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Rote Häuserfront im Gutshof Britz


Stadtteil: Neukölln
Bereich: Hufeisensiedlung
Stadtplanaufruf: Berlin, Dörchläuchtingstraße
Datum: 19. Juli 2017 (Update zu 21. Juli 2008)

Auf ihrem Weg nach Rudow hält die U-Bahn an drei Bahnhöfen, die die Großsiedlungen auf dem Gebiet des ehemaligen Gutes Britz erschließen: Blaschkoallee, Parchimer Allee und Britz-Süd.

Das Gut Britz
Das Gut Britz gab es mindestens seit 1375, den Britzkes hatte es 300 Jahre lang gehört, dann legte nach mehreren Eigentümerwechseln 1719 Heinrich Rüdiger von Ilgen 36.000 Taler auf den Tisch und wurde neuer Gutsbesitzer. Ilgen war Staatsminister, Diplomat und der wichtigste außenpolitische Ratgeber des Soldatenkönigs. So ist es kein Wunder, dass auf der Siegesallee, die der letzte deutsche Kaiser mit Denkmälern aller preußischen und Brandenburger Herrscher im Tiergarten anlegen ließ, der Soldatenkönig mit Ilgen an seiner Seite dargestellt wurde. Der dritte in dieser Figurengruppe ist Leopold von Dessau, - der "Alte Dessauer" - der den Stechschritt erfunden hat.

1954 tauchte plötzlich Ilgens Büste im Britzer Schlosspark auf, sie war heimlich von dem Herrscherdenkmal getrennt worden, das die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg hatten einlagern lassen. Der Bezirk stellte die Büste auf einen Sockel, später wurde sie durch eine Kopie ersetzt. Das Original befindet sich jetzt auf der Spandauer Zitadelle, dort wurde sie im letzten Jahr in der Ausstellung "Enthüllt - Berlin und seine Denkmäler" gezeigt.

Eine Großsiedlung entsteht
Nach Ilgens Tod geht das Gut Britz noch durch einige Hände, ab 1824 ist die Adelsherrschaft vorbei, jetzt gibt es auch bürgerliche Gutsherrn. 1924 ist es dann die Stadt Berlin, die das Gut für 6 Millionen Mark kauft. Sie will auf einem Teil des Gutsgeländes - 600 Hektar von 2.500 Hektar - eine Großsiedlung bauen, um der Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg abzuhelfen. Die Einnahmen aus der vom Berliner Stadtbaurat Martin Wagner initiierten Hauszinssteuer machen es möglich, ein solches Projekt zu realisieren.

Die Hauszinssteuer war eine Abgabe ähnlich der Lastenausgleichsabgabe nach dem Zweiten Weltkrieg. Während Geldvermögen nach beiden Kriegen durch Abwertung nur noch einen Bruchteil seines ursprünglichen Werts behielt, hatten Grundstücke als Sachvermögen keinen Wertverlust erlitten. Als Ausgleich wurden Hauseigentümer mit dieser Abgabe belastet, aus deren Aufkommen Kriegsfolgen beseitigt werden konnten.

Der Architekt Bruno Taut und der Stadtbaurat Martin Wagner schufen den städtebaulichen Entwurf für die erste deutsche Großsiedlung nach dem Ersten Weltkrieg in Britz. Die Siedlung ist von einem "Grünen Ring“ umgeben, der Fritz-Reuter-Allee. Grüne Innenbereiche lockern die Bebauung weiter auf, eiszeitliche Pfuhle sind organisch in die Anlagen einbezogen. Zwei Wohnungsbaugesellschaften teilten sich die Bauaufgabe. Die Gehag baute die von Taut und Wagner entworfene Hufeisensiedlung, die Degewo die von zwei anderen Architekten geplante Krugpfuhlsiedlung östlich der Fritz-Reuter-Allee.

Krugpfuhlsiedlung
Günter de Bruyn, der gerade 90 Jahre alt gewordene Schriftsteller, der seine Heimat im Geiste Fontanes durchwandert hat und gleichzeitig die Brüche einer deutsch-deutschen Nachkriegsbiografie erlebte, ist in der Krugpfuhlsiedlung geboren, die "mehr romantisierend" als die Hufeisensiedlung war. Sein Haus wurde im Krieg durch eine Bombe zerstört.


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Die östlich der Fritz-Reuter-Allee um den Krugpfuhl herum angelegte Siedlung, auch "Eierteich-Siedlung" genannt, mit ihrer traditionalistischen Formensprache wie Fensterläden, Umrahmungen von Türen und Fenstern (Faschen), Satteldächern wird heute wegen ihrer städtebaulichen Eigenart durch eine Erhaltungssatzung geschützt.

Hufeisensiedlung

Auf der gegenüberliegenden Seite der Fritz-Reuter-Allee hat Bruno Taut seine sachlich und modern gestalteten Bauten des Hufeisens vom Krugpfuhl abgegrenzt durch eine langgestreckte dreigeschossige Blockrandbebauung, deren Treppenhäuser "wehrhaft vorgezogen" sind. Die Bauten werden "Rote Front" genannt und erinnern an einen ähnlichen baulichen Protest Tauts in der Onkel-Tom-Siedlung. Dort baute er den "Peitschenknall", eine 450 Meter lange geschwungene Randbebauung entlang der Argentinischen Allee, um seiner Opposition im "Zehlendorfer Dächerkrieg" Ausdruck zu verleihen.

Bruno Taut hatte 1913 mit der Tuschkastensiedlung sein erstes großes Siedlungsprojekt realisiert, die Gartenstadt Falkenberg, 1926 folgte dann die Hufeisensiedlung. Neben der Farbe als eigenes architektonisches Element (wie bei der Tuschkastensiedlung) wurden Sprossenfenster, Klinkerverblendungen an den Gebäudeecken, und wechselnde Glatt- und Rauputzflächen als einfache, aber effektive Gestaltungsmittel eingesetzt.



Hier wurde günstiger und hochwertiger Wohnraum mit guter Verkehrserschließung geschaffen. Anstelle einer Gartensiedlung entstand großflächiger Siedlungsbau mit dem Hufeisen als Mittelpunkt, in den umgebenden Straßen mit zweigeschossigen Einfamilienhauszeilen mit Gärten und am Rand mit dreigeschossigen Bauten.

Damit wurde der Wohnungsnot nach Ende des Ersten Weltkrieges Rechnung getragen, eine Einzimmerwohnung mit Küche galt damals erst ab 5 Bewohnern als überbelegt. Großsiedlungen mit hoher Wohndichte und besseren Wohnbedingungen wurden durch die 1925 novellierte Bauordnung von Groß-Berlin möglich. Industrielle Arbeitsmethoden und die Typisierung der Bauten sollten das Bauen wirtschaftlicher machen, es gibt z.B. im Umfeld des Hufeisens nur 5 Meter und 6 Meter breite Einfamilien-Reihenhäuser. Die Wohnflächen im Hufeisen lagen bei 49 qm für eine Einzimmerwohnung und bei 67 qm für eine Zweieinhalbzimmerwohnung. Die Hufeisensiedlung ist in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden als Schlüsselwerk der Berliner Moderne.

Südlich der Parchimer Allee hat Bruno Taut ab 1930 Bauten mit kubischen Proportionen errichtet, die den Übergang zu den städtischen Größenordnungen herstellen. Wir gehen durch die Dörchläuchtingstraße, die einen Roman von Fritz Reuter in plattdeutschen Namen führt. Die Menschen, die hier wohnen, sind arm dran, wenn sie den Namen ihrer Straße aussprechen oder weitergeben wollen, sie sind doch keine Spitzmaulfrösche. Da ist der Geburtsort des Dichters - Stavenhagen - schon eher für eine Straßenbenennung geeignet. In diese Straße stehen die von Martin Wagner entworfenen Wohnblocks mit den ausschwingenden Treppenhäusern.

Wohnanlagen Parchimer Allee und Fritz-Reuter Allee
Die von Bruno Taut südlich der Parchimer Allee errichteten Bauten zwischen Paster-Behrens-Straße und Fritz-Reuter-Allee werden auf beiden Seiten von weiteren Wohnanlagen flankiert. Östlich angrenzend ist es die von der Gehag in den 1930er Jahren gebaute Wohnanlage, die entlang der Fritz-Reuter-Allee einen lang gestreckten straßenbegleitenden Baukörper aufweist.


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Westlich der Paster-Behrens-Straße hat Max Taut, der Bruder von Bruno Taut, in den 1950er Jahren drei Gebäuderiegel geschaffen, deren abgeknickte Straßenfronten farbig abgesetzt sind.

Siedlung Britz-Süd

Die erste Großsiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ebenfalls in Britz gebaut, südlich angrenzend an die Siedlungen aus der Weimarer Republik. In "lockerer Streuung" sind Punkthochhäuser in die Stadtlandschaft gestellt, Flachbauten begrenzen das Siedlungsgebiet im Süden an der Gutschmidtstraße. Die innige Verbindung der Häuser mit Flächen für die parkenden Autos verweist darauf, dass zur Bauzeit die autogerechte Stadt als Ideal galt. Auch das denkmalgeschützte Einkaufszentrum am U-Bahnhof Britz-Süd folgt dieser Vorstellung, Ladenzeile und Kino sind um einen großen Parkplatz gruppiert, so wie wir das aus amerikanischen Kleinstädten kennen. Andererseits wurde der "Grüne Ring" entlang der Fritz-Reuter-Allee bis in die Siedlung verlängert, Mietergärten und Grünflächen wurden angelegt.

Einkaufszentrum Britz-Süd
Ein russischer Supermarkt hat einen Teil der Ladenzeile belegt, das kann man als Indiz dafür ansehen, dass in der Großsiedlung viele Russlanddeutsche leben. So wie in Marzahn und in Charlottenburg, das schon in den 1920er Jahren "Charlottengrad" genannt wurde. Marzahn erwecke ein Heimatgefühl, hat mir eine Russlanddeutsche erzählt, die Plattenbauten erinnerten sie an Russland. Wenn man sich dort trifft, spricht man russisch miteinander, es ist eine landsmannschaftliche Verbundenheit untereinander.

Zugleich mit der Großsiedlung Britz-Süd wurde das Kino "Panorama" in einem freistehenden futuristischen Bau am Einkaufszentrum in Betrieb genommen. Der Architekt Gerhard Fritsche hat vor allem Kinos gebaut und umgebaut. Weitere Kinos mit dem Namen "Panorama" hat er in der Silbersteinstraße und der Sundgauer Straße realisiert. Zu seinen Neubauten gehören auch der Zoo-Palast, die Kino-Ikone gegenüber der Gedächtniskirche, und das MGM-Theater am Kurfürstendamm Ecke Bleibtreustraße, das - 1956 errichtet - längst einem Geschäftshaus gewichen ist, das den Investoren mehr Rendite bringt als ein Kino. Umgebaut hat Fritsche beispielsweise Kinos wie Marmorhaus und Capitol. Das "Panorama" in Britz-Süd fiel 1980 dem Kinosterben zum Opfer, danach übernahmen Supermärkte das Gebäude, heute steht es leer.


Viel Grün und einige Pfuhle, viele Bauten, Architektur modern und traditionell, Radwege, drei Haltestellen der U-Bahn - die Britzer Großsiedlungen sind ein ideales Ziel für denjenigen, der Berlin außerhalb der Innenstadt erkunden will.

Bei unserem ersten Besuch vor fast genau neun Jahren konnten wir keine kulinarische Mindestausstattung an diesem Flanierziel entdecken. Heute haben wir uns von unserer "Around me"-App zur Villa Fellini an der Rudower Straße führen lassen und sind nicht enttäuscht.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Kentauren und andere Ungeheuer
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