Bezirke
  Straßenverzeichnis     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Datenschutz
Links
SUCHEN
Sitemap

Nicht für das Leben lernen wir


Stadtteil: Tempelhof
Bereich: In der Tempelhofer Mitte
Stadtplanaufruf: Berlin, Götzstraße
Datum: 28. Januar 2019
Bericht Nr.: 644

Straßenbahndepot, Bunker, Tivoli, Spukhaus, marode Kommunalbauten - man würde wohl nicht nach Tempelhof aufbrechen, wenn man diese Orientierungszeichen als Wegweiser nimmt. Wir sind es gewohnt, beim Flanieren auf unerwartete und ungewöhnliche Orte zu treffen, und machen uns frohgemut südlich von Alt-Tempelhof auf den Weg.

Kirche und Schule im Verbund
Staat und Kirche sind nach unserer Verfassung getrennt, beziehen sich aber aufeinander. Es gibt keine Staatskirche, aber Religionsfreiheit. Ein Architektenduo, das zeitgleich eine staatliche Schule und eine benachbarte Kirche bauen sollte, fand eine bauliche Lösung, die zugleich Trennung und Beziehung auszudrückt.

Kirche und Schule liegen an der Friedrich-Franz-Straße gegenüber. Die Gebäude sind jeweils zur Straße hin U-förmig um einen Vorhof angeordnet. Beide Vorhöfe bilden über die Straße hinweg und quer zu ihr einen Platz, der als Figur im Stadtgrundriss prägend ist, aber nicht öffentlich begangen werden kann, weil der Vorhof der Schulgebäude als Schulhof dient. Wie die Kirche hat auch das Schulgebäude einen Turm. Dort war natürlich keine Glocke installiert, sondern ein Foucaultsches Pendel, das die Erdbewegung demonstrierte.


mit KLICK vergrößern

Lernen wir für das Leben?
Dieses Reform-Realgymnasium Tempelhof (heute Askanisches Gymnasium) verkündet vom Schriftfeld über dem Haupteingang die ewige Zurechtweisung von Pädagogen, dass wir fürs LEBEN lernen würden in der Schule: "Non scholae, sed vitae", . Doch tatsächlich hat der römische Philosoph Seneca genau das Gegenteil geschrieben ("Non vitae sed scholae discimus"). Er kritisierte, dass in der Schule "die Schärfe und Feinheit des Denkens an überflüssigen Problemen abstumpft". So einen Satz konnten wohlmeinende Pädagogen im Laufe der Jahrhunderte nicht ertragen, sie verkehrten ihn ins genaue Gegenteil, und so mussten wir uns als Lernende vorhalten lassen, dass wir nicht für die Schule lernen würden. Reform hin oder her, auch hier am Reformgymnasium ging man nicht so weit, Seneca wahrheitsgemäß zu zitieren. Man sieht, "Fake" ist keine Erfindung unserer Zeit, und daran haben sogar Pädagogen mitgewirkt. Man muss das Falsche nur lange genug verbreiten, dann wird es zur "Wahrheit".

Herz-Jesu-Kirche und Gemeindeschule
An der Friedrich-Wilhelm-Straße stoßen wir auf eine weitere enge Verbindung einer Schule mit einem Kirchengebäude. Die Katholische Herz-Jesu-Kirche und die 2. & 3. Gemeindeschule Tempelhof scheinen nebeneinander auf einem gemeinsamen Grundstück zu stehen. Tatsächlich sind beide nahezu zeitgleich auf getrennten Bauplätzen von unterschiedlichen Architekten errichtet worden. Sie beziehen sich in ihren Bauten nicht aufeinander. Das Kirchengrundstück hatte ein Reichstagsabgeordneter gesponsert, damit den katholischen Einwohnern der Ortschaften Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde, Mahlow, Selchow, Blankenfelde und Zossen ein gemeinsames Gotteshaus erbaut werden konnte. Ein erstaunliches Einzugsgebiet von 15 Kilometern für die katholische Minderheit in der Stadt.

Paul Opitz, Amtsbaumeister
Die freistehende Gemeindeschule mit getrenntem Knaben- und Mädchentrakt ist das älteste noch erhaltene Schulhaus in Tempelhof. Erbaut wurde es von Paul Opitz, er war der Amtsbaumeister von Tempelhof, so wie Reinhold Kiehl in Neukölln oder Hermann Blankenstein in Berlin. Nur dass über Opitz die Quellenlage dürftig ist, es gibt keine zusammengefassten Informationen, man muss sich Einzelheiten tröpfchenweise aus Publikationen zusammentragen. Von Beruf war er Maurermeister und Zimmermannsmeister, wahrscheinlich hatte er eine architektenähnliche Ausbildung an einer Baugewerkschule absolviert. Er war viel beschäftigt, hat in Tempelhof zahlreiche Gebäude errichtet, auch rings um den Dorfanger. Und er war Gemeindevertreter und hatte selbst eigenen Grundbesitz.

Tivoli
In der Friedrich-Karl-Straße hatte Paul Opitz das Vergnügungslokal Tivoli in halbfertigem Zustand erworben, nachdem zwei Vorgänger mit dem Projekt gescheitert waren. Der Bau, dem die architektonische Nähe zu einer italienischen Palladio-Villa nachgesagt wurde, ist von der Straße zurückgesetzt. Früher fassten Seitenflügel den Vorhof ein, heute wird der erhaltene Mittelteil mit dem Saalbau von späteren Bauten bedrängt.


mit KLICK vergrößern

Der Bau war 1895 fertiggestellt, bereits 16 Jahre später wurde der Saal zu einem Kino mit mehr als 800 Plätzen umgebaut. Dabei hatte man das Gestühl untypisch zur Längsseite ausgerichtet. Nach kurzem erkannte man den Fehler und drehte es um 90 Grad zur Querseite. In den Jahren um 1910 herrschte ein Kinoboom; alles was sich eignete, Tanzsäle und Läden, wurde zu Kinos umgebaut. Ab 1968 nutzte ein Supermarkt nach dem Kinosterben den historischen Bau, danach zog ein Fitnessstudio ein.

Straßenbahndepot, Jean Krämer
Zwischen Friedrich-Wilhelm-Straße und Kaiserin-Augusta-Straße hatte die Große Berliner Pferdeeisenbahn ein Depot, das von ihrer Nachfolgerin - der Große Berliner Straßenbahn AG - durch eine stützenfreie Halle ersetzt wurde. Jean Krämer, der Hausarchitekt der Straßenbahn, schuf ein Meisterwerk moderner Architektur und Ingenieurbaukunst, das zur Straße hin mit einem mächtigen flachen Spitzbogen ("Tudorbogen") abschließt.

Jean Krämer arbeitete hier wie bei anderen Hallen für die Straßenbahn mit dem Bauingenieur Gerhard Mensch zusammen, einem begabten Schöpfer von der Stahlskelettkonstruktionen. Auch die Wagenhalle auf dem Charlottenburger Straßenbahndepot ist ein Gemeinschaftswerk des Architekten-Bauingenieurs-Duos. Jean Krämer leitete ab 1908 das Atelier von Peter Behrens, arbeitete dort mit Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier zusammen. Später hat Krämer den Verkehrsturm am Potsdamer Platz entworfen, als erste europäische Ampelanlage, eine Ikone der 1920er Jahre. In der Nazizeit waren seine Arbeiten nicht gefragt, sie entsprachen nicht der herrschenden Ideologie. Dadurch ist er in Vergessenheit geraten. Erst seine in Australien lebende Tochter hat vor wenigen Jahren den Anstoß gegeben, das Werk Krämers zu erforschen.

Bunker
Und wieder ein Bunker! Im letzten Oktober fanden wir drei Bunker in Lankwitz und Wittenau an unserem Weg, heute ist es an der Friedrich-Karl-Straße ein Hochbunker gleichen Typs "M500", zurückgesetzt zwischen Wohnbauten. Schon vor Beginn der Bombenangriffe hatte die Naziführung darüber nachgedacht, dass die Berliner durch die Zerstörung ihrer Häuser politisch aufgewiegelt werden könnten. Wie der Schriftsteller Günter de Bruyn in seinen Lebenserinnerungen berichtet, reagierten Bombengeschädigte aber auf ihren Verlust ganz anders: "Niemand fragte nach den Kriegsursachen. Sie verwünschten weder den Feind noch den Hitler, sondern den Krieg schlechthin".

Hitlers Generalbauinspektor Albert Speer hatte seine eigene - zynische - Sicht der Dinge: Er schrieb im April 1941 in seine Chronik, die Zerstörungen Berlins seien eine "wertvolle Vorarbeit" für den geplanten Umbau Berlins zur "Welthauptstadt Germania".

Mit einem utopischen Bauprogramm wollte Albert Speer innerhalb von drei Monaten 1.000 Bunker aus dem - oder überwiegend in den - Boden stampfen. In der "Bunkergeborgenheit" sollte die Bevölkerung das Gefühl bekommen, dass der Führer sich um ihr Überleben sorgt. Doch der Bau von eingebuddelten Flachbunkern kam nicht recht ans Laufen, es mangelte an Material und Arbeitskräften. Die Bauaufgabe wurde auf den dreistöckigen Hochbunker "M500", umgestellt, der 500 Menschen Schutz bieten konnte. Er brauchte geringere Bauflächen als mehrere Flachbunker und weniger Beton, denn er musste nur an den Außenseiten verstärkt werden. Als im Frühjahr 1942 die Bunkerbaustellen stillgelegt wurden, waren erst etwas mehr als 400 Bunker fertiggestellt.

Die Hochbunker sollten auch nach Kriegsende stehen bleiben. Zur besseren Tarnung und zur optischen Eingliederung in das Stadtbild wurden die Bunker M500 geputzt, mit einem Gesims unter dem Dachgebälk verziert und mit Rundbögen an den Eingängen versehen. Der Bunker in der Friedrich-Karl-Straße wird heute als Übungsraum an Musiker und Bands vermietet. Der Hauseigentümer sorgte gerade durch Sanierung des Daches für den Erhalt des Bauwerks.

Wenn Architektur verspottet wird
Wenn man ein Haus gebaut hat, das die Vorbeigehenden zum Spott reizt, dann setzt man sich am besten an die Spitze der Spottenden, um die Häme zu ertragen. Gustav Lilienthal hatte in Lichterfelde ein sehr schmales Haus gebaut, eine "flache Scheibe" im Burgenstil, über das die Nachbarn lästerten. Er wehrte sich mit dem am Haus angebrachten Spruch: "Wer nicht kann halten Maß, das Bauen lieber lass. Schon dieser kleine Zwickel, kost' 100.000 Nickel."

Auf unserem heutigen Rundgang sehen wir am verkehrsumtosten Eckhaus Albrechtstraße / Tempelhofer Damm einen Spruch, der schon in einem Sprichwörter-Lexikon von 1880 verzeichnet ist: "Wer will bauen an den Strassen, muss die Leute reden (lachen, spotten, drohen, lügen, richten, schmähen, schänden) lassen".

Drei Mal Friedrich
Für eine Ehrung im Viertel der Tempelhofer Mitte musste man wohl Preußenprinz mit Vornamen "Friedrich" sein, dreimal gibt es hier eine "Friedrich-…-Straße". Der Großherzog Friedrich Franz war Sohn einer Preußen-Prinzessin, Friedrich Karl Nikolaus von Preußen wurde mit der Friedrich-Karl-Straße geehrt. Den Straßennamen Friedrich-Wilhelm-Straße hat man etwas hingebogen, er ehrt Kaiser Wilhelm I., der nicht Friedrich Wilhelm hieß, sondern umgekehrt Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen. Andererseits hätte man aus der Albrechtstraße richtigerweise eine Friedrich-Albrecht-Straße machen können, denn er hieß Friedrich Heinrich Albrecht Prinz von Preußen. Noch eine Randbemerkung: Anders als man vermuten könnte, ist die Götzstraße nicht dem Herrn von Berlichingen gewidmet, sondern einem turnenden Arzt, dessen Name auch noch falsch geschrieben ist, er hieß "Goetz".

Marodes Kommunalzentrum
"An sich ein schönes Gebäude", sagt die Tempelhofer Bildungsstadträtin über die Bibliothek an der Götzstraße. Und warum wird es dann abgerissen? "Schön" ist offensichtlich nicht die richtige Kategorie, das Gebäude ist "nicht mehr zeitgemäß", deshalb will der Bezirk keine zwölf Millionen Euro mehr in die Sanierung investieren. Der Gebietsentwicklungsplan für die “Neue Mitte Tempelhof" wird deutlicher, Schwimmbad, Bibliothek und Polizeigebäude sind kein "funktionsstarkes und identitätsstiftendes Zentrum ", sie liegen als raumgreifende Bauten kaum wahrnehmbar in der zweiten Reihe hinter undefinierten Freiflächen. Bauliche Dichte wird angestrebt, alles soll neu gebaut werden und dann das Alte weitgehend abgerissen.

Das Spukhaus
Am Friedensplatz wird ein Fachwerkbau gern als Spukhaus oder Spukvilla vorgeführt. Allerdings spukt es wohl mehr in den Köpfen der Erzähler als in dem Haus selbst. Einig sind sich alle: Am Ende der Befreiungskriege flohen 1813 französische Soldaten vor den Preußen und erreichten bald das Grundstück der Spukvilla. Hier ließen sie ihre Kriegskasse zurück.


mit KLICK vergrößern

Vergruben sie die Kriegskasse oder versteckten sie sie auf dem Gelände? Wurden hier später bei Bauarbeiten Gebeine und Teile von Uniformen entdeckt? Gehörte auch Napoleons Kriegskasse zum Fund oder wurde sie nie gefunden? Warum sollten die Geister der toten Soldaten durch das später dort errichtete Gebäude geistern, wenn die Kriegskasse längst gefunden war? Wie können körperlose Geister "auf knarrenden Dielen herumgegangen sein"?

Die Arbeiterwohlfahrt, die heute das Haus nutzt, spielt mit dem Grusel und hängt ein "Spukhaus"-Plakat in den Garten. In das Gebäude könnten Geister heute sogar barrierefreie gelangen, es wurde zeitgemäß umgebaut, auch die Dielen werden wohl nicht mehr knarren. Der Friedensplatz, an dem das Haus liegt, ist übrigens nach dem Sieg über die Franzosen 1871 benannt - schon wieder Frankreich! -, vielleicht irrlichtern Gespenster deshalb durch das Haus oder durch die Köpfe.



Das Café Alt-Tempelhof serviert uns Flaneuren den Nachmittags-Cappuccino. Mit frisch gemahlenen Kaffeebohnen, das ist wirklich "Wiener Kaffeehaus", wie man sich hier rühmt. Nur an der Wiener Atmosphäre könnte man noch arbeiten, wir haben uns eher wie in Tempelhof gefühlt.

Setzen Sie den Spaziergang hier fort: Allerley Festivitäten


--------------------------------------------------------------
Unsere Route:
--------------------------------------------------------------

zum Vergrößern ANKLICKEN



Um die Ecke schießen