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Thälmann und Sternenhimmel


Stadtteil: Prenzlauer Berg
Bereich: Ernst-Thälmann-Park
Stadtplanaufruf: Berlin, Ella-Kay-Straße
Datum: 3. Dezember 2012

Im Traum sah ich Ernst Thälmann, heut Nacht um vier /
Da stand er, von Menschen umringt. Dann schaute er zu mir /
Nicht überlebensgroß war er, nicht aus Bronze, nicht aus Stein /
Ein Mensch gradlinig, unbeugsam. Sein Blick - lud mich ein!

Das war wirklich nur ein Traum der Nümmes Straßenrockband, denn wer heute Thälmann sehen will, geht zu dem 14 Meter hohen Denkmal an der Greifswalder Straße, das eben doch überlebensgroß ist, so als würde man acht Menschen übereinander stellen. Eine ganze Bronze-Jahresproduktion der DDR wurde hier verballert, 50 Tonnen massive Bronze, selbst für kleine Bronzemedaillen war dann kein Rohstoff mehr vorhanden. Der Kult um den Arbeiterführer Ernst Thälmann erreichte damit drei Jahre vor dem Ende der DDR seinen Höhepunkt. In demselben Jahr 1983, als Franz-Josef Strauss einen Millionenkredit für die DDR einfädelte, mit dem der finanzielle Kollaps des Staates verhindert wurde, begann in Ost-Berlin dieser übermächtige Erinnerungsbau, der nach außen hin die Macht der DDR zeigen sollte.

"Seid bereit ihr Pioniere, wie Ernst Thälmann treu und kühn" sangen die Jungen Pioniere. In den Schulen hatte die Thälmann-Verehrung sakrale Züge angenommen, jede Schule hatte ein Traditionszimmer und eine Thälmann-Ecke, in der Erinnerungsstücke wie Reliquien in Vitrinen ausgestellt wurden. Ernst Thälmann war Reichstagsabgeordneter und seit 1925 Parteivorsitzender der KPD. Für das MDR Wissensmagazin war Thälmann "ein Provinzpolitiker mit demagogischem Talent", der von Stalin gesteuert wurde. Nach dem Reichstagsbrand 1933 haben die Nazis Thälmann verhaftet und bis zu seiner Ermordung 1944 nicht wieder freigelassen. Seine Frau stellte die Nachrichtenverbindung mit dem "großen Bruder" in Moskau her, daher wusste er, "die Partei sieht mich lieber drinnen als draußen, da es sonst mit ihrer Propaganda aus ist". Ulbricht ließ ihm kühl mitteilen, "wir leben heute in einer Zeit, in der deine Stimme aus der Haft gebraucht wird", auch Stalin unternahm nichts, um ihn frei zu bekommen.

So wurde Thälmann zum Märtyrer. Ulbricht kam als Emigrant aus Moskau nach Berlin zurück, stieg hier zum Partei- und Regierungschef der DDR auf. Jetzt glorifizierte er Thälmann als "Freund und Kampfgefährten", obwohl der ihn als "Hasardeur" verachtet hatte. Auch Honecker inszenierte sich später bei der Einweihung des Denkmals als Thälmann-Freund, tatsächlich war er ihm nur einmal begegnet. Das Denkmal wurde bei einem sowjetischen Künstler in Auftrag gegeben, Thälmann reckt dem Betrachter geballte rechte Faust entgegen. Aus dem Gefängnis ist seine verbitterte Erkenntnis überliefert "ihr Sch...kerle lasst mich hier im Stich", vielleicht drohte er deshalb symbolisch mit der Faust der DDR-Führung, die jeden Tag auf der Protokollstrecke von Ost-Berlin zu ihrer eingezäunten Wohnburg in Wandlitz an ihm vorbeifuhr. Nach der Wende blieb das Denkmal zunächst sich selber überlassen, es sollte abgerissen werden, Graffiti wurden draufgesprüht. Den Zustand kommentierten Unbekannte durch ein Schriftband „Eingekerkert, Ermordet, Beschmiert“ auf dem Denkmal. Inzwischen wurden die Abrisspläne aufgegeben, es ist jetzt unter Denkmalschutz gestellt.

Zwischen Greifswalder Straße und Prenzlauer Allee - eingerahmt vom Thälmann-Denkmal und dem Zeiss-Planetarium - verbirgt sich in einem Park eine sozialistische Mustersiedlung, die bis heute ihren Charakter bewahrt hat und so ganz anders ist als die Gründerzeitbauten und die Nachwende-Investorenprojekte im Umkreis. Unter Leitung des DDR-Architekten Erhardt Gißke, der auch am Friedrichstadtpalast, dem Bettenhaus der Charité und dem Palast der Republik mitgearbeitet hat, entstand eine Plattenbausiedlung neuen Stils. Hier kann man sehen, dass mit vorgefertigten Bauelementen H-förmige Gebäudegrundrisse, Hausvorsprünge mit dreieckigen Balkons, verglaste Loggien und Maisonette-Wohnungen mit verglasten Ateliers gebaut werden konnten. Läden, Gaststätten, eine Schule, eine Kita, eine Sporthalle, eine Schwimmhalle gehörten zu dem Ensemble. 4.000 Bewohner zogen hier ein, für jeden wurde ein Baum gepflanzt. Alle Wohnungen sind vermietet, es gibt keinen Leerstand, wegen der gestiegenen Ansprüche an die Wohnflächen leben heute 2.500 Menschen hier, davon ein Viertel von Anfang an.

Für das Thälmann-Denkmal und die Wohnanlage wurde das älteste Berliner Gaswerk an der Ecke zur Danziger Straße gesprengt (--> 1). Im Boden blieben Phenole, Benzol, Ammonium und Cyanide, die nach der Wende entsorgt werden mussten. Seit 2004 filtert eine Reinigungsanlage das Grundwasser, mehrere Tonnen Schadstoffe wurden bisher geborgen, und die Anlage läuft weiter.

Das Zeiss-Großplanetarium und der Thälmann-Park mit seiner Wohnanlage wurden 1987 von Ost-Berlin präsentiert, als Berlin zweimal 750 Jahre Stadtjubiläum feierte - einmal im Osten, einmal im Westen - gleichzeitig, aber ohne Verbindung miteinander. Kommt man durch den Thälmann-Park, dann beherrscht die Kuppel des Planetariums mit 30 Metern Durchmesser den Blick zur Prenzlauer Allee. Im Innern gibt es einen künstlichen Sternhimmel, die Kuppel ist die Projektionsfläche. Sie lässt sich nicht öffnen wie bei einer Sternwarte, die ihr Fernrohr in den Himmel richtet und vielleicht durch Wolken am Blick auf die Sterne gehindert wird. Man kann bei einem Raumflug auf Venus und Mars zwischenlanden oder andere Streifzüge durch die Welt der Astronomie verfolgen. Der Kinosaal im Untergeschoss wurde zeitweilig zum Odyssee-Kino und zum Spatzenkino, oben unter dem Sternenhimmel kann man Hörspielkino erleben. Programme für Kinder und Schulklassen werden angeboten, Bildung, Erholung und Entspannung in einem multimedialen Ansatz sollen die Besucher ansprechen.

Durch den Prenzlauer Berg führen drei Radialstraßen nach Norden, die ihr Ziel bereits im Namen tragen: die Greifswalder Straße, die Schönhauser und Prenzlauer Allee (--> 2). Von Krieg und Bombenschäden zumeist verschont geblieben, zeigt das Gebiet ein weitgehend intaktes Stadtbild des 19. und 20.Jahrhunderts. Der Prenzlauer Allee nach Norden folgend, können wir natürlich nicht an der Wohnstatt Carl Legien von Bruno Taut vorbei gehen, die zum Weltkulturerbe gehört (--> 3). Taut hat hier eine Großsiedlung mit hoher Bebauungsdichte geschaffen, die trotzdem aufgelockertes Wohnen im Grünen ermöglicht - eine Meisterleistung, die gegenläufigen Ansprüche "verdichtet" und "aufgelockert" miteinander zu vereinen. Eine Pianofabrik und das Pumpwerk XI des Berliner Radialsystems (--> 4) lohnen, weiter in die Erich-Weinert-Straße hineinzugehen. Unser Spaziergang endet an der Stargarder Ecke Greifenhagener Straße. Hier steht eine weitere Wohnanlage von Alfred Messel, die malerisch mit Balkons, Loggien, Erkern, Türmchen und Ornamenten geschmückt ist. Die Messelsche Idee vom Reformwohnungsbau wird im Inneren besonders deutlich. Dem Mangel an Kleinwohnungen um 1900 wurden Ein- und Zweizimmerwohnungen mit Küche und - zu dieser Zeit sehr fortschrittlich - Toiletten entgegengesetzt. Im Innenhof baute Messel einen Gemeinschaftssaal mit angeschlossener Bibliothek.

An der Schönhauser Allee können wir uns entscheiden, ob wir zur U-Bahn auf den "Magistratsschirm" aufsteigen oder die S-Bahn nehmen, die hier in einer Vertiefung fährt.

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(1) Altes Gaswerk an der Danziger Straße: Engländer von Gas umgeben
(2) Mehr zur Schönhauser Allee: Schönhauser Allee
(3) Ein früherer Besuch in der Wohnstatt Carl Legien: Plüschsofaherrlichkeit und Mottenkrimskrams
(4) Mehr über die Pumpwerke des Radialsystems: Pumpwerke und Rieselfelder


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Rinderauktionshalle
Schlossbaustelle unter Wasser