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Ostwind und Nordlicht


Stadtteil: Reinickendorf
Bereich: Paddenpuhl-Siedlung und Lettekolonie
Stadtplanaufruf: Berlin, Lampesteig
Datum: 7. Mai 2012

In 30 Tagen wird der Flughafen Tegel geschlossen, dann wird man das faszinierende und ängstigende Bild nicht mehr sehen können, wie die Flugzeuge knapp über den Hausdächern am Kurt-Schumacher-Platz einschweben (1). Wir machen uns also auf den Weg, die letzten Landungen mit der Kamera einzufangen. Doch dann kommt alles ganz anders: Nur bei Westwind fliegen die Maschinen über den Kurt-Schumacher-Platz ein, bei Ostwind kommen sie von Spandau herein - und heute ist Ostwind. Zwei Tage später erfahren wir: Wir haben noch viel Zeit, die entgangenen Aufnahmen nachzuholen - der neue Flughafen in Schönefeld wird nicht rechtzeitig fertig.

An der Meteorstraße kommen wir dem Tegeler Flughafen am nächsten. Vorher haben wir die Nordlichtstraße passiert, die nach dem Polarlicht auf der Nordhalbkugel benannt ist. Das helle Licht, das gerade durch die schwarzen Wolken bricht, ist eine nette Inszenierung, um uns den Straßennamen näher zu bringen. Die Flugzeuge, die heute Richtung Osten starten, haben über der Meteorstraße schon mehr Höhe erreicht als die landenden bei Westwind am Kurt-Schumacher-Platz. Für die Bewohner, die mit den Flugzeugen leben, wird die lähmende Stille wohl bedrückend sein, wenn der Flughafen umgezogen ist.

Aber die Flugzeuge sind heute nicht unser einziges Ziel, auch wenn wir sie weiterhin über uns sehen, als wir die Siedlung Paddenpuhl und die Umgebung des Letteplatzes erkunden. Der Paddenpuhl heißt heute Breitkopfbecken und ist der Mittelpunkt einer Wohnanlage aus den 1920er Jahren. Das städtebauliche Konzept und die expressionistischen Bauten wurden von dem Schöneberger Architekten Fritz Beyer (2) entworfen, der mehrfach - wie auch hier - mit der stadteigenen Heimstättengesellschaft "Primus" (3) zusammengearbeitet hat. Das städtebauliche Siedlungsmuster umschließt den See und die Parkanlagen, die der Charlottenburger Stadtgartendirektor Erwin Barth entworfen hat. Die Siedlung wurde bis 1935 in mehreren Phasen gebaut und in den 1950er Jahren ergänzt. Während alle nachfolgenden Bauten schlicht gestaltet sind, hat Beyer in der ersten Bauphase die Putzflächen seiner Häuserblocks durch mehrfach farbig abgesetzte Fenster, orientalisch anmutende gezackte Bögen und andere ungewöhnliche Details belebt. Die Nachkriegsbauten sind in ihrem Design erkennbar der Zeit der Nierentischidylle zuzuordnen.

An der Pankower Allee treffen wir auf die ältesten planmäßigen Siedlungsbauten in Reinickendorf. Die Terraingesellschaft Westend legte in den 1870er Jahren auf der Trasse des alten Pankower Holzweges die Letteallee an, parzelliere das Terrain und baute Doppelwohnhäuser mit Stallgebäuden hier und an der angrenzenden Pankower Allee. Zehn Jahre vorher hatte sie - wie ihr Name vermuten lässt - große Flächen in Westend aufgekauft, parzelliert und für Wohlhabende bebaut. Die kleinteilige Parzellenstruktur der Lettekolonie in Reinickendorf deutet bereits darauf hin, dass hier ein Wohngebiet für das mittlere Bürgertum angelegt wurde. Nach dem Vorbild englischer Cottages wurden zweigeschossige Häuser mit zurückgesetztem Mittelteil errichtet, die Giebel beider vorgezogener Seitenteile zeigen zur Straße.

Ab 1896 führte eine Pferdeeisenbahnlinie von Charlottenburg zum Schäfersee, das Straßenbahndepot wurde an der Pankower Allee Ecke Kühleweinstraße angelegt. Eine Halle mit sieben Rundbogentoren ist noch erhalten, das tragende Eisenfachwerk wurde mit einer roten Ziegelfassade verblendet. Zu einer Zeit, als man allgemein Ziegeln mehr Tragfähigkeit als dem modernen Werkstoff Eisen zutraute, wurde so das vertrauenserweckende Material nach außen visualisiert, obwohl es tatsächlich keine tragende Funktion hatte. Auch Peter Behrens hat das 1909 an seiner AEG-Turbinenhalle so gemacht, dass die mächtige Säulenkonstruktion an der Giebelseite zwar Kraft und Macht zeigten, die Halle aber tatsächlich durch im Verhältnis dazu zierliche Metallkonstruktionen (Dreigelenkbinder) an den Längsseiten getragen wurde. Man muss man in zunehmendem Maße das Bild hinterfragen, das die Architektur uns vermittelt, denn Architektur ist immer auch Emotion, die bautechnische Wahrheit ist oft in einer tieferen Schicht verborgen.

Das viergeschossige Wohnhaus gegenüber an der Kühleweinstraße stammt ebenfalls aus der Zeit der Jahrhundertwende. Dessen Dachgauben mit spitzem Satteldach und verziertem Gebälk sind eine ländliche Anmutung an das ansonsten in städtischem Bauvolumen mit voller Grundstücksausnutzung errichtete Gebäude.

Die Reginhard-Grundschule an der Pankower Allee öffnet ihren Hof zur Lettestraße. Dort kann man am Zaun das Ergebnis der "Letteparade" ansehen. Schüler der 6.Klasse haben ihre Mitbürger interviewt und daraus eine Typologie abgeleitet. Zu jedem Typus - oder sollte man Typen sagen - werden Geschlecht, Alter, Herkunft, Verhalten, Interessen erläutert und eine Zeichnung beigefügt. Das liest sich dann beispielsweise so:

Bild einer alten Frau mit Hund, Textauszug: weiblich, 60 - 80 Jahre alt, Rentnerin, früher Lehrerin, Schneiderin, Sekretärin. Wählt CDU, Piraten oder Grüne. Hobbies: auf Enkelkinder aufpassen, Sudoku. Läuft schüchtern und langsam. Schülerurteil: "Früher dachte ich, dass die alte Frau böse und gemein ist, aber jetzt denke ich, dass sie viel Geschichte erlebt hat und dass sie nett ist".

Bild eines bärtigen Mannes mit Hund und Flasche: überwiegend männlich, 30 - 60 Jahre alt, Deutscher, Hartz IV, vorher Kraftfahrer oder Friseur. Schöne Kindheit, schlechte Kindheit, hat kein Geld, wurde rausgeschmissen von Zuhause. Lebt auf der Straße. Zurückhaltend, schüchtern, besoffen. Schülerurteil: "Früher dachte ich, dass die jeden schlagen wegen eines Kleinigkeit. Jetzt weiß ich, dass man mit denen ganz normal reden kann".

Weitere Beispiele: Türkin oder Araberin, 30 - 50 Jahre, freundlich, telefoniert viel, trägt Sachen, die den Körper verdecken. Cool aussehende, joggende Männer zwischen 20 und 30 aus Polen, Nordafrika oder Deutschland. 15- bis 30-jährige Frauen, die stylisch aussehen und laufen wie ein Topmodel. 2- bis 5-jährige Kinder aus Deutschland, Türkei, Arabien, China, die auf dem Letteplatz spielen und manchmal gemein aussehen aber echt voll nett sind.

Kompliment an die Lehrer: Mut zu einem heißen Thema. Statt Vorurteilen zu folgen, schauen die Kinder nach diesem Projekt genau hin. Erziehung ist immer auch eine Sache der Phantasie und der Begeisterung.

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(1) Mehr über den Flughafen Tegel: Flughafen Tegel
(2) Mehr über den Architekten Fritz Beyer: Beyer, Fritz
(3) Die stadteigene Heimstättengesellschaft "Primus" hat beispielsweise auch die "Weiße Stadt" errichtet:
Ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind die Bilder der Reginhard-Grundschule ...
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Unsere Route
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