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In Natureinsamkeit bei brausender Weltstadt


Stadtteil: Treptow-Köpenick
Bereich: Tuschkastensiedlung
Stadtplanaufruf: Berlin, Bruno-Taut-Straße
Datum: 14. Juli 2008

Auf dem Falkenberg am Bahnhof Grünau sollen früher die Kurfürsten von Brandenburg auf ihrem Weg zur Jagd von Berlin nach Königs Wusterhausen vorbeigezogen sein, hier wurden angeblich ihre Falken zur Jagd abgerichtet. Wir sind hierher mit der S-Bahn gekommen, um die "Tuschkastensiedlung" von Bruno Taut anzusehen, die jetzt zum Weltkulturerbe gehört. Die bunten Hausfassaden an der Bruno-Taut-Straße direkt vor dem Bahnhof gehören nicht dazu, erst "Am Falkenberg" und am "Gartenstadtweg" stehen die Einzel- oder Reihenhäuser mit Gärten, die Taut 1913 als preiswerte Häuser mit höchstmöglichem Standard für eine Wohnungsbaugenossenschaft entworfen hat. 1.500 Häuser sollten es werden, nur 90 wurden gebaut. "In Natureinsamkeit bei brausender Weltstadt zu leben" war das Ziel der künstlerischen, avantgardistischen Reformbewegung in der zu Ende gehenden wilhelminischen Ära.

Die schlichte architektonische Ausprägung der einzelnen Hauser verzichtet auf jede Ornamentik und setzt statt dessen mit der Farbgebung starke Akzente. Das war etwas neuartig "Revolutionäres", manche Zeitgenossen Tauts meinten, er gehöre dafür eingesperrt. Es entwickelte sich eine besondere und selbstbewusste Lebenshaltung der Gartenstädter mit gemeinsamen Aktivitäten, von denen besonders die Falkenberger Volksfeste in den 20er Jahren über Berlin hinaus bekannt wurden.

Fast 100 Jahre später entsteht zwischen Gartenstadtweg und Paradiesstrasse eine neue Siedlung "Paradu" mit weißen 3- bis 4-geschossigen kubischen Häusern, die versetzt zueinander um begrünte Höfe stehen und bei den Haustüren und Fensterrahmen die Farbenfreude Tauts aufgreifen.

Angrenzend an das ehemalige Gutshaus Falkenberg in Berlin-Grünau am Rande der Tuschkastensiedlung hat die Künstlerfamilie Kühn ihre Ateliers. Die Kühns leben von der Kunst, seit mehr als siebzig Jahren. Großvater Fritz hat 1937 die Schmiede gegründet, Vater Achim baute sie nach dessen Tod 1967 zum Atelier aus. In Berlin und an mehr als fünfzig Orten in Deutschland stehen ihre Brunnen, Balustraden, Portale und Figuren. Für ganz Europa und darüber hinaus haben sie Kunst geschaffen,

Fritz Kühn war Metallbildhauer, Kunstschmied, Fotograf, Buchautor, Hochschullehrer. Stahl ist nicht einfach schwer und schwarz, er ist im Innern silbrig-weiß und durchläuft in flüssiger Form eine ganze Farbskala. Kühn wollte mit seinen Stahlskulpturen seine Mitbürger erreichen, berühren, mitnehmen, er wollte mit seiner Kunst Genuss und Freude zu verbreiten. Für den Pavillon der Weltausstellung 1958 in Brüssel schuf er eine geschmiedete Gitterwand nach dem Vorbild des menschlichen Brustkorbs. Er belegte Flächen durch sichtbare Zeichen, verwandelte Stahlblech in "Schriftstücke". 117 Mal schmiedete er den Buchstaben A in Stahl, fügte daraus die Türen der Berliner Stadtbibliothek. Für das Centrum-Warenhaus in Suhl schuf er ein vor die Fassade gehängtes futuristisches Leichtmetallnetz. Die 43 Fontänen des Brunnens am Strausberger Platz umgab er mit einem "Schwebenden Ring" von Kupferplatten.

Die DEFA drehte einen Film über Fritz Kühn ("Lebendiges Eisen", 1954). Noch nach dem Mauerbau beteiligte er sich an der Weltausstellung in Montreal 1966. Der Louvre in Paris widmete ihm 1969 eine Gedenkausstellung. In seinem Berliner Bezirk ist eine Straße nach ihm benannt. Sein fotografisches Werk wird von der Berlinischen Galerie dokumentiert, für sein plastisches Werk soll ein Museum auf dem Ateliergelände gebaut werden.

Der Sohn Achim Kühn setzt auf die zweckfreien, spielerischen Elemente des Materials Stahl, schafft filigrane, schwingende Skulpturen. In seinem Atelier kann man seine feinen Schmiedearbeiten sehen. Die Architektur war sein persönliches Ziel, das er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters 1967 aufgeben musste, um das Atelier weiter zu führen. Aber die Kunstmanufaktur läuft in der Zeit leerer Kassen nicht so gut, und manchmal wird auch "Ostkunst" abgebaut oder verschrottet.

Achims Tochter Coco ist als Künstlerin mitten im Mainstream. In ihrem Atelier im Scheunenviertel arbeitet sie nicht mit Stahl, sondern schichtet Zeitungen oder unbedruckte Getränkedosen zu Stapeln und Mustern aufeinander. Der "White Cube", als temporäre Kunsthalle auf dem Schloßplatz bis zur Wiedererrichtung des Stadtschlosses geplant, ist mit ihre Idee, an deren Verwirklichung sie arbeitet.

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Die Tuschkastensiedlung gehört zum Ortsteil Altglienicke



Die Tuschkastensiedlung

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Kühn, Atelier und Werkstätten

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