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Würdige Haltung, kühner Blick, ruhiger Charakter


Stadtteil: Steglitz
Bereich: Lankwitz
Stadtplanaufruf: Berlin, Belßstraße
Datum: 17. Mai 2023
Bericht Nr.:806

Quer durch Lankwitz geht unsere heutige Route von der Malteserstraße bis zur Marienfelder Allee. Wir beginnen am Gemeindepark, treffen auf ein kirchliches Gemeindezentrum, einen Nachbarschaftstreff im Tiny-House, eine Kirche und drei Siedlungen. Im räumlichen Zentrum unserer Route liegt der FU-Campus der Geowissenschaften.

Zwischen Malteserstraße und Marienfelder Allee sind im Laufe der Zeit drei Siedlungen errichtet worden "für minderbemittelte Volksschichten“, für "unverschuldet in Not Geratene" oder im Geiste der "Wohnungsfürsorge". In den 1920er und 1930er Jahren entstanden die Siedlungen "Lankwitz Süd" und „Mariengarten", in den 1950er Jahren die Belß-Lüdecke-Siedlung, die damals Mau-Mau-Siedlung genannt wurde.

Belß-Lüdecke-Siedlung ("Mau-Mau-Siedlung")
An der Belßstraße Ecke Lüdeckestraße sehen wir die jüngste dieser drei Lankwitzer Siedlungen, die ihren "Mau-Mau"-Charakter allerdings vollständig verloren hat. Als "Mau-Mau-Siedlung" wurden in Berlin drei Siedlungen bezeichnet, die in den 1950er Jahren entstanden, um Vertriebenen und Flüchtlingen schnell eine Bleibe zu bieten. In Spandau waren es meist kinderreiche Arbeiterfamilien, die die 50 Quadratmeter großen Wohnungen (über-)belegten. Nachbarn bezeichneten die Siedlung als "Kampfzone der Asozialen". "Mau-Mau" nannte es der Volksmund nach der zeitgleich in den 1950er Jahren stattfindenden Erhebung der ökonomisch benachteiligten Afrikaner in Kenia im Kampf gegen die Engländer.

In Charlottenburg in der Niebuhrstraße und hier an der Belßstraße trugen zwei weitere Siedlungen diesen herabsetzenden Namen. Bei allen drei Siedlungen ist diese Historie inzwischen getilgt. In Spandau musste die Siedlung der Wasserstadt weichen, auch in der Niebuhrstraße wurden die Häuser abgerissen.

Hier in Lankwitz hat man sich für einen anderen Weg entschieden, die Gebäude modernisiert und aufgestockt. Einfallsreiche Dachausbauten haben den Häusern ein ungewöhnliches Gesicht gegeben: Über dem Ursprungsbau schwebende Baukörper mit Laubengängen und großem Dachüberstand. Durch die Aufstockungen kamen 84 Wohnungen hinzu, insgesamt gehören 300 Wohnungen zu dem jetzt "Belß-Lüdecke-Siedlung" genannten Gebiet.


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Siedlung Lankwitz-Süd
In der Siedlung Lankwitz-Süd zwischen Falkenhausenweg und Pappritzstraße wurden 1936 Doppelhäuser sowie Reihenhauszeilen mit vier oder sechs Häusern gebaut, in ein- bis dreigeschossiger Bauweise. Von Norden her führt ein Weg durch den Rundbogendurchgang einer Reihenhausgruppe und durch einen Grüngürtel in die Siedlung. Mietergärten dienten der Versorgung der Bewohner. Bei den Putzbauten, die inzwischen mit Wärmedämmung isoliert wurden, schlagen die Kontaktpunkte der Montageplatten nach einiger Zeit nach außen durch und bilden ein unschönes Punktemuster auf der Fassade.

Bauherr war die "Wohnungsfürsorgegesellschaft Berlin", die 1937 zusammen mit anderen städtischen Wohnungsgesellschaften zur GSW (Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft) zusammengeschlossen wurde. In der Nachwendezeit folgte ein Poker um die GSW. Die Wohnungsbaugesellschaft wurde vom Land Berlin veräußert und zuletzt von der Deutsche Wohnen-Gruppe übernommen, dem zweitgrößten Wohnungsunternehmen Deutschlands mit 100.000 Wohnungen. Der größte Wohnungskonzern Vonovia versuchte später eine feindliche Übernahme der Deutschen Wohnen, scheiterte aber dabei.

Siedlung "Mariengarten", Sonnenscheinpfad
Als dritter Abschnitt des Siedlungsprojekts "Mariengarten" wurden ab 1932 der Sonnenscheinpfad und drei gegenüberliegende Stichstraßen an der Belßstraße mit straßenbegleitenden zweigeschossigen Reihenhauszeilen bebaut. In kostengünstiger Bauweise haben die Bauten schlichte, schmucklose, weiß verputzte Fassaden ohne Giebel oder Erker. Die einfachen Satteldächer sind an den Hausenden mit einer dreieckigen Dachfläche abgewalmt. Hinter den Häusern befinden sich kleine Gartengrundstücke zur Selbstversorgung.

Wo blieb der Mönch mit der Spraydose?
Ein anderer Bauabschnitt der Siedlung "Mariengarten" wurde als "guten Wohnsiedlung für gläubige Katholiken“ im Umkreis der St. Alfons Kirche an der Emilienstraße errichtet.

Vor drei Jahren haben wir an dieser Kirche ein Wandbild gesehen, das im Rahmen der 800-Jahrfeier von Marienfelde realisiert wurde: Ein Mönch mit Spraydose schreibt einen Appell für die Barmherzigkeit an die Kirchenfassade. Erstaunt stellen wir heute fest, dass dieses Wandbild nicht mehr vorhanden ist. Wie kann das sein? Wir haben nachgefragt und von den beiden Künstlern Aufklärung bekommen:


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Das Wandbild ist als Paste-Up aufgetragen worden. Es ist nicht gemalt oder gesprüht, sondern geklebt. Das Plakatieren hat materialbedingt eine kürzere Lebensdauer, Projekte mit "angekleistertem Papier“ sind immer zeitlich begrenzt. Der Vorteil ist, dass Hauseigentümer eher bereit sind, ihre Fassade für temporäre Projekte zur Verfügung zu stellen. Und "die Motivauswahl ist von einer gewissen Leichtigkeit geprägt, da der Ewigkeitsanspruch wegfällt". David Mannstein und Maria Vill schreiben weiter: "Wir haben den Mönch am längsten erhalten können, nämlich zwei Jahre. Alle anderen Paste-Ups unseres Marienfelder Projekts hatten nicht so lange durchgehalten".

Paul-Schneider-Gemeindezentrum
Der Architekt Hans Wolff-Grohmann schuf 1959 für die evangelische Paul-Schneider-Gemeinde an der Belßstraße ein Gemeindezentraum mit getrennt stehendem Glockenturm. Der Bau gehört erkennbar zur Nachkriegsmoderne. Der Architekt Hans Wolff-Grohmann - gelernter Maurer, ausgebildet an einer Baugewerkschule - war ein universeller Geist, ein begabter Architekt und Künstler. Er schuf Stahlmöbel, arbeitete mit am Bau von U-Bahnhöfen, baute die beschädigte Paulskirche von Schinkel wieder auf, erbaute eine geheime Sendeanlage in einem Bunker unter einem Wohnhaus, errichtete ein Postamt und die Terrassenhäuser Am Rupenhorn.

Anmerkung: Bei flüchtigem Hinsehen könnte man das "L" im Straßennamen für ein "i" halten. Die Straße hat aber nichts mit beißen zu tun, sondern ist nach einem Gemeindevorsteher Belß benannt.

Gemeindepark
"Ein ruhiger, verträumter Park, mitten in Lankwitz, mit viel Platz zum Ausruhen und Spielen", so wird der städtische Gemeindepark an der Malteserstraße beschrieben, und tatsächlich sitzen bei unserem Besuch Enten und Menschen entspannt in der Sonne und blicken auf den großen Parkteich. Das war nicht immer so, nach der Eröffnung 1911 waren Tennisplätze, eine Kuranlage und eine Rodelbahn Attraktionen, die sogar Berliner nach Lankwitz lockten.


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Kräftiger Körperbau, würdige Haltung, anmutiges Schreiten, kühner Blick, zurückhaltender, ruhiger Charakter - welche edle Person mag so beschrieben worden sein? Es sind der Brahma-Hahn und seine Hühner, die aus einem Wildgatter des Gemeindeparks Lankwitz die Besucher anschauen. Wegen ihres massigen Körpers kamen sie in den USA ab 1850 als "Fleisch" auf den Teller, allerdings verbrauchten sie auch beachtliche Futtermengen. Die Brahmas sind superempfindlich gegen große Aufregung. Allzu leicht bekommen sie einen Herzschlag, dann fallen sie einfach um und sind tot. Der Name der Riesenhühner stammt vom indischen Brahmaputra-Fluss ab, die Tiere selbst sind asiatischen oder nordamerikanischen Ursprungs.

Diskuswerfer
In "leichter Schrittstellung steht ein unbekleideter Jüngling in sportlicher Aktion" am südlichen Ende des Gemeindeparks (siehe Titelbild oben). Es ist ein Diskuswerfer, der über den Umriss hinaus nicht detaillierter ausgearbeitet ist. An einem etwas plastischer gestalteten Körperteil bleibt gerade ein kecker Sonnenstrahl hängen. Die Diskusscheibe hält er in beiden Händen über dem Kopf, für den Wurf muss er erst noch eine professionelle Haltung einnehmen.

Campus der Geowissenschaften
An der Malteserstraße zwischen Emmichstraße und Preysingstraße hat die Freie Universität ihren Geo-Campus eingerichtet. Die Geschichte des Campusgeländes begann allerdings schon früher - als Militärgelände. 1914 wurde dort eine Kaserne des Kraftfahrbataillons fertiggestellt. Inmitten von Wiesen und Feldern, weit vor den Toren Berlins, hatte das Militär an der Emmichstraße und westlich der Malteserstraße an der Eiswaldstraße zwei Kasernen für die Train- und die Kraftfahrtruppen gebaut. Es waren keine kämpfenden Truppen, sie versorgten vielmehr die kämpfenden Einheiten mit Munition, Lebensmitteln, Geräten und Sanitätsdiensten.

Der Erste Weltkrieg begann im gleichen Jahr, eine Einweihung gab es nicht. So wie die Bundeswehr heute Bewerber mit Stellenanzeigen sucht, warb schon damals die Reichswehr um Panzerwagen-Fahrer, Maschinengewehr-Schützen und Nachrichtenpersonal.

Im Zweiten Weltkrieg war ein Flakregiment dort stationiert. Ein Ehrenmal für die Gefallenen der Flakartillerie, das zur Nazizeit an der Kaserne aufgestellt worden war, steht heute auf dem Friedhof in der Bergstraße.


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Das Flakregiment formte bei den Olympischen Spielen 1936 mit einer Scheinwerferbatterie einen Lichtdom. Eine Inszenierung, mit der die Nazis beeindrucken konnten: Eine große Zahl von senkrecht in die Höhe gerichteten Scheinwerfern erzeugte einen Lichteffekt, der die Illusion eines gotischen Doms erweckte.

Die Amerikanische Besatzungsmacht nutzte die Kaserne - umbenannt in Oliver Barracks - für eine motorisierte Polizeieinheit. 1949 zog die Pädagogische Hochschule, die sich aus dem Ausbildungsinstitut im Sowjetischen Sektor abgespalten hatte, in die ehemaligen Militärbauten ein. Der Stadtbauarchitekt Bruno Grimmek errichtete mehrere Ergänzungsbauten für den Hochschulbetrieb. 1980 wurde die Pädagogische Hochschule aufgelöst, die Ausbildung der Pädagogen wurde auf die anderen West-Berliner Hochschulen FU, TU und UdK aufgeteilt.

In den "architektonisch anspruchslosen Campus" zogen nach anfänglichem Widerstreben die Geowissenschaftler der Freien Universität ein. Studenten lernen dort alles über Geologie, Geografie und Meteorologie, sie werden "Experten für vergangene und zukünftige Veränderungen unseres Lebensraums". Bei der Langen Nacht der Wissenschaften werden beispielsweise Wetter, Wetter-Satelliten, Regen, Wasserversorgung, Erdbeben, Seismologie, Luftverschmutzung als Themen vorgestellt.

Sicherlich nicht repräsentativ ist der Kommentar eines Studenten, "Exkursionen sind kein gemütlicher Wandertrip. Du rennst mit sonem blöden Feldbuch durch die Gegend und musst ständig irgendwas aufschreiben, selbst bei den schönsten Aussichten gehts direkt weiter". Vielleicht würde ihm ein Touristik-Studium besser gefallen.

Frischluftansauger
Eine technische Anlage in skulptureller Gestalt ist der Frischluftansauger auf einem Innenhof des Campus'. In der abstrakten Plastik aus diffus grünem Kunststoff sind geschickt Saugrohröffnungen mit Metallgitterverkleidung integriert. Sie sind fast unsichtbar auf den Unterseiten der Ausbuchtungen verborgen. Der amerikanische Bildhauer Joseph Henry Lonas hat jahrelang in Berlin gelebt und an der UdK (Universität der Künste) gelehrt.


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Am Kurt-Schumacher-Platz haben wir eine weitere abstrakten Plastik gesehen, die man auf Anhieb mit ihm assoziieren wird: Röhrenartige Rundformen aus rotem Metallblech bringen Mulden und Wölbungen hervor. Das bronzene Reliefportrait Kurt Schumachers in der Vorderseite der Skulptur wirkt wie ein Fremdkörper, ist aber Teil eines früheren Denkmals.

"Strahlungszentrum"
Beim Betreten des Campusgeländes an der Malteserstraße wird man begrüßt von einer Skulptur, die Volker Haase 1966 geschaffen hat. Fächerförmig entfaltet sich die Eisenskulptur nach oben, die verschweißten dunkelbraunen Stahltafeln lassen in der Mitte einen durchbrochenen Bereich frei, das "Strahlungszentrum“. Eine kantige, geometrisch geformte Figur, während Haase sich sonst oft mit Plastiken in tänzerische Schwerelosigkeit beschäftigt wie der "Woge mit gegenläufigen Flügeln" in der Spreestadt.

Tiny-House Nachbarschaftstreff
Nicht größer als ein Zirkuswagen sind Tiny Houses, ein Traum für das Wohnen auf kleinstem Raum. Dass man auch einen Nachbarschaftstreff organisieren kann, indem man ein Tiny-House auf einen Anhänger stellt, haben wir an der Belßstraße gesehen. Vor einem Hochhaus hat die "Gebietskoordination Kamenzer Damm" das kompakte Haus als Anlaufstelle für die Nachbarschaft eingerichtet, "Zusammenkommen, Kennenlernen". Die Wildblumenwiese hat eine Kirchengemeinde zur Verfügung gestellt, Versorgungsanschlüsse hat man sich gespart. Fröhlich sitzt das Team aus einem Mann und einer Frau am Haus und plaudert mit uns über Sinn und Ziel des Projekts, das in der nächsten Woche offiziell eingeweiht wird.


Als wir zum Schluss nach einem Café suchen, haben wir das beschauliche Lankwitz schon verlassen. Am Verkehrsknotenpunkt Alt-Mariendorf kann man kein Erbarmen erwarten, der Verkehr beherrscht die Luft, den Raum und das Hörempfinden. Wenigstens ein gutes Stück Kuchen ermuntert uns vor dem Heimweg.
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Unsere Route:
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Dörflicher Flecken und städtische Großsiedlung
Mäandernde Fußgängerbrücke aus Stahl und Beton