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Wellenförmig in allen Ebenen fließend


Stadtbezirk: Tiergarten
Bereich: Reichpietschufer
Stadtplanaufruf: Berlin, Klingelhöferstraße
Datum: 13. Juli 2009

"Zu den beliebtesten Spazierstrecken der Kreuzberger zählen die Ufer des Landwehrkanals. An sonnigen Tagen scheinen die Wege am Wasser zu einer Großveranstaltung zu führen, so eng wird es auf dem Trottoir. ... Kranken mit ihren Gipsbeinen und den dick umwickelten Köpfen, lassen sich in rollenden Stühlen auf die belebten Gehwege unters Volk schieben". Diese Beschreibung der "kreuzberger-chronik.de" trifft für das Gebiet um den Böcklerpark und das Urbankrankenhaus zu, das Reichpietschufer würde sicherlich niemand als Flaniermeile bezeichnen. Es ist eher eine schnellstraßenartige Ost-West-Achse, die seit drei Jahren durch den Tiergartentunnel noch mehr Verkehr ansaugt. Nicht die Vorstellung des Schlenderns, sondern Architektur und Geschichte haben uns auf den Weg zwischen den U-Bahnhöfen Mendelssohn-Bartholdy-Park und Wittenbergplatz gelockt.

Im Sommer 1917 lag die kaiserliche Flotte tatenlos im Hafen und warteten auf die von Großadmiral von Tirpitz geplante Entscheidungsschlacht. Dabei ahnten viele, dass der 1.Weltkrieg längst verloren war. Ob es Meuterei war oder ob die Matrosen sich trotz verbotenen Landgangs nur auf dem Deich die Füße vertreten wollten, es kam zu einem Krieggerichtsverfahren und zwei "Rädelsführer" wurden exemplarisch mit der Erschießung bestraft: Max Reichpietsch und Albin Köbis. In einer späten Geste der Wiedergutmachung wurde 1947 das Tirpitzufer in Reichpietschufer umbenannt. Die Verbindungsstraße zur Klingelhöferstraße bekam den Namen Köbisstraße, musste aber später Flächen an das Landesarbeitsamt und den Mormonentempel "Jesus Christus der Heiligen der letzten Tage" abtreten.

So wird das Verteidigungsministerium an zwei Seiten von Widerstandskämpfern flankiert (Stauffenbergstraße und Reichpietschufer), die dritte Straße ist seit 1892 dem Bonbonkocher und Pfefferküchler Theodor Hildebrand gewidmet. Das Reichpietschufer leitet sich also nicht von einer Reichsinstitution ab, obwohl hier noch das Gebäude des Reichsversicherungsamtes existiert, eingebaut in die postmoderne Architektur des Wissenschaftszentrums von John Stirling.

Am Startpunkt unseres heutigen Stadtspaziergangs, dem Mendelssohn-Bartholdy-Park, gab es von 1850 an 110 Jahre lang den Schöneberger Hafen, bis er wieder zugeschüttet wurde. Der nach Plänen des Landschaftsplaners Peter Joseph Lenné ab 1845 angelegte Landwehrkanal war ein wichtiger Transportweg zum Osthafen und eine Entlastung für die Spree. Man sagt, Berlin sei vom Wasser aus gebaut worden, das gilt auch in umgekehrter Richtung, als nach Ende des 2.Weltkrieges der Trümmerschutt über den Landwehrkanal abtransportiert wurde.

Am Potsdamer Platz blieb von der Vorkriegsbebauung des Geschäftsviertels nur ein Versicherungsgebäude stehen, das der Architekt Paul Karchow für die Transatlantische Güterversicherung erbaut hat. Bei der Neugestaltung des Platzes wurde dem Bau auch noch die flankierende Schellingstraße weggenommen. Weiter westlich am Reichsversicherungsamt wirkt die Fassade müde und deplaciert, das Leben spielt sich in dem dahinter und drumherum liegenden Wissenschaftszentrum ab. Dieses Reichsamt war für die Sozialversicherung zuständig, seine Struktur war extrem undemokratisch, vereinigte es doch Aufgaben des Gesetzgebers, der Rechtsprechung und der Verwaltung unter einem Dach, die heute im Geiste der Gewaltenteilung von getrennten Institutionen wahrgenommen werden.

Einen architektonischen Höhepunkt am Reichpietschufer bringt das Shellhaus an der Ecke Stauffenbergstraße. Wer könnte das besser beschreiben als ein Architekturführer: "Der Komplex wächst vertikal stufenförmig von fünf auf zehn Geschosse aus seiner Umgebungsbebauung, um zugleich wellenförmig in die Ebene zu fließen und damit scheinbar die Straße zum Landwehrkanal hin überspülen zu wollen. Die Architektur greift bildersprachlich den unmittelbaren Bezug zum Wasser auf." Das ist so ähnlich wie Programmmusik, die außermusikalische Eindrücke (das "Programm") in das Hören einfließen lässt, und die Sprache ist hier ja ähnlich sphärisch wie eine kosmischer Tonfolge. Man hätte vielleicht auch noch die Muschel des Bauherrn Shell als krönendes Ornament sprachlich einflechten können.

Der Düsseldorfer Architekt Emil Fahrenkamp hat das stufenförmig ansteigende Hochhaus mit der fließenden Fassade 1929 entworfen. Der Bauingenieur Gerhard Mensch, der nicht nur ein begabter Schöpfer von der Stahlskelettkonstruktionen war, stellte das Gebäude in eine Eisenbetonwanne, die bis neun Meter in die Tiefe reicht. Das sorgte für hohe Standfestigkeit. Von den anderen Bauteilen ist die Wanne mit einem zwei Zentimeter breiten Luftschlitz getrennt, dadurch werden die vom Straßenverkehr ausgehenden Schwingungen abgefangen.

„Wunden der Erinnerung“ bringen in der Villa Parey in der Sigismundstraße nicht nur die Einschusslöcher, sondern auch seine wechselvolle Geschichte. Sie beginnt mit der Stadtvilla im Geheimratsviertel (Millionärsviertel) in Straßenrandbebauung (1895), dann wird daraus ein Mehrfamilienhaus mit 8 Kleinwohnungen (1935), später folgen der Kriegsbeschuss, aber auch Abrissplänen für die letzte Tiergartenvilla („Das letzte Haus muss bleiben“, 1980). Schließlich wird die jetzt denkmalgeschützten Villa in eine zur Straße hin abweisend wirkende Museumshäuserzeile eingereiht.

Unser Spaziergang scheint der Weg der in die Gegenwartsbebauung eingesogenen Baudenkmale zu werden: Nach Reichsversicherungsamt und Villa Parey kommen wir an der Tiergartenstraße am 1936 gebauten Krupphaus vorbei, das jetzt Teil des Canisius-Kollegs ist. Daneben hat das Königreich Saudi-Arabien eine Botschaft erbaut, bestehend aus einen Kubus und einen Rundbau mit Glasfassade, der ein "ornamental gestalteter Schleier aus Metall vorgehängt ist". Glas, Naturstein und im Innern Holz schaffen einen "abwechslungsreicher Erlebnisraum", die Wandgestaltung symbolisiert Wasserbewegungen und verweist damit auf ein saudi-arabisches Lebenselement. Schon wieder Wasser als Symbol in der Architektur.

In der Rauchstraße an der Ecke Drakestraße steht die ehemalige Jugoslawische Gesandtschaft. Gegenüber in der ehemaligen Norwegischen Gesandtschaft wohnte Willi Brandt direkt nach der Rückkehr aus dem Exil. Nur diese beiden Gebäude und die Dänische und die Spanische Botschaft sind in diesem Teil des alten Diplomatenviertels im 2.Weltkrieg von Bomben verschont worden. Um die Ecke in der Drakestraße erinnert das wieder hergestellte Straßenpflaster aus Mosaikteppichen mit eingelegtem Sternornament an das herrschaftliche Villenviertel der 1860er Jahre. Die Bauherren ließen sich auch durch ein Verbot in der polizeilichen Bauordnung nicht von ihrem Repräsentationsanspruch abbringen. Gesetze gelten eben nicht immer für alle Schichten der Bevölkerung oder wie George Bernard Shaw es ausdrückte: "Juristische Schwierigkeiten gibt es nicht für Leute mit Geld". (--> 1)

Am Wittenbergplatz schauen wir zum Schluss dem Treiben an den Fontänen des Südbrunnens ("Lebensalter") zu, bevor wir in der Motzstraße in der Trattoria Muntagnola zu einem guten Essen niederlassen.

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(1) Dieser Spaziergang schließt zum Botschaftsviertel hin an: Weil der Architekt es schön fand
weiteres zu Botschaften finden Sie hier: Botschaften
Zu diesem Bericht gibt es einen Forumsbeitrag: Tiergarten, Shellhaus (13.7.2009)

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