. Hauschild - ein Schuldirektor - sich für kindgerechte Spiel- und Turnplätze einsetzte und hierfür 1864 einen "Schreberplatz" anlegte. Dort gab es auch einen Garten, um Kinder an das Gärtnern heranzuführen. Doch die "Kinderbeete" verwahrlosten, die Kids hatten kein Interesse daran. Irgendwann eigneten sich die Eltern den Garten an und übernahmen das Gärtnern in eigener Regie. Sie waren zwar nicht die Zielgruppe, aber eine Bewegung von Gartenfreunden entstand daraus, der Schrebergarten war geboren.

Auf unserem heutigen Stadtspaziergang besuchen wir drei urbane Gärten in Mitte, die auf ganz unterschiedliche Weise zustande gekommen sind. Unser erstes Ziel ist in der Invalidenstraße der "Zaubergarten" im Innenhof des Agrar- und Gartenbauinstituts der Humboldt-Uni. Das Institut gehört zur neu gegründeten "Lebenswissenschaftlichen Fakultät" - was für ein anspruchsvoller Name! - in der Biologen und Psychologen zusammen arbeiten. Studenten haben diesen Guerilla-Garten angelegt, hier können sie gärtnern, entspannen und Kaffee trinken. Trotz der pflegearmen Semesterferien ist der kleine Park grün, aber ein bisschen Gärtnern wird nötig sein, wenn das Wintersemester beginnt. Der Park ist eine Idylle in einer Ecke des Innenhofs, die im Moment mit Baucontainern zugestellt ist und uns deshalb fast verborgen blieb.

An der Invaliden- Ecke Ackerstraße haben Architekten ein mit Büschen und Bäumen verwildertes Baugrundstück vorübergehend in einen urbanen Garten ("liitle wood") verwandelt. Das ist ein ungewöhnliches Experiment, eine freundliche Geste gegenüber den Nachbarn, gleichzeitig aber auch eine geschickte Marketingaktion. Es ist kein Ort des eigenen Gärtnerns, sondern des Vorzeigens, Beobachtens, Verweilens, Genießens. Es gibt Veranstaltungen, Konzerte, ein Solarkiosk sorgt für Getränke, man kann gefüllte Picknick-Körbe kaufen. Ein Pfad mit Hochbeeten soll die Sinne ansprechen, die Entwicklungsphasen des Gartenbaus werden thematisiert ("Zeitenwandel"), am gedeckten Tisch findet man Gemüse aus dem Urban Gardening. Studenten der Humboldt Universität haben die Garteninstallationen geschaffen.

Gegenüber der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße ist im Hof eines Neubaublocks der Degewo ein Mietergarten entstanden. In dem 60 Meter langen, weitgehend versiegelten Innenhof wirkt dieser vielfältig bepflanzte Gartenteil etwas verloren. Ein Schild verkündet immer noch "Hier wächst ab 2011 ein Mietergarten“, obwohl hier erkennbar mit viel Zuwendung schon gewachsen ist und nicht erst wachsen wird. Wie immer beim Urban Gardening sind es viele Menschen, die zusammenwirken, damit ein Garten entsteht und dann auch tatsächlich gepflegt und weiter entwickelt wird, ein echter Partizipationsvorgang. Hier im Wedding waren es die Mieter, ein Lerncafé, eine Kita, das Quartiersmanagement, andere Projekte und die Baugesellschaft, die etwas organisches Leben in den sterilen Innenhof gebracht und andere zum Nachmachen angeregt haben.

Auf unserem "Gartenpfad" sind wir natürlich nicht achtlos an anderen interessanten Dingen vorbei gegangen. Das Institutsgebäude in der Invalidenstraße 42 - früher Landwirtschaftliche Hochschule - bildet eine bauliche Gesamtheit mit dem Naturkundemuseum und der Bergakademie, alle in den 1870er Jahren erbaut auf dem Gelände der ehemaligen Königlichen Eisengießerei (4). Der Figurenschmuck an der Fassade im Innenhof der Institutsgebäude weist darauf hin, dass hier auch die Tierphysiologen geforscht und studiert haben. Aber auch ein erheblicher Reparaturstau ist sichtbar, selbst Einschusslöcher aus dem Krieg sind hier noch zu finden. Interessant ist die Methode, den kriegszerstörten Teil einer Backsteinfassade in ihrer ursprünglichen Form, aber in grauem Beton nachzubilden. Damit wird das Gebäude wieder funktionsfähig gemacht, gleichzeitig ist der Bruch zwischen Altsubstanz und Wiederherstellung deutlich sichtbar und fühlbar (5).

Und natürlich sehen wir heute überall grün. Der Park an der Invalidenstraße gegenüber dem Nordbahnhof wird neu gestaltet, der Wasserspielplatz ist vor wenigen Wochen in Betrieb gegangen und wird begeistert angenommen - er ist gelungen. Ein Stück weiter östlich wird die Invalidenstraße von der Randbepflanzung eines Sportplatzes regelrecht überwuchert. Am Pappelplatz steht der "Dukatenzähler"-Brunnen in einem grünen Kissen voller Blumen, umgeben von Pappeln. An der Elisabethstraße hängt üppig wuchernder Knöterich an einer Hausfassade herunter. Die Mauergedenkstätte ist nicht nur ein eindrucksvolles Mahnmal, sondern auch eine innerstädtische Grünfläche. Der Mittelstreifen der Swinemünder Straße ist selbst schon ein kleiner Park und geht dann in den Vinetaplatz über. Und schließlich der Mauerpark, hier geht unsere grüne Phase für heute zu Ende.

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(1) Osman Kalin: Osman Kalins Garten
(2) Am Wriezener Bahnhof versucht man sich in Nichts-tun-Landwirtschaft: Nichts-tun-Landwirtschaft
(3) Almende ist ein mittelalterlicher Begriff für Gemeindeflur, Gemeinschaftsbesitz
(4) Königliche Eisengießerei: Sachbearbeiter in Käfighaltung
(5) Architektur kann man nicht nur sehen: Architektur kann man fühlen

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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Hosenbandorden auf dem Hinterhof
Schiffbau am Schiffbauerdamm