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Deutsch ist die Kamera


Stadtteil: Köpenick
Bereich: Dammvorstadt, Alte Spree
Stadtplanaufruf: Berlin, Friedrichshagener Straße
Datum: 12. Januar 2009 (19. Oktober 2015)

Stolz sagt der Spandauer, er fährt "nach Berlin", wenn er in die Innenstadt unterwegs ist. Spandau bei Berlin, das ist historisch richtig. Der Köpenicker könnte das genauso behaupten, ist aber bescheidener.

In einer Senke zwischen den Höhenzügen des Barnim im Norden und Teltow im Süden fließt die Spree durch das Urstromtal. Im Osten mündet die Dahme in die Spree. Hier befestigten die slawischen Spreewanen eine Insel. Aus ihrer Siedlung ist Köpenick entstanden. Im Westen mündet die Spree in die Havel. Die slawischen Heveller gründeten dort eine Ansiedlung, das heutige Spandau. In der Mitte zwischen Köpenick und Spandau, an der Kreuzung mit einem Handelsweg in Nord-Süd-Richtung entstanden Berlin und Cölln als Doppelstadt.

Köpenick feiert 2009 die 800 Jahre seit der ersten urkundlichen Erwähnung 1209. Spandau war 12 Jahre schneller, Berlin-Cölln kam erst 28 Jahre später in alten Dokumenten vor. Wenn ich von Mitte aus immer an der Spree entlang nach Köpenick fahre, folge ich dem historischen Handelsweg. Mein Ziel ist allerdings nicht die Altstadt von Köpenick, sondern das nördlich davon an der Alten Spree gelegene Industriegebiet. Diese Damm-Vorstadt kommt in dem 800-Jahre-Festprogramm nicht vor, und das ist auch nicht verwunderlich.

Früher hieß die Gegend hier "Vogel Draht- und Kabelwerke" oder "Paul Selchow Kalkbrennerei" oder "Glanzfilm AG", heute heißt sie "toom Baumarkt" oder "Kaufland" oder "Hellweg Baumärkte". Die alten Fabrikstandorte an der Südseite der Friedrichshagener Straße sind abgewickelt. Mit den hinterlassenen Bauwerken ist man ganz unterschiedlich umgegangen. Aus einem Fabrikstandort wurde ein gut ausgebautes Wohnquartier. Bei einem anderen ist die historische Industriearchitektur marode, beschmiert, sie verkommt hinter ihren blinden oder eingeschlagenen Scheiben und den mit Plakaten zugekleisterten Mauern. Der einzige erhaltene Kalkofen Berlins konnte dagegen gesichert werden.

Die fotochemischen Werke, die in der DDR bis zur Wende als Volkseigener Betrieb geführt wurden, sind 1923 als Glanzfilm AG Köpenick gegründet worden. Eigentümer waren die Vereinigten Glanzstoff-Fabriken AG aus Elberfeld, die Kunstseide produzierten, daher der "Glanz" im Firmennamen. Auch die "Spinne Zehlendorf" (Spinnstoff-Fabrik AG Zehlendorf) gehörte zu dem Glanzstoff-Konzern. Bereits vier Jahre nach der Gründung war es bei der Rohfilm-Fabrik mit dem Glanz vorbei, das nachhaltig verlustbringende Unternehmen wurde von dem amerikanischen Marktführer als "Kodak AG, Werk Köpenick" übernommen. Jetzt bezogen die Schwarz-Weiß-Fotografen und die Röntgenlabors ihre Filme und die Chemikalien für deren Entwicklung von Kodak. Gegen antiamerikanische Ressentiments versuchte Kodak den lokalen Bezug herzustellen mit Werbeaussagen wie "Deutsch (ist) die Kamera", man gebe „1500 Volksgenossen Arbeit und Brot“ und verarbeite „beste einheimische Rohstoffe“. Am 13.Juni 1935 präsentierte die Kodak-Fabrik in Köpenick das bisher streng geheim gehaltene Kodak-Color-Verfahren, an dem man in Konkurrenz zu Agfa(-color) arbeitete. Während des Zweiten Weltkriegs war es dann vorbei, 1941 wurden die Köpenicker Kodakwerke als Feindvermögen beschlagnahmt.

In der DDR-Zeit verlagerte der „VEB Fotochemische Werke Berlin“ (FCW) die Herstellung der Fotopapiere nach Dresden und der Filme zu ORWO nach Wolfen, in Berlin wurde die DDR-weite Fertigung technischer und medizinischer Röntgenfilme konzentriert. Nach der Wende erhielten die Amerikaner ihre Fabrik zurück, aber durch die Entwicklung der Digitaltechnik konnte sie als Filmfabrik nicht überleben. Nur Röntgenfilme ("X-ray Retina") werden hier in kleinem Umfang weiter produziert von der "Fotochemischen Werke GmbH", die aber nicht mehr zu Kodak gehört, sondern von einem kanadischen Finanzinvestor (Heuschrecke?) übernommen wurde.

Der größte Teil der direkt an die Müggelspree angrenzenden Immobilie wurde in 200 Lofts, Suiten und Maisonetten zwischen 45 und 225 Quadratmetern aufgeteilt und mit Terrassen und Balkons ausgestattet. Die neuen Eigentümer konnten sich zusätzlich zur "traumhaften Wasserlage" an Sonderabschreibungen für Baudenkmale erfreuen.



Verborgen hinter den Neubaublöcken einer Wohnungsbaugesellschaft steht - von der Straße nicht sichtbar, aber Wassersportlern vertraut - ein für Berlin einmaliges Bauwerk: ein Kalkofen. Dieses 22 Meter hohe kegelförmige Industriedenkmal am Spreeufer gehörte wie drei weitere Öfen zur Kalkbrennerei von Paul Selchow. Rohkalk wurde per Schiff von den Rüdersdorfer Kalksteinbrüchen zu den Öfen transportieren, die daraus Mauer-, Schamott- und Kalksteine, Zement, Gips und Kalk herstellten. August Selchow und sein Sohn Paul profitierten von dem Bauboom ihrer Zeit. Mit einer Ziegelei in Friedrichsberg (am Bahnhof Frankfurter Allee) begann der Vater 1857 den Einstieg in den Baumaterialhandel. 1889 kaufte sein Sohn die "Cöpenicker Kalkbrennerei und Baumaterialienhandlung" an der Friedrichshagener Straße. Fast konnte man sagen, "es gab kaum einen Bau in Köpenick und Umgebung, der nicht mit Ziegeln von August und Baumaterial von Paul Selchow beliefert wurde". Prominente Bauwerke sind das Köpenicker Rathaus, der Bahnhof, die Straßenpflasterung am Spritzenhaus. Paul Selchow erwarb als Geldanlage Grundstücke in Adlershof. Er wohnte in Adlershof und ist dort auch beerdigt. Im Ort ist eine Straße nach ihm benannt.

Auch die in der Friedrichshagener Straße benachbarten "Vogel Draht- und Kabelwerke" hatten eine besondere Affinität zu Adlershof, und auch nach ihrem Inhaber Carl Julius Vogel wurde in Adlershof eine Straße benannt. Als Drahtzieherei 1864 in Berlin-Mitte in einer Dreizimmerwohnung gegründet, wurde später in der Ritterstraße produziert, bevor nach 25 Jahren der erste Fabrikneubau in Adlershof bezogen werden konnte. 1916 begann die Bebauung des ausgedehnten Firmengeländes in Köpenick. Umbenennungen in "Telegraphendrahtfabrik" und "Fabrik isolierter Drähte zu elektrischen Zwecken" folgten. Das Aktienkapital stieg auf über 200 Millionen Mark, die BEWAG beteiligte sich mit fast 50 Prozent an dem Unternehmen.

Sofort nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die jetzt im Sowjetischen Sektor liegenden Kabelwerke Köpenick Teil einer sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG), ihre Erträge dienten ab sofort als Wiedergutmachungs- und Reparationszahlungen. Später übernahm die DDR die Fabrik und führte sie als Zweigstelle des Kabelwerks Oberspree unter dem Namen "VEB Kabelwerk Köpenick" weiter. Seit der Wende wird in dem alten Fabrikkomplex an der Friedrichshagener Straße nicht mehr produziert. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite setzt die "Draka Comteq" die Kabelproduktion fort, ein Unternehmen der "Prysmian Group". Diese Namen nenne ich nur, weil sie aus einer fremden Welt zu kommen scheinen, schon beim Aussprechen habe ich Schwierigkeiten und gehört habe ich von ihnen noch nie vorher. Die Straßenfront der neuen Fabrik besteht aus glatten Fertigbauwänden mit Fensterschlitzen, sie wirkt vollkommen unbelebt.

Skater und BMX-Fahrer nutzten das brachliegende Fabrikgelände offiziell als Outdoor-Sportpark ("Mellowpark"), bis ein Investor sie 2008 kündigte, um hier Wohnungen zu bauen. Was beim Glanzfoto-Werk nebenan so eindrucksvoll gelang, ist beim Kabelwerk noch nicht einmal begonnen. Der Investor ist derselbe, der am Mariendorfer Weg seit Jahren das alte Kinderkrankenhaus verkommen lässt. Seine Zentrale befindet sich im "Pyramiden"-Hochhaus in Marzahn. Manche Buchstaben des Firmenschriftzuges auf dem Dach fehlen inzwischen, ohne dass man die zu befürchtende Verwahrlosung ("broken-windows"-Effekt) korrigiert. Und so ist auch das ehemalige Kabelwerk durch Vandalismus gekennzeichnet, das Gelände ist nicht einmal abgeschlossen.

Der Stadtbaumeister Hugo Kinzer hatte in Köpenick als Lückenspringer angefangen, als der mit dem Rathausbau ursprünglich beauftragte Architekt in Lichtenberg ein lukrativeres Angebot bekam und dorthin abwanderte. Kinzer rettete nicht nur die Architektenehre mit der Fertigstellung des Rathauses, sondern baute in Köpenick als Stadtbaurat in der Folge auch das Wasserwerk Friedrichshagen, das Gaswerk, zwei Schulen, das Krankenhaus, zwei Abwasserpumpwerke und ein Umformerwerk für die Straßenbahn.

Für die Stromversorgung der Straßenbahn und als Wartehäuschen hat Kinzer an der Bahnhofstraße ein Gebäude errichtet, das historisierend - also angelehnt an früherer Baustile - mit Kalksandstein im Erdgeschoss und Fachwerk im Obergeschoss ausgestaltet ist. Ein Treppenturm ist seitlich angebaut. Nicht weit entfernt findet man oberhalb der Alten Spree Kinzers Abwasserpumpwerk Am Generalshof, einen Klinkerbau mit Fachwerkaufbau und quadratischem Turm.

Otto Firle hat das evangelische Gemeindehaus in der Straße Am Generalshof entworfen. In einem vorspringenden turmartigen Gebäudeflügel weisen die drei miteinander über mehrere Etagen verbundenen Rundbogenfenster auf den sakralen Zweck hin. Ein von Firle entworfenes Logo ist uns allen vertraut: der Kranich der Lufthansa. Auch das MGM-Logo mit dem Löwen und dem Schriftband "ars gratia artis" ("l'art pour l'art" oder "um der Kunst willen") stammt von ihm. Zu seinen bekanntesten Bauten in Berlin gehören das „Nordsternhaus“ am Fehrbelliner Platz und das „Deutschlandhaus“ (Hochhaus-Bauteil) in der Stresemannstraße.

An die Straße Am Generalshof angrenzend ist ein ehemaliger Heutrockenplatz und späterer Aufmarschplatz der DDR-Armee bis heute dem 23.April 1945 gewidmet, also jenem Tag, an dem die Russische Armee Köpenick einnahm.

Das Denkmal auf dem Platz erinnert aber nicht an das Kriegsende, sondern an die Köpenicker Blutwoche, einen todbringenden Angriffs der Nazis auf politische Gegner, der in der Siedlung Elsengrund stattfand. Die Erinnerungsstele zeigt symbolisch die zur Faust geballte Hand eines Widerstandskämpfers, an der Reliefwand dahinter ist im sozialistischen Realismus "Unser friedlicher Aufbau" thematisiert.



An der Lindenstraße Ecke Bahnhofstraße errichtete Kinzer die Knabenschule. In diesem Gebäude unterrichtet jetzt die private BEST-Sabel-Schule. Auf den Dachfenstern über der Aula sind spitze Helme aufgesetzt. Die schmale Seite zur Bahnhofstraße enthält zwei repräsentative Fenster mit Kielbögen (so, als hätte man einen Schiffskiel auf den Kopf gestellt).

Das Rektorengebäude hebt sich mit seinen zwei Geschossen und dem Fachwerk unter dem Dach optisch von der Schule ab, ist aber zusammen mit dem Hauptgebäude errichtet worden. Der Fachwerkaufbau gehörte zu Kinzers favorisierten Architekturformen, wie man auch am Pumpwerk und am Umformerwerk sehen kann.

Der Bahnhof Köpenick liegt nördlich der Vorstadt weit außerhalb der Altstadt. Bereits 1882 hatte man deshalb mit einer Pferde-Eisenbahn die Verbindung hergestellt. 1903 übernahm die "Städtische Straßenbahn Cöpenick" ihren Betrieb Sie beförderte täglich zehntausende Arbeiter in die Industriestandorte, z.B. nach Oberschöneweide. Eine weitere Straßenbahnlinie führte (und führt) mit landschaftlich reizvollen Ausblicken an der Dahme entlang bis nach Schmöckwitz.

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In Natureinsamkeit bei brausender Weltstadt
Die schöne Weyde an der Spree