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Allerley Festivitäten


Stadtteil: Tempelhof
Bereich: Das Dorf
Stadtplanaufruf: Berlin, Alt Tempelhof
Datum: 29. Oktober 2007 (9. November 2015)

Wo ist das alte Dorf Tempelhof? Bei der Suche stößt man zuerst auf die ehemalige Dorfstraße, die seit 1949 Alt-Tempelhof heißt. Sie führt um einen breiten Mittelstreifen herum, der einmal die Dorfaue gewesen sein könnte. Aber warum steht die Kirche nicht auf dieser Dorfaue, wie es typisch ist für vergleichbare Dörfer? Sie thront abseits inmitten einer Park- und Wasserlandschaft auf einem Hügel, denn sie war keine einfache Dorfkirche, sondern eine Ordenskirche des Templer-Ritterordens.

Die Templer hatten nach 1200 die Dörfer Tempelhof, Mariendorf und Marienfelde gegründet und an schnurgerader Nord-Süd-Straße angelegt, die sich bis zum Mühlendamm in der Spree zwischen Berlin und Cölln verlängern ließe. Wahrscheinlich war diese Straße ein Grenzschutz, denn zeitgleich zogen Siedler im Rahmen der Ostkolonisation immer weiter Richtung Osten vor. Die Verwaltung ihrer Dörfer hatten die Templer in der Komturei Tempelhof konzentriert, einer Niederlassung des geistlichen Ordens, die vor allem der Bewirtschaftung ihrer Güter diente, aber auch die Bankgeschäfte der Kreuzritter im Heiligen Land regelte. Nach der Auflösung des Templerordens übernahmen die Johanniter dessen Besitz und Güter. Nach zweihundert Jahren war die Ritterzeit vorbei, Tempelhof wurde zum Gut mit einem Gutshaus. das nahe der Kirche errichtet wurde. Im Laufe der Jahrhunderte ging das Gut durch viele staatliche, adlige und bürgerliche Hände. Eigentümer waren beispielsweise Berlin/Cölln, die Gemahlinnen von zwei Kurfürsten, ein straffällig gewordener kurfürstlicher Münzmeister, ein Kammerdiener, ein Hofprediger, ein geheimer Finanzrat, mehrere Erbengemeinschaften und zum Schluss eine Bank, die das Gut parzellierte.

Südlich der Tempelhofer Dorfstraße (Alt-Tempelhof) gehen neben dem Bosepark der Lennepark und der Alte Park ineinander über. Dazwischen findet man die Kirche des Dorfes, die früher auf einer festungsartigen Insel stand und vom Komturhof umgeben war. Mehrere Seen sind dort heute noch vorhanden, einer wurde später zugeschüttet und bebaut.



Der Gutsbezirk Tempelhof erstreckte sich weit nach Norden bis zur Berliner Stadtmauer (Hallesches Tor). Als sich die großstädtische Bebauung über Berlin hinaus nach Tempelhof ausgedehnt hatte, wurde 1861 die Tempelhofer Vorstadt zwischen Landwehrkanal und dem Tempelhofer Feld - dem spätere Flughafen - nach Berlin eingemeindet. Bei der Gründung Groß-Berlins im Jahre 1920 entstand aus dem Tempelhofer Feld und mehreren anderen Ortsteilen ein neuer Bezirk, der Kreuzberg. Das Tempelhofer Feld hatte Friedrich der Große als Exerzierplatz eingerichtet, erst später kaufte der Militärfiskus das Gelände. Dadurch kamen einige Tempelhofer Bauern zu Geld und konnten sich Villen bauen. Eine Geschichte vom Umfang der Schöneberger Millionenbauern wiederholte sich hier aber nicht.

Im Dorf Tempelhof sind die eindrucksvollen spätklassizistischen Häuser in der Neuen Straße die ältesten Zeugnisse der großstädtischen Bebauung, errichtet von der Berlin-Tempelhofer Baugesellschaft. Als das Dorf und die Ländereien um das Gut Tempelhof an einen Bankier verkauft wurden, war der Weg von der Landwirtschaft zur großstädtischen Bebauung vorgezeichnet.



Die Disconto-Gesellschaft - eine der größten deutschen Banken, die später mit der Deutschen Bank fusionierte - war hier eingestiegen in der Hoffnung, durch Parzellierung und Bebauung des Geländes ein gutes Geschäft zu machen, so wie andere Terraingesellschaften das vorgemacht hatten. Sie stellte einen Bebauungsplan für herrschaftliche Villen auf, doch dann kam der "Gründerkrach" von 1873, die Bodenspekulation ging nicht auf, Tempelhof wurde kein Ort für die reichen Berliner. Trotzdem wehrte sich die Tempelhofer Gemeindevertretung lange gegen ein Bauvorhaben für Fabrikarbeiter. Erst 1905 konnte der Berliner Spar- und Bauverein den genossenschaftlichen Reformwohnungsbau im Straßenkarree Alt-Tempelhof/Stolbergstraße verwirklichen.

Durch die 1872 eröffnete Ringbahn und eine Pferdestraßenbahn von Berlin entwickelte sich Tempelhof zu einem von den Berlinern geschätzten Ausflugsziel. Bei starkem Schneefall im Winter war die Pferdebahn eine besondere Attraktion, weil sie mit Korbschlitten betrieben wurde, ähnlich wie Touristen das heute aus Madeira kennen, nur mit Pferd davor. Am Mehringdamm stieg man in den Schlitten für 12 Personen und dann ging es "im lustigen Trab bei Schellengeklingel hinaus auf die Chaussee, zu deren Seiten sich die weiten schneebedeckten Flächen des Tempelhofer Feldes hinziehen". Von dieser Pferdebahn wird auch berichtet, dass sie einmal mit einem Luftfahrzeug zusammengestoßen ist. Ein Ballon des Luftschifferregiments hatte sich losgerissen und schleifte einen Kabelwagen hinter sich her, der dann mit einem Pferdewagen kollidierte.

Der Ausflugsverkehr brachte "Gesindel zu allerley Festivitäten in großen Scharen herbey", so dass die Erntewagen und landwirtschaftlichen Fahrzeuge nicht mehr durchkamen. Dafür erlebte die Gastronomie eine Blütezeit, auch wenn die "Zügellosigkeit" der Besucher "bis aufs höchste stieg". Im Eckhaus Tempelhofer Damm/Alt-Tempelhof betrieb Traugott Kreideweiß ein beliebtes Vergnügungs- und Ausflugslokal, das auch die Offiziere vom Exerzierplatz besuchten. Zu seinen Logiergästen gehörten Bismarck, Roon und Moltke. Auf diesem Grundstück steht heute das großstädtische Wohn- und Geschäftshaus "Zum Kurfürsten", das die Inhaber eines Steglitzer Baugeschäfts am Ende der Kaiserzeit errichteten. Sie integrierten einen Gastronomiebetrieb mit Restaurants und Saaltrakt in ihren Bau. Der Festsaal - man sieht von außen die ungewöhnlichen Fensterachsen in der Fassade - ist mit einer Bühne und Emporen ausgestattet. Franz Hessel beklagte "im heutigen Tempelhof die schrecklichen Eilbauten aus der Zeit nach 1870 im Bauunternehmer- und Maurermeistergeschmack", diesen architektonisch und gestalterisch außergewöhnlichen Eckbau kann er damit nicht gemeint haben.

Am Metzplatz kaufte der Militärfiskus Gelände, um ein Garnison-Lazarett zu errichten. Den Bau errichtete Martin Gropius zusammen mit seinem Sozius Schmieden aus Pavillons, die durch Gänge mit dem Zentralhaus verbunden sind. Das Lazarett lag zwar außerhalb der Stadt, hatte aber eine Haltestelle der Pferdebahn und konnte so für Verwundetentransporte schnell erreicht werden. Die Klinik gehört heute als Wenckebach-Krankenhaus zum Vivantes-Konzern und ist vor ein paar Jahren an einer Schließung vorbeigeschrammt. Der Name Metzplatz verweist so wie einige andere Straßenbenennungen in Berlin auf den siegreichen Krieg gegen Frankreich 1870, dessen Orte gern als Trophäen auf Straßenschildern gezeigt wurden.

Am Tempelhofer Damm steht das Rathaus des Bezirks, das 1938 eingeweiht wurde. Tempelhof ist eine kleine Bürgermeisterschmiede Berlins, denn sowohl der ehemalige Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit als auch sein Nachfolger Michael Müller kommen aus dem Altbezirk Tempelhof und haben hier ihre ersten politischen Schritte in der Kommunalverwaltung gemacht.

Ziegenböckchen oder Eule? Auf dem Brunnen im Franckepark hinter dem Rathaus stand die Plastik eines Ziegenböckchens. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg für die Waffenherstellung eingeschmolzen und in den 1960er Jahren durch eine Eule ersetzt. Und wieder führte der Materialwert zum Verlust, Metalldiebe entwendeten die Eule, sodass das Bezirksamt über eine Nachbildung des ursprünglichen Ziegenböckchens nachdachte. Wir sehen heute eine Eule auf dem Brunnen und wissen, wie die Entscheidung ausgegangen ist.



Womit wurden die weißen Tasten des Klaviers belegt? Mit Elfenbein. Der Fabrikant Theodor Francke betrieb am Tempelhofer Damm eine Elfenbeinschneideanstalt. Die geschnittenen Plättchen wurden in Glashäusern gebleicht. Das Fabrikgelände ließ er später in einen Privatpark mit Wildgehege und Rodelhügel umgestalten, den heutigen Franckepark. Mebes und Emmerich bauten eine Wohnhausgruppe mit haushohen dreieckigen Erkern in der Fassade an den westlichen Rand des Parks.

Für unser heutiges Flaniermahl haben wir uns einen Italiener in der Wenckebachstraße ausgesucht. Etwas kühl und hallig ist der Gastraum, da wird das Lachen einer Gruppe von Frauen am Nebentisch so verstärkt, dass wir uns bei deren Schluchzen und Röcheln besorgt umschauen. Der Ober bleibt nach Öffnen der Speisekarte neben unserem Tisch stehen, um jede als Bestellung zu deutende Regung von uns aufzunehmen. Das Essen ist gut, der Wein schmeckt.
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(Textversion und Bilder-Update vom 9. November 2015)

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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