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Feuerwerk für Dilettanten und Pyrotechniker


Stadtteil: Lichtenberg
Bereich: Zwischen Wartenberg und Malchow
Stadtplanaufruf: Berlin, An der Margaretenhöhe
Datum: 19. Juli 2021
Bericht Nr.:742

Zwischen Wartenberg und Malchow verzeichnet der Stadtplan eine ehemalige "Kunstfeuerwerkerei". Ein farbiger Katalog des Unternehmens von 1926 mit einem "orientalischen Garten bei Nacht mit Feuerwerken" als Titelbild führt uns die Produktpalette der Kunstfeuerwerker vor Augen: Salon- und Gartenfeuerwerk, Land- und Garten-Großfeuerwerke, Wasserfeuerwerk, Knall-Korken, Konfettibomben und andere pyrotechnische Scherzartikel - dort wurde Feuerwerkstechnik hergestellt, die die Zuschauer mit nächtlichen Licht-, Farb- und Knalleffekten begeistern sollte.

Kunstfeuerwerkerei Margaretenhöhe
1912 hatte die Kunstfeuerwerkerei Deichmann ihren Betriebssitz in Malchow bezogen. Die Pyrotechnik hat eine lange Geschichte seit dem Altertum, als sie in Deutschland wiederentdeckt wurde, konnte sie sich auf ein "für Dilettanten und Pyrotechniker leichtfaßliches" Lehrbuch von 1876 mit dem Titel stützen: "Die Feuerwerkerei oder die Fabrikation der Feuerwerkskörper. Eine Darstellung der gesammten Pyrotechnik, enthaltend die vorzüglichsten Vorschriften zur Anfertigung sämmtlicher Feuerwerksobjecte, als aller Arten von Leuchtfeuern, Sternen, Leuchtkugeln, Raketen, der Luft- und Wasser-Feuerwerke, sowie einen Abriß der für den Feuerwerker wichtigen Grundlehren der Chemie".

Begonnen hatte die Feuerwerksfabrik Deichmann als Kunstfeuerwerkerei, im Ersten und Zweiten Weltkrieg stellte sie Signalmunition und Leuchtmunition her, in den 1920er Jahren dann wieder Kunstfeuerwerk für Unterhaltungszwecke. Durch mehrere Fusionen kam sie in den Einflussbereich der Deutschen Zündholzfabriken AG und fand sich schließlich mit mehreren Pyrotechnikunternehmen zur AG "Deutsche Pyrotechnische Fabriken" (Depyfag) zusammen. Zu DDR-Zeiten wurde in der Zentralen Waffenwerkstatt Malchow Signalmunition und Leuchtmunition hergestellt, das ehemalige Fabrikgelände nutzten Volkspolizei und Stasi ab 1950 als Waffenlager. Nach der Wende übernahm die Berliner Polizei das Gelände und gab es später an den städtischen Liegenschaftsfonds ab.

Seitdem rottet es vor sich hin, hat Vandalismusschäden und ist nur noch für Liebhaber abbröckelnder Orte interessant. Vom Bundesumweltamt wurde das Gelände als Rüstungsaltlastverdachtsstandort eingestuft (sprachliche Meisterleistung aus einer Amtsstube: "Rüstungs-altlast-verdachts-standort", vier Begriffe in einem Wort). Jetzt soll Gras drüber wachsen, im wahrsten Sinne des Wortes: Die Hallen sind verfallen, das Gelände soll renaturiert werden und in dem angrenzenden Landschaftsschutzgebiet aufgehen.


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Landschaftsschutzgebiete
Auf unserem heutigen Spaziergang von Wartenberg nach Malchow sind wir die meiste Zeit in Naturschutzgebieten unterwegs. Am Hagenower Ring lädt uns das Japanische Tor ein, in den Landschaftspark Wartenberger Feldmark einzutreten. Auf dem Weg zur Feuerwerkerei liegt das Luch an der Margaretenhöhe östlich von uns, ein Feuchtgebiet mit einem bis zu zweieinhalb Meter tiefen Moor. Vor zwei Jahren hat die Feuerwehr in Malchow ein Pferd aus dem Moor gezogen, das sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien konnte.

Nachdem wir die Kunstfeuerwerkerei umrundet und die Brücke über den Güteraußenring überwunden haben, befinden wir uns im Naturschutzgebiet Malchower Aue, das südlich des Wartenberger Wegs in den Volkspark Malchower See übergeht. Durch den Volkspark und die Aue führt die Humboldt-Spur, einer der 20 Grünen Hauptwege Berlins. Die Bereichsentwicklungsplanung sieht vor, ein Landschaftsschutzgebiet "Parklandschaft Barnim" zu schaffen, das unter Einbeziehung von Falkenberg bis zum Brandenburger Teil der Barnim-Hochebene reichen soll.

Hinter dem Japanischen Tor säumen Kirschbäume den weiteren Weg. Es ist ein Erinnerungsmal an die Wiedervereinigung und wirbt für Toleranz: "Unter den Zweigen der blühenden Kirschbäume / ist keiner ein Fremder". Am Malchower See erinnert ein aus Feldsteinen und einem Findling aufgeschichtetes Denkmal an den Malchower Kunstflieger Günther Fries, der im Jahr 1934 kurz vor seinem 23. Geburtstag bei einem Looping über seinem Heimatdorf abstürzte und verstarb.


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Güteraußenring
Die S-Bahn endet am Bahnhof Wartenberg, von dort führen für Güterzüge Gleise nach Norden, die Teil des Güteraußenrings sind. Um die Innenstadt vom Güterverkehr freizuhalten, wurde schon vor mehr als hundert Jahren mit dem Bau einer Umgehungsbahn begonnen. Die DDR baute den "Berliner Außenring" komplett aus, um mit ihren Zügen nicht durch West-Berlin fahren zu müssen. Die Bahnstrecke schneidet die Margaretenhöhe vom übrigen Malchow ab, nur eine - allerdings ausdrucksvoll gestaltete - Fußgängerbrücke stellt die Verbindung zum Dorf her. Zur Zeit wird darüber diskutiert, diese Bahnstrecke als zweite - "äußere" - Ringbahn am Berliner Stadtrand auszubauen, doch noch gibt es dort nicht genügend Siedlungen und Kleinstädte mit entsprechendem Fahrgastaufkommen.

Dorf und Gut Malchow
Malchow ist mit seinen straßenbegleitenden Gehöften bis heute dörflich geprägt, es wird an allen Seiten von Landschaftsraum umgeben. Mit der Plattensiedlung Neu-Hohenschönhausen, die von Südosten bis nach Wartenberg heranreicht, endet die großstädtische Bebauung. Die Siedlung Margaretenhöhe und die Stadtrandsiedlung Malchow liegen als Inseln in der Landschaft. Insgesamt sind im Umkreis des Dorfes in der Nazizeit drei Siedlungen entstanden: Die Siedlung “Margaretenhöhe", die 1933 nördlich der Feuerwerksfabrik auf umgewidmeten Kleingartengelände entstand, die Stadtrandsiedlung Malchow, die 1936 auf ehemaligen Rieselfeldern südwestlich des Dorfes gebaut wurde, und die Werkssiedlung, die der Rüstungsbetrieb Niles-Werke 1937 für ihre Mitarbeiter errichtet hat.

Durch Malchow zieht sich ein kaum endender Strom von Fahrzeugen auf der Bundesstraße 2, die zum Autobahndreieck Barnim auf dem Berliner Ring führt. Es ist für uns wirklich schwierig, die Straßenseite zu wechseln. Wir hangeln uns bis zur Straßenmitte vor und hoffen dort auf einen mildtätigen Autofahrer, der seine Kolonne verlangsamt und uns eine Lücke anbietet.

Theodor Fontane hatte Malchow 1882 aufgesucht, weil der Bericht über eine Gruft in der Dorfkirche von Malchow sein Interesse geweckt hatte. Es war die Grablege des Gutsherrn Paul von Fuchs, Geheimrat und königlicher Etatminister unter König Friedrich I. Er hatte sein Gut Malchow ausgebaut, das Herrenhaus und eine Brauerei errichten und den Gutspark bepflanzen lassen.


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Der König hatte Malchow öfter besucht und das Gut nach dem Tod des Gutsherrn 1704 erworben, zwei Jahrhunderte später wurde es dann Berliner Stadtgut. Doch Fontanes anstrengende Reise - die Pferdebahn fuhr nur bis Weißensee, von dort musste er nach Malchow laufen - brachte nicht den erwünschten Erfolg. Die Gruft sei zugeschüttet, beschied ihn der Küster barsch, und auch der Pfarrer, der ihn freundlich bewirtete, konnte nichts anderes sagen. So tröstete sich Fontane mit der Einsicht: "Die Gruft hatte nichts herausgegeben, aber das Leben hatte bunt und vielgestaltig zu mir gesprochen".

So fröhlich war mein Befinden nicht, als der Pförtner des Gutshauses mir auf meine Bitte barsch einen Blick in den Innenhof verwehrte, es sei "privat", und es blieb auch privat auf meine weitere höfliche Nachfrage. Die gemeinnützige Stiftung Synanon hat hier ihren Sitz, mehrere hunderttausend Euro hat die öffentliche Hand für die Sanierung bezahlt, da könnte es schon angemessen sein, einem Denkmalinteressierten ein paar Schritte ins "Private" zu gestatten. Die 1983 vor dem Gutshof aufgestellte Plastik von Sonja Eschefeld "Ruhende Schafe" war gottlob öffentlich und ohne Einschränkungen zugänglich.

Rieselfelder
Die ausgedehnten Flächen der Landschaftsschutzgebiete um Malchow, Wartenberg und Falkenberg gehen auf die Anlage der Rieselfelder in den 1880er Jahren zurück, auf die achtzig Jahre lang die Abwässer der Berliner Kanalisation geleitet wurden. Am Beispiel von Hellersdorf hatte ich ausführlich beschrieben, wie die Stadt Berlin mithilfe von Pumpwerken die Abwässer auf Rieselfelder außerhalb der Stadt entsorgte. Dazu wurden Güter aufgekauft und zu "Rieselgütern" umgestaltet, auf den berieselten Ackerflächen wurden landwirtschaftliche Produkte angepflanzt. Im Gut Malchow standen mehr als 28.000 Apfel- und Birnenbäume, außerdem lieferte es anderes Obst wie Kirschen, Pflaumen, Erdbeeren, Himbeeren und Gemüse wie Kohl, Spinat, Bohnen, Zwiebeln, Radieschen für den Berliner Markt.

Die berieselten Böden waren sehr fruchtbar, doch durch steigende Abwassermengen entstand die Gefahr der Überdüngung. So konnte es kommen, dass in Malchow "Abwasserpilze" die Abwassergräben verstopften. Als nichtorganische industrielle Abwässer immer mehr zunahmen, war das Ende der Rieselfeld-Ära erreicht, Kläranlagen übernahmen die Reinigung der Abwässer. Die nun nicht mehr benötigten Rieselfelder wurden eingeebnet, als Ackerflächen renaturiert, mit Siedlungen zugebaut oder zu Landschaftsschutzgebieten umgestaltet.

Lungenheilanstalt
In der Keithstraße erinnert ein Baudenkmal daran, dass Landesversicherungsanstalten im 19. Jahrhundert "Heilstätten" errichteten für Tuberkulose-Kranke. Es waren keine Krankenhäuser - denn erst seit Einführung von Antibiotika ist Tuberkulose heilbar - sondern Hospitäler zur Besserung des Gesundheitszustands durch Luftkur (Klima, Höhenlage, Sonne), Ernährung, Hygiene, psychische Faktoren. Auf dem Gut Malchow ist 1892 ein fünf Jahre vorher entstandenes Gebäude als Heilstätte eingerichtet worden. Diese Städtische Heimstätte Malchow wurde nicht von der Versicherung betrieben, sondern war die erste kommunale Tuberkulose-Heilstätte im Berliner Raum. Bereits nach zehn Jahren wurde daraus eine Heimstätte für brustkranke Frauen. Auch wenn eine Postkarte aus jener Zeit Menschen auf einer offenen Terrasse zeigt, die Heimstätte lag mitten in den Rieselfeldern. Und so wird es so gewesen sein, wie es aus dem benachbarten Blankenfelde berichtet wurde: "Um 1920 wird die Nutzung als Heimstätte aufgegeben – der Gestank von den Rieselfeldern wird von den Genesungsbedürftigen nicht geschätzt".
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Unsere Route:
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Sowjetsoldat wird zum Kühemelken abgestellt