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Daran wollen wir gemessen werden


Stadtteil: Marzahn-Hellersdorf
Bereich: Gut Hellersdorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Alt-Hellersdorf
Datum: 24. Februar 2021
Bericht Nr.:726

Im Mittelalter schickte Kaiser Karl IV. markgräfliche Schreiber - unterstützt von Landreitern - in die Dörfer und Städte der von ihm beherrschten Mark Brandenburg. Sie sollten mit Fragebogen die dörflichen und städtischen Strukturen ermitteln und über Einwohner, Gutsherren, Flächen, Kirche, Handwerk, Verwaltung, Wirtschaft berichten. Eine in seinem Land einmalige statistische Erhebung, deren Ergebnis das "Landbuch" ist, ein facettenreiches Panorama der spätmittelalterlichen Mark Brandenburg. Eine kartografische Umsetzung durch die FU Berlin machte die "vollständige Kulturlandschaft Berlin-Brandenburgs mit ihren Siedlungen und Straßen sichtbar, wie sie 1375 existierten". Bei vielen Dörfern beginnt die Geschichtsschreibung mit diesem Zeitpunkt.

Hellersdorf ("Helwichstorf") wurde im Landbuch eine "wüste Feldmark" genannt, also ein Dorf ohne Einwohner, jedenfalls zum Zeitpunkt der Erhebung. Auf lateinisch wurde dann beschrieben "sunt XXV mansi, Cossati sunt IX", also dass das Dorf 25 Hufen groß war und eine Kapazität von 9 Kossäten (Bauern) hatte. Auch eine "taberna" (Wirtshaus) wurde aufgeführt. Erst 1828 wird Hellersdorf zum Rittergut mit Adligen wie von Schulenburg, von der Hagen, von Goldbeck und von Arnim als Gutsherren.


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Rieselfelder
Bevor die Stadt eine Kanalisation bekam, traten die Berliner buchstäblich in die Jauche, wenn sie das Haus verließen. Alle Abwässer flossen oberirdisch über die Bürgersteige und Rinnsteine durch die Berliner Straßen, es stank zum Himmel. Und das, obwohl der Große Kurfürst schon 1660 durch eine Brunnen- und Gassenordnung für die Sauberhaltung der Straßen sorgen wollte. Die gesundheitlichen Gefahren wurden erkannt, als 1832 eine Cholera-Epidemie in der Stadt ausbrach. Durch "Allerhöchste Cabinetsordre" von Friedrich Wilhelm III. wurden Sanitäts-Commissionen als "vorbereitende Anstalten für den besorglichen Fall des Eintritts dieser Krankheit" geschaffen, die Vorgänger der heutigen Gesundheitsämter. Die Abwässer müssen aus der Stadt verschwinden, um die Seuchengefahr zu bannen, hatte Rudolf Virchow gefordert. James Hobrecht, der auch den Bebauungsplan für die Straßenverläufe von Berlin und Umgebung aufgestellt hat, entwarf 1869 den Gesamtplan für die Berliner Kanalisation. 12 Pumpwerke brachten in einem "Radialsystem" die in unterirdischen Kanälen gesammelten Abwässer auf Rieselfelder außerhalb der Stadt.

Hatte die Stadt einfach ihr Problem ins Umland verlagert, indem sie Rittergüter aufkaufte und die Jauche dort entsorgte? Das wäre zu kurz gedacht, Hobrecht verband damit die Idee, die organischen Abwässer wirtschaftlich zu verwerten, indem Ackerflächen damit berieselt werden. Und tatsächlich waren die Ernteerträge dort höher als bei konventioneller Landwirtschaft, nur hatten die Rieselfelder eine markanten "Duftnote".

Die Stadt hatte im Umland 20 Rieselfelder angelegt und dazu Rittergüter aufgekauft wie in Hellersdorf 1885 das des Rittergutsbesitzers von Arnim. So wurde Hellersdorf zum "Rieselgut". Über eine 13 km lange Druckrohrleitung wurde vom Pumpwerk XII an der Rudolfstraße die Abwässer nach Hellersdorf gepumpt. Dort war die Rieselfläche in Teilflächen aufgeteilt, geglättet und mit Dämmen umgeben worden. Wege wurden angelegt, Entwässerungsgräben und Absetzbecken übernahmen die Reinigung und Verteilung der Abwässer. Eine Drainage erhöhte die Aufnahmefähigkeit des Bodens. Die Druckrohrleitung mit großem Durchmesser endete in Auslasschiebern und einem 8 Meter hohem, offenen Standrohr, an dessen Spitze ein nachts beleuchteter Schwimmer den Wasserdruck anzeigte.

Auf den Rieselfeldern arbeiteten staatliche Rieselwärter, die von Rieselmeistern überwacht wurden, eine preußische Verwaltungsstruktur. Landarbeiterfamilien bestellten die Felder. Bereits in den 1930er Jahren begannen Klärwerke die Rieselfelder zu ersetzen, zunehmend wurde der Anteil industrieller Abwässer zum Problem. In Hellersdorf übernahm das 1968 eingerichtete Klärwerk Falkenberg die Funktion der Rieselfelder.

Neubaugebiet Hellersdorf
Hellersdorf gehörte mal zu Lichtenberg, mal zu Marzahn, bis es 1986 mit dem Bau einer Großwohnsiedlung ein selbstständiger Stadtbezirk wurde. Die Bezirksreform von 2001 legte es wieder mit Marzahn zu einem einheitlichen Bezirk zusammen. Mit der 1986 beschlossenen "Komplex-territoriale Aufgabenstellung für den Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf" wurde der Bau der Großsiedlung Hellersdorf auf den Weg gebracht. Es entstanden in Plattenbauweise das Stadtteilzentrum "Helle Mitte" (Stendaler Straße, Hellersdorfer Straße) und weitere Wohngebiete wie Cottbusser Platz, Zossener Straße, Alte Hellersdorfer Straße. In den 5.500 Wohneinheiten der "Hellen Mitte" leben heute rd. 10.000 Menschen. Ein Quartiersmanagements bemüht sich, den Stadtteil zu stärken, neue Kräfte zu wecken und Negativtrends aufzuhalten, denn die soziale Situation ist durch eine hohe Arbeitslosigkeit und ein geringes Einkommen vieler Familien geprägt.

Als die Wende kam, war die Bebauung von Hellersdorf noch nicht abgeschlossen. Eine neue Bauphase hat aktuell rund um den Gutshof Hellersdorf begonnen. Über sieben Baufeldern drehen sich Kräne, Erde wird bewegt und Schutt beseitigt, die Gesobau will 1.500 neue Wohnungen schaffen. Straßen sind aufgerissen, erstmalig wird für das Gut und seine Umgebung eine Kanalisation angelegt. Wenn man nicht aufpasst, kann man schon mal mit einem Schuh im Schlamm versinken - Berufsrisiko eines Flaneurs.


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Museumswohnung Hellersdorf
In einem Plattenbau in Hellersdorf kann man heute eine 3-Zimmer-Wohnung besichtigen, die genauso aussieht wie 1987, das DDR-Flair wurde originalgetreu hergerichtet. Vom Fernseher über die Heizkörper und Lampen hin zu Salzstreuer und Schrankwand, auch Mobiliar, Geräte, Bilder und Bücher laden zu einer Reise in die Vergangenheit ein.

Gutshof Hellersdorf
Die Beschreibung "wüste Feldmark" aus dem Landbuch Karls IV. wird wohl noch eine Weile am Gut Hellersdorf kleben bleiben. Als wir es 2011 das erste Mal besuchten, fanden wir es auch wüst im Sinne von verwahrlost. Wenige Gebäude wurden genutzt, ein Pokerclub und zwei Rechtsanwälte residierten im Gutshaus, das Gut war von einer Brache umgeben. Aber die Dinge ändern sich schnell in Berlin, auch in den ehemaligen Dörfern am äußersten Ende der Stadt, dachten wir. Und so haben wir Hellersdorf ein weiteres Mal als Flanierziel gewählt, in der Erwartung, die Gebäude herausgeputzt und mit neuem Leben versehen vorzufinden. Eine tiefe Enttäuschung, so schnell ist Berlin manchmal doch wieder nicht.

Um die geräumige Anlage des Wirtschaftshofes gruppieren sich Ställe, Scheunen und Remisen, die um 1900 im Zusammenhang mit der Nutzung als städtisches Rieselgut erbaut wurden. Fast alle Gebäude im Innern des Gutshofs sind mit Holztafeln vernagelt. Das angrenzende Baufeld zäunt sogar einzelne Wirtschaftsgebäude des Gutshof ein. An der Lehmscheune liegt flächenweise der Lehm offen, die Feldstein- und Ziegelflächen des Gutshauses sind noch unter grauem Putz verborgen. Nur die Backsteinfassade des Rinderstalls zeigt ihre zeitlose Schönheit mit den Ornamentstreifen aus x-förmig verlegten Ziegeln. An der Alten Hellersdorfer Straße sind gerade die Landarbeiterhäuser und die Schule hergerichtet worden. Die roten Backsteinfassaden mit gelben Gesimsbändern haben die Zeitläufte ohnehin unbeschädigt überdauert, wie der Vergleich mit unseren Fotos 2011 zeigt.

Liberty-Park
Die Skate-Anlage im Liberty-Park neben dem Gutshof war schon 2011 ein Hingucker mit den tollkühnen fliegenden Kids, wenn sich die Rollen oder Räder unter ihren Füßen bei Sprüngen und Drehungen vom Boden abgehoben hatten und einen Augenblick der Schwerelosigkeit einfingen. Die Anlage war in Eigenregie der Nutzer gebaut worden und ist nicht nur für die Nachbarschaft, sondern für die gesamte Skate- und BMX-Szene Berlins bedeutend. Ein Lärmkonflikt bahnt sich an, wenn hier neue Wohnblocks entstanden sind. Die Verlagerung auf einen Ersatzstandort in der Nähe wird von den Planern gemeinsam mit den Nutzern vorbereitet.

Das rote Haus 21. April 1945
An der Landsberger Allee gegenüber dem Straßenbahn-Betriebshof Marzahn ist eine Gedenkstätte "21. April 1945" eingerichtet worden. Irgendwo an der östlichen Stadtgrenze müssen die Sowjettruppen zum Ende des Zweiten Weltkriegs nach Berlin einmarschiert sein. Für das Hissen der Flagge hatten sie wahrscheinlich keine Zeit, auch am Reichstag wurde die Szene für den Fotografen später nachgestellt. Um nachträglich einen symbolischen Ort für den ersten Schritt in die Hauptstadt des Kriegsgegners zu finden, bot sich an der Landsberger Allee ein älteres Haus an, das beim Bau der Großsiedlung Marzahn stehen geblieben war. Im Jahr 1980 wurde es rot angestrichen und mit Inschriften in kyrillischen Buchstaben versehen für „Sieg“ und „Nach Berlin“ mit dem historischen Datum 21. April 1945 sowie dem Text, dass hier "Sowjetsoldaten die rote Fahne des Sieges hissten".

Sartre Oberschule
"Der Mensch ist, was er aus sich macht (Jean-Paul Sartre).
Dabei helfen wir unseren Schülern.
Daran wollen wir gemessen werden".

Die Sartre Oberschule hat sich ein hohes Ziel gesetzt, das sie tatsächlich auch lebt. Bei einer Schulinspektion wurde 2013 die "deutliche Lob- und Wertschätzungskultur" hervorgehoben, es herrsche ein "harmonisches und lernförderliches Schulklima mit vielfältigen Angeboten zur ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler". Auch die "Individualisierung des Unterrichts" und die "differenzierte Leistungseinschätzung" werden betont, offensichtlich ein leuchtendes Beispiel in der Berliner Schullandschaft, die von mancher Misere gekennzeichnet ist.

Begünstigt wird die gute Atmosphäre durch einen ungewöhnlichen Bau. Kern des Gebäudes ist eine glasüberdachte Schulstraße, ein lichtdurchflutetes urbanes Zentrum, das zu den Kursräumen, Hörsälen, speziell ausgestatteten Kunst- und Musikräumen, Lehrerzimmern, Büros und zur Cafeteria, Aula und Bibliothek führt. Keine digitale Unterversorgung wie in zu vielen Schulen, das Sartre-Gymnasium hat drei Computerkabinette. In das Netzwerk kann man sich von jedem Raum der Schule aus einloggen.

Gebaut und konzipiert wurde das bereits 2001, der britisch-katalonische Architekt David Mackay ("Ein Leben in Städten: Eine architektonische Autobiographie") hat auch die Bauten für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona geschaffen. Die Straßenecke des Schulgebäudes ist ausgespart und zum Sitzen eingerichtet. Das gibt den Schülern die Freiheit, sich dort zu treffen, die Schule öffnet sich zum Straßenraum. Zum Gesamtbild gehört der phantasievolle Schriftzug mit dem Namen der Schule.


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Hier können Sie den Spaziergang fortsetzen und die Wandgemälde ansehen, die an der Alten Hellersdorfer Straße und an weiteren Hochhäusern der Umgebung angebracht sind. Oder Sie folgen unserem Rundgang von 2011, der zu weiteren Wandbildern und zum Stadtteilzentrum am Alice-Salomon-Platz und zu einer Kette von Pfuhlen an der Stadtgrenze führte.
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Unsere Route:
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Die Rückkehr des Astronauten