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Wo die Bilder laufen lernten


Stadtteil: Prenzlauer Berg
Bereich: Kastanienallee
Stadtplanaufruf: Berlin, Kastanienallee
Datum: 28. Januar 2013

Durch eigene Kraft zu Reichtum und Ansehen zu kommen, vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist der "American Dream", den vor allem Einwanderer verwirklichen konnten. In Russland sammelten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Oligarchen schier unglaublichen Reichtum an, konsequent und skrupellos nutzten sie den Umbruch zum Kapitalismus für ihren Aufstieg. Als in Berlin im 19.Jahrhundert die industrielle Revolution die Menschen in Scharen vom Land in die Stadt zog, verkauften Bauern ihre Äcker als teures Bauland für die dringend benötigten Wohnungen und wurden so zu "Millionenbauern" (--> 1). Der Berliner "Eisenbahnkönig" Bethel Henry Strousberg baute Eisenbahnstrecken in ganz Europa, vom Waisenkind führte sein Weg zum Millionär (--> 2). Als Strousberg 1823 geboren wurde, kaufte Wilhelm Griebenow gerade ein pleite gegangenes königliches Vorwerk (Ackerland) vor den Toren der Stadt, um es zu parzellieren. Vom Ackerbürger zum Millionär - das war Griebenows Version vom Traum des sozialen Aufstiegs. Bitter musste er dann erfahren, dass sich Standesgrenzen zu seiner Zeit nicht überwinden ließen. Beim Kauf des Guts in Groß-Leuthen wurden ihm die Privilegien versagt, die adligen Gutsbesitzern zugestanden wurden. Erst seine Töchter konnten durch Heirat die Standesgrenze überwinden, so brachte Anna Pauline Griebenow das Geld in die Ehe, mit dem Freiherr von Rüxleben das gemeinsam bewohnte Schloss Biesdorf bauen konnte(--> 3).

Ackerbürger - das waren Bürger der Stadt, die keinem handwerklichen Stand angehörten, sondern im Hauptberuf Äcker außerhalb der Stadtmauer bewirtschafteten. Vor dem Schönhauser und Prenzlauer Tor lagen Äcker und einzelne Weinberge (3a), die den Berliner Gutsbesitzern Büttner-Spiekermann und Bötzow gehörten. Westlich der Schönhauser Allee lagen die Ackerflächen, die Wilhelm Griebenow 1823 erwarb und mit Weitblick entwickelte. Bevor Hobrecht sein Straßennetz für Berlin plante, hatte Griebenow bereits die Idee, Berlin nach dem Vorbild von Paris zu erweitern. Den Weinsbergsweg mit seiner Verlängerung Kastanienallee ließ Griebenow anlegen und die Grundstücke parzellieren. Das Gebiet des heutigen Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks verkaufte er an den preußischen Staat, der es als Exerzierfeld nutzte.

Woher hatte Griebenow das Geld für diesen Landerwerb? Als junger Büchsenmacher zog er mit einem Regiment, das gegen Napoleons Truppen kämpfte. Das war kein Soldatenjob, sondern eine Art Kleinunternehmer bei der Beschaffung und Pflege von Gewehren. Danach beerbte er seine Eltern und heiratete die richtige Frau, die selbst Erbin "eines im Berliner Weichbilde gelegenen Ländereien-Complexus" war. Noch zu deren Lebzeiten zog er zum Schluss mit der unehelichen Tochter eines Tagelöhners zusammen und zeugte mit ihr fünf Kinder. Dieses Hinwegsetzen über die engen Moralvorstellungen der Gesellschaft zeigt, dass er eine unangreifbare soziale Stellung erreicht hatte. Seine Memoiren erschienen als Buch, im Titel findet sich der Hinweis "von ihm selbst geschrieben" (das erinnert an den Eisenbahnkönig Strousberg, dessen Lebensgeschichte ebenfalls "von ihm selbst geschildert" ist). Griebenow ist heute aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden, nicht einmal eine eigene Wikipedia-Seite ist ihm gewidmet.

Auf unserem Spaziergang folgen wir dem Weinbergsweg und der Kastanienallee nach Norden. Das obere Drittel der Kastanienallee von 550 Metern ist in seiner ganzen Länge ein Ensemble von denkmalgeschützten Häusern. Wie schon beim Winsviertel beschrieben, ist der Prenzelberg eine Art Museumsdorf der Gründerzeit, da er weitgehend von Bomben verschont blieb (--> 4).

Die Heilsarmee sitzt an der Kastanienallee 71 in einem Bau von 1881, dessen Fassade reich geschmückt ist. Nach der Wende zum Teil besetzt, soll dieses Haus nach dem Auszug der Hausbesetzer zu einem Vorzeigeobjekt mit attraktiven Wohnungen ausgebaut worden sein. Im "Tuntenhaus" Kastanienallee 86 hatte die Hausbesetzung dagegen zu einem gesicherten Wohnrecht für "die bunte Homo-Welt" geführt, das durch einen Eigentümerwechsel jetzt wieder gefährdet erscheint. Im Hof werden bei einer Tafel Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Als Flaneure stehen wir der Anlieferung der Ware im Wege und geben den Hof nach einigen Blicken und Fotos wieder frei. Das Kino "Lichtblick" ist 1997 aus dem Wedding zur Kastanienallee 77 umgezogen. Filmkunststreifen (Fassbinder, Pasolini, Buñuel, Fellini), Dokumentarfilme und Kiezkino stehen auf dem Programm. Das Kino-Kollektiv zeigt das, was man in anderen Kinos nicht oder nur selten sieht.

Berlins ältester Biergarten, Kastanienallee 7: Im Sommer sitzen hier 600 Menschen unter alten Kastanien, im Winter ist der "Prater" natürlich kein trubeliger Biergarten. Stattdessen fängt sich bei unserem Besuch ein derber Bratkartoffelgeruch im Innenhof. Das "Liegende Paar" von Sabina Grzimek ist von Schnee umgeben, uns fröstelt, wenn wir die beiden so nackt herumliegen sehen. Besucher treffen sich hier in der schönen Jahreszeit mit Freunden, manche mäkeln “überfüllt und massentouristisch”. 1837 war das ein Etablissement am Rande der Stadt, die Kastanienallee war noch ein Feldweg, erst ab 1865 wurde sie bebaut. Im Laufe der Zeit war und wurde der "Prater" Kneipe, Ausflugslokal, Varieté, Volkstheater, Ballsaal, Garten und Versammlungsort. Tingeltangel, Chansonetten, Pantomime, Marionettenspiel, Konzerte, Boxkämpfe und Kinderfeste wurden hier geboten, aber auch gehobenes Theater und Filmvorführungen.

In der Oderberger Straße kümmert das Stadtbad Prenzlauer Berg (4a) äußerlich vor sich hin. Aber im Innern - so bekräftigt ein "Baublog" - seien der Rückbau und die Entkernung in vollem Gange. Seit 1996 ist hier niemand mehr geschwommen, nur während einer Videoperformance wurde es einmal "virtuell" mit Wasser befüllt, vielleicht ist eine Nutzung als Bad aber ab 2015 wieder möglich. Zurzeit wird es als spektakuläre Eventlocation für jede Art von Präsentation vermietet, sei es eine Hochzeit, Kunstausstellung oder Marketingveranstaltung.

Die traurigen Überreste des Hirschhofs an der Oderberger Straße 19 mag man gar nicht ansehen, so wenig hat die gestriegelte öffentliche Freifläche mit dem eigentlichen Widerstandsnest der DDR-Zeit zu tun. In den verwilderten Innenhöfen der Oderberger Straße und Kastanienallee lebte dieses kreative Ost-Berliner Nischenprodukt. Der alternative Veranstaltungsort und geschützte Rückzugsbereich wurde unter gewitzter Einbindung des DDR-staatlichen Wohnbezirksausschusses verwirklicht, eine Hirschfigur aus Metallschrott gab dem Hof den Namen. Nach der Wende haben die unterschiedlichen Grundstückseigentümer kein Interesse daran gehabt, den ursprünglichen Zustand des Hofes zu erhalten.

"Radfahrangebotsstreifen" legt das Bezirksamt beim derzeitigen Umbau der Kastanienallee an. Welche Worthülsen und Wortungetüme doch unsere Sprache möglich macht! Man könnte meinen, in Amtsstuben würde fieberhaft daran gearbeitet, Ampeln in "Lichtzeichenanlagen" und ovale Schilder in "länglichrunde" umzubenennen. Ist das Kreativität oder der Versuch, den Bürger nicht wissen zu lassen, was hier wie geregelt ist? Und diese Angebotsstreifen? Sie sind keine Radwege, bei Bedarf kann jeder darauf fahren, auch halten, aber nicht parken. Doch eigentlich sind sie für Radfahrer vorgesehen und werden nur angelegt, wenn die Fahrbahn für echte Radwege zu schmal ist. Sie sollten die Verkehrssicherheit verbessern und das Radfahren fördern, doch einer amtlichen Untersuchung zufolge gibt es Unfalltypen, die gerade durch diese Schutzstreifen verursacht werden. Trotzdem werden weiterhin "Radfahrangebotsstreifen" angelegt. Noch ein Blick auf den Realitätssinn der Fachleute: "Dem vielfach beobachteten Fahren entgegen der vorgesehenen Fahrtrichtung soll durch die Markierung von Richtungspfeilen entgegen gewirkt werden". Es handelt sich doch nicht um eine Wissens- oder Erkenntnislücke, die man schließen muss, sondern um bewusste Übertretung, da helfen keine Pfeile. Radfahrer, die ohne Licht fahren und rote Ampeln als Ansporn betrachten, werden auch durch einen entgegengesetzt zeigenden Richtungspfeil nicht aufgehalten. Dies ist übrigens nicht als genereller Affront gegen Radfahrer gemeint, rücksichtslose und leichtfertige Autofahrer haben wir als Flaneure genauso im Blick. (Statt leichtfertig kann man auch fahrlässig sagen, das trifft schon vom Begriff her: fahr-lässig).

"Wie Papa den Kintopp erfunden hat" heißt der erste Akt des Films "Die Gebrüder Skladanowsky", an dem Wim Wenders mitgewirkt hat. WO Papa den Film erfunden hat, kann man auf der kleinen Mittelinsel ergründen, die am Ende der Kastanienallee an der Einmündung in die Schönhauser ein Pflastermosaik enthält. Es zeigt auf das Eckhaus, auf dessen Dach die Brüder Max und Emil Skladanowsky 1892 mit ihrem selbstgebauten Apparat Filmaufnahmen der Umgebung gemacht haben sollen. Über das Daumenkino (schnelles Abblättern verbindet einzelne Bilder zu einem Film) kamen sie zum Bioscop, dem ersten Filmprojektor, der 1895 dem Publikum erstmals im Varieté Wintergarten in der Friedrichstraße (--> 5) vorgeführt wurde. Ihr Film bestand aus einzelnen Bildern, die zu einem Streifen montiert und anschließend mit der Nietenzange perforiert wurden. Auch die Brüder Lumière haben 1895 in Frankreich ihren ersten Film vor Publikum gezeigt. Es war Zeit, dass die Bilder laufen lernten, mehrere Tüftler haben ihm unabhängig voneinander Beine gemacht.

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(1) Mehr über die Millionenbauern: Schmargendorf - ein Markgrafendorf
und Von der Badebude zum Tanzpalast
(2) Der "Eisenbahnkönig" Bethel Henry Strousberg: Strousberg, Eisenbahnkönig
(3) Biesdorf: Ein untypisches Berliner Dorf
(3a) Mehr über Berliner Weinberge: Weinberge
(4) Winsviertel: Schlossbaustelle unter Wasser
(4a) Mehr über Stadtbäder: Stadtbäder
(5) Varieté Wintergarten, Friedrichstraße: Planschen an der Friedrichstraße


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Schlossbaustelle unter Wasser
Schlag recht viel Miete raus