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Eintrittskarte und ein Stück Seife


Stadtteil: Lichtenberg
Stadtplanaufruf: Berlin, Hubertusstraße
Datum: 26. Mai 2024
Bericht Nr.:835

Eine Fototour führt uns heute zu einem verlassenen Bau aus der Zeit des Expressionismus. In den 1920er Jahren hatten expressionistische Bauten eine kurze Blüte, trotzdem sind in Berlin aus dieser Zeit erstaunlich viele Bauten erhalten geblieben. Entstanden war der Expressionismus aus dem Bestreben, die Schrecken des Ersten Weltkriegs zu überwinden und dabei in der Architektur wie in der Kunst Emotionen, Individualität und den Wunsch nach Veränderung auszudrücken. Anstelle von nüchternen Bauten entstanden Gebäude mit besonderer Plastizität, mit gezackten Formen, die eine Nähe zur Bildhauerei zeigten. Spitzwinklige Hausecken, dreieckige Fenster, Zickzacklinien im Putz, auf der Spitze stehende Quadrate, dazu Skulpturen und Reliefs an den Fassaden und in den Innenräumen.

Und damit sind wir direkt beim Stadtbad Lichtenberg, das über dem Eingang Reliefs von vier startenden Schwimmern zeigt (siehe Titelbild oben). Die konzentrierte Haltung der Wassersportler kurz vor dem Absprung vom Startblock hat der Bildhauer Ludwig Isenbeck 1928 in seinem Werk eingefangen. Isenbeck hat für viele öffentliche Bauten in Berlin Bildhauerwerke hergestellt, beispielsweise für das Rathaus Schöneberg, für Kirchen, Schulen, Brücken.

Das Gebäude selbst ist ein verputzter kubischer Baukörper. Zwischen den beiden äußeren Gebäudeteilen mit der Männerschwimmhalle und der Frauenschwimmhalle sind im Mittelteil die Anwendungen (Duschen, Badewannen, medizinische Abteilung, Massagen, Sauna) untergebracht. Auf dem Dach ist eine Sonnenterrasse mit hölzernen Umkleidekabinen vorhanden.


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Die Schwimmbecken sind 20 bzw. 25 Meter lang. Die geneigten Wasserbecken reichen von 50 Zentimeter bis 3,50 Meter Wassertiefe. Von seitlichen Ausstiegsleitern im Tiefwasserbereich konnten die Sprunggelegenheiten erreicht werden. An der Galerie über den Schwimmbecken gab es eine kleine Tribüne für Zuschauer bei Wettkämpfen.

An den Umkleidekabinen wurde mit Kreide die Ankunftszeit notiert, der Aufenthalt war auf eine Stunde begrenzt. Über die vorgeschriebene Körperreinigung ohne Badebekleidung wachten Badefrauen. Da viele Wohnungen in den 1920er Jahren noch keine Badezimmer enthielten, ging man zum Duschen oder Baden in die Volksbadeanstalten. Zusammen mit der Eintrittskarte bekam man an der Kasse ein kleines Seifenstückchen. Die meisten gußeisernen Badewannen stehen heute noch in den Badekabinen, sind aber nicht mehr angeschlossen.

Viele später nach Berlin eingemeindete Städte hatten bereits vorher einen kommunalen Stadtbaumeister, dessen Tätigkeit die Kommune prägte, wie den Stadtbaurat Reinhold Kiehl in Neukölln, den Amtsbaumeister Paul Opitz in Tempelhof oder den Stadtbaurat Friedrich August Bredtschneider in Charlottenburg. In Lichtenberg war es der Bauingenieur Rudolf Gleye, der als Stadtbaumeister u.a. die Lichtenberger Volksbadeanstalt und das Flussbad an der Rummelsburger Bucht realisierte. Beim Stadtbad - der "Volksbadeanstalt" - wurde er von dem Baurat Otto Weis unterstützt.

Das Schwimmbad Lichtenberg versorgte anfangs auch die umliegenden Stadtgebiete. Als in den Ost-Berliner Bezirken in den 1980er Jahren Neubauviertel mit eigenen Schwimmhallen entstanden, verlor das Hubertusbad seine über den Bezirk hinausgehende Bedeutung. Die große Schwimmhalle wurde 1988 wegen defekter Wasseraufbereitung und Heizung geschlossen, nach der Wende 1991 schlossen auch alle übrigen Badeinrichtungen.

Nach der Schließung ist das Stadtbad in Lichtenberg im Wesentlichen in dem Zustand geblieben, wie es in der DDR-Zeit verlassen wurde. Es gab keinen Vandalismus, keine zerschlagenen Einrichtungen oder herausgerissenen Installationen und keine Graffiti. Ein Schild mit den Einlasszeiten der medizinischen Bäder für "Frauen Dienstag, Donnerstag, Sonnabend" und für "Männer Montag, Mittwoch, Freitag" hängt heute noch unbeachtet in der Eingangshalle, genau wie eine Tafel des DDR-"Sportstättenbetriebs Berlin" mit den "Übungsfolgen".


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Die Automaten für Eintrittskarten in der großen Halle sind noch im guten Zustand (wie hat man die bedient?). Die Umkleideschränke im Mittelgebäude stehen erwartungsvoll offen. Manche Türen sind ausgehängt, sie stehen ordentlich an der Wand angelehnt. Die halbhohen hölzernen Heizkörperverkleidungen an den Wänden sind unversehrt.


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Der Saunabereich ist leergeräumt, aber der Raum mit dem Tauchbecken und den Duschen wirkt wie gerade erst verlassen. Die Eingangstür trägt noch die Aufschrift "Unterwasserbad". In den angrenzenden Räumen kommt die grüne Originalfarbe der später weiß überstrichenen Wandverkleidung wieder zum Vorschein. Einzelne Felder der Verkleidung sind mit geometrischen Verzierungen durchbrochen.


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Die Sonnenterrasse auf dem Dach hat einladend die Türen der Umkleidekabinen geöffnet. In dem von Leichtigkeit und Anmut geprägten Gebäude wirken die massiven Holzbalken wie ein Fremdkörper. Dort oben konnte man sich sogar einen Liegestuhl ausleihen, es war sozusagen der Wellnessbereich des Volksbads.


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Das Stadtbad gehört dem Land Berlin. Es wird von seinem Immobilienmanagement verwaltet, das nicht immer ein glückliches Händchen im Umgang mit dem baulichen Erbe bewiesen hat. Nachdem der Bereich der Frauenschwimmhalle mit festen Einbauten für Events umgebaut worden ist, droht dasselbe für die Männerschwimmhalle. Glücklicherweise erst in mehreren Jahren, wenn wieder Geld dafür vorhanden ist, und das kann dauern ...

Was ein privater Investor - eine Sprachenschule - aus einem Stadtbad machen kann, hat man in der Oderberger Straße im Prenzelberg gesehen. Dort wurden die Nebenräume der ehemals öffentlichen Badeanstalt zu Hotelzimmern ausgebaut und die Schwimmhalle restauriert. An mehreren Tagen gibt es jetzt auch wieder Badebetrieb. Zu anderen Gelegenheiten kann ein Hubboden aus dem Wasser hochgefahren werden, und ein Parkett für Konferenzen, Konzerte, Partys öffnet sich. Phantasie muss man haben, und einen unbedingten Glauben an das Gelingen. Die Begeisterung des jetzigen Eigentümer-Ehepaares bei einer Besichtigung am Denkmaltag 2014 wirkte jedenfalls ansteckend.
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Auf Kunstwerken herumturnen