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Schlag recht viel Miete raus


Stadtteil: Prenzlauer Berg
Bereich: Choriner Straße
Stadtplanaufruf: Berlin, Lottumstraße
Datum: 4. Februar 2013

Auch in dieser Woche sind wir wieder im Prenzlauer Berg unterwegs. Vor der Berliner Stadtmauer entstand im 19.Jahrhundert ein neues Stadtviertel, geprägt durch den Wohnungsmangel während der Industriellen Revolution, als immer mehr Menschen vom Land Arbeit in den neuen Fabriken in der Stadt fanden. Im Zweiten Weltkrieg blieb der Prenzelberg weitgehend von Bomben verschont, so dass die Bebauung wie ein Museumsdorf der Gründerzeit am Wege liegt.

Die Bebauung des Prenzelbergs begann direkt vor der Stadtmauer (Akzisemauer) – deren Verlauf durch die Torstraße markiert wird - und setzte sich dann immer weiter nach Norden fort. Am südlichen Ende der Choriner Straße und ihrer Querstraßen wie der Lottumstraße finden wir die ältesten Bauten dieses Quartiers. Der Bau und die Bewohnergeschichte des Hauses Lottumstraße 11 wurden 1994 analysiert und dokumentiert (1), dieses Beispiel lässt Rückschlüsse auf die Entwicklung des Quartiers zu. Erbaut wurde das Haus 1863 an der unbefestigten Straße, die direkt parallel zur Stadtmauer verlief. Es gab noch keine Kanalisation, erst 1885 waren die großen Alleen angeschlossen, die Querstraßen folgten später (2). Auch Hobrechts Planung für das Berliner Straßennetz lag noch nicht vor, nur einige Feldwege erschlossen das Gebiet nördlich der Stadtmauer. Die Klosetts des Hauses Lottumstraße 11 befanden sich auf dem Hof, eine Grube nahm die Fäkalien auf. Beim Öffnen der hofseitigen Fenster drang der Geruch in die Wohnungen, lüften konnte man hier nicht. In der Untersuchung heißt es: "Die hygienischen Bedingungen bis zum Bau der Kanalisation lassen uns Heutige schaudern".

Das viergeschossige Gebäude ließ sich durch Versetzen oder Herausnehmen der dünnen Trennwände beliebig in Dreizimmer-, Zweizimmer- oder Einzimmerwohnungen aufteilen. Der Hauseigentümer konnte damit seine Rendite aus der Vermietung stetig maximieren. Anhand der Adressbücher bis 1893 ließ sich ein Profil der Bewohnerschaft erstellen und um die nicht verzeichneten Ehepartner, Kinder, Untermieter und Schlafgänger hochrechnen. Wohnten beim Erstbezug 60 Menschen in dem Haus, so stieg die Zahl in den nächsten 27 Jahren auf 90 Bewohner. Die Menschen mussten zusammen rücken, um die horrenden Mieterhöhungen bewältigen zu können. Trotzdem hatte in sieben Jahren bis 1893 nur die knappe Hälfte der Mieter gewechselt.

Um die Ecke im Vorstädtischen Theater an der Zehdenicker Straße wurde 1865 die Posse "Hauswirt und Mieter" aufgeführt, das Lied "Ein neues Haus laß ich mir baun" nimmt den Mietwucher aufs Korn:

"Herr Architekt, baun Sie mir´n Haus
wo ich schlag recht viel Miete raus
sind ooch die Stuben schmal und klein
Fünf Stock hoch kann es immer sein
Doch muß es etwas schnelle gehn
Und bald uff diese Stelle stehn
Vier Wochen haben Sie Zeit
So ist es Anno heut
Ja heute! heute! heute!"

Vor dem Rosenthaler Tor gab es mehrere Theater, die oftmals ihre Namen wechselten. Theatergebäude wurden abgerissen und durch Wohnhäuser ersetzt, wenn der Betrieb sich nicht mehr lohnte. Bevor Ernst Lifaß sich mit den nach ihm benannten Anschlagsäulen unsterblich machte, versuchte er sich als Schauspieler und gründete das Theater „Lätitia“ vor dem Rosenthaler Tor. 1848 beantragte Ludwig Gräbert eine Konzession für das Vorstädtische Theater in der Zehdenicker Straße. 1882 wurde das Haus dann abgerissen, zu dieser Zeit hieß die Bühne "Germania-Theater". Das Vorstädtische Theater spielte jetzt auf dem Wollankschen Weinberg (Weinbergspark). Die Witwe von Ludwig Gräbert brachte den Laden zum Brummen, indem sie Theaterstücke, Schmalzstullen und Bier miteinander kombinierte.

Die "Gartenlaube" schrieb 1863 über Mutter Gräbert, wie sie jetzt genannt wurde: "Nach wie vor schmierte sie daher Butterbrod, verkaufte sie Schinken, Wurst und Käse, schenkte sie Weißbier und Bairisch aus, während sie die Leitung des Theaters mit Hülfe eines umsichtigen Regisseurs fortführte, mit der einen Hand den Küchenlöffel, mit der andern Hand den Directionsstab schwingend, bald einem Kunden ein frisches Seidel, bald einem ihrer Schauspieler eine neue Rolle verabreichend".

In der Zehdenicker Straße entstand eine Mischnutzung von Miethäusern, Gewerbebauten und einer Gemeindeschule. Die Fassade der Schule wurde glattgeputzt, nur ein Bärenwappen verweist auf den Baumeister Hermann Blankenstein (3). An manchen Wohnhäusern sind die wohlproportionierten Fassadengestaltungen der 1880er Jahre erhalten, andere wurden "entstuckt". In einer sechsgeschossigen Etagenfabrik am Ende der Straße arbeitete eine Großwäscherei, dann waren hier die Kostümschneiderei und Kulissenwerkstatt der Komischen Oper untergebracht, zur Zeit läuft der Umbau zu "Opernlofts" ("Lebensräume für individuelle Lebensstile"). Nebenan sind die “Choriner Höfe” entstanden, im Innenbereich zwischen Choriner und Zehdenicker Straße wurden neun Häuser auf einer Brachfläche in der Größe eines knappen Fußballfeldes errichtet. "The fine Art of Living" preist sie der Investor, "Kein feines Leben für Nachbarn" meinen die vom Baugeschehen gestressten Anwohner. Ein gefälschter Flyer wollte ihnen den Umzug nach Hohenschönhausen schmackhaft machen - manchmal eskalieren die Auseinandersetzungen.

Wenn heute ein Architekt Anschauungsobjekte für vorbildliche Ecklösungen von Gebäuden sucht, dann sollte er diesen Kiez anschauen. Viele Häuser inszenieren die Ecke, überhöhen sie, oder sie schneiden ihre Spitze ab, um an deren Stelle mit Vorsprüngen und Erkern das Gebäude zu beide Seiten in die anliegenden Straßen zu integrieren. An der Choriner Ecke Zehdenicker Straße ist statt einer Hausecke eine Diagonale des Grundrisses unbebaut, an ihr entlang läuft die Gebäudefront, dadurch wird die Kreuzung zu einem Platz aufgeweitet. In Barcelona wurden die Abschrägungen der Grundstücke an allen vier Straßenecken auf eine Länge von 20 Metern in den 1860er Jahren eingeführt, an den Straßenkreuzungen entstanden kleine Plätze, die die Bebauung auflockern.

Die Choriner Straße und ihre Parallelstraßen steigen zum Prenzlauer Berg stark an, hier sind die Etagen nebeneinander liegender Häuser höhenmäßig versetzt, auch an den Gebäudesockeln sieht man den Steigungswinkel. Der Prenzlauer Berg ist kein Berg, sondern eine Hochfläche des Barnim. Die Mitte Berlins liegt in einem Einschnitt, einem Urstromtal, das durch eiszeitliche Gletscher geschaffen wurde. Es ist immer wieder spannend, plötzlich an der Kante zu stehen, von der aus das Gelände zur Innenstadt hin abfällt oder zu den Hochflächen aufsteigt (4), die Lottumstraße läuft entlang eines solchen Oberflächenknicks.

An unserem Weg nach Norden liegt der Teutoburger Platz, angelegt vom Berliner Stadtgartendirektor Erwin Barth (5). Die katholische Herz-Jesu-Kirche an der Fehrbelliner Straße mit Zugang zur Schönhauser Allee ist in der Umgebung des Teutoburger Platzes immer wieder im Blick. Das Kirchengebäude im frühchristlich-byzantinischen Stil wird von der "Gemeinschaft Chemin Neuf" genutzt, die eine ökumenische Verbindung aller Christen mit einem "Net for God" (Gottesnetzwerk) herstellen will. "Ehepaare, Familien, zölibatäre Brüder und Schwestern haben sich entschlossen, sich auf das Abenteuer des Lebens in Gemeinschaft einzulassen, um sich - dem armen und demütigen Christus nachfolgend - in den Dienst der Kirche und der Welt zu stellen" - ein hoher Anspruch im eher atheistischen Berlin.

Der kleine Park an der Rückseite der Gustave-Eiffel-Schule wird von zwei Brandwänden flankiert, das Wandbild auf der rechten Seite weckt unsere Aufmerksamkeit. Gerd Neuhaus hat in Berlin viele Brandwände mit Reißverschlüssen, Verzierungen, Durchdringungen, Architektur-Illusionen von ihrem Grau befreit. An der Choriner Straße 46 ist es ein Werk des Trompe-l’œil („täusche das Auge“). Sind die Säulen echt oder gemalt? Welches Fenster lässt sich öffnen? Die Brandwand auf der anderen Seite der Grünfläche zeigt Graffiti Art. "Wo ist die Mieze?" fragt Little Lucy und legt das Gewehr an. Die Katze hat es ihr angetan, aber unschuldig ist Little Lucy nie. Mal dient die Katze als Sitzfläche einer Schaukel, mal hängt sie am Strick um den Hals, mal wird sie getoastet oder mit dem Hackebeilchen in zwei Stücke zerteilt, El Bocho treibt hier mit Streetart seinen skurrilen Schabernack .

Die Choriner Straße mündet direkt gegenüber der Kulturbrauerei in die Schönhauser Allee (6), hier ist es Zeit, unseren Stadtspaziergang zu beenden.

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(1) Untersuchung der Lottumstr.11 von Frau Prof. Dr. Dolff-Bonekämper, Technische Universität Berlin, veröffentlicht im Jahrbuch 1994 für Denkmalschutz und Denkmalpflege. Ich möchte hier eine persönliche Bemerkung anschließen: Im Rahmen des TU-Projekts "nachberufliche Aktivitäten" besuche ich seit mehreren Jahren Vorlesungen und arbeite mit in Seminaren zu Architektur, Stadtentwicklung, Kunstgeschichte, gelegentlich auch Geschichte, Sprachwissenschaft und Philosophie. Themen und Erkenntnisse kommen 'Flanieren-in-Berlin' zugute, wofür ich der TU hier 'danke' sagen möchte.
(2) Bilder des Pumpwerks für die Kanalisation im Prenzlauer Berg (Radialsystem XI): Bildergalerie 2
(3) Mehr über Hermann Blankenstein: Blankenstein, Hermann Stadtbaurat
(4) Mehr über das Urstromtal: Urstromtal
(5) Mehr über Erwin Barth: Barth, Erwin Stadtgartendirektor
(6) Mehr über die Schönhauser Allee: Schönhauser Allee


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Wo die Bilder laufen lernten
Wer war Rudolf Mücke?