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Lebendige Parlamentsgeschichte


Stadtteil: Mitte
Stadtplanaufruf: Berlin, Niederkirchnerstraße
Datum: 13. September 2014
Bericht Nr: 478 b

Denkmaltag 2014: Preußischer Landtag

Das muss ein Aufatmen und innerliches Jubilieren gewesen sein, als sich das Abgeordnetenhaus 1993 aus seinen total beengten Verhältnissen als Untermieter im Schöneberger Rathaus auf die Räume des Preußischen Landtags verteilen konnte. Nicht nur, dass man die unzumutbare Raum-Enge überwunden hatte, jetzt hatte man für etwas mehr als 130 Abgeordnete des Berliner Stadtparlaments die Flächen zur Verfügung, die zuletzt 476 Abgeordneten des Preußischen Landtags Platz geboten hatten.

Das Gebäude an der Niederkirchnerstraße ist in mehreren historischen Zusammenhängen verschiedener Epochen bespielt worden. Die Volksvertretung (Preußisches Abgeordnetenhaus, ab 1918 Preußischer Landtag) zog 1899 hier ein und nutzte das Gebäude bis zur Auflösung des Parlaments durch die Nazis 1933. Es waren immer vom Volk gewählte Abgeordnete, allerdings galt im Kaiserreich das Dreiklassenwahlrecht, das den Besitzenden überproportional viele Sitze verschaffte. Preußen hatte außerdem bis 1918 ein „House of Lords“ nach englischem Vorbild, eine Standesvertretung, die bei uns "Herrenhaus" hieß und deren Mitglieder vom König ernannt oder bestätigt wurden. Die Nachfolge des Herrenhauses trat der Preußische Staatsrat an, eine Vertretung der Länder (Provinzen) ähnlich unserem heutigen Bundesrat.

1918 wurde hier im Plenarsaal des Preußischen Landtags der Beschluss gefasst, allgemeine und freie Wahlen in der Weimarer Republik abzuhalten. Aber auch die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), die eine sozialistische Räterepublik errichten wollte, nutzte dieses Gebäude 1918, um im Festsaal ihre Gründungsversammlung abzuhalten, an der Karl Liebknecht teilnahm. Zwei gegensätzliche Entscheidungen, wie es nach dem Ende des Kaiserreichs weitergehen sollte, innerhalb eines Jahres in ein und demselben Haus.

In der Nazizeit wurde das Parlament aufgelöst und das Gebäude vom Flughafen-Architekten Ernst Sagebiel zum "Haus des Fliegers" umgebaut. Nach Kriegsbeschädigung setzte die DDR das Gebäude wieder instand. Jetzt tagte hier der Ministerrat der DDR unter Otto Grotewohl. An der Straße unmittelbar gegenüber liegt der Martin-Gropius-Bau, dazwischen verläuft die Bezirksgrenze zwischen Mitte und Kreuzberg. 1961 mauerte sich die DDR ein, der Straßenzugang des Preußischen Landtags konnte nicht mehr genutzt werden. Man hatte begonnen, den historischen Raum der KPD-Gründung - den Festsaal im obersten Stockwerk - zum Gedenkort auszubauen und eine neu geschaffene Kassettendecke eingezogen. Dann stellte man fest, dass der Blick von dort direkt auf die Mauer ging und der Gebäudezugang nur durch die Hintertür möglich wäre. Ein repräsentativer Erinnerungsort sieht anders aus, dieses Gedenkprojekt war damit gestorben.

Nach der Wende ist das Gebäude des Preußischen Landtags behutsam restauriert worden, damit das Berliner Abgeordnetenhaus hier einziehen konnte. Es wurde nicht auf den ursprünglichen Bauzustand zurückgebaut, der auf einen preußischen Baubeamten und Architekten zurückgeht. Vielmehr beließ man nach Möglichkeit sichtbare Schichten der zwischenzeitlichen Nutzung, um die Geschichte des Hauses lebendig zu erhalten. So wurde das ursprüngliche Tonnengewölbe in der Wandelhalle teilweise wieder sichtbar gemacht, die von Sagebiel eingezogene Zwischendecke aber belassen. In dem historischen Festsaal der KPD-Gründung blieb auch die von der DDR eingezogene Kassettendecke an ihrem Platz. Im Plenarsaal wurden Akustikelemente vor den Wänden befestigt, im Hintergrund sind die alten Umfassungsmauern mit Bogennischen sichtbar geblieben. Der Berliner Bär auf der Flagge hinter der Rednertribüne sieht aus heutiger Sicht etwas unfertig aus, ihm fehlen Zunge, Zähne und Krallen. Es ist die historische Flagge aus dem Stadthaus nach Kriegsende, dort wurde der Bär "entmilitarisiert": fehlende Krallen = keine Waffen, fehlende Zunge = keine Propaganda.

Mehrere Bildergalerien hat das Abgeordnetenhaus. Die Galerie der Ehrenbürger ist öffentlich, ein Triptychon mit drei Parlamentspräsident/innen von Matthias Koeppel hängt im Casino. Der Öffentlichkeit nur in Ausnahmefällen zugänglich sind die großformatigen Bilder "Rot-blau-grün" von Gerhard Richter im historischen Festsaal in der obersten Etage.


Weitere Denkmal-Ziele
Eine Kirche und eine Moschee in Wilmersdorf bekannten Farbe auf unserem heutigen Rundgang. Und das Stadtbad in der Oderberger Straße konnten wir im unfertigen Zustand des Entstehens besichtigen. Da diese Ziele in verschiedenen Stadtteilen liegen, sind die Berichte dort abgelegt.

Hier geht es weiter:
> Eine Kirche und eine Moschee in Wilmersdorf: Kirche und Moschee in Farbe
> Stadtbad Oderberger Straße: Sprachen lernen in der Dusche

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Stadtentwicklung wie im Brennglas
Königliches Leihamt